GEGENTRIBÜNE: Pärchenfussball beim FC St.Gallen

Die zehnte Saison des FC St.Gallen in der Arena soll etwas Besonderes werden. Was sich jetzt schon abzeichnet: Ein unerbittlicher Kampf um die Mannschaftspositionen.

Fredi Kurth
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Beim FC St.Gallen dürfte es diese Saison zahlreiche Duelle um einen Stammplatz geben, beispielsweise zwischen Peter Tschernegg (rechts) und Stjepan Kukuruzovic (zweiter von rechts). (Bild: Marc Schumacher/freshfocus)

Beim FC St.Gallen dürfte es diese Saison zahlreiche Duelle um einen Stammplatz geben, beispielsweise zwischen Peter Tschernegg (rechts) und Stjepan Kukuruzovic (zweiter von rechts). (Bild: Marc Schumacher/freshfocus)

Lange Zeit hatte der FC St.Gallen kaum verletzungsbedingte Absenzen zu verzeichnen. Doch dann kam es just vor dem Saisonstart am Samstag plötzlich zu einer Häufung: Mit Albian Ajeti, Tranquillo Barnetta, Silvan Hefti und Nzuzi Toko fehlten in Lausanne nicht weniger als vier potenzielle Stammspieler. Und Einkauf Nummer 1, Nassim Ben Khalifa, kam erst in der 75. Minute zum Einsatz. Dennoch bot der FC St.Gallen eine akzeptable Leistung, stand schliesslich näher am Sieg. Was aber, wenn wie in der vergangenen Saison auch schon mal alle Kaderspieler zur Verfügung stehen? Dann sind die Positionen mindesten doppelt und häufig wieder gleichwertig besetzt. Ich habe mal zehn Pärchen und ein Trio gebildet, um anzudeuten, wie im Einzelnen um Startplätze gekämpft wird.
 

 

Pärchen mit Manndecker

Der Begriff Pärchenfussball war in den 1960er- und 1970er-Jahren geläufig, als von den elf Akteuren einer Mannschaft neun einem bestimmten Gegenspieler zugeordnet wurden. Nur auf den Torhüter und den Libero traf dies nicht zu. In der Abwehr gab es die klassischen Manndecker wie Hubert Münch beim FC Zürich oder Leo Bauer beim FC St.Gallen. Mit der Einführung der Raumdeckung verschwand der Pärchenfussball. Heute muss ein Fussballer bei den doppelt so grossen Kadern wie früher nicht einen Gegenspieler, sondern einen Mitspieler ausboten, um überhaupt von Beginn weg spielen zu dürfen.

Daniel Lopar: Note 4. Der Captain hat bei den Gegentoren wenig auszurichten – und steht sonst selten im Fokus. (Bild: pd)
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Philippe Koch: Note 3. Deutet Stärken an, ist unter Druck aber fehlerhaft – und noch ohne Einfluss nach vorne. (Bild: pd)
Karim Haggui: Note 3,5. Dirigierte die Abwehr auch schon souveräner – im Kopfballspiel aber meist solid. (Bild: pd)
Alain Wiss: Note 3,5. Solid aber unauffällig – die Abstimmung mit Haggui muss er erst noch finden. (Bild: pd)
Andreas Wittwer: Note 4,5. Vor allem zu Beginn mit einigen überzeugenden Aktionen nach vorne, wagt sich in den Abschluss. Defensiv solid. (Bild: pd)
Peter Tschernegg: Note 5. Bei seinem Début für St. Gallen wirkt der Österreicher sehr robust, ballsicher und mit dem Blick für den Mitspieler. (Bild: JEAN-CHRISTOPHE BOTT (KEYSTONE))
Danijel Aleksic: Note 3,5. Der Serbe rettet einen sehr durchschnittlichen Auftritt mit seinem Traum-Freistoss zum 3:1. (Bild: pd)
Marco Aratore: Note 5. Viel Kampf, viel Einsatz und viel Tempo, er belohnt seine Leistung mit dem 2:1 – gegen Ende der Partie schwinden seine Kräfte. (Bild: pd)
Nassim Ben Khalifa: Note 4. Der Joker wirkt sicher in der Ballannahme. Eine Kopfballchance ist aber die einzige Ausbeute des Neuzugangs. (Bild: pd)
Roman Buess: Note 5. Nicht nur bei seinem Tor überzeugt der Basler. Zeigt eine konzentrierte und beherzte Leistung. (Bild: pd)
Stjepan Kukuruzovic: Note 4. Steht defensiv seinen Mann, versucht sich mit Abschlüssen aus der Distanz. Der überraschende Pass nach vorne fehlt jedoch. (Bild: pd)
Yannis Tafer: Note 4,5. Bringt auf der rechten Seite sehr viel Tempo und Gefahr, nach der Pause baut er jedoch ab. (Bild: pd)
Gjelbrim Taipi: Note 4. Macht beim Super-League-Début einen agilen Eindruck, kann aber beim 30-Minuten-Einsatz keine wichtigen Akzente setzen. (Bild: pd)

