GEGENTRIBÜNE: Hüppi, der Macher - Sutter, der Chef: Das Feuer ist entfacht

Es war ein stürmischer Winter. Doch es mussten nicht unbedingt Burglind, Evi oder Friederike sein, die durch unsere Hausritzen bliesen. Vielleicht war es auch der "Wind of Change" beim FC St.Gallen in einer Winterpause, die eigentlich gar keine war.
Fredi Kurth
Die neuen Köpfe beim FC St.Gallen: Präsident Matthias Hüppi (links) und Sportchef Alain Sutter. (Bild: Ralph Ribi)

Die neuen Köpfe beim FC St.Gallen: Präsident Matthias Hüppi (links) und Sportchef Alain Sutter. (Bild: Ralph Ribi)

Das Vertrauen ist wieder da – so wie in den Anfängen zu Dölf Frühs Zeiten. "Nicht einmal zur Gründungsversammlung der AG waren so viele Leute erschienen wie heute", sagte mein Sitznachbar an der ausserordentlichen Versammlung in Gossau.

Der FC St.Gallen steigt also mit einer neuen Mannschaft in die Frühjahrssaison. Gemeint ist das Team hinter der Kulisse, jenes "Backstage", wie es neudeutsch heisst. Ein Kollege von mir sagte: "Noch nie war die Führung des FC St.Gallen so prominent und kompetent besetzt wie jetzt." Und er muss es wissen, handelt es sich doch um Ludi Cellere, einen der beiden Söhne des früheren verdienstvollen Präsidenten Elio Cellere.

Mit Rückenwind in den Frühling

Zwei Personen standen in Gossau im Vordergrund: Matthias Hüppi, der Präsident, und Alain Sutter, der Sportchef. Was sie verkündeten, hatten andere, wenn auch nicht so euphorisch, auch schon versprochen. Aber nie hörten die Anwesenden so erwartungsfroh zu wie jetzt beim Auftritt der beiden neuen Hoffnungsträger. Die TV-Fachleute waren sich bewusst, dass sie den Rückenwind jetzt nützen müssen.

Hüppi ist der Macher. Hüppi macht Stimmung, Hüppi reizt seine Popularität, Begeisterungsfähigkeit und sein kommunikatives Talent soweit aus wie nur möglich. Wenn es sein Anliegen ist, nicht nur den Fürstenlandsaal, sondern auch den Kybunpark bei jedem Spiel bis auf den letzten Platz zu füllen, dann mag das utopisch klingen. Aber nur wenn man daran glaubt, bewahrheiten sich solche Wunschvorstellungen irgendwann. Immerhin: Das Einzugsgebiet und die Begeisterungsfähigkeit für den Fussball lassen sich in der Ostschweiz mit jenem vom FC Basel schon lange genutzten Potenzial vergleichen.

Die Schlüsselfigur

Alain Sutter hingegen erscheint etwas ruhiger als Hüppi, ohne aber den krassen Gegenpol zu bilden. Er zog spannende Bögen. Er sei kompromisslos, sagte er in Gossau, aber er stelle den Menschen in den Vordergrund, wolle im Nachwuchsbereich in Tuchfühlung sein mit den jungen Fussballern. Er verlangt Leidenschaft von der ersten Mannschaft in jedem Moment, aber er sagt auch, dass nicht jedes Spiel gewonnen werden könne.

Sutter ist nun im sportlichen Bereich die Schlüsselfigur, auch wenn er sich, wie er sagt, nur als Angestellter fühlt, der irgendwann den FC St.Gallen wieder verlassen und hoffentlich ein möglichst schönes Gebäude hinterlassen werde. So ist nun auch Trainer Giorgio Contini mehr denn je Mitarbeiter – und wohl in etwas geschwächter Position. Das hat er bereits erfahren mit der Entlassung des Konditionstrainers und des Physiotherapeuten seiner Wahl. Diese haben wie Nachwuchschef Marco Otero eher Sutters kompromisslose Seite zu spüren bekommen (wobei diese Beschlüsse auch im Team gefällt wurden).

Aber entscheidend wird sein, inwiefern Sutter und Contini in ihren Ansichten übereinstimmen und wie sie kommunizieren. Und vor allem: wie die Mannschaft abschneidet. Paradox ist es schon: Bei all den Wechseln in der Ära der alten Führung war jener auf der Trainerposition von Dölf Frühs Seite am wenigsten erwünscht – und doch der dringendste. Nun sind Contini und Ferruccio Vanin fast die einzigen des Interregnums, die überlebt haben. Bei Vanin mag eine Rolle spielen, dass sein talentierter Sohn dem erweiterten Kader der 1. Mannschaft angehört - so, wie dies auch bei Donato Blasucci der Fall ist.

Stark, aber auch bescheiden

Matthias Hüppi wie Alain Sutter sagen: "Wir müssen noch viel lernen." Die mangelnde Erfahrung in der Unternehmensführung ist vielleicht ein Nachteil. Doch fast alle Mitglieder im neuen Verwaltungsrat können helfen. Stefan Wolf und Peter Germann sind zudem im sportlichen Bereich versiert.

Nun haben sich die Hierarchien verschoben. Die Machtfülle ist nicht mehr auf Dölf Früh ausgerichtet. Der operative Bereich steht unter soliderer Kontrolle, nämlich durch die weitgehend unabhängigen Mitglieder des Verwaltungsrats. Der Sportchef ist anders als Christian Stübi tatsächlich auch Chef. Und die finanzielle Hoheit ist verteilt auf mehrere Hauptaktionäre, mit Edgar Oehler an vorderster Front.

Wenn zwei dasselbe tun. . .

