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Kolumne

Gegentribüne: St.Gallens frischer Fussball wird zu wenig goutiert

Vier Punkte aus den ersten vier Spielen, Basel und die Young Boys schon hinter sich – es ist ein Ergebnis, das aus St.Galler Optik einigermassen zufrieden stellt. Die Leistungen hätten aber bessere Belohnung verdient, punktemässig wie auch beim Publikumsbesuch.
Fredi Kurth
Gegentribüne-Kolumnist Fredi Kurth (Bild: Urs Jaudas)

Gegentribüne-Kolumnist Fredi Kurth (Bild: Urs Jaudas)

Die Zuschauer im Kybunpark, sofern sie nur resultatbezogen denken, müssen einiges über sich ergehen lassen. Zwei Heimspiele, zwei Niederlagen in Spielen, in denen die junge Mannschaft bewundernswertes Engagement und fussballerische Fähigkeiten zeigten, die vier Punkte statt null Punkte verdient hätten. Doch nun trat man nach dem 2:3 gegen die Young Boys doch wieder etwas ernüchtert die Heimreise an, in einer Phase, da die St.Galler Arena zu einer uneinnehmbaren Festung werden soll. Schon in der vergangenen Saison war dies in acht von 18 Heimspielen der Fall. Nur die Grasshoppers und der FC Luzern enttäuschten ihre Anhänger mit noch mehr Niederlagen auf eigenem Grund.

Der Preis und die geringen Einnahmen

Doch konzentrieren wir uns auf das Positive und einige überraschende Effekte. Das befürchtete Tief nach namhaften Abgängen ist nicht eingetroffen. Auf die Karte Jugend zu setzen, hat aber auch seinen Preis, in Anbetracht der von Stergiou verursachten zwei Gegentore gegen YB. Aber ich nehme einmal an, dass es ein Preis ist, der sich langfristig bezahlt macht. Sicher ist es nicht. Denn längst haben die Scouts den Jungbrunnen FC St.Gallen entdeckt und bedienen sich gerne, kaum hat ein Spieler für ein paar Monate überdurchschnittliches Entwicklungspotenzial zu erkennen gegeben. Vor einem Jahr war es Jasper van der Werff, der nun nach längerer Verletzungspause in Salzburg über die zweite Mannschaft Liefering wieder Anschluss sucht. Vergangene Woche gab es ein Angebot von Stade Reims für Kutesa, wobei allein die 1,5 Millionen Franken, die geboten wurden, an Frechheit grenzen. Aber die St.Galler haben sich bei den Spielerberatern offensichtlich den Ruf erworben, sich leicht über den Tisch ziehen zu lassen – so wie im Fall Albian Ajeti, der nun für rund neun Millionen Franken vom FC Basel zu West Ham transferiert worden ist.

St.Gallens Cedric Itten im Zweikampf mit Fabian Lustenberger. (Bild: Keystone)

St.Gallens Cedric Itten im Zweikampf mit Fabian Lustenberger. (Bild: Keystone)

Typisch der Fall Ajeti

Es ist auch eine Geschichte, wie selbst Talente, die vor der Haustüre heranwachsen, verkannt werden können – nicht nur vom FC St.Gallen, sondern auch vom FC Basel: Albian Ajeti wurde für 1 Million Euro an den FC Augsburg abgegeben, wo er aber nicht einmal in der Nachwuchsmannschaft U23 häufig zum Einsatz kam. Nach einer Ausleihe übernahm ihn der FC St.Gallen für 1 Million Euro von Augsburg definitiv, weil Ajeti hier und nirgendwo anders sich entfalten konnte und sich unübersehbar zu einem Stürmer mit Abschlussqualitäten und Zweikampfgeschick entpuppte. Basel holte ihn reumütig zurück. Nimmt man die erstaunlich präzisen Zahlen von «Transfermarkt» für bare Münze hat Basel lediglich 1,39 Millionen Euro an den FC St.Gallen bezahlt und Ajeti nun wieder für 8,7 Millionen Euro zu West Ham transferiert.

Einbruch bei den Zuschauerzahlen

Dem indessen sportlich erfreulichen Gesamtbild mit einer jungen Mannschaft steht ein anderes betrübliches Kapitel gegenüber: Die Anhänger goutieren es nicht. Zu den Heimspielen gegen Luzern und die Young Boys kamen deutlich weniger Zuschauer als noch vor einem Jahr, als sich die Mannschaft aus einem viel tieferen Loch herausbuddeln musste. Gegen den Meister erschienen im Herbst wie im Frühjahr weit über 14'000 Fans im Kybunpark. Am Samstag am Ende der Ferien bei besten Wetterbedingungen gerade noch 12'594, weniger als beim Fest der Schwinger und Älpler auf der Schwägalp. Auf meinem Sessel kann ich inzwischen wie daheim auf dem Sofa entspannt die Beine strecken, und nur gelegentlich stören die Rauchschwaden einer Zigarette das Vergnügen.

