GEGENTRIBÜNE: Super League attraktiver als die Top-Ligen

Alle jammern über die langweilige Super League. Dabei fallen dort Tore wie noch nie - am wenigstens allerdings bei den Spielen des FC St.Gallen. Das war beim Start im Fürstentum nicht anders. Das 1:1 gegen Vaduz könnte aber wertvoll sein.

Fredi Kurth
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Beim Spiel gegen Vaduz bleibt die spielbestimmende Rolle von Tranquillo Barnetta über weite Strecken positiv in Erinnerung, negativ die mangelnde Geschlossenheit nach der Pause. (Bild: Keystone)

Beim Spiel gegen Vaduz bleibt die spielbestimmende Rolle von Tranquillo Barnetta über weite Strecken positiv in Erinnerung, negativ die mangelnde Geschlossenheit nach der Pause. (Bild: Keystone)

Im Grunde verlief das Spiel gegen den Rivalen im nahen Ausland wie schon bei den beiden Niederlagen in dieser Saison: eher unglücklich als optimal. Die Partie hätte bei einem Chancenverhältnis von 6:0 schon zur Pause entschieden sein müssen. Am Schluss lautete es noch 9:6 für St.Gallen. Positiv in Erinnerung bleibt die spielbestimmende Rolle von Tranquillo Barnetta über weite Strecken, negativ die mangelnde Geschlossenheit nach der Pause. Grund hierfür war fehlendes Zupacken im defensiven Verbund, also schon im Mittelfeld, wie es in der ersten halben Stunde noch vorbildlich war. Drei Punkte wären schön gewesen, einer war dennoch wichtiger als gar keiner, weil man Vaduz in der Tabelle auf Distanz hielt. Bei aller Zurückhaltung, die nach erst einem Spiel zwingend ist, scheint sich eines bestätigt zu haben: Der Tabellenletzte ist mehr denn je auf die Punkte gegen St.Gallen angewiesen (bisher sieben von zwölf möglichen), es sei denn, Moreno Costanzo erweitere seine Galaauftritte auch auf andere Gegner. Umgekehrt ist Zinnbauers Team alles andere als eine verhinderte Spitzenmannschaft mit Europa-Ambitionen. Wie sie am Sonntag plötzlich in Einzelteile zerfiel, gab zu denken.

Ein Willkommensgruss aus der Fankurve für Tranquillo Barnetta. (Bild: Steffen Schmidt/freshfocus)
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Und da ist er auch schon, der Rückkehrer. (Bild: Steffen Schmidt/freshfocus)
Gezeigt, was in ihm steckt, hat Tranquillo Barnetta denn auch bereits in Vaduz: Er war massgeblich am 1:0 beteiligt (hier gegen Simone Grippo). (Bild: Steffen Schmidt/freshfocus)
Und auch auf ihm ruhen grosse Hoffnungen: St.Gallens Neuzugang Sejad Salihovic, hier gegen Stiepan Kukuruzovic. (Bild: Steffen Schmidt/freshfocus)
Erst vor wenigen Tagen wurde er verpflichtet, nun dirigiert Salihovic bereits auf dem Platz. (Bild: Steffen Schmidt/freshfocus)
Der Mann, der hier die Hände verwirft, hat St.Gallen den einen Punkt gesichert: Albian Ajeti. (Bild: WALTER BIERI (KEYSTONE))
Und dieser Mann, der mal der unsere war, holte den Punkt für Vaduz: Moreno Costanzo, hier im Zweikampf mit Kofi Schulz. (Bild: Steffen Schmidt/freshfocus)
Da haben nicht nur sie keine Freude: Kofi Schulz und Daniel Lopar nach Costanzos Ausgleichstreffer. (Bild: Steffen Schmidt/freshfocus)
Und was meinen die Trainer? Joe Zinnbauer schaut etwas mürrisch drein... (Bild: Steffen Schmidt/freshfocus)
...und auch Giorgio Contini mag nicht lächeln. (Bild: Steffen Schmidt/freshfocus)
Karim Haggui diskutiert mit Schiedsrichter Sascha Amhof... (Bild: Steffen Schmidt/freshfocus)
..derweil feuert Tranquillo Barnetta seine Teamkollegen an. (Bild: Steffen Schmidt/freshfocus (freshfocus))
Axel Borgmann gegen Marco Aratore. (Bild: Steffen Schmidt/freshfocus)
...und Tschüss Vaduz: Bald stehen Barnetta und Gianluca Gaudino in St.Gallen auf dem Rasen. (Bild: Steffen Schmidt/freshfocus)

Ein Willkommensgruss aus der Fankurve für Tranquillo Barnetta. (Bild: Steffen Schmidt/freshfocus)