Daniel Lopar: Note 4. Der Captain hat bei den Gegentoren wenig auszurichten – und steht sonst selten im Fokus. (Bild: pd)

Partnertausch möglich

Die oben aufgeführten Pärchen haben sich zum Teil beliebig gefunden. Denn einige Spieler sind polyvalent einsetzbar. Das gilt zum Beispiel für Hefti, Wiss, Angha, Tafer, Barnetta, Ben Khalifa oder Aratore, vielleicht auch für diesen oder jenen Neuzugang. So ist natürlich möglich oder sogar wahrscheinlich, dass Wiss (hinten) und Toko (defensiv im Mittelfeld), Tafer und Aratore (wie jetzt schon auf beiden Aussenpositionen) gleichzeitig spielen, wenn die vier Abwesenden wieder einsatzfähig sind. Der "Dreierbob" in zentraler, rückwärtiger Angriffsposition ist im Hinblick auf die unsichere Fitness von Barnetta entstanden. Aber das zeigt auch, welchem Dilemma Trainer Giorgio Contini bei Vollbestand ausgesetzt wäre. Bei den Sturmspitzen ist die Situation etwas weniger dramatisch, weil sich dort die Akteure im Laufe einer Partie oft ablösen und auch in der Startelf abwechseln.

Ebenso entschärfend auf den Konkurrenzkampf wirken sich die Sperren im Laufe einer Saison aus, so dass sich für die ins Kader aufgenommenen Nachwuchsleute diese oder andere Gelegenheit ergeben sollte.
 

Mit Contini fünfmal 0:1

Es war ein Spektakel auf der Pontaise, bei dem sich die Frage stellte: Typisch Lausanne? Oder typisch St.Gallen? Nun die Waadtländer haben in der vergangenen Saison einige Spiele mit Dammbrüchen auf beiden Seiten erlebt. Beim FC St.Gallen hat die Torproduktion seit Continis Einfluss auch plötzlich angezogen. Unter ihm hat die Offensive in jedem der sieben Super-League-Spiele getroffen, in vier Partien mehr als einmal.  Umgekehrt war St.Gallen anfällig auf das erste Gegentor: So schon in den Begegnungen mit Lugano, Sion, GC und Basel, auch daheim gegen Vaduz stand man nahe am 0:1. Aber St.Gallen konnte immer reagieren, wenn auch nicht immer gewinnen. So sahen wir ein Spiel sowohl typisch Lausanne als auch typisch St.Gallen. Beide Teams wurden, einmal in Führung, übermütig und vernachlässigten die Abwehr. Welch rasche Wendungen in der Super League möglich sind, erlebte auch Peter Tschernegg, der bei seinem Debüt zwar gut spielte, aber gleich zweimal Pech hatte. Beim Anschlusstreffer der Waadtländer leitete er durch Ballverlust in der gegnerischen Platzhälfte den Gegenstoss zum 2:3 ein und wenig später lenkte er den Weitschuss Zarates für Lopar unerreichbar ab.