Auch anderswo, selbst in Basel, gibt es immer mehr leere Plätze – und die Gründe sind vielfältig und haben nicht einmal unmittelbar mit der Super League zu tun, sondern mit ungünstigen, unbeeinflussbaren Entwicklungen im weiteren Umfeld. Aber leider leisten die Vereine und die Liga auch wenig Widerstand, sondern bewegen sich in stets im gleichen Trott. Ideen gibt es wenige, und «Espen on Tour» mag Goodwill schaffen in der Region, nicht zuletzt bei fussballbegeisterten Knirpsen. Vielleicht sitzen jetzt einfach auch mehr Leute vor dem Fernseher – Zahlen hierfür gibt es vom Teleclub leider keine.

Freude herrscht in Österreich

In Österreich hingegen herrscht Aufbruchstimmung. Salzburg hat definitiv Champions League Format erlangt, die andern für europäische Wettbewerbe qualifizierten Teams haben die Schweizer Minimalisten deutlich überflügelt, und nicht zuletzt hat sich die Aufstockung auf zwölf Vereine und neuem Finalmodus bewährt. Neun Teams konnten den Zuschauerdurchschnitt im Vergleich zum Vorjahr um 5 bis 46 Prozent steigern, lediglich Rapid Wien, Mattersburg und Altach verzeichneten abnehmende Zahlen.

Ungewohnte Qualitäten

Aber zurück auf den Rasen: Da zeigt St.Gallen plötzlich Fähigkeiten bei Standards. Drei der fünf Tore erzielte es nach Eckbällen oder Elfmeter oder einmal mit einem Freistoss, während die Mannschaft vergangene Saison vor allem aus Kombinationen bei Kontersituationen erfolgreich war. Natürlich gab es nicht nur das Pech gegen Luzern, als die Partie ausserhalb des Stadions entschieden wurde, und jenes gegen die Young Boys, als unforced errors den Ausschlag gaben. So hing der Punktgewinn bei Xamax an einem seidenen Faden. Und in Basel hätte auch «nur» ein Remis herausschauen können.

Beim FC Zürich an diesem Mittwoch beginnt die Serie jener Spiele, in denen sich St.Gallen auf Augenhöhe wähnen darf. Eine Situation, die hoffen lässt und gleichzeitig Gefahr bedeutet.

Aufgefallen

Zumindest was den FC St.Gallen betrifft, ist es um den VAR ruhiger geworden, weil offensichtlich auch die Videoassistenten ruhiger geworden sind. In einer Hinsicht kann besonderes Lob ausgesprochen werden: Die Linienrichter sind offensichtlich angewiesen, bei geringstem Zweifel über ein Offside die Fahne unten zu halten. Wenn daraus keine entscheidende Szene entsteht (Tor oder Elfmeter), spielt die gewollte Passivität des Linienrichters keine Rolle. Sonst kann die heikle Situation immer noch nachbetrachtet werden. Das geschah am Samstag offensichtlich beim korrekt erzielten ersten Tor der Berner, als auch beim zurecht aberkannten Treffer von Cedric Itten.

Spieler und Trainer beklagen sich über Mammutprogramm

Kürzlich beklagte sich die Gewerkschaft der FIFPro, die weltweit mehr als 65'000 Fussballspieler repräsentiert, über Überbelastung ihrer Mitglieder. An erster Stelle wird das nicht gerade repräsentative Beispiel von Tottenham-Star Heung-min Son genannt. Der Südkoreaner hatte vergangene Saison 78 Spiele bestritten und dabei 110'600 Kilometer im Flugzeug zurückgelegt. Die Gesundheit der Spieler sowie die hohe Qualität an der Weltspitze stünden auf dem Spiel, heisst es im Bericht unter dem Titel «Am Limit».

Auch Thomas Müller von Bayern München kritisiert das Mammutprogramm der Internationalen: «Du darfst drei Wochen Luft holen, dann wirst du wieder unter Wasser gedrückt. Mental ist das schon eine grosse Belastung.» Als ich das las – Achtung Ironie – schossen mir die Tränen in die Augen. Diese armen Fussballer, die gemessen an ihrem Können, immer noch viel zu wenig Geld verdienen, leiden an Burn-out und drohen demnächst massenhaft auszufallen, weil das auch ihre überstrapazierten Muskeln und ihr überforderter Organismus nicht mehr aushält. Ende der Ironie.

Dass ausgerechnet Pep Guardiola und Jürgen Klopp die Ansicht der Gewerkschaft teilen und in das Klagelied einstimmen, ist bezeichnend. Es sind just jene Trainer, die in der Premier League und in der Champions League wenn möglich immer dieselben Spieler aufs Feld schicken und bestenfalls im FA-Cup oder dann sicher im unbedeutenden Liga-Cup rotieren. Das Problem ist also weitgehend hausgemacht, verschärft durch den Umstand, dass die Fussballunternehmen in der Sommerpause weite Reisen organisieren, um im Fernen Osten oder in Übersee ihre mittlerweile riesigen Auslagen wieder hereinspielen zu können.

Was Thomas Müller betrifft: Just die Bundesliga mit nur 18 statt 20 Teams wie in jeder anderen Topliga hat ein relativ bescheidenes Programm und pausiert im Sommer jeweils am längsten. Manchester City und Liverpool haben aktuell je 28 Spieler im Kader. Und daraus ergibt sich der nächste Missstand: Viele hervorragende Fussballer werden dem Publikum vorenthalten, weil sie kaum Einsätze haben und zweifelsohne gerne ein wenig überbelastet wären. (th)

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