Hier Barnetta, dort Muntwiler
Barnettas Rückkehr und die eigenartige Negativserie des FC St.Gallen gegen Vaduz boten also den Anreiz, am Sonntag den Fernseher einzuschalten. Beim Betrachten der Aufstellungen wurde mir bewusst, welch unterschiedliche Wege Fussballtalente einschlagen. So war beim Gegner ein Spieler zu beobachten, der nur zwei Jahre jünger ist als St.Gallens Heimkehrer und wesentlich mehr Spiele auf dem Espenmoos und in der Arena bestritten hat. Während Barnetta den Namen des ältesten Clubs der Schweiz in die Fussballwelt hinaustrug, hatte Philipp Muntwiler mehr als dreimal so viele Einsätze für die Ostschweizer hinter sich, als er 2012 nach Luzern wechselte. Er debütiere als noch 18-Jähriger am 12. Februar 2006 in Schaffhausen in der ersten Mannschaft, nachdem er vom FC Wil kommend zunächst im Nachwuchs des FC St.Gallen aufgenommen war. In 170 Spielen erzielte er 22 Tore und sah 59 Mal die gelbe Karte. Es war vielleicht dieser letzte Wert und die damit verbundenen Spielsperren, die ihn hinderten, ebenfalls eine gewisse Popularität zu erlangen. Dabei passte Muntwiler durchwegs in das Espen-Schema voller Einsatz und grüeni Mosä uf de Hosä.  Die Schiedsrichter zeigten ihm zu St.Galler Zeiten aber nur einmal Gelb-Rot und nie direkt Rot. Nicht zuletzt erzielte Muntwiler 2008 beim Heimsieg gegen Concordia das erste Meisterschaftstor der St.Galler im neuen Stadion.

Imhof, Fischer, Tardelli
Eine Rolle mochte auch spielen, dass Muntwiler als defensiver Mittelfeldspieler eher unauffällige, unspektakuläre Arbeit verrichtete. Viel anderes wurde von den Spielern auf dieser Position nicht verlangt. Als "Scheibenwischer“ wurden sie bezeichnet. Niemand wird behaupten, dass es sich hier um ein besonders schmuckes Autozubehör handelt, aber um ein wichtiges. Mit Daniel Imhof und Urs Fischer kommen mir zwei weitere Spieler des FC St.Gallen in den Sinn, die lange Zeit in der unscheinbaren Funktion wertvolle Dienste leisteten. Fischer verbrachte nicht weniger als acht Jahre auf dem Espenmoos. Dass er danach bei seinen Auftritten mit dem FC Zürich in St.Gallen Pfiffe zu hören bekam, ist mir unerklärlich. Nur weil er Zürcher war? Zelli ist auch Zürcher. Ähnliche Missverständnisse ergaben sich sogar mit Internationalen. Mitte der 1980er engagierte St.Gallens Klubleitung für die damalige Rekordsumme von 400'000 Franken den Österreicher Walter Hörmann. Die Anhänger erwarteten filigranen Fussball à la Gerhard Ritter oder Dynamik à la Martin Gisinger, doch er war eben vielmehr Moderator im hinteren Aufbaubereich. Als defensiver Mittelfeldspieler galt auch Weltmeister Marco Tardelli, der 1987 für den FC St. Gallen 14 Spiele bestritt, und so die falschen Erwartungen nicht ganz erfüllte.

Barnetta kennt die Arena
Tranquillo Barnetta war zweifelsohne der begabtere Fussballer als Muntwiler. Er debütierte im Juli 2002 als 17-Jähriger mit zwei Teileinsätzen in der Super League, schoss im vierten und fünften Match gegen Thun und Basel die ersten Tore und spielte in den ersten drei Partien als rechter Aussenverteidiger. Am nächsten Sonntag gegen Lausanne tritt er erstmals wieder vor eigenem Publikum an. Premiere in der Arena ist es allerdings nicht. Die erlebte er schon beim ersten Auftritt der St.Galler nach der Eröffnung im Sommer 2008 - im Dress von Bayer Leverkusen. Es war jener unvergessliche Match, vor dem das Management der Event AG mit 2000 Zuschauern gerechnet hatte und nur zwei Kassen öffnete. Über 6000, die meisten mit Verspätung, fanden doch noch Einlass. St.Gallen siege 3:2, Barnetta spielte 60 Minuten.