Nach insgesamt sechs Treffern teilen sich die beiden Teams die Punkte: St.Galler Nassim Ben Khalifa und Andreas Wittwer sowie Waadtländer Valeri Bozhinov sind enttäuscht. (Bild: Freshfocus)
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Weder die Espen noch die Waadtländer sind nach je drei Treffern mit dem Unentschieden zufrieden: Enttäuschung bei den St.Gallern Nassim Ben Khalifa und Andreas Wittwer sowie beim Waadtländer Valeri Bozhinov nach dem Spiel. (Bild: Freshfocus)
Jubel beim Torschützen zum 1:1: Nach dem Ausgleichstreffer von Roman Buess in der 28. Minute haben die Espen eine 3:1-Führung aufgebaut. Danach haben die Waadtländer bereits bis zur 62. Minute wieder ausgeglichen. (Bild: Freshfocus)
Der St.Galler Spieler Stjepan Kukuruzovic dribbelt gegen Andrea Maccoppi. (Bild: Freshfocus)
St.Galler Roman Buess im Zweikampf gegen den Waadtländer Alain Rochat. (Bild: Freshfocus)
Die beiden Teams haben sich nichts geschenkt: St.Galler Roman Buess und Waadtländer Alain Rochat im Kopfballduell. Nach nervenaufreibenden 93 Minuten haben die beiden Mannschaften mit einem 3:3-Unentschieden das Spielfeld verlassen. (Bild: Keystone)
Jubel bei Yannis Tafer und dem Torschützen zum 1:1: Roman Buess (rechts) feiert nach seinem Ausgleichstreffer. (Bild: Freshfocus)
Der St.Galler Alain Wiss versucht Valeri Bozhinov den Ball zu entreissen. (Bild: Freshfocus)
St.Galler Goalie Daniel Lopar instruiert seine Teamkollegen. (Bild: Keystone)
Roman Buess trifft in der 28. Minute zum 1:1 und gleicht für die Espen aus. (Bild: Keystone)
Drei gegen eins: Leandro Marin, Jeremy Maniere und Andrea Maccoppi von Lausanne-Sport gegen den St.Galler Stjepan Kukuruzovic. (Bild: Freshfocus)
Der Zweikampf vom Waadtländer Elton Monteiro gegen Marco Aratore widerspiegelt die Dynamik der Partie. (Bild: Freshfocus)
Der St.Galler Alain Wiss im Zweikampf gegen Valeri Bozhinov. (Bild: Freshfocus)
Nach ihrer tollen Leistung haben sich die St.Galler im Saisonauftakt den Sieg gewünscht: Enttäuschung bei Andreas Wittwer und Nassim Ben Khalifa nach der verspielten 3:1-Führung. (Bild: Freshfocus)

Nach insgesamt sechs Treffern teilen sich die beiden Teams die Punkte: St.Galler Nassim Ben Khalifa und Andreas Wittwer sowie Waadtländer Valeri Bozhinov sind enttäuscht. (Bild: Freshfocus)

20 Schreckminuten

Die ersten 20 Minuten waren erschreckend. Das hatten wir doch schon alles in vielen Spielen der vergangenen Saison erlebt: Der FC St.Gallen auswärts hinten wacklig und vorne ohne jede Durchschlagskraft. Mein Schwager, gerade gut erholt aus den Ferien zurückgekehrt, tat sein Entsetzen via SMS kund und verabschiedete sich zum Frauenfussball.  Zum Glück zeigte die St.Galler Mannschaft danach auch ihr zweites Gesicht: Saubere Kombinationen über mehrere Stationen. Es wird beim FC St.Gallen wieder Fussball gespielt und aufregender als zu Zeiten Zinnbauers. Zartbesaiteten Anhängern sind somit Beruhigungspillen empfohlen, wer weiss, vielleicht sogar erhältlich im Souvenirshop, in grün-weisser Verpackung.
 

