GEGENTRIBÜNE: Hüppi will den Fünfer und das Weggli

Ausgerechnet die ehemaligen TV-Experten Matthias Hüppi und Alain Sutter wollen die Anhänger vom Pantoffelkino weg wieder ins Stadion locken. Es ist schwierig, aber nicht unmöglich. Am nächsten Sonntag sollen im Kybunpark beim Heimspiel gegen den FC Zürich alle Tickets vergeben sein.
Fredi Kurth
Matthias Hüppi hat bereits angedeutet, dass er den Einfallsreichtum hat, die Zuschauer ins Stadion zu locken. (Bild: Ralph Ribi)

Matthias Hüppi hat bereits angedeutet, dass er den Einfallsreichtum hat, die Zuschauer ins Stadion zu locken. (Bild: Ralph Ribi)

Ein Kollege von mir, Sympathisant des FC St.Gallen, verbrachte den vergangenen Samstagabend in speziellen Umständen. Er besuchte auf Einladung den Eishockeymatch SC Bern gegen den EV Zug, während gleichzeitig nebenan im Wankdorf die Espen versuchten, das sprichwörtliche Wunder von Bern – den Sieg der Deutschen über Ungarn im WM-Final 1954 – zu wiederholen. Wir wissen, wie es ausgegangen ist. Für meinen Kollegen, nennen wir ihn Peter, war allerdings nur der Besuch des Eishockeyspiels aussergewöhnlich. Denn die Spiele des FC St.Gallen verfolgt er selten im Stadion. Viel lieber schaut er sie sich vom Sofa aus an.

Ältere Fans sitzen lieber vor dem TV als im Stadion

Peter ist keine Ausnahme. Er ist in meinem Umfeld sogar eine typische Erscheinung. Meine Kollegen wissen in- und auswendig, was beim FC St.Gallen geschieht, diskutieren über Gut und Böse leidenschaftlich; keine taktische Finesse des Trainers entgeht ihnen. Aber auch sie schauen die Spiele im Fernsehen. Dass der FC St.Gallen dabei im Vergleich mit der Premier League oder Bundesliga einen schweren Stand hat, versteht sich von selbst. Regelmässig in den Kybunpark gehen nur wenige. Es mag ein Altersphänomen sein: Wer ein halbes Jahrhundert auf dem Buckel hat, schätzt fortan die Behaglichkeit des Wohnzimmers und den Luxus der TV-Übertragung, der in den vergangenen Jahren mit dem grossen Breitwand-HD-Bildschirm noch enorm zugenommen hat. Doch selbst FCSG-Ticketholder ziehen gelegentlich die warme Stube vor, wenn Wind und Regen durch die Arena peitschen, in diesem Fall allerdings ohne finanziellen Nachteil für die Einkünfte von Event- und FC-AG.

Super League im Abwärtstrend

Das Fernsehen ist tatsächlich zu einer Konkurrenz geworden, wobei die Zuschauerzahlen in den vergangenen fünf Jahren zwei Trends zeigen. In den grossen Ligen sind sie stabil geblieben (Bundesliga) oder sie haben zugenommen (England, Frankreich und Italien) – skandalöse Ablösesummen und Gehälter scheinen den Reiz eher noch zu erhöhen. Rückläufig ist das Interesse für die heimische Liga in Ländern mit wirtschaftlich geringerem Potenzial. In der Schweiz sahen 2011/12 im Durchschnitt 12'253 Fans die Super-League-Partien, vergangene Saison waren es noch 10'020, und auch mit der Rückkehr des FC Zürich stieg die Zahl bis zur Winterpause nur auf 10'741 an.

