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Kolumne

Gegentribüne: Klosterkirche und Kybunpark – der Unterschied ist gar nicht so gross

Der FC St.Gallen feiert am 20. April beim Heimspiel gegen Luzern seinen 140. Geburtstag. Es ist die Gelegenheit, auch einmal die Frage zu stellen, wie wichtig uns dieser Verein ist. Und ob wir mit unseren Gefühlsschwankungen nicht übertreiben.
Fredi Kurth
Identifikationsstiftung der unterschiedlichen Art: Die St.Galler Kathedrale und der Espenblock. (Bilder: Urs Jaudas/Urs Bucher)

Identifikationsstiftung der unterschiedlichen Art: Die St.Galler Kathedrale und der Espenblock. (Bilder: Urs Jaudas/Urs Bucher)

Vergangene Woche hat Bischof Markus Büchel einen offenen Brief zum Thema sexuelle Übergriffe in der Kirche geschrieben. Er machte bemerkenswerte Aussagen, die auch nach Auffassung weiterer katholischer Mandatsträger bis nach Rom Wellen schlagen werden. «Nicht die Aufklärung spaltet, sondern die (sexuelle) Gewalt», heisst es in der Überschrift.

Es gehe nicht an erster Stelle um den guten Ruf der Kirche und um den Schutz der Täter, sondern um die Perspektive der Opfer, schreibt der Bistumsleiter weiter. Die Kirche hingegen habe die Verbrechen vertuscht, das Leid der Opfer verdrängt und es damit noch vergrössert.

Gott und die Fussballgötter

Im «Tagblatt» hat Büchels unmissverständliche Stellungnahme einen bescheidenen Bruchteil jener Berichterstattung eingenommen, die den gerichtlichen Vorstoss von Fussballer Nassim Ben Khalifa behandelte. Ein Missverhältnis? Mag sein. Vielleicht aber reagieren Medien generell nur auf das tatsächliche Interesse, das heutzutage Gott auf der einen und den Fussballgöttern auf der andern Seite entgegengebracht wird.

Unser Mann auf der Gegentribüne: Fredi Kurth. (Bild: Urs Jaudas)

Unser Mann auf der Gegentribüne: Fredi Kurth. (Bild: Urs Jaudas)

Ich kenne Menschen, die am Montagvormittag immer noch Trauer tragen, wenn der FC St.Gallen am Samstag verloren hat. Genau so, wie Menschen an Gott verzweifeln, wenn sie von einem schweren Schicksalsschlag getroffen worden sind.

Und Fussballanhänger huldigen ihren Stars abgöttisch, wenn diese wieder einmal Fussball zum Verlieben gezeigt haben. So wie Menschen Gott plötzlich wieder danken, wenn sie an einem sonnigen Tag durch die von ihm erschaffene Natur spazieren.

Die Schnittstelle auf der Kreuzbleiche

In der Kirche geht es primär um Seelsorge und Glaubenskraft, im Fussball um sportliche Emotionen und Imponiergehabe. Dennoch liegen die Anliegen weniger weit auseinander, als vermutet werden könnte. Die Pfarrer und Priester möchten gerne ihre Gotteshäuser, die Vereinspräsidenten ihre Stadien bis auf den letzten Platz gefüllt sehen.

In diesem Bestreben hat der Fussball in den vergangenen Jahren wesentlich mehr Schäfchen an sich gebunden als die Kirche, die sich seit einiger Zeit auf Schrumpfkurs befindet.

Es mag Zufall sein, dass Niedergang einerseits und Aufschwung andererseits derart zusammenfallen. Dennoch lassen sich Schnittstellen beobachten. Zum Beispiel in den 1960ern auf der Kreuzbleiche in St.Gallen. Just der kleine 2. Ligist FC Fortuna aus der damals vierthöchsten Spielklasse machte dem Gottesdienst in der benachbarten Kirche St.Otmar Konkurrenz. Und zwar so sehr, dass der Pfarrer bat, die Partien nicht mehr gleichzeitig am Sonntagmorgen durchzuführen. Dem Wunsch wurde aber nicht entsprochen, so dass mancher Vater heimlich oder bekennend der Kirche fernblieb, während die Mutter daheim den Sonntagsbraten zubereitete.

Wie sollte er auch anders, wenn gleichzeitig auch noch der KTSG St.Otmar, seines Zeichens noch Katholischer Turn- und Sportverein, ebenfalls auf der Kreuzbleiche NLA-Feldhandball spielte, und zwar unter der Regie von Kurt Furgler?