Bundesliga in spielerischer Krise
Auf den Fussballstart in der Schweiz wollte ich mich schon am Freitagabend einstimmen, mit dem Bundesligaspiel Hamburg gegen Leverkusen. Doch eigentlich hätte ich gewarnt sein sollen. Die Bundesliga steckt seit einiger Zeit in einer spielerischen Krise, weil dort Laufen inzwischen wichtiger geworden ist als Spielen. Bei Borussia Mönchengladbach gegen den SC Freiburg zwei Mannschaften, die sonst bekannt sind für erfrischenden Fussball, war es am Samstagnachmittag gerade umgekehrt. Die Spieler beider Teams versammelten sich bei gegnerischem Ballbesitz am eigenen Strafraum und verschleppten die Konterchancen nach der Balleroberung kläglich oder doch eher absichtlich. Diese Spielart ist aber für die Bundesliga aktuell untypisch. Es gibt vor allem die andere, ebenfalls nicht sehr erbauliche: 20 Feldspieler rennen dem Ball hinterher, machen den Raum eng und treten sich im allgemeinen Gekicke auf die Socken.  Schon zur Pause des Langweilers von Mönchengladbach wechselte ich zur Konferenz. Doch oh je: Erst vier Tore in fünf Spielen waren gefallen, nach einer Stunde war kein weiteres dazugekommen.

Mehr Fussball in England und Italien
Die Premier League ist zurzeit die attraktivste jener drei Topligen, die ich einigermassen aufmerksam verfolge, mit einer guten Mischung zwischen fussballerischem Unterhaltungswert und Sprintfussball. Sogar die Serie A übertrifft die Bundesliga, weil auf dem Stiefel dem Gegner mehr Spielfreude gegönnt wird. Oberflächlich betrachtet ist der Grund für die schlechte Entwicklung in Deutschland bei den Aufsteigern zu suchen. Köln, Darmstadt, Iserlohn und teilweise auch Augsburg befleissigten sich alle einer auf Laufbereitschaft, Muskelkraft und Teamorganisation basierenden Spielart, wobei Jürgen Klopp mit dem Spitzenteam Borussia Dortmund das Vorbild gegeben hatte. Er hatte dem spanischen Tiki-Taka das frühe Pressing und das rasche Umschalten hinzugefügt. Räume eng machen, den Ball rasch erobern – das Beispiel hat inzwischen Nachahmer gefunden. Das Problem ist: Wenn nun, was immer häufiger geschieht, zwei Mannschaften mit dieser Spielart aufeinander prallen, kommt es zum Crash, zu einem Chrüsimüsi, das dann von eher unkritischen Sky Sport Reportern als „taktisch interessant“ verkauft wird. Doch die schwächeren Mannschaften haben nur auf die besseren Möglichkeiten der betuchten Bundesliga-Unternehmen reagiert. Das ist ihnen nicht zu verargen – in einer Liga, in welcher der Krösus Bayern jährlich über 650 Millionen Euro umsetzt, der ärmste Darmstadt nur etwas mehr als 40 Millionen.

Das Beispiel Hoffenheim
Wenn ein Aufsteiger wie Leipzig und ein Fast-Absteiger wie Hoffenheim plötzlich vorne mitmischen und individuell bessere Teams wie Leverkusen und Dortmund, ja sogar Bayern plötzlich schwächeln, dann ist einiges in Unordnung geraten. „Die Bundesliga ist komplizierter und sehr eng geworden“, sagt Dortmunds Trainer Thomas Tuchel. Am Beispiel von Hoffenheim und den dort engagierten drei Schweizer Fussballern wird ebenfalls deutlich, wie sich der Fussball verändert, wenn der spielerische Anteil einer Fussballpartie durch unermüdliche Laufarbeit und „kognitive Schnelligkeit“ (so Hoffenheims verdienstvoller Jungtrainer Julian Nagelsmann) auf ungefähr dreissig Prozent erstickt wird. Fabian Schär, mit 25 Länderspielen der renommierteste des Trios, ist ebenso weit von regelmässigen Einsätzen entfernt wie Pirmin Schwegler, lange Zeit in der Bundesliga hoch eingeschätzt. Regelmässig zum Zug kommt hingegen Steven Zuber, ein bienenfleissiger Renner an der Aussenlinie, wie Fabian Schär Jahrgang 1991, der nun auf eine Chance im Nationalteam hofft.

3,4 Tore pro Match in der Super League
In der Premier League sind in dieser Saison bis anhin 2,84 Tore pro Spiel gefallen, in der Serie A 2,79 und in der Bundesliga 2,67, der drittniedrigste Wert seit deren Gründung vor 54 Jahren. Solche Zahlen sagen nicht alles aus über das Niveau einer Liga, aber einiges über den Unterhaltungswert. Und diesbezüglich ist die Super League wirklich super. 3,40 Tore pro Match bisher ist die höchste Quote seit Beginn der Erhebung 1991 (Quelle Weltfussball.de). Auch die Bundesliga wird sich wieder bessern, denn mit dem jetzigen Crashfussball befindet sie sich auf dem Holzweg so wie Jürgen Klopp mit Liverpool in England. Denn dort ist Rhythmuswechsel kein Fremdwort, ist die Ballgewandtheit der Akteure so ausgeprägt, dass immer noch sie den Ausschlag gibt. Wie rasch sich manches ändern kann, belegt just die Schweizer Eliteliga: 2012/13 lag der Schnitt am Ende der Saison lediglich bei 2,56 Toren...