Kleinere Stadien geplant

Einige Fussballveranstalter haben bereits die Konsequenzen gezogen. In Zürich ist ein Fussball-Stadion mit geringerem Fassungsvermögen als im Kybunpark (19'500 bei Meisterschaftsspielen) und in Lausanne ein solches mit gerade noch 12'000 Plätzen geplant. Unter den genannten Umständen in St.Gallen eine stets gefüllte Arena anzustreben, scheint vermessen zu sein, zumal das Ostschweizer Publikum nur dann in Massen zu begeistern ist, wenn sowohl erfolgreicher als auch attraktiver Fussball geboten wird. Diese Vorgabe können in der Schweiz nur die Young Boys auf dem Wankdorf-Kunstrasen und ab und zu der FC Basel im St.Jakob-Park erfüllen. Doch selbst in den Topligen müssen sich viele Mannschaften nach der Decke strecken, können primär nur defensiv agieren.

Die Fans verbreiten Stimmung

Aber dort - in den Topligen - verbreiten die Fans Stimmung, die den Besuch und die Unterstützung der eigenen Mannschaft zum Erlebnis machen. „You’ll never walk alone“. Sie singen und schaffen ein Gemeinschaftsgefühl, das die Spieler anspornt, auch bei langweiligerem Verlauf. Im Kybunpark singt nur der Block aus vollen Kehlen, aber immerhin erwärmt dort der Geräuschpegel der Lautsprecher-Anlage die Herzen, wenn "Uses Lied" ertönt.

Tolle Arena in Winkeln

Auswärtige Besucher sind fasziniert von der Anlage des FC St.Gallen. Dessen Anhänger jedoch trauern immer mehr der "tollen Ambiance" im Espenmoos nach. Wer dort einmal vorbeischaut, kann sich das kaum noch vorstellen. Es steht nur noch der Tribünenschnitz, die Estraden rundherum sind abgebaut worden. Die Akustik im bald zehnjährigen, weitgehend geschlossenen Kybunpark in Winkeln ist im Prinzip durchdringender als im Espenmoos, wo unter dem Dach zwar mächtig Widerhall war, sonst aber das "Hopp Sanggallä" bald gen Himmel entschwebte. Allerdings wirkt der Kybunpark ziemlich leer, wenn nur zehn- bis zwölftausend Zuschauer erscheinen, während im Heiligkreuz zuletzt mehr als zehntausend, zum Teil in enge Sektoren gepferchte Zuschauer gar keinen Platz mehr fanden. 14'000 müssen im Westen der Stadt schon zugegen sein, um einen Hauch von Gemeinschaftsgefühl entstehen zu lassen. Gegen Zürich soll am nächsten Sonntag das Stadion voll sein. Die mir an der GV überreichten Gratiskarten brachte ich rasch weg. Das war bei anderer Gelegenheit nicht immer der Fall.

TV-Einnahmen machen einen hohen Anteil aus

Matthias Hüppi hat, das deutete er bereits an, den Einfallsreichtum, um die Zuschauer ins Stadion zu locken. Doch auch der ehemalige Fernsehmann wird nicht dafür plädieren, die Liveübertragungen fallen zu lassen. Denn die Einnahmen aus den Übertragungsrechten sind seit dieser Saison beachtlich, auch wenn sie sich nicht mit den 1,16 Milliarden Euro oder den 2,75 Milliarden Euro vergleichen lassen, welche die Clubs der Bundesliga beziehungsweise der Premier League kassieren. Hier sind es bloss 40 Millionen Franken pro Saison, die Teleclub/Cinetrade im Verbund mit dem Schweizer Fernsehen als Lizenznehmer an die Swiss Football League ausgeben. Für den FC St.Gallen bedeutet dies, dass er je nach Schlussrangierung in der laufenden Saison zwischen 1,8 bis 3,3 Millionen Franken unter diesem Titel einnimmt (Rang fünf ergäbe 2,4 Millionen). 2016/2017 waren es erst 900'000 Franken gewesen. Das sind nun je nachdem etwas weniger oder etwas mehr als die Hälfte der aus dem Abo- und Einzelverkauf erlösten Gelder und ein beachtlicher Zustupf zu den 8,1 Millionen Franken, die 16/17 insgesamt aus dem Meisterschaftsbetrieb erwirtschaftet worden sind. Die grosse Herausforderung für Hüppi & Co. besteht somit darin, den Fünfer und das Weggli zu erlangen, also gleichzeitig auch die grosse Stadionkapazität zu nutzen.

