GEGENTRIBÜNE: Totgesagte leben länger

Die beiden Heimspiele des FC St.Gallen gegen YB und Luzern gingen etwas unglücklich verloren. Das Problem des Vereins besteht darin, dass Niederlagen dieser Art eher schon Programm denn Zufall sind.

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Kämpfte für zwei: Der St.Galler Adrian Winter enteilt einem Luzern. (Bild: Keystone)

Kämpfte für zwei: Der St.Galler Adrian Winter enteilt einem Luzern. (Bild: Keystone)

Von den letzten sechs Meisterschaftsspielen konnte der FC St.Gallen in deren fünf am Ende behaupten, mindestens nicht schlechter als der Gegner gewesen zu sein. Als der Schiedsrichter jeweils abpfiff, verzeichnete die Mannschaft gar häufig ein Chancenplus. Anders aber bei den Toren: 1:2 gegen YB, 1:2 gegen Luzern – die Parallelen waren verblüffend.

Praktisch immer in Rückstand geraten
Wenn man nach den Gründen fragt, ist die Antwort einfach: Man müsste eben schon mal zur Pause im Plus liegen. Doch abgesehen vom 1:0-Sieg bei Xamax ist der FC St.Gallen in allen anderen neun Spielen mit 0:1 in Rückstand geraten. Dies meistens schon nach wenigen Minuten und immer in der ersten Halbzeit. In sechs Partien hatte man zur Pause schon zwei Gegentreffer kassiert. Was auffällt: St.Gallen beginnt verhalten, lässt sich vom Gegner meistens in die Defensive drängen und versucht über langatmiges Kurzpassspiel, den Rhythmus zu finden. Doch erst im Rückstand lösen sich die Fesseln, beginnen dem Gegner die Knie zu schlottern. Wäre es somit das bessere Rezept, von Anfang an munter nach vorne zu spielen und den Ball möglichst weit vom eigenen Tor zu halten? Auch das ging zweimal schief: Beim Saisonstart in Luzern und beim FC Zürich wurde Uli Fortes Team gnadenlos ausgekontert. Eins steht fest: Wenn es nicht gelingt, die Anfangsschwäche auszumerzen, ist der Abstieg so sicher wie das Amen in der Kirche.

Lob für Adrian Winter
Wie sich St.Gallen gegen YB und Luzern gegen die Niederlagen auflehnte, verdient Respekt. Wie alle kämpften, angefeuert von einem ebenso lobenswerten Espen-Block, war beeindruckend. Luzern war unter der Woche spielfrei, aber die St.Galler waren in der zweiten Halbzeit dennoch immer einen Schritt schneller am Ball. Was allen voran Adrian Winter zeigte, wie er lief, dribbelte, flankte und schoss, war nationalmannschaftsreif. Bloss: Am Schluss war alle Liebesmüh wieder mal umsonst.

Einmal, als Winter von Lustenberger von hinten gefoult wurde, hätte der Luzerner Verteidiger vom Feld gehört. Dass die Proteste auf und neben dem Feld gering ausfielen, hat damit zu tun, dass sich einmal festgesetztes, falsches Regelverständnis nicht ausrotten lässt. Wohl standen zwei Luzerner nebenan noch auf gleicher Höhe. Doch gleiche Höhe ist im Regelwerk nicht verankert. Es geht nur darum, ob dem Angreifer eine klare Chance geraubt wird. Was hier der Fall war. Eine fast analoge Situation ergab sich, als Anfang Saison der Sion-Torhüter die rote Karte sah. Auch dort standen noch einige Verteidiger in der Nähe. «Kein Platzverweis!», dachten die meisten. Sion-Präsident Christian Constantin sprach gar davon, dass Schiedsrichter seine Mannschaft absichtlich benachteiligen würden. Doch der Ref hatte damals richtig entschieden. Busacca lag am Samstag falsch.

Knallpetarde neben Linienrichter detoniert
Unser Schiedsrichter Nummer 1 hätte nebenbei noch ein zweites Mal in die Fussball-Geschichte eingehen können, nachdem er früher einmal mit einem spontanen Stinkefinger gegen YB-Fans menschliche Regung gezeigt hatte. Diesmal wäre es ein Akt der Vernunft gewesen: In der zweiten Halbzeit detonierte nämlich eine Knallpetarde aus dem Luzerner Block unmittelbar neben dem Linienrichter, der danach offensichtlich Ohrenschmerzen verspürte. Nachdem am 15. Juni 2009 Linienrichter Christoph Erhard beim Abstiegs-Entscheidungsspiel des FC Luzern gegen Lugano wegen eines Knallkörpers ein Gehörtrauma erlitten hatte, wären eine solche Massnahme und eine Forfaitniederlage für den Gastverein mit saftiger Busse auch einmal eine beispielgebende Massnahme (im Eishockey letzte Saison bei Zug gegen ZSC so geschehen). Stattdessen lief Massimo Busacca zur Seitenlinie, liess es bei einer Ermahnung in Richtung Luzerner Delegation bewenden und den Unterbruch nicht einmal nachspielen. Früher und vielleicht auch noch heute gab es die Regel, dass Schiedsrichter ein Spiel abbrechen müssen, wenn sie tätlich angegriffen werden oder sich bedroht fühlen. Ein möglicher Gehörschaden ist anscheinend nicht Bedrohung genug, sondern wird von mutigen Ref-Assistenten eher als Hobbyrisiko betrachtet.

Die Leiche fehlt noch
Ich hatte am Samstag übrigens Online-Pikettdienst und musste die Fanszene beobachten. Der Auftrag besteht darin, der Tagblatt-Online-Redaktion gravierende Gewaltszenen zu melden. Da weiter nichts geschah, ausser eines Pyro-Feuerwerks von Luzerner Fans und Beschimpfungen zwischen den Fangruppen nach dem Match ausserhalb des Stadions, meldete ich nichts. Ich bin der Meinung, dass man nicht jede Aufregung von «Blödmännern», wie YB-Fans von der «Bild»-Zeitung in Stuttgart bezeichnet wurden, verbreiten soll. Das gibt ihnen überhöhte, kontraproduktive Bedeutung. Auch die Choreographie «Grabstein» von St.Galler Fans beim Spiel gegen YB mit der Jahreszahl 2010 wäre kaum eine Erwähnung wert gewesen, wenn ihr nicht ein gewisser Wahrscheinlichkeitsgehalt zugebilligt werden müsste. Mit der Niederlage gegen Luzern und der geringen Chance auf Besserung auch im sportlichen Bereich könnte man sagen, dass am Samstag der Sarg nachgeliefert wurde. Nur die Leiche fehlt noch. Doch: Gemäss einer schwarzen Filmkomödie leben Totgesagte bekanntlich länger...

Fredi Kurth