Man könnte einwenden, der Neuanfang gestalte sich ähnlich wie unter Matthias Hüppis Vorgänger Stefan Hernandez. Aber es besteht doch ein Unterschied. Salopp ausgedrückt: In der Zwischenregierung Hernandez wurde Kompetenz abgeräumt, jetzt wird wieder welche aufgetischt. Den Finanzhaushalt in den Griff zu bekommen und gleichzeitig die sportliche Situation zu stabilisieren, die optisch mit dem aktuellen vierten Platz gar nicht so übel ist – darin besteht die Hauptaufgabe in nun hoffentlich ruhigeren Zeiten.

Das Feuer der Leidenschaft indessen ist entfacht. Dass diese im Fussball manchmal durch Spielintelligenz und Abgeklärtheit gezähmt werden muss, weiss auch Alain Sutter. Nur sind solche Einwände im "Wind of Change" noch nicht gefragt.

Aufgefallen

Matthias Hüppi reisst alle mit. Der Aufforderung des Präsidenten an die Aktionäre, ihm E-Mails zu senden, leistete Kurt Isler prompt Folge. Er ist Chef der Krönli-Kids, einer der wichtigsten Organisationen für die Talentförderung im Vorstufenalter zum FC St.Gallen. Das mit dem Füllen der Arena werde nicht so einfach, schrieb er, weil sich die Gepflogenheiten geändert haben (TV, Konsumverhalten und so weiter). Aber es sei möglich: Preise müssten herunter, Junioren der ganzen Region bis 18 sollten gratis ins Stadion, und so weiter. Und eine GV des FCSG gehöre nicht nach Gossau, sondern in die Stadt, in eine Olma-Halle. Hüppi reagierte sofort: "Lieber Kurt. Herzlichen Dank für den wichtigen Input. Ich weiss, dass vieles nicht einfach wird. Aber wir werden alles versuchen." Zum Beispiel geht der FC St.Gallen inskünftig mit seinem Mannschaftscar – Aufschrift "Espen on Tour" – auf Werbereise. Gute Idee. Ostschweiz genügt. Es muss nicht bis Japan gehen.

Da und dort missverstanden wurde hingegen die "Tagblatt"-Glosse, dass der FC St.Gallen inskünftig mit dem Zug zu den Auswärtsspielen reise, im gleichen wie die Fans. SBB-Finanzchef Christoph Hammer, nun auch neuer FCSG-Verwaltungsrat, soll den Steilpass gegeben haben. Das Ganze wäre, der Punkt mit den Fans allerdings ausgeklammert, nicht so abwegig. Die Bundesliga-Teams sind auf längeren Strecken oft mit dem IC unterwegs, um Autobahn-Staus zu vermeiden. Und einst gab es für Schweizer Nationalliga-Teams gar nichts anderes. So verbreitete sich 1973, nach dem Abstieg des SC Brühl in die 1. Liga, der Witz, dass die erste Mannschaft nun inskünftig im Bus zu den Auswärtsspielen reise, weil manche Spielorte über keinen Bahnhof mehr verfügten.

Unseriöse Prognosen.Was kann denn nun vom FC St.Gallen erwartet werden? Wie schwierig Analysen wie Vorhersagen geworden sind, habe ich inzwischen an der eigenen Seele erfahren, habe mich einige Male schwer getäuscht. Zum Beispiel habe ich im Brustton der Überzeugung geschrieben, dass der FC St.Gallen unter Contini zu alter Heimstärke gefunden hätte. Tatsächlich siegte St.Gallen in den ersten fünf Partien im Kybunpark gegen Sion, Basel und Thun, remisierte gegen YB und verlor einzig gegen Luzern. Doch folgten prompt die Peinlichkeiten gegen Lausanne (0:4) und Lugano (0:2). Recht hatte ich mit der Vermutung, dass die Unruhen im Umfeld nicht auf die Leistungen der Mannschaft abfärben würden. Sonst wäre ein vierter Platz nicht möglich gewesen. Prognosen sind deshalb so schwierig geworden, weil die Transferperiode heute de facto ein Jahr lang dauert, auch in den wenigen Wochen, in denen keine Wechsel möglich sind. Aus der Fussball- ist längst eine Theatersaison geworden, man frage nur in Dortmund nach. Wir haben es auch erlebt – siehe das Hin- und Her um Albian Ajeti.

Vergegenwärtigen wir, wie sich die Situation just vor einem Jahr präsentierte: St.Gallen startete mit nur einer Niederlage (in Basel) in sechs Spielen in das Frühjahrspensum. Ajeti und Tranquillo Barnetta waren die Hoffnungsträger, Dölf Früh mit alter Crew noch im Amt. So wage ich auch noch keinen Tipp, wie St.Gallen am Samstag bei YB starten wird – ob mit einer Leistung der Hoffnung, unabhängig vom Resultat, oder einem weiteren "Testspiel" für die Meisterschaft.

Torhüterwechsel.Ein Trainer des FC St.Gallen versucht also wieder einmal den Schnitt auf der Torhüterposition. Ob Dejan Stojanovic oder Daniel Lopar der Mannschaft unter dem Strich mehr bringen wird, hängt von einer Grundsatzfrage ab: jener, was mehr Vorteile bringt - die Strafraumbeherrschung und die Ballgewandtheit mit dem Fuss auf Seiten des neuen Mannes oder Lopars Paraden, die den Espen schon mehrfach Punkte gesichert haben. Es könnte auch damit argumentiert werden, dass es ein Wechsel für Zukunft ist. Nur spielt das Alter bei den Torhütern oft eine relative Rolle. Stojanovic ist 24, Lopar 32. Der Italiener Gianluigi Buffon feierte am Sonntag seinen 40. Geburtstag. (fk)

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