Zuschauerentwicklung 11/12, 16/17, 17/18*pro Spiel
Premier League 34 601 35 822 37 981
Serie A 22 493 22 164 24 467
Bundesliga 45 116 41 516 44 335
Fr Ligue 1 18 874 21 029 21 859
Sz Super League 12 253 10 020 10 741
Holland 19 538 19 090 18 796
Österreich B’liga 7066 7046 6515
Tschechien 4724 4886 5484
*) Stand Winterpause Quelle: Weltfussball.de

Aufgefallen

Enorme Steigerung in Bern.Im Herbst hatte St.Gallen bei YB noch 1:6 verloren, jetzt nur noch 0:2. Natürlich schwingt bei dieser Bemerkung eine Portion Zynismus mit. Weil aber Siege der St.Galler im Wankdorf seltener sind als Mondlandungen, muss auch solches beachtet werden. Ich fragte mich, wie St.Gallen die unlösbare Aufgabe anpacken werde: Entweder untergehen oder den Schaden in Grenzen halten. Contini entschied sich offensichtlich für Letzteres, und YB verhinderte mit Dauerpressing allfällige übermütige St.Galler Aktionen. Das Chancenverhältnis von 8:0 war aus St.Galler Optik miserabel, aber wenigstens fiel die Abwehrordnung – anders als häufig in Bern – nicht auseinander. Ein 0:2 lässt sich im Hinblick auf den eigentlichen Start am Sonntag gegen Zürich besser verkaufen als ein 1:6.

Bei der Aufstellung mag sich manch einer die Augen gerieben haben. Ein Kollege von mir, wiederum Peter, war erstaunt, dass im letzten Vorbereitungsmatch gegen Austria Lustenau Trainer Giorgio Contini nochmals "pröbelte". Doch in Wirklichkeit agierte dort bereits die Startformation für den YB-Match: Eine junge Mannschaft, bei der vor allem die neuen Leute den Vorzug erhielten. Dieser weitere "Testmatch" brachte somit die erstaunliche Tatsache zum Vorschein, dass von den drei besten Torschützen des Herbstes (je sechs Tore) Aleksic und Buess bis weit in die zweite Halbzeit hinein auf der Ersatzbank sassen und Aratore mehr als Verteidiger denn als Stürmer unterwegs war. Der viertbeste Torschütze im Kader des FC St.Gallen ist übrigens Sigurjonsson mit drei Toren, erzielt noch für GC in elf Einsätzen.

Tschüss Hausfrauentipp. Eine alte Institution hat mitten in der Saison Abschied genommen. Den 13-er gibt es nicht mehr, das Sport-Toto ist nach 80 Jahren abgeschafft worden. Zuletzt konnte auch das Totogoal den Wettbewerb nicht mehr am Leben erhalten. "Jetzt wieder Schweizer Spiele" oder schlicht "Jetzt wieder Sport-Toto" verkündeten einst grosse Plakate an den Kiosken. Was die Sport-Toto-Gesellschaft in Basel damals propagierte, war hierzulande sehr populär, ein Glücksspiel nicht nur für Experten.

Bekannt wurde das Sport-Toto als Hausfrauentipp, als sich Frauen noch nicht für Fussball interessierten. Sie setzten beliebig eine 1, eine X oder eine 2. Und nicht selten waren sie erfolgreich. Erst viel später wurde hierzulande das Zahlenlotto eingeführt, womit die Schweizer nicht mehr zu Auslandreisen gezwungen waren, um auf einen Sechser zu hoffen. Österreich und Italien bieten auch heute noch das Toto an, Österreich sogar zweimal in der Woche. Doch eine Teilnahme ist nur mit Wohnsitz in diesen Ländern möglich, auch online. (th)

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