GEGENTRIBÜNE: Lehrstunden im Kybunpark

Die Arena des FC St.Gallen bietet mehr als nur Fussball. Popkonzerte, Stadionführungen und Indoor-Anlässe stehen ebenfalls auf dem Programm. Doch auch der Fussball ist extrem vielseitig. Kürzlich gab es dort Lehrstunden in Nachwuchsförderung und Pyrotechnik.

Fredi Kurth
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Die Fans des FC St.Gallen präsentierten vor dem Heimspiel gegen Luzern eine aufwändige Choreographie. (Bild: Martin Meienberger/freshfocus (freshfocus))

Die Fans des FC St.Gallen präsentierten vor dem Heimspiel gegen Luzern eine aufwändige Choreographie. (Bild: Martin Meienberger/freshfocus (freshfocus))

Für einmal war die Choreografie im Espenblock von kryptischer Aussagekraft: "Aerosol und Magnesium" stand auf dem Breitband geschrieben. Aerosole kommen beispielsweise in einem Medikament gegen Lungenkrankheiten zum Einsatz; die Wirkung von Magnesium ist bekannt. Der Verdacht, dass die Spieler des FC St.Gallen mit diesen Zutaten zu mehr Laufarbeit und muskulösem Einsatz aufgerufen werden sollten, dürfte aber falsch gewesen sein. Denn Aerosol und Magnesium dienen auch der Herstellung von pyrotechnischen Produkten.

Wichtiger als Hausaufgaben
Verständlicher war vergangene Woche die Choreo der Borussen-Fans in Dortmund. Sie hatten Zeitungsseiten des "Kicker-Sportmagazins" zu riesigen Formaten herauskopiert. Und zwar mit dem Text zum 5:0-Erfolg ihrer Mannschaft aus dem Jahr 1963. Dazu stellten sie das Spruchband: "Morgen schreiben die Gazetten wieder: Borussia spielt Benfica nieder". Welch prophetische Ankündigung und Aufmunterung! Dortmund gewann das Rückspiel im Meistercup gegen die Portugiesen auch diesmal, nun mit 4:0.

Daniel Lopar: Note 5: Der gewohnt sichere Rückhalt. Zweimal wird der Romanshorner so richtig geprüft, beide Male bewahrt er den FC St.Gallen vor einem Rückstand. (Bild: pd)
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Martin Angha: Note 3: Nicht immer sattelfest in seinen Aktionen, hat Stürmer Tomi Juric ein- zweimal nicht im Griff. Steigert sich mit Fortdauer der Partie und verletzt sich kurz vor Spielschluss. (Bild: pd)
Roy Gelmi: Note 5: Der Jungspund mausert sich zum unverzichtbaren Eckpfeiler im defensiven Mittelfeld. Ruhig am Ball, mit einigen Offensivaktionen. (Bild: pd)
Karim Haggui: Note 5: Steht wie ein Fels in der Brandung, hat die Abwehr gut im Griff. Bei Eckbällen im gegnerischen Sechzehner stets gefährlich. (Bild: pd)
Andreas Wittwer: Note 4: Soll offenbar mit den Young Boys verhandeln. Wittwer rettet einmal vor Juric, ansonsten ein emsiger Arbeiter an der Seitenlinie. (Bild: pd)
Silvan Hefti: Note 4: Nicht das beste Spiel des Goldachers, mit Unsicherheiten. Doch letztlich liegt es auch an ihm, dass Luzern wenige Torchancen erhält. (Bild: pd)
Marco Aratore: Note 3: Läuft viel, findet aber im Angriff selten ins Spiel, bisweilen fehlt die Bindung. Defensiv tadellos, doch der Juve-Fan hat gewiss schon bessere Partien gezeigt. (Bild: pd)
Tranquillo Barnetta: Note 4: Lange nicht gesehen, weil er wegen Tokos Ausfall defensiver agieren muss. Steigert sich in der zweiten Halbzeit und steht am Ursprung des Ausgleichtreffers. (Bild: pd)
Yannis Tafer:Note 4: Eigentlich nie gesehen, bis auf eine Ausnahme, und diese ist entscheidend: Tafer erzielt nach dem Rückstand sofort das 1:1 und rettet den St.Gallern einen Punkt. (Bild: pd)
Albian Ajeti :Note 4: Sein Pfostenknaller in der 66. Minute hätte ein Tor verdient gehabt. Man sieht in vielen Aktionen sein Talent, seine Wucht. Hat manchmal aber auch Leerläufe. . (Bild: pd)
Roman Buess: Note 4: Rackert als Mittelfstürmer lange unglücklich, die Vorarbeit zum Ausgleich jedoch ist schlichtweg hervorragend. Kommt aber selten in eine Abschlussposition. (Bild: pd)

