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Kolumne

Gegentribüne: Hier war sie wieder, die erfolgreiche Zeidler-Unlogik

Nach dem Ausscheiden im Cup setzt St.Gallens Trainer auf eine neuformierte Abwehr und schickt die Routine auf die Tribüne. Wem vor dem Spiel deswegen Wind und Weh ist, wird aber angenehm überrascht. Der Sieg gegen Servette ist nur in kurzen Phasen gefährdet.
Fredi Kurth
Bejubeln das 2:0 gegen Servette: Torschütze Lukas Görtler (rechts) mit Victor Abril Ruiz (Mitte) und Miro Muheim. (Bild: Urs Bucher)

Bejubeln das 2:0 gegen Servette: Torschütze Lukas Görtler (rechts) mit Victor Abril Ruiz (Mitte) und Miro Muheim. (Bild: Urs Bucher)

Peter Zeidler hatte nach der vermeidbaren Niederlage in Winterthur zu Recht auch auf die positiven Aspekte verwiesen, und der geneigte Anhänger dachte, der Trainer würde auf jenen Erkenntnissen aufbauen. Stattdessen veränderte er die Aufstellung auf fünf Positionen und just im sensibelsten Mannschaftsteil, der Abwehr, auf nicht weniger als deren drei. Gleichzeitig waren die routinierten Spieler Milan Vilotic, Moreno Costanzo und Vincent Rüfli nicht mehr gefragt, nicht einmal mehr als Ersatzbankwärmer. Erinnert sei an die Empörung unter den Fans, als einst Joe Zinnbauer eine endlich sattelfeste Innenverteidigung umstellte. Doch Zeidler verblüfft immer wieder. Vergangene Saison entdeckte er auf diese Weise das aussergewöhnliche Talent von Leonidas Stergiou. Diesmal war Betim Fazliji plötzlich als Innenverteidiger eine wuchtige Grösse. Hierfür vertraut der Trainer oft auf die Eindrücke im Training, und die meisten Spieler bestätigen ihn, wenn es ernst gilt.

Sich im Training bewähren

Gegentribüne-Kolumnist Fredi Kurth. (Bild: Urs Bucher)

Gegentribüne-Kolumnist Fredi Kurth. (Bild: Urs Bucher)

Spieler müssten sich unter der Woche aufdrängen, heisst es auch heute noch. Ich hatte mich schon gefragt, ob das klug sei, wenn sich einer im Training fast täglich bewähren muss. Und ob ihm am Wochenende nicht die Energie fehle. Allerdings kann zumindest bei den St.