Früher Handballer, später Bundesrat: Kurt Furgler. (Archivbild: Chris Mansfield)

Früher Handballer, später Bundesrat: Kurt Furgler. (Archivbild: Chris Mansfield)

Stadien statt Kirchen

Wie sehr die Gesellschaft einst von Kirche und Glauben durchdrungen war, davon zeugen die mächtigen, kunstvoll und teuer gebauten Kathedralen, die im Mittelalter errichtet wurden. Die grosse Krise hatte das Christentum aber bereits mit der Reformation, der Abspaltung durch die Protestanten. Doch die Gefolgschaft war ungebrochen, davon zeugen die vielen Orte, an denen mindestens eine katholische und eine evangelische Kirche anzutreffen sind, manchmal unmittelbar nebeneinander wie im St.Galler Riethüsli, wo Kreuz und Hahn nur durch Meter getrennt zum Himmel ragen.

Im Riethüsli liegen die katholische und die reformierte Kirche gleich nebeneinander. (Archivbild: Reto Martin)

Im Riethüsli liegen die katholische und die reformierte Kirche gleich nebeneinander. (Archivbild: Reto Martin)

Ungefähr ab Mitte des vergangenen Jahrhunderts, so scheint mir, sind kaum noch Kirchen gebaut, sondern höchstens noch renoviert worden. Dafür immer mehr Stadien und Fussballarenen, nachdem schon zuvor in vielen Dörfern Sportplätze und Fussballvereine entstanden sind, mit dem FC St.Gallen als landesweitem Vorreiter.

Glaubenskriege im St. Galler Fussball

Am 20. April, wenn der älteste Fussballverein der Schweiz vor möglichst vollem Haus auf den FC Luzern trifft, ist er 140 Jahre und einen Tag alt. Das Gründungsdatum ist auf den 19. April 1879 fixiert, den Tag, als an der Hauptversammlung die ersten Statuten vorgelegt wurden.

Wenn man so will, hatte in St.Gallen auch der Fussball seine Glaubenskriege. Als der FC im Jahr 1910 von der Kreuzbleiche ins Espenmoos umzog, eröffnete nur ein Jahr später auch der FC Brühl im Krontal seine Sportanlage. Als dieser 1906 sein fünfjähriges Bestehen gefeiert hatte, wurden die St.Galler Vereine Blue Stars, Edelweiss und Viktoria eingeladen, nicht aber der FC St.Gallen. Das war nachhaltig: Der FCSG lehnte die Einladung zum Eröffnungsspiel bei der Einweihung des Krontals ab. In den 1960-ern liess Juniorenobmann Räto Hoegger, Rektor in der Bürgli-Sekundarschule, Junioren des FC St.Gallen und des SC Brühl nicht nebeneinander sitzen. So überliefern zumindest ehemalige Bürglianer.

Derbyzeit im St.Galler Fussball: Brühls Thomas Knöpfel (links) im Herbst 2011 gegen St.Gallen Philipp Muntwiler. (Bild: Urs Bucher)

Derbyzeit im St.Galler Fussball: Brühls Thomas Knöpfel (links) im Herbst 2011 gegen St.Gallen Philipp Muntwiler. (Bild: Urs Bucher)

Fragwürdige Sexualaufklärung

Hoegger erzählte, dass er jeden Sonntag den Gottesdienst besuche. Sonst fehle ihm etwas. Damals war die Autorität der Kirche noch intakt, wenn auch zuweilen auf fragwürdige Weise. So erinnere ich mich, wie der damalige Pfarrer im Konfirmationsunterricht auf «gesundheitliche und seelische Schäden» bei Selbstbefriedigung hinwies. Und dass er jedem ansehe, ob er unstatthaft Hand anlege. Keine Hellseherei: Die meisten verliessen danach mit hochrotem Kopf den Saal.

Doch Gott straft sofort. Die Kirchen leerten sich, gemessen an dem jahrhundertelangen Zuspruch, ziemlich rasch und wurden zweckentfremdet. In Muswell Hill, Nord-London, wurde die presbyterianische Kirche in ein Pub umgebaut. In St.Gallen befindet sich die Kirche St.Leonhard seit Jahren fast total ungenutzt in Privatbesitz – die Renovationsgelder reichten nach einem Brand nur für ein neues Dach. Ins Bild passt auch, dass das erst 1905 errichtete Kloster St.Scholastika in Tübach dieser Tage geschlossen wird. Wegen Nachwuchsmangels wechseln die sechs verbliebenen Kapuzinerinnen ins Kloster Notkersegg.

