Kolumne

Gegentribüne: In St.Gallens Sturm weht ein rauer Wind

Peter Zeidler ist immer wieder für eine Überraschung gut, meistens gelingt sie. Doch gegen Lugano funktionierte die neue Sturmformation mit Cedric Itten auf der Flügelposition nicht. Das war aber nicht der einzige Grund für die harzige erste Halbzeit zum Saisonstart.

Fredi Kurth
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Blick auf den Espenblock vor der Partie St.Gallen - Lugano.

Blick auf den Espenblock vor der Partie St.Gallen - Lugano. 

Bild. Urs Bucher

Die Frage hiess eigentlich: Cedric Itten oder Jérémy Guillemenot, Nationalspieler oder U-21-Internationaler als Mittelstürmer in der Startelf? Mit Vorteilen für Guillemenot. Doch St.Gallens Trainer entschied sich für das Sowohl-als-auch. Er dürfte seine Gründe gehabt haben, Boris Babic erst nach 67 Minuten aufs Spielfeld zu schicken – den Senkrechtstarter der vergangenen Hinrunde mit zuletzt zwölf Partien von Beginn weg.

Dass sich dieser vielleicht ebenfalls auf dem Absprung befindet, war meine letzte Vermutung. Vielmehr dürften es taktische Erwägungen oder Eindrücke aus dem Training und der Saisonvorbereitung gewesen sein. Im Ernstkampf selber fehlte indessen Babics Dynamik, während sich St.Gallens Angreifer manchmal selber im Wege standen und kaum Gefahr ausstrahlten.

Guillemenot, der Agile – Itten, der Effiziente

Gegentribüne-Kolumnist Fredi Kurth.

Gegentribüne-Kolumnist Fredi Kurth.

Bild: Urs Bucher

Es scheint sich in St.Gallens magischem Angriffsdreieck ein spannender Kampf um die Startplätze zu entwickeln, während das Mittelfeld mit Görtler, Quintillà und Ruiz gesetzt sein dürfte. Itten oder Guillemenot? Nimmt man die Spielertypen zum Massstab, ergeben sich deutliche Unterschiede. Guillemenot mag eher der Art entsprechen, wie sie Zeidler bevorzugt, wendig und schnell, doch ihm fehlt im Spiel oft die Konstanz. Itten verkörpert eher den Typ alter Schule, scheinbar etwas unbeweglich, aber dann doch präsent im Abschluss, kopfballstark, er steht oft an der richtigen Stelle.

Die Fragezeichen im Angriff tauchen auf in einer Zeit, da der Mittelstürmer im Fussball generell eine Renaissance feiert, auch weil unter dem Eindruck des Liverpooler Angriffsstils viele Trainer wieder drei Stürmer aufs Feld schicken. Vor allem in der Bundesliga schiessen die Mittelstürmer wie Pilze nach dem Regen aus dem Boden. Der neueste Coup gelang Borussia Dortmund mit dem Transfer Erling Haalands von Austria Salzburg. Der Norweger ist der erste Spieler in der langen Geschichte der Bundesliga, der in den beiden ersten Spielen schon fünf Tore erzielte, erst noch als Joker. Auch er stammt übrigens aus der Abteilung Dynamik und Tempofussball.

Lugano hinten wach, vorne matt

Aber es gab auch andere Ursachen für St.Gallens Stotterstart, nicht nur die ungewohnte Angriffsformation. Das Heimspiel wurde nämlich zur erwartet schwierigen Auseinandersetzung gegen die drittbeste Abwehr der Liga. Einzig Basel und Servette haben bisher weniger Gegentore erhalten als die Tessiner.

Hier die von Kopf bis Fuss auf Angriff eingestellte St.Galler Mannschaft, die jetzt schon 45 mal getroffen hat, vier Tore mehr als YB und Basel, dort die dem Catenaccio huldigende Gastmannschaft, die sich früh in die eigene Platzhälfte zurückzog und sich auf ihre Konterstärke verliess. Lugano brachte seine Stärken besser zur Geltung als St.Gallen. Und so zeichnete sich bald einmal ab, dass es für das Überraschungsteam der Saison heikel werden könnte. Zur Pause mussten die Anhänger die zweite Heimniederlage in Folge befürchten.

Die halbe Mannschaft im gegnerischen Strafraum

Es zeigte sich, dass jugendlicher Elan allein nicht ausreicht, um das Spiel anzukurbeln. Auch diese Mannschaft braucht das Erfolgserlebnis, um Hemmungen abzustreifen, wenn sich der Gegner geschickt verhält. Einfache Zuspiele missraten zuhauf. Im «Flow» hingegen gelingt wesentlich mehr, sitzen plötzlich die Kombinationen wieder, mal gelingt sogar ein Absatztrick.

Typisch für St.Gallens Mut nach der Pause war das zweite Tor durch den Nachschuss von Victor Ruiz: Fünf St.Galler, die halbe Mannschaft, lösten Verwirrung in Luganos Strafraum aus. Verlass war auch auf Luganos Abschlussschwäche. Die Tessiner brachten in den drei Europa-League Partien im Kybunpark kein einziges Tor zustande – 0:0, 0:0, 0:1 lauteten die Ergebnisse.

Eine Zigi gefällig?

