GEGENTRIBÜNE: Plastikfussball dient der AFG-Arena

FUSSBALL. An Auffahrt trägt der FC St.Gallen sein letztes Heimspiel dieser Meisterschaft aus. Die Fussballsaison in der Arena ist damit aber noch nicht beendet. Das Schweizer U-21-Team empfängt am 26. Mai die Türkei zum entscheidenden EM-Qualifikationsspiel. Solche Anlässe könnten immer häufiger werden.

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Ob echter Rasen oder Kunst-Rasen - die Spielunterlage gibt immer wieder Anlass zu Diskussionen. (Bild: Urs Bucher)

Ob echter Rasen oder Kunst-Rasen - die Spielunterlage gibt immer wieder Anlass zu Diskussionen. (Bild: Urs Bucher)

Manchmal sind es beiläufige Notizen, die sich zu Kolumnentexten ausdehnen lassen. Eine stammt von vergangener Woche: Da stand im «Tagblatt», dass Philipp Muntwiler auf dem Kunstrasen der Berner Young Boys nicht zum Einsatz komme, weil die Verantwortlichen keine Risiken eingehen wollten. Muntwiler hatte erst gegen Xamax nach langer Verletzungspause wieder ein paar Minuten gespielt. Interessant war die Anspielung auf den Kunstrasen. Warum sollte Muntwiler deswegen nicht spielen? Ist denn die Verletzungsgefahr dort grösser? Da hatten doch die Berner vor einiger Zeit mit Stolz darauf verwiesen, dass auf dem Kunstrasen die Gesundheit weniger gefährdet sei als auf dem herkömmlichen Fussballrasen. Wenn man allerdings die zahlreichen verletzten YB-Spieler in den vergangenen Wochen und Monaten in Betracht zieht, um mit Doumbia nur den prominentesten zu erwähnen, dann hat die künstliche Unterlage des Stade de Suisse zumindest die Misere nicht verhindert. Wurde Muntwiler aber vielleicht geschont, weil für einen erst genesenen Spieler Kunstrasen generell prekär sein könnte? Müssen also verletzte Spieler, die bei einem Verein mit Kunstrasen-Hauptplatz angestellt sind, eine etwas längere Pause gewärtigen? Oder war das rutschige Feld im Quartier Wankdorf beim spezifischen Eingriff Achillessehnen-Operation für Muntwiler besonders heikel?

Die Antwort ist nicht so wichtig, sondern eher die Tatsache, dass der Kunstrasen überhaupt wieder zu einem Thema geworden ist. Es zeigt einmal mehr die Absurdität, die sich als Schweizer Exklusivität bemerkbar macht. So erhalten auch der FC Luzern und der FC Thun auf dem neuen Hauptfeld eine künstliche Spielfläche, und gleiche Überlegungen würden für die geplanten Stadien in Schaffhausen und Wil geplant. Sollte dieser Trend anhalten, und im Moment spricht wenig dagegen, schlage ich vor, die Super League inskünftig in zwei Divisionen auszutragen: Die Plastik-Division und die Rasen-Division. Wir hätten dann Ende Saison den Plastikmeister und den Rasenmeister. In einer Barrage mit Hin- und Rückspiel könnte dann der Schweizer Champion ermittelt werden.

Anschaffung teurer
Das Hauptargument der entsprechenden Vereinsführer, deren Horizont zuweilen kaum über die Cornerflagge hinausreicht, sind die Kosten für die Rasenpflege. Das ist für mich wieder mal ein neuartiges Argument. Es trifft wohl zu, dass ein Kunstrasen im Unterhalt günstiger ist, aber ich habe noch nie gehört, dass ein Verein wegen seines Rasenplatzes in existentielle Nöte gekommen sei. Das erstaunt nicht, wenn man nachfolgende Zahlen eines Planungsbüros von Landschaftsarchitekten aus Bremerhaven liest: Demnach kostet die Errichtung eines Kunstrasens der am besten entwickelten dritten Generation 340 000 Euro, jene eines Naturrasens bloss 180 000 Euro. Der jährliche Unterhalt hingegen wird beim Kunstrasen auf 6000 Euro beim Naturrasen auf 22 000 Euro geschätzt. Vergleicht man aber diese Zahl zum Beispiel nur schon mit den Sicherheitskosten, die der FC St.Gallen jährlich zu berappen hat (für diese Saison hochgerechnet eine Million Franken), dann handelt es sich hier um einen Pappenstil. Und auch ein Kunstrasen blüht nicht ewig: Man rechnet, dass nach zwölf bis 15 Jahren eine Sanierung fällig ist. Zweifellos zu empfehlen ist jedoch ein Kunstrasen als Trainingsfeld, weil er wetterunabhängig um ein Mehrfaches benützt werden kann.

Vier Stadien für Länderspiele
Der FC St. Gallen zeigt, dass selbst in einer Arena eine sehr gute Rasenfläche möglich ist. Das hat inzwischen auch der Schweizer Fussballverband realisiert. Und Nationalcoach Ottmar Hitzfeld will, wie der Nationalteam-Delegierte Peter Stadelmann unlängst an der DV des St.Galler Kantonal-Fussballverbandes verriet, mit seiner Mannschaft nur auf Naturrasen spielen. Verständlich: Länderspiele finden, wenn sie nicht gerade in Moskau angesetzt sind, ausschliesslich auf natürlichem Rasenviereck statt. «Die Chance, dass wir in St.Gallen mehr Länderspiele sehen als bisher, hat sich durch den Entscheid des FC Luzern nicht unwesentlich erhöht», sagte Stadelmann. Genau betrachtet, kommen zurzeit nur vier Stadien noch in Frage: Der St. Jakob-Park in Basel, das Letzigrund in Zürich, das Stade de Genève – und die AFG-Arena. Berner, Neuenburger und Luzerner müssen also reisen, wollen sie das Nationalteam in Natura sehen. Sehr zur Freude der Stadionbetreiber in St.Gallen: Der Anteil an den Länderspiel-Einnahmen soll nicht zu verachten sein…

Fredi Kurth