Bischof Markus hat es schwerer

Werden die Fussballarenen dereinst auch nur noch spärlich besucht sein und zu Mahnmalen einer finanziell wahnwitzigen Entwicklung werden? Just dort, wo am meisten Geld umgesetzt wird, sind Anzeichen hierfür noch am wenigsten zu erkennen. Anderswo sind aber die Grenzen des Wachstums erreicht. In Basel soll der Jakob-Park von 38'500 auf 30'000 Zuschauer zurückgebaut werden, weil die Aussichten auf ein volles Stadion gering geworden sind. Die etwas mehr als 18'000 beim Länderspiel gegen Dänemark hätte man in St.Gallen wahrscheinlich auch auf die Beine gebracht. Sinnkrise in der Region Basel, weil der grosse Fussball zu entschwinden scheint?

Im Länderspiel zwischen der Schweiz und Dänemark blieben im Basler Stadion viele Plätze leer. (Bild: Keystone)

Im Länderspiel zwischen der Schweiz und Dänemark blieben im Basler Stadion viele Plätze leer. (Bild: Keystone)

Trotz abartiger Chaoten, fanatischer Eltern von Junioren und finanzieller Ausbeutung hat der Fussball in den vergangenen Jahren auf vielfache Art verbindende Wirkung erzielt. Ob wir den Fussball sehr ernst oder weniger ernst nehmen, hat nicht so grosse Bedeutung, das kann jeder für sich selber entscheiden. Der Fussball als Spiel wird überleben.

In der Katholischen Kirche hingegen rütteln die Skandale an den Grundfesten. Diese Institution benötigt Würdenträger wie Bischof Markus Büchel, der die Entwicklung sehr ernst nimmt und Vorschläge macht: Sexualität als Gottesgeschenk zu betrachten und die Ausbildung in mancher Hinsicht zu verbessern.

Büchel und die Kirchen haben keine Wahl.

Aufgefallen

Der FC St.Gallen hat gegen die Young Boys die erwartete Niederlage hinnehmen müssen. Vor imposanter Kulisse blieb im Stade de Suisse das befürchtete Kanterergebnis aber aus. Es gab wie im Herbst ein ehrenvolles Resultat, damals war es mit abenteuerlustigem Vorwärtsfussball ein 0:2. Diesmal ging man mit einem realistischeren Auftritt sogar zweimal in Führung und «schnupperte am Sieg», wie der Teleclub-Reporter bemerkte. Auch an diesem Sonntag hätten die Berner Fans ruhig ihren Nachmittagsspaziergang absolvieren und erst zur YB-Viertelstunde erscheinen können. Auf St.Galler Seite half erneut Silvan Hefti nach. So, nämlich wie ein Handball-Torhüter, darf man einfach nicht in eine Flanke springen, und so wurde der sonst auf der Aussenverteidiger-Position sichtlich souveränere Spieler wie schon in Luzern zum Matchloser. Der FC St.Gallen muss sich nun zumindest vorübergehend nach hinten orientieren. Gegen die Grasshoppers am Mittwoch und Xamax am Samstag sind vier Punkte Pflicht.

Der Fall Ben Khalifa ist untypisch für den FC St.Gallen. Die Klubleitung ist, und dies nach meinem Empfinden auch schon in der Ära Dölf Früh, bemüht, sich einvernehmlich und sozialverträglich von Spielern zu trennen. So hat sie Alain Wiss nach dessen schwerer Verletzung sofort Unterstützung über das Vertragsende hinaus zugesagt. Auch die Vertragsverlängerung mit Milan Vilotic im vergangenen Winter hatte primär einen menschlichen Aspekt, wie Verwaltungsrat Stefan Wolf am jüngsten Treffen der Ehemaligen zu verstehen gab: Dem Serben und seiner Familie hätte ohne Vertrag Landesverweis gedroht. Man könnte einwenden, der FC St.Gallen sei keine wohltätige Institution. «Aber das gehört eben auch zu unserer Klubphilosophie», sagte Wolf. Eine Einstellung, die darüber hinaus bei Vertragsverhandlungen ein Argument sein und sich herumsprechen dürfte. Der Fall Ben Khalifa wird dem guten Ruf kaum schaden. Und im Fall Vilotic dürfte nach der Darbietung des Spielers in Bern das letzte Wort noch nicht gesprochen sein. (th)

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