GEGENTRIBÜNE: Mit Contini auf Berg- und Talfahrt

Gegen den FC Sion souverän gewonnen; gegen Luzern nur drei Tage später sang- und klanglos untergegangen; und dann wieder ein Kantersieg im Cup gegen Baden - das ist der FC St.Gallen, Ausgabe Sommer 2017. Solche Schwankungen einer Fussball-Mannschaft verlangen nach einer Erklärung.

Fredi Kurth
Drucken
Teilen
St.Gallens Cheftrainer Giorgio Contini. (Bild: BENJAMIN MANSER (KEYSTONE))

St.Gallens Cheftrainer Giorgio Contini. (Bild: BENJAMIN MANSER (KEYSTONE))

Man könnte einfach eine Phrase dreschen. Die einzige Konstante beim FC St.Gallen sei die Unbeständigkeit. Doch damit ist des Pudels Kern noch nicht getroffen. Denn in den vergangenen zwei Jahren war der FC St.Gallen ziemlich beständig - er war beständig schlecht. Wenn sich jetzt gute und schlechte Leistungen so abwechseln wie Sonnenschein und Regenguss, ist das bereits ein Fortschritt. Immerhin konnte seit Giorgio Continis Antritt auch die Torproduktion gesteigert werden, nachdem St.Gallen während zwei Saisons  am wenigsten Tore aller Super-League-Teams erzielt hatte.
 

Bei Kontern sehr ungeschickt

Dennoch sind die jetzigen Schwankungen in dieser Ausprägung schwer zu erklären, und der Anhänger fragt sich, auf welche Seite das Pendel im jeweils nächsten Spiel ausschlagen wird. Die unterschiedliche Anzahl der Torchancen zeigt den krassen Unterschied in den beiden letzten Meisterschaftspartien: 11:6 (4:2) gegen Sion. 1:5 (0:2) gegen Luzern. Mit anderen Worten: Luzern hatte nicht mehr Torchancen als die Walliser. Aber die Innerschweizer traten ganz anders auf als das Team von Christian Constantin. Sie übernahmen die Initiative und liessen gefühlt minutenlang den Ball hinten herum zirkulieren, ohne dass die St.Galler Anstalten machten, dagegen etwas zu unternehmen.

Geduld war gegen Sion gefragt. Geduld gegen Luzern war das falsche Mittel. Immerhin ergaben sich aus dieser Konstellation zwei, drei vielversprechende Kontermöglichkeiten noch in der ersten Halbzeit. Doch da stellten sich St.Gallens Angreifer sehr ungeschickt an. Giorgio Contini vermutete auch fehlende Frische bei seiner Mannschaft, was so früh in der Saison erstaunlich ist. Möglicherweise wurden die Innerschweizer nach dem mühsamen Start in Meisterschaft und Europa League aber auch ein wenig unterschätzt. 
 

Im Cup hatte just Luzern Mühe

Wenigsten der zweite Anzug sitzt bei den Espen. Mit sieben neuen Spielern kam St.Gallen in Cup beim FC Baden locker weiter. Das traf auf die meisten Super-League-Teams zu. Doch just Luzern hatte daheim gegen Kriens - nebst dem FC Basel - am meisten Mühe, weiterzukommen.
 

Wo Beständigkeit Tradition hat

Was sich manchmal schwer erklären lässt, hat aber auch mit Beständigkeit im konkreten Fall zu tun. Der FC St.Gallen zum Beispiel sieht daheim gegen Sion fast immer gut aus, kommt aber seit vielen Jahren zu keinem Sieg bei den Young Boys. Die Berner ihrerseits haben von den letzten sechs Heimspielen gegen Basel fünf gewonnen, aber seit den 1980-ern keinen Titel mehr geholt, nicht einmal die Cuptrophäe. Klar ist des weiteren, dass der FC Thun immer dann reagiert, wenn er abgeschrieben wird - diesmal nach drei Niederlagen mit einem 4:0 just gegen diese heimstarken Young Boys. Und Lausanne ist seit Oktober des vergangenen Jahres ohne Heimsieg.
 