Daniel Lopar: Note 5: Der gewohnt sichere Rückhalt. Zweimal wird der Romanshorner so richtig geprüft, beide Male bewahrt er den FC St.Gallen vor einem Rückstand. (Bild: pd)


Der "Kicker" und das "Sportmagazin", damals noch nicht fusioniert, gehörten für mich in den 1960-ern ebenso zur Pflichtlektüre wie die Zeitung "Sport", die dreimal in der Woche erschien. Am Montagnachmittag war nach der Schule der erste Gang zum Kiosk, wo der "Kicker" bereits auflag. Und natürlich kam die Lektüre vor den Hausaufgaben, die warten mussten - manchmal vergebens.

Spielervermittler als Seelenverkäufer
Heute habe ich das entsprechende E-Paper-Angebot abonniert, das neben der aktuellen Ausgabe jede Nummer seit der Gründung der Bundesliga zugänglich macht. So läuft für mich – anders als bei einem zusammenfassenden Buch – der Fussballfilm jener Zeit nochmals in voller Länge ab, gleichsam als Endlosserie. Ich nehme an, die Dortmunder Fans haben sich ebenfalls aus diesem Archiv bedient, das im Januar 1963 beginnt und somit auch noch das verbissene Ringen um die damals erst 16 Plätze umfassende Bundesliga wiedergibt. So war beim Start 1860 München dabei, nicht jedoch Bayern München.

Die St.Galler Anhänger präsentierten vor dem Spiel eine prächtige Choreographie. (Bild: Freshfocus)
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Trainer Joe Zinnbauer wird von Maskottchen Gallus geherzt. (Bild: Freshfocus)
Gute Stimmung im Gästeblock. (Bild: Freshfocus)
Bild: Michel Canonica
Bild: Michel Canonica
Bild: Michel Canonica
Bild: Michel Canonica
Bild: Michel Canonica
Bild: Michel Canonica
Bild: Michel Canonica
Bild: Michel Canonica

Die St.Galler Anhänger präsentierten vor dem Spiel eine prächtige Choreographie. (Bild: Freshfocus)


Erstmals einen indirekten Bezug zum FC St.Gallen, der damals noch in der dritthöchsten Spielklasse spielte, finde ich beim Titel: "Johannsen verliest seinen Spielern die Leviten". Der Norddeutsche brachte damals den 1. FC Saarbrücken in die Bundesliga. Ein paar Nummern später entdecke ich den Namen Lörincz. Da damals die Spieler noch ohne Vornamen genannt wurden, nehme ich an, dass es sich um Tibor Lörincz handelte. Der Ungare, der auch für Brühl spielte, wurde in einem Artikel zu den ersten Spielervermittlern genannt, mit dem bekanntesten namens Dr. Georg Otto Ratz, dem "Mister zehn Prozent“. Als "Seelenverkäufer" wurden sie damals noch beschimpft.

Weltklasse mit Tabakladen finanziert
Was das Archiv von Nummer zu Nummer wertvoll macht, sind die Querbezüge. So spielte 1963 der deutsche Internationale Klaus Stürmer im besten Fussballalter beim FC Zürich. Später sollte Timo Konietzka folgen. Dem gleichzusetzen wäre heute, wenn Mesut Özil oder Marco Reus bei Basel oder den Young Boys spielen würden. Zu erkennen ist somit die flache Hierarchie der europäischen Fussballlandschaft zu jener Zeit. In der höchsten englischen Liga spielten fast ausschliesslich britische Fussballer. Und FCZ-Präsident Edi Naegeli, genannt "Stumpen-Edi", konnte sich Weltklassefussballer als Besitzer eines Tabakladens leisten. Umgekehrt spielten die besten Fussballer der Schweiz fast ausschliesslich in der Nationalliga A.