Verlass war vor allem auf St.Gallens neuen Torhüter Lawrence Ati Zigi. Er gefiel mit zwei wichtigen Paraden, aber auch die Gesamtnote stimmte: die Ausstrahlung, das Hinauslaufen, der satte Auskick mit flacher Flugkurve bis zum gegnerischen Strafraum. Zigi, ein Name, den man sich nicht mühsam merken muss. «Ziigii!» hallte es bald durch das Stadion, und zum geflügelten Wort «Jetzt können wir uns eine Zigi genehmigen» war es kein weiter Weg mehr. Auch wenn es den lustigen Videospot zum Rauchverzicht im Stadion konterkariert.

Der FC St.Gallen steht nun zwei Punkte vor Basel und kann just am nächsten Sonntag im St.Jakob-Park wieder unbeschwert aufspielen. Den gesperrten Yannis Letard und Ermedin Demirovic stehen auf Basler Seite die ebenfalls nicht spielberechtigten Olmar Alderete und Valentin Stocker gegenüber. Vielleicht kommt somit der Ex-St.Galler Jasper van der Werff zum Debüt im Basler Team, nach dessen Verpflichtung von Austria Salzburg/Liefering. So betrachtet, ergibt sich diesmal die Dreierformation in St.Gallens Angriff wahrscheinlich von alleine. Es sei denn, Peter Zeidler hat wieder eine neue Idee.

Aufgefallen

Etwas enttäuschend war zum Saisonstart der Zuschaueraufmarsch. Da war von der elektrisierenden Kulisse in der ausverkauften Partie vor der Meisterschaftspause nicht mehr viel übrig geblieben. Grosse Lücken taten sich auf. Am Wochenende, da in Kitzbühel Daniel Yule den Hahnenkamm-Slalom gewann, befanden sich viele noch im Winterschlaf oder selbst auf der Piste. Es war nicht einmal extrem kalt, und die 11'133 Schaulustigen bedeuteten lediglich eine Zunahme um 600 im Vergleich zur ersten Partie gegen Lugano in der 5. Runde, als sich St.Gallen noch auf Formsuche befand. Viele trauen dem Braten, der ihnen Spiel für Spiel in der Arena serviert wird, offensichtlich noch nicht.

Damit wiederholt sich ein Phänomen aus der Meistersaison 2000. Auch damals dauerte eine ganze Weile, bis sich die St.Galler an ihrer Mannschaft erwärmen konnten. Das wesentlich kleinere Espenmoos war in der ersten Saisonhälfte nur einmal bis auf den letzten Platz gefüllt, im Heimspiel gegen Basel mit 11'600 Fans. Die Zahlen bewegten sich lange unter der Marke von 10'000. Erst in der Finalrunde wurde sie regelmässig übertroffen und dann in den folgenden Spielzeiten, als St.Gallen nochmals den Meisterkübel ins Visier nahm und in Europa für Furore sorgte. Damals war St.Gallen sogar mit der ersten Runde im Spitzenfeld der Nationalliga A zu finden und zwar 32mal auf Platz eins und nur viermal, nach den Runden 1, 5, 6 und 13 auf Platz zwei. Den hat St.Gallen nun gerade erklommen und will ihn nicht mehr so rasch abgeben...

Der Modus der Super League ist wieder einmal ein Thema, wobei es ziemlich wechselhaft zu- und hergeht. Da ist von komplettem Verzicht die Rede und nur Stunden später von einer Formel nach schottischem Muster, mit 33 Runden Qualifikation und einem Sahnehäubchen als Finalrunde mit fünf weiteren Spielen. Das kommt etwas schräg daher, doch ich bin mit Matthias Hüppi einer Meinung: Es sollten nicht weniger Spiele sein als bisher – das wäre bei der aktuell österreichischen Formel der Fall (nur 32 als jetzt 36 Runden) – und den idealen Modus gibt es nicht.

Wichtig ist, dass man genug Raum und minimale Existenzgarantie für alle jene Vereine schafft, die in den vergangenen Jahren von Verbandsseite, zum Teil zurecht, gezwungen wurden, immensen Aufwand für Sicherheit und Professionalität zu leisten. Nächsten Sommer drängt auch noch Lausanne mit einem neuen Stadion auf den Markt, natürlich mit dem Anspruch, erstklassig zu sein. Aus sportlicher Warte wäre es sogar angebracht, die Liga auf 14 Vereine zu erhöhen.

Und wenn man sich schon umschaut in anderen Ländern, böte hier Israel eine taugliche Alternative: 14 Vereine, 26 Qualifikationsrunden und eine Finalrunde mit den ersten sechs beziehungsweise letzten acht. Das ergibt auch wieder 36 Spiele für die ersten sechs.  Der Nachteil: Die letzten acht bestreiten nur eine einfache Runde (total 33 Spiele). Mit einer Aufteilung von 7 zu 7 und zwölf Runden in der finalen Phase käme man auf je 38 Spiele total wie bei der schottischen Formel. Der kleine Nachteil hier: Es müsste stets eine Mannschaft in der Endphase pausieren. Aber das liesse sich mit der Spielplangestaltung entschärfen. Allerdings: Bei 14 Teams würden einige Klubfunktionäre befürchten, dass der Finanzkuchen unter zu vielen Beteiligten aufgeschnitten werden müsste. Die Hoffnung auf einen sehr lukrativen neuen TV-Vertrag scheint mir aber ohnehin etwas übertrieben zu sein. (th)

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Fredi Kurth