Aufgefallen

FC Zürich beeindruckend: Die Ungewissheit vor dem Saisonstart war (und ist es immer noch) so gross wie selten zuvor, vor allem weil sich die meisten Mannschaften nominell geschwächt präsentieren, sogar der FC Basel. Als gestärkt wurden bloss der FC St.Gallen und der FC Zürich angekündigt. Die Grasshoppers, einst mit der besten Nachwuchsabteilung ausgestattet, bedienten sich vor allem im Ausland. Die Heimatlosen, was das Stadion betrifft, verfügen offensichtlich wieder über finanzielle Mittel. Ob das reicht, um die Abgänge ihrer beiden besten Offensivleute Caio und Dabbur zu kompensieren, bleibt abzuwarten. Was die Leistungen auf dem Rasen angeht, beeindruckten Lausanne und St.Gallen in der ersten Runde mit dem grössten Spektakel, der FC Zürich mit seiner Dynamik und kombinatorischen Sicherheit auf der rein sportlichen Ebene. Wenn sich Aufstiegsschwung mit Qualität paart, dann ist der Rückkehrer kaum zu bremsen. Allerdings: Auch Lausanne hat sich vor einem Jahr wie Usain Bolt aus den Startpflöcken katapultiert. Der Elan reichte dann noch bis zur 5000-Meter-Distanz, aber nicht für den Marathon der Meisterschaft.

Rasenfieber: Der FC St.Gallen und der FC Sion haben Mühe mit der Rasenunterlage. Im Kybunpark machte nach dem Gabalier-Konzert, zumindest bis vor zwei Wochen, noch ein Pilz dem Wachstum zu schaffen. Die Walliser müssen wegen der Installation einer Rasenheizung gar in den ersten vier Runden immer auswärts antreten. Circa 1993 hatten die St.Galler ebenfalls Probleme mit der Spielunterlage auf dem Espenmoos; eine Ausweichmöglichkeit wurde just in der Nachbarschaft des heutigen Kybun-Parks gefunden: im Reiterstadion Gründenmoos. St.Gallen siegte gegen Xamax 4:0. Umgekehrt gastierte, man glaubt es kaum, einmal auch der CSIO auf dem Espenmoos, weil auf dem Breitfeld die Autobahn gebaut wurde: 1978 war gleichzeitig das Jahr, in dem der Nationenpreis erstmals in der Gallus-Stadt stattfand.

TV-Gerangel: Der Teleclub der Swisscom hat bei der Super-League aufgerüstet, überträgt neu alle Spiele auch in zwei Konferenzen und offeriert mehr Rahmenprogramm. Die Studiogäste Marcel Reif, Pascal Zuberbühler und Rolf Fringer, gewandet in piekfeiner Schale, wirkten dann aber im St. Jakob-Park gar kontrastreich im Vergleich zum rustikalen Geschehen auf dem Rasen. Der Teleclub forciert den nationalen Fussball, weil ihm die Felle beim nationalen Eishockey und zu einem grossen Teil bei der Bundesliga zur Konkurrenz MySports von Cablecom davongeschwommen sind. Cablecom ist nun im Vorteil, weil dort auch ein beachtliches Paket des Teleclub empfangen werden kann, umgekehrt kann Swisscom kein adäquates Angebot von MySports anbieten. Da fragt man sich, wo die Logik bleibt. Allerdings ist der Teleclub unter anderem mit der Super League, der Premier League, den Serie A und B, der österreichischen Bundesliga und nicht zuletzt der National Hockey League mit den besten Schweizer Eishockeyanern sowie mindestens einem Bundesligaspiel pro Runde gut aufgestellt. Ein Freak wird sich beide Angebote ins Haus holen. Das dürfte aber langfristig kaum ausreichen für die Existenz von zwei Pay-TV-Sportkanälen. Denn in der Schweiz sind wir über den so genannten freien Sender privilegiert wie nirgendwo sonst. Das zweite TV-Programm von SRF ist im Prinzip ein Sportkanal, der die Sendepausen mit Filmen und Serien füllt und bei Überangebot die Übertragungen auf den Infokanal und den Stream ausdehnt. Alles gebühren- und extrem werbefinanziert. (th)