Geldnot zwingt zur Vernunft
Die schwindende Attraktivität der Super League hat auch mit dem Wegzug der besten Schweizer Fussballer zu tun; es müssen nicht einmal Internationale sein, wie die Beispiele von Zuber, Freuler oder Garcia zeigen. Die Entwicklung lässt sich kaum aufhalten. Was aber zu korrigieren wäre: Die Abgänge werden häufig durch wenig bekannte Ausländer kompensiert statt durch einheimischen Nachwuchs. Tendenziell verfallen dabei eher die Teams der oberen Tabellenhälfte diesem Übel, schaut man sich die Startformationen an (wie kürzlich an dieser Stelle dargelegt). Nicht zufällig: Denn erst, wenn die finanziellen Mittel knapp werden, erinnern sich die Vereine der heimischen Scholle. Klassisches Beispiel ist aktuell der FC Thun, der sich unter Jeff Saibene erstaunlich entwickelt.

FC St Gallen sucht den Kompromiss
Der FC St.Gallen gibt jährlich drei bis vier Millionen Franken für Future Champs und Akademie aus. "In der Ostschweiz sind mindestens so viele Talente anzutreffen wie im Raum Basel", sagte unlängst Marco Otero, der Technische Leiter von Future Champs Ostschweiz, an einem Treffen der Ehemaligen im Kybunpark. "Wir können die jungen Leute an die Schwelle zum Spitzenfussball heranführen. Was dann geschieht, liegt nicht mehr in meiner Zuständigkeit." Otero drängt nicht und schimpft nicht. Die Beispiele von Roy Gelmi und Silvan Hefti sollten aber ermutigen, zumindest die Kaderergänzungen durch eigene Leute zu vollziehen. Der FC St.Gallen geht seit einiger Zeit einen Weg der Kompromisse, mit Routiniers, bewährten Schweizer Spielern und eigenen Leuten. Die diskutierte Erweiterung der Spitzenliga auf 12 oder 14 Teams würde auch wieder mehr Plätze schaffen in der sogenannten Ausbildungsliga, was in Anbetracht der vielen talentierten Fussballer, die heute vorbildlich geschult werden und auf diese Karte setzen, dringend notwendig ist.

 

Aufgefallen

Bei Sion gegen St.Gallen und St.Gallen gegen Luzern standen ausschliesslich deutsche Trainer an der Seitenlinie. Beide Male waren sie, deutsche Schule eben, auf Pressing und rasches Umschalten bedacht. Von den drei Teams verteidigte Sion am höchsten, also am weitesten vorne. St.Gallen versuchte beide Male von weiter hinten den Gegner zu überlisten. Gegen Luzern gelang das weniger gut. Trotz übereinstimmender Philosophien war der Unterhaltungswert der beiden Spiele unterschiedlich. Im Wallis hatte Sion doppelt so viele Chancen wie nun die Luzerner, St.Gallen musste sich hier wie dort mit einem halben Dutzend Möglichkeiten begnügen. Trotzdem: Als Luzern das Tor schoss, lautete das Verhältnis 5:1 für die Innerschweizer. Gegen Ende war es dann fast ausgeglichen; auf St.Galler Seite hatten Ajetimit dem Pfostenschuss und Hagguimit dem Kopf noch Grosschancen, Gelmiverdiente sich eine Möglichkeit auf meinem Strichliblatt mit einem fulminanten Weitschuss knapp am Gebälk vorbei. Ja, es war diesmal kein Spiel für Feinschmecker raffinierter Fussballkost sondern eher eines für Vielfrasse eines unsäglichen Gewurstels. Nun, man kann es auch positiv sehen, und die beidseits enorme Laufarbeit und das Sich-nichts-Schenken als dynamisch und im Hin und Her doch als attraktiv bezeichnen. Es war kein Spiel, in dem sich individuelle Klasse präsentieren konnte. Die St.Galler zeigten dennoch ab und zu verblüffende Kombinationen im Kurzpass, was aber bei verspätetem Abschluss oft zum Selbstzweck verkümmerte. Barnetta, der wie in Sion an der Vorbereitung des ersten Tors und bei schneller Ausführung des Freistosses auch beim Pfostenschuss Ajetis beteiligt war, gab anstelle vonToko positive Hinweise auf eine spielerisch stärkere Variante im zentralen Mittelfeld.

In der 51. Minute hat der FC St. Gallen sein Tor erhalten. Sein Tor? Ja - sein Tor. Die nach Basel zweitbeste Defensive der Liga bekommt in diesem Kalenderjahr schön regelmässig einen Gegentreffer eingeschenkt, nicht mehr und nicht weniger. Die Ausnahme in sechs Spielen bildete das 2:2 im Auswärtsmatch gegen die Young Boys. Führen wir die Abweichung auf den Kunstrasen zurück. (th)