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Kolumne

Gegentribüne: Mehr Qualität beim FC St.Gallen – und erst noch gratis

Es war eine schöne englische Woche für den FC St.Gallen. In der Meisterschaft wäre sie sieben Punkte wert gewesen. Das Ausscheiden aus dem Cup schmerzt indessen sportlich und finanziell, ist aber für die Ostschweizer Business as usual.
Fredi Kurth
Fredi Kurth, Kolumnist der Gegentribüne. (Bild: Ralph Ribi)

Fredi Kurth, Kolumnist der Gegentribüne. (Bild: Ralph Ribi)

Das Walliser Fondue am Sonntagabend schmeckte vorzüglich, nachdem ich am Donnerstagabend auf das Raclette verzichtet hatte. Dann hätte nämlich nicht nur die Niederlage im Cup auf den Magen geschlagen. Am Sonntagnachmittag allerdings hatte ich mich beim Kaffee und Kuchen beinahe verschluckt, als die Aufstellung des FC St.Gallen publik wurde. Sechs neue Leute in der Anfangsformation – das ist rekordverdächtig. Dabei hatte die Mannschaft drei Tage zuvor gar nicht so schlecht gespielt. Doch Zeidlers Plan funktionierte. Zuerst schickte er Frische in den Kampf, bei drei neuen Spielern auf Seiten des FC Sion, in der zweiten Halbzeit mit Kutesa, Ashimeru und Barnetta Qualität. Dass die St.Galler mit einem billigen Eigentor gewannen, wirkte wie ein Hohn. Bei normaler Auswertung von fünf hochkarätigen Chancen ab Mitte zweiter Halbzeit hätte das Endergebnis drei oder vier zu null lauten müssen.

So erfüllt Barnetta die Erwartungen

Fast alle verfügbaren Kaderspieler haben innerhalb von acht Tagen längere Einsatzzeit bekommen. Und davon wiederum fast alle haben sich empfohlen. Slimen Kchouk zum Beispiel auf der linken Abwehrseite, im Cup überzeugend sowohl in der Defensive als auch Spielauslösung, Kekuta Manneh als klassischer Flügel an der Aussenlinie entlang, und Alessandro Kräuchi als Talent aus dem eigenen Nachwuchs. Nicht zuletzt brachten die Routiniers Tranquillo Barnetta und Alain Wiss mehr Stabilität in die Mannschaft. Barnetta ist, jetzt da er von Verletzungen verschont bleibt, auf bestem Weg die ihm zugedachte Rolle als Teamleader und Moderator einzunehmen, was in der Kabine wahrscheinlich schon immer der Fall war. Nicolas Lüchinger dürfte den Kampf um Startplätze ebenfalls wieder verschärfen. Noch unbeantwortet ist die Frage, wozu Musah Nuhu und das zuvor lange verletzte Jungtalent Miro Muheim fähig sind.

St.Gallens Palette ist also breiter geworden, ohne dass die Klubleitung dafür einen Rappen ausgeben musste. Spannend zu verfolgen, was das in den kommenden Wochen zu bedeuten hat, wenn der Gegner nicht zweimal Sion heisst. Doch der Sieg gegen den FC Zürich, der in zwölf Spielen inklusive Europa League nur einmal, also gegen St.Gallen, verloren hat, erscheint von zunehmend kostbarerem Wert.

Was für Buess spricht

Im Moment ungenügend ist die Chancenauswertung, was auch ausschlaggebend für das Ausscheiden im Cup war. Fast ausschliesslich hatte dabei Roman Buess Kopf oder Fuss im Spiel, nachdem er am Anfang noch zwei Chancen vorbereitet hatte. Dass er an diese Gelegenheiten immer wieder herankam, spricht aber für ihn. Buess wäre ein idealer Partner für den verletzten Torjäger Cedric Itten, während Nassim Ben Khalifa seiner Form auf eigenartige Art hinterher läuft.

Keine Tradition im Cup

Viele Anhänger scheinen sich mit der Cupmisere abgefunden zu haben. Der Finalalptraum von 1998 scheint den Klub bis zum heutigen Tag zu verfolgen. Halbfinalchancen gegen Wil und Lausanne wurden daheim kläglich vergeben. Erst einmal hat St.Gallen in all den Jahren den Cup gewonnen. Fast 50 Jahre sind es her. Aber Zeidler glaubt daran, in der nächsten oder übernächsten Saison mit den Espen nach Bern zu fahren. Und die Fans glauben an ihn, weil er mit seinen Massnahmen, mögen sie noch so verrückt erscheinen, fast immer richtig liegt.

