GEGENTRIBÜNE: Immer Lopar ist auch Können

Das Pflichtenheft des Torhüters hat sich stark verändert. So wird er unter anderem seltener zu Paraden gezwungen. Doch für St.Gallens Daniel Lopar ist es immer noch die wichtigste Aufgabe.

Fredi Kurth
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Daniel Lopar gibt vom Pfosten aus Anweisungen an die Spieler während der Partie gegen Thun. (Bild: Marc Schumacher/freshfocus (freshfocus))

Daniel Lopar gibt vom Pfosten aus Anweisungen an die Spieler während der Partie gegen Thun. (Bild: Marc Schumacher/freshfocus (freshfocus))

Hermann Gerland, Co-Trainer beim FC Bayern München, hat kürzlich den Satz geprägt: "Immer Glück ist Können." Er hat das Bonmot in Zusammenhang mit dem berüchtigten Bayern-Dusel erwähnt. Wenn selbst der deutsche Serienmeister seinen Erfolg auch über das Glück definiert, dann sollten sich die St.Galler nicht grämen, grosse Teile ihrer Punktesammlung auch einmal ihrem Torhüter zuzuschreiben: Immer Lopar ist auch Können.

Wieviel der FC St.Gallen seinem hintersten Mann zu verdanken hat, muss nicht mehr speziell dargelegt werden. Auch am Sonntag in Thun waren seine Dienste wieder einmal besonders gefragt. 14:4 (6:1) Torchancen zugunsten der letztmals als Saibene-Team angetretenen Gastgeber habe ich gezählt, wovon die meisten durch den St.Galler Keeper zunichte gemacht wurden. Da kann beigefügt werden: Ein guter Torhüter zwischen den Pfosten zu haben, ist nicht nur Glück, sondern hat auch mit Qualität zu tun, mit Können eben.

Daniel Lopar: Note 5: Lässt beim 0:1 den Ball nach vorne abprallen, ansonsten eine tadellose Leistung. Mehrere Paraden in der zweiten Halbzeit verhindern Schlimmeres. (Bild: pd)
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Silvan Hefti: Note 4: Defensiv wie gewohnt solid, zudem in der ersten Halbzeit mit zwei gelungenen Aktionen nach vorne. Tauchte in der zweiten Halbzeit ab. (Bild: pd)
Karim Haggui: Note 4: Rettet in der 16. Minute vor der Linie nach einem Corner. Macht beim 2:2-Ausgleich eine unglückliche Figur, indem er den Ball abfälscht. (Bild: pd)
Kofi Schulz: Note 3: Der schwächste St.Galler. Einige Unsicherheiten, zudem hat er Glück, dass der Schiedsrichter vor der Pause sein Foul an Dennis Hediger nicht in den Strafraum verlegt. (Bild: pd)
Roy Gelmi: Note 4: Unauffällige Partie, rackert viel im defensiven Mittelfeld. Einige Abspielfehler, nicht mehr so auffällig wie gegen Luzern. (Bild: pd)
Nzuzi Toko: Note 4: Arbeitet viel, als Kämpfer ein Vorreiter. Spielerisch nimmt er aber weniger Einfluss aufs Spiel als auch schon. (Bild: pd)
Tranquillo Barnetta: Note 3: Sehr bemüht, es gelingt ihm aber wenig. Einige Fehlpässe, seine Freistösse sind ungefährlich. Wird von Zinnbauer für Mohamed Gouaida ausgewechselt. (Bild: pd)
Marco Aratore: Note 4: Erzielt in der zweiten Halbzeit das vermeintliche Siegtor, in der ersten Halbzeit im St.Galler Spiel aber kein Faktor. (Bild: pd)
Andreas Wittwer: Note 5: Vor der Pause ziemlich passiv, in der zweiten Halbzeit ein Aktivposten. Bereitet den Siegtreffer von Marco Aratore mustergültig vor, grosses Laufpensum. (Bild: pd)
Albian Ajeti: Note 5: Der bullige Stürmer erzielt das 1:1, steht goldrichtig und vollstreckt kaltblütig. Auffälligster Offensivakteuer, gewinnt viele Kopfballduelle, bringt sich aber zu selten in Abschlussposition. (Bild: pd)
Yannis Tafer: Note 3: Keine einzige nennenswerte Aktion in der Offensive, bekam aber auch keine brauchbaren Bälle. War zuletzt viel besser, präsenter. (Bild: pd)

Daniel Lopar: Note 5: Lässt beim 0:1 den Ball nach vorne abprallen, ansonsten eine tadellose Leistung. Mehrere Paraden in der zweiten Halbzeit verhindern Schlimmeres. (Bild: pd)

Teufelskerle, Fussballgötter
Vorstellbar, dass in der Super League einige Torhüter ihren Berufskollegen um den dankbaren Job beim FC St.Gallen beneiden. Sie hätten manchmal auch gerne so viele Gelegenheiten, um sich in Szene zu setzen und sich nachher wie ehemalige Klassetorhüter als Matchwinner feiern zu lassen. Wie einst Andoni Zubizarreta, Dino Zoff, Sepp Maier, Gordon Banks, Peter Schmeichel, Petar Radenkovic oder Toni Turek ("Turek, du bist ein Teufelskerl, du bist ein Fussballgott!": Radioreporter Herbert Zimmermann beim Wunder von Bern 1954).