Die präzisere Hochrechnung

Früher habe ich mit einer speziellen Methode präziser zu erheben versucht, wie der FC St.Gallen aufgrund bisheriger Ergebnisse im weiteren Verlauf abschneiden würde. Dabei habe ich auch eingeschlossen, welche Resultate die anderen Teams der damaligen Nationalliga A gegen die gleichen Gegner der St.Galler erzielt hatten. Nach drei Partien ist die Relevanz noch etwas dürftig, aber vielleicht doch bezeichnend. Der FC St.Gallen würde demnach Ende Saison einen Rang von vier bis sieben belegen. Besser klassiert wären Basel (bisher +3 Punkte gegenüber dem FCSG), Luzern (+ 3) und Lugano (+2), schlechter Sion (- 1), Lausanne (-3) und Thun (-3). Mit den Young Boys, Grasshoppers und dem FC Zürich fehlen bis dato sowohl direkte als auch indirekte Vergleiche.

Die Erklärung anhand von zwei Beispielen: Im Vergleich zu Sion stehen wir nur um einen Punkt besser da, weil wir die direkte Begegnung zwar gewonnen haben, Sion aber in Lausanne gewonnen hat und wir dort nur unentschieden spielten. Basel hat gegenüber St.Gallen plus drei Punkte, weil es daheim gegen Luzern gewonnen hat, St.Gallen aber leer ausging. Nicht berücksichtigt ist hingegen das 2:2 zwischen Luzern und GC, weil die Zürcher im Gegensatz zu St.Gallen auswärts angetreten sind.
 

Zwei Chancen für einen Auswärtssieg

Der FC St.Gallen muss sich auswärts steigern, will er aus der unteren Tabellenhälfte hochklettern. Er gewann vergangene Saison nur viermal auswärts, ein Jahr davor sogar nur dreimal. Gelegenheit bietet sich nun am Mittwoch in Lugano und am Sonntag bei den Grasshoppers. Das Wiederholungsspiel im Tessin dürfte besonders heikel werden, denn just Lugano weist darauf hin, gegen St.Gallen immer gut gespielt zu haben. . . Bei einer Niederlage im Cornaredo würde sich St.Gallens Zwischenbilanz gegenüber Lugano nach der Kurth’schen Rechnungsmethode auf minus 5 verschlechtern und gegenüber dem FC Zürich auf minus 1, weil der Aufsteiger in Lugano ein Remis erreicht hat. Alles klar?
 

Aufgefallen

Videobeweis in der Bundesliga. Zwei fussballhistorische Neuheiten sind mit dem Start zur Bundesliga am kommenden Wochenende verbunden. Erstmals wird eine Frau in der höchsten deutschen Liga Spiele leiten. Sie heisst Bibiana Steinhaus. Von noch grösserer Tragweite könnte die Einführung des Videobeweises werden. Projektleiter Hellmut Krug verspricht, dass die Verwirrung viel weniger gross sein werde als während des Confederations Cup. Denn in der Bundesliga wurde das Verfahren bereits eine Saison lang getestet. Die Big Brothers vor dem Bildschirm liessen verlauten, dass sie gerne da und dort haarsträubende Fehler korrigiert hätten. Und um diese geht es und nicht um so genannte umstrittene Entscheidungen. Eingriffe durch den Videoassistenten dürfte es somit weniger geben als befürchtet. Sehr präzise, mit einem speziellen Netzverfahren, kann nun aber das Offside ermittelt werden. Ein Tor, das aus Offside-Position erzielt wird, ist somit rasch korrigierbar. Hingegen kann ein fälschlicherweise zurückgepfiffener Angreifer nicht mehr ein zweites Mal losgeschickt werden. Die Linienrichter sind somit noch mehr als bisher angewiesen, im Zweifel die Fahne unten zu lassen. Wenn daraus kein Tor fällt oder kein Penaltyentscheid entsteht, ist ja nichts geschehen. Sonst kann aber immer noch der kritische Moment des Angriffs nachträglich begutachtet werden. Die Fifa entscheidet im März 2018, ob der Videobeweis definitiv eingeführt wird.
 
Der Wert von Albian Ajeti. Nicht von der Ablösesumme ist hier die Rede, sondern von der sportlichen Qualität Albian Ajetis. Als der Stürmer beim 2:0-Sieg gegen Sion sein Comeback gab, stand es noch 0:0. Ein Tor steuerte er selber bei. Gegen Luzern bei der einzigen Chance der St.Galler traf er die Latte. Dass er auf dem Kunstrasen gegen Baden geschont wurde, ist von Trainer Giorgio Contini mit dem Hinweis auf die kurze Zeit seit der Rehabilitation einleuchtend erklärt worden. Jedenfalls ist diese Begründung glaubhafter als das angeblich weitere Bemühen von Spal Ferrara, wie es vergangenen Samstag in der "La Gazzetta dello Sport" beschrieben wurde. (th)