Aufgefallen

In der ersten Halbzeit während des Spiels in Sion habe ich mich einfach einmal ins Nebenzimmer begeben. Der Match schien mir ausserordentlich fade und langweilig zu sein, während ihn der Teleclub-Kommentator als so intensiv beschrieb wie der Cupfight. Die unterschiedliche Wahrnehmung könnte daran gelegen haben, dass ich am Vorabend auf dem gleichen TV-Kanal Arsenal gegen Liverpool genossen habe. In 60-jähriger Fussballbeobachtung die Top Ten der besten Spiele zu nennen, ist eigentlich unmöglich. Würde mir das aber jemand mit gezückter Pistole befehlen, nähme ich dieses Spiel in die Wertung. So wie das Spiel des Jahrhunderts 1970 in Mexiko, Italien gegen Deutschland. Oder Schweiz gegen Rumänien 1994 an der WM in den USA. Oder wie St.Gallen gegen Chelsea im Uefa-Cup (heute Europa League) auf dem Hardturm. Es war Fussball in Vollkommenheit, was Arsenal und Liverpool boten. Fussball in höchstem Tempo und gleichzeitig in höchster Präzision, in allen taktischen Varianten, mit Chancen hüben und drüben, mit einem Granit Xhaka und einem Schiedsrichter, die sich ebenfalls in Gala-Form präsentierten. Nur das nüchterne 1:1 verrät nichts über das sinnbetörende Geschehen.

Das Spiel erinnerte mich an eine Begebenheit aus dem Jahr 1975. Ich besuchte mit Tagblatt-Sportredaktor Kurt Höhener das Lokalderby Tottenham gegen West Ham. Wir fuhren mit meinem VW locker durch London und stellten den «Käfer» auf einem Parkplatz gleich neben dem Stadion an der White Hart Lane ab. Obwohl es sich nur um ein Ligacup-Spiel handelte, sagte Höhener danach: «Dieser Fussball ist nichts für unsere Fussballer daheim». Er meinte das hohe Tempo, das die Engländer anschlugen, und es waren damals ausschliesslich Engländer, die im Einsatz waren. Aber daheim freuten sich alle am FC St.Gallen in der ersten Saison mit Trainer Willy Sommer. Es gab damals noch keine Live-Übertragungen von englischem Erstklass-Fussball, ein Vergleich war schlicht nicht möglich. Jetzt aber schon, und er ist ungerecht. Denn nicht immer erreicht die Premier League das Niveau vom Samstagabend. Erst wenige Wochen sind vergangen, da trennten sich Liverpool und Manchester City 0:0. Zum Gähnen.

Ähnlich langweilig könnte die Super League werden, welche die europäischen Spitzenvereine planen – eine selbständige 16-er Liga. Als ob die Champions League nicht schon attraktiv genug wäre, wollen sie aus reiner Geldgier ausscheren und sich selbständig machen. Doch gerade diese Rechnung könnte nicht aufgehen. Denn dann würde nach anfänglich hohem Reiz auch dort der Meisterschaftsalltag einkehren. Mannschaften, die nun in Serie Titel holen, sähen sich plötzlich und möglicherweise über Jahre im Tabellenmittelfeld oder sogar am Ranglistenende herumturnen, wären plötzlich ganz gewöhnliche Klubs wie Huddersfield, Mainz oder Sassuolo. Mehr noch: Mit 20-jähriger Garantie für die Ligazugehörigkeit gäbe es auch keinen Abstiegskampf mehr, der ja oft reizvoller ist als das Titelrennen. Was der Spiegel und die Homepage Football Leaks mit Whistleblower John am Wochenende veröffentlicht haben, dürfte hieb- und stichfest sein. Wie schon die Buchpublikation von 2017, als die schmutzigen Geschäfte im Profifussball bis ins letzte Detail eindrücklich aufgezeigt wurden. Die Resonanz war erstaunlich gering, wahrscheinlich weil im Grundsatz schon lange bekannt war, was sich hinter den Kulissen abspielt und sich der Fan schliesslich doch nur für das Geschehen auf dem Rasen interessiert – und begeistert. Einige mögen abspringen ob der Masslosigkeit und Verlogenheit, neue kommen aber mit der TV-Verbreitung immer wieder dazu. Was jetzt veröffentlicht wurde, muss den Fussballfreund interessieren, weil es um die Organisation des Fussballs geht. So wie er sich empört, dass die WM-Endrunde aus monetären Gründen von 32 auf 48 Teams zum globalen Grümpelturnier verwässert werden soll und dass Meisterschaftsspiele am Freitag- und Montagabend stattfinden. Noch ist es nur eine Absichtserklärung, welche die Topklubs im November verabschieden wollten, aber aufgrund der Veröffentlichung durch Football Leaks wahrscheinlich sein lassen. Doch das Thema ist nicht vom Tisch, und es ist erstaunlich was Football Leaks an kaum dementierten Vorwürfen zum Vorschein bringt. 70 Millionen Dokumente sind es inzwischen, die von 80 Rechercheuren in acht Monaten ausgewertet wurden. Das sind pro Tag 3645 Dokumente, die ein Mitarbeiter zu prüfen hatte, umgerechnet auf eine 7-Tagewoche. «Cristiano Ronaldo und mehrere Dutzend weitere Topspieler mussten nach den Enthüllungen millionenschwere Straf- und Nachzahlungen an die Staatskasse leisten», schreibt der Spiegel in der Samstagausgabe. Weiter so. (th)

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