Nichts zu halten für Guillaume Faivre
Heutzutage kann es sein, dass ein Weltklasse-Torhüter wie Manuel Neuer in einer Liste der Bestbenoteten mangels Beschäftigung gar nicht erscheint. Wie verloren muss sich am Sonntag Thuns Torhüter Guillaume Faivre vorgekommen sein. Er hatte den ganzen Nachmittag nichts zu halten. Zweimal landete der Ball im Tor, einmal an der Latte.

Regeländerung bewirkte viel
Dass Torhüter nicht gerade arbeitslos, aber in ihrer Bedeutung stark eingeschränkt werden könnten, fiel mir erstmals 1990 an der WM-Endrunde in Italien auf. Nach der Endrunde kam mir niemand in den Sinn, den ich als hervorragenden Schlussmann hätte nennen können. Ein Journalistenkollege von mir bestätigte: "Es war keine WM für die Torhüter." Wenig später allerdings fanden die Regeltechniker eine Lösung für das "Problem": Der Rückpass zum Torhüter war nicht mehr erlaubt, womit dessen Aufgabe wieder aufgewertet wurde. Ein Goalie musste von nun an auch Fussball spielen können. Zudem rückten die Abwehrreihen weiter nach vorne; der hinterste Mann war somit auch beim Herauslaufen gefordert, ersetzte den abgeschafften Libero. Und das Berechnen von Flankenbällen gehörte weiterhin zu seinen Hauptaufgaben.

Wie ein Hausmeister
Wenig Beschäftigung zu haben, ist für einen Goalie ungünstig. Er wird dann oft buchstäblich kalt erwischt, während Daniel Lopar jeweils richtig warm geschossen wird. Wohl nicht zufällig musste er den einzigen "Haltbaren" seit der Winterpause gegen Lausanne hinnehmen, als der Gegner kaum Torchancen hatte. Das Beschäftigungsfeld eines Torhüters lässt sich nicht schlecht mit jenem eines Unternehmens- oder Schulhausabwarts (früher Pedell) vergleichen. Es unterscheidet sich stark von jenem der übrigen Angestellten oder der Lehrerschaft. Die Aufgabe ist ebenfalls vielseitig, und der Alltag wickelt sich oft in einiger Distanz ab – so wie auch der Torhüter meistens getrennt von den Mitspielern trainiert. Mit dem Torhütertrainer und den beiden Ersatzkeepern bildet er ein kleines Team, in dem aber eine klare Hierarchie besteht. Die Nummer 1 bleibt in der Regel die Nummer 1, auch wenn just der FC St.Gallen da einmal eine berühmte Ausnahme machte.

Die Espen feiern den 1:1-Ausgleichstreffer durch Albian Ajeti. (Bild: Keystone)
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Nzuzi Toko ist vor Thuns Dejan Sorgic am Ball. (Bild: Keystone)
Freundschaftliches Wiedersehen: Thun-Trainer Jeff Saibene und Espen-Coach Joe Zinnbauer. (Bild: Keystone)
Thuns Matteo Tosetti im Duell mit St. Gallens Andreas Wittwer. (Bild: Keystone)
Thuns Stefan Glarner (links) im Duell mit St. Gallens Andreas Wittwer. (Bild: Keystone)
FCSG-Coach Joe Zinnbauer gibt seinem Topskorer, Albian Ajeti, Tipps. (Bild: Keystone)
Das letzte Spiel als Coach-Trainer: Jeff Saibene wechselt per sofort zu Arminia Bielefeld in die zweite deutsche Bundesliga. (Bild: Keystone)
Silvan Hefti im Luftduell mit Thuns Simone Rapp. (Bild: Keystone)
Thun-Goalie Guillaume Faivre kann den 2:1-Führungstreffer für die Espen nicht mehr verhindern. (Bild: Keystone)

Die Espen feiern den 1:1-Ausgleichstreffer durch Albian Ajeti. (Bild: Keystone)

Marcel Herzog – die andere Seite
Marcel Herzog wurde 2014/15 im Jobsharing mit Daniel Lopar eine wichtige Figur. Sonst aber hielt er sich stets loyal an die Pflichten, die der Torhüterberuf im Fussball ebenfalls bereithält: Während Jahren brav auf der Ersatzbank zu sitzen und für den seltenen, aber oft plötzlichen Einsatz bereit zu sein - jetzt zeige, was du kannst. Herzog war in seiner rund 16 Jahre dauernden Laufbahn einzig während drei Spielzeiten beim FC Schaffhausen als Nummer 1 gefragt. An diese seltsame Stellung eines Torhüters, die keine Ausnahme ist, musste ich denken, als ich mich beim ersten Heimspiel nach der Winterpause etwas knapp vor Spielbeginn dem Kybunpark näherte. Ich hörte aus der Ferne, wie Marcel Herzog verabschiedet wurde. Wenn er sich nun auf das Psychologie-Studium konzentriert, dann hat er mentale Stärke bereits bewiesen. Immerhin gilt aber auch, dass die meisten Menschen dieser Erde ihre Arbeit ohne Rampenlicht verrichten. So oder so: Immer Ersatzgoalie – auch das ist Können.