GEGENTRIBÜNE: Nach dem Lausanne-Debakel: St.Gallens Kuschelparty ist vorüber

Zufriedenheit ist im Fussball eine seltene Gemütslage. Meistens sind die Anhänger euphorisch oder tief betrübt. Auch beim FC St.Gallen scheint die wohlige Phase nach dem Debakel gegen Lausanne wieder vorbei zu sein.

Fredi Kurth
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Ungläubige St.Galler nach dem Lausanne-Debakel: Roman Buess, Stjepan Kukuruzovic und Gjelbrim Taipi (v.l.n.r) (Bild: Keystone)

Ungläubige St.Galler nach dem Lausanne-Debakel: Roman Buess, Stjepan Kukuruzovic und Gjelbrim Taipi (v.l.n.r) (Bild: Keystone)

Der FC Zürich verliert im Derby ebenfalls 0:4, Gladbach gegen Leverkusen daheim 1:5. Fussball ist manchmal eigenartig. Die Anzeigetafel im Kybunpark zeigte ein Eckballverhältnis von 6:0 für St.Gallen an, nachdem die Waadtländer mit dem dritten Treffer den Match entschieden hatten. Continis Leute waren blind ins Verderben gestürmt. Zu Eckbällen reichte es, aber kaum zu Torchancen. Das sehr clever agierende Lausanne hatte davon einige mehr und vor allem glasklare. St.Gallens Defensivabteilung schien wie die Schweizer Luftwaffe nur zu Bürozeiten zu arbeiten und auf einem Sonntagsspaziergang zu sein. Doch dummerweise hatte am Freitagabend der Hauswart vergessen, das Eingangstor zu schliessen.

Elf Gegentore in drei Spielen

Sich nun mit andern Ergebnissen zu trösten und die Niederlage gegen den vermeintlichen Abstiegskandidaten als Betriebsunfall zu verniedlichen, könnte gefährlich sein. Elf Gegentore in drei Spielen lassen aufhorchen, denn auch in Sion hätte es eine Niederlage statt des glücklichen Siegs absetzen können.

Danijel Aleksic: Note 3.5. Ein guter Freistoss ist für einen wie ihn zu wenig. Bringt sich kaum ins Spiel ein. (Bild: pd)
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Marco Aratore: Note 4. Einer der aktivsten St. Galler. Versucht, auch nach dem Rückstand Verantwortung zu übernehmen. (Bild: pd)
Nassim Ben Khalifa: Note 3. Vergibt beim Stand von 0:1 aus drei Metern mit der Hacke St. Gallens beste Chance. (Bild: pd)
Roman Buess: Note 3.5. Kommt kaum zu Chancen. Kurz vor der Pause fällt er im Strafraum, der Pfiff bleibt aber aus. (Bild: pd)
Karim Haggui: Note 3.5. Ziehen die schnellen Lausanner auf ihn zu, wirkt St. Gallens Abwehrchef behäbig. (Bild: pd)
Silvan Hefti: Note 4. Nach seiner Verletzungspause weniger stilsicher als zuvor. Bringt nach der Pause über die rechte Seite aber etwas Schwung. (Bild: pd)
Philippe Koch: Note 3. Nach seiner Verletzungspause weniger stilsicher als zuvor. Bringt nach der Pause über die rechte Seite aber etwas Schwung. (Bild: pd)
Stjepan Kukuruzovic: Note 4. In der Angriffsauslösung vor allem zu Beginn St. Gallens Dreh- und Angelpunkt. (Bild: pd)
Daniel Lopar: Note 4. Der 32-jährige Goalie ist bei allen vier Gegentoren ohne Abwehrchance. (Bild: pd)
Yannis Tafer: Note 3.5. Kommt für Ben Khalifa in der 69. Minute, bewirkt aber wenig. (Bild: pd)
Gjelbrim Taipi: Note 4. Der Mittelfeldspieler wird zur Pause für Koch eingewechselt. Taipi fällt mit guten Pässen auf. (Bild: pd)
Peter Tschernegg: Nach zweimonatiger Verletzungspause in der 83. Minute eingewechselt.
Alain Wiss: Note 3.5. Er kann dem Lausanner Umschaltspiel wenig entgegensetzen. Offensiv einige gute Akzente. (Bild: pd)
Andreas Wittwer: Note 3. Das Spiel läuft am Berner vorbei. Zudem lenkt er beide Abschlüsse zum 0:1 und 0:2 entscheidend ab. (Bild: pd)

Danijel Aleksic: Note 3.5. Ein guter Freistoss ist für einen wie ihn zu wenig. Bringt sich kaum ins Spiel ein. (Bild: pd)


"Es ist immer zu wenig"

Dennoch: Im Fussball ist alles relativ. Das Stimmungsbarometer wechselt nach einem längeren Tief schon bei geringstem Anlass auf Sonnenschein. Umgekehrt kann bei Bayern München eine Niederlage ein Krisenszenario auslösen. Die Nadel pendelt nervös zwischen Sonnenschein und Regen, in der Super League ebenso wie in der Bundesliga. Treffend veranschaulicht hat dies Kölns Trainer Peter Stöger unlängst im "Kicker": "Bei uns in Köln ist es richtig schwer. Aber: Du hast als Bundesliga-Trainer doch eh keine ruhige Woche. Es ist zu wenig für die Bayern auf Platz 2. Es ist zu wenig für Leipzig, wenn sie ein Champions-League-Spiel nicht gewinnen. Es ist zu wenig für Hoffenheim, wenn die in Freiburg verlieren. Es ist für Hamburg gefühlt zu wenig, obwohl sie in der Liga bleiben. Als wir einmal 42 Punkte hatten, wurde diskutiert, wo wir Punkte haben liegen lassen."

St.Gallens "dunkle Nacht" 1968

War es denn früher anders? Im "Tagblatt" vom 19. April 1968 erschien die Kolumne "Wochenplauderei" mit Trainer René Brodmann. Der FC St.Gallen hatte gerade in Fribourg einen wichtigen Sieg errungen. "Es war, nach der zuweilen wirklich schwarzen Nacht in den vorhergehenden Spielen, endlich wieder herrlich Sonnenschein", sagte Brodmann, früher Abwehrchef beim FC Zürich. Das tönt nach Krise, doch in Tat und Wahrheit hatte sich St.Gallen damals an der Spitze der Nationalliga B etabliert und kehrte Ende Saison als Tabellenzweiter in die höchste Spielklasse zurück – 18 Jahre nach dem Abstieg aus der Nationalliga A. Der erwähnte Match war offensichtlich von ausserordentlicher Qualität. Brodmann: "Dass ein so begeisterndes Spiel zustande kam, ist auch der wirklich grossartigen Leistung der Freiburger zu verdanken."

Schon vor 50 Jahren keine leichten Spiele

Weitere Aussagen jener "Plauderei" klingen heute ebenfalls noch vertraut: "Ich möchte davor warnen", sagte Brodmann, "jetzt nur noch hochklassige Spiele von uns zu erwarten. Es ist unmöglich, gegen eine defensive Mannschaft, wie ich auch unseren nächsten Gegner Bern einschätze, eine solche Leistung zu wiederholen." Und: "Es gibt keine leichten Aufgaben während der Meisterschaft, schon gar nicht, wenn es dem Ende zugeht." Worte eines Trainers im Jahre 1968! Wahrscheinlich hat es im Fussball noch gar nie "leichte Aufgaben" gegeben. Doch Brodmann sollte sich täuschen: St.Gallen siegte gegen Bern 10:1.

Das Beispiel Winterthur

Als Tabellenführer stieg damals auch der FC Winterthur in die Nationalliga A auf. Er sollte in den kommenden Jahren zu einem Rivalen werden, der in der Tabelle und im "Ostschweizer Derby" den St.Gallern immer um eine oder mehrere Nasenlängen voraus war. Ein Journalistenkollege aus Winterthur konnte sich immer daran erfreuen, wie die Zürcher mit Spielern wie Timo Konietzka, Fritz Künzli, Ernst Meyer, Eigil Nielsen, Hilmar Zigerlig oder Rolf Bollmann der Crème des Schweizer Fussballs das Leben schwer machten.

Wie es meinem Kollegen von damals heute ergeht, weiss ich nicht. Aber als Winterthurer erlebte er nach dem Ende der goldenen 70-er-Jahre schlechte Zeiten. Just mit dem Wechsel von Trainer Willy Sommer aufs Espenmoos im Jahr 1975 wendete sich das Blatt. St.Gallen wurde die Nummer 1 in der Ostschweiz. Vielleicht schielten generell die Anhänger des FC Winterthur mit Bedauern in Richtung Bodensee – wo beim FC St.Gallen aber auch nicht immer alles zum Besten bestellt war. Weil eben im Fussball alles relativ ist. "Es ist immer zu wenig", würde Stöger formulieren.

St.Gallen eilt hinterher

Beim FC Winterthur scheint man sich indessen mit dem zweitklassigen Dasein abgefunden zu haben und pflegt zufrieden den Status des Kultvereins ohne Ambitionen, aber mit einem schmucken, alten Stadion. Der FC St.Gallen indessen eilt meistens den Erwartungen hinterher, die einst mit dem zweiten Meistertitel und vor rund zehn Jahren mit dem Bau der Arena geweckt worden sind. Das Spiel gegen Lausanne ist somit ein Klacks auf dem grossen Zeitbogen. Aber nicht vergessen: Andernorts, so in Neuenburg, Genf, Aarau, vielleicht ein bisschen auch in Winterthur, fände man sich gerne auf dem vierten Platz der Super League wieder. Kult ist der FC St. Gallen als ältester Fussballverein ohnehin.

Aufgefallen

Gutes Los für das Nationalteam? Ob Nordirland für die Schweiz ein guter Barrage-Gegner sei, darüber wurde zuletzt heftig diskutiert. Darauf kommt es aber nicht mehr an. Denn "Fussballspiele werden im Kopf entschieden." Diesbezüglich befindet sich die Schweiz in besserer Ausgangslage als noch vor dem Spiel gegen Portugal, auch wenn die Feststellung erstaunen mag. Denn was kann eine Mannschaft besser stimulieren als ein klarer Erfolg gegen Ungarn und lauter Siege davor? Nicht viel. Aber es geht nicht um Stimulation, sondern Konzentration. Die Spieler fühlten sich bereits wie Weltmeister, unterstützt von einem euphorischen, erstaunlicherweise auch in den Medien wenig kritischen Umfeld. Das hat sich nun schlagartig geändert. Die mentale Bereitschaft der Spieler wird besser sein, allerdings verbunden mit dem Hinweis: Fussballspiele werden nicht nur im Kopf entschieden.

Leipzig, die Zweite. Ich habe mich schon gefragt, ob es im Zuge der zahlreichen Wettbewerbe im Fussball nicht auch eine europäische Konkurrenz mit dem noch zu straffenden Begriff "Städtecup der Bundesverwaltungsgerichte" geben könnte. So abwegig ist das nicht. Denn tatsächlich existierte von 1955 bis 1971 schon der Messestädtecup, der Vorgänger zum Uefa-Cup, heute Europa-League. Daran durften aus der Schweiz Basel und Lausanne teilnehmen. St.Gallen als Olma-Stadt blieb hingegen schnöde unberücksichtigt. Meine Idee entstand, als ich kürzlich in Leipzig weilte, wo sich das deutsche Bundesverwaltungsgericht befindet – also das Pendant zum BVGer in St.Gallen: Diesmal käme man an der Gallusstadt nicht mehr vorbei. Mit dem praktischen Vorschlag kann ich zudem meinen gravierenden Fehler in der "Gegentribüne" von vergangener Woche galant korrigieren. Ich dachte: Die Stadt Leipzig, in welcher das Bundesverwaltungsgericht steht und die den Osten Deutschlands in der Bundesliga vertritt, ist zweifelsohne auch die Hauptstadt des Bundeslandes Sachsen. Doch diese Ehre fällt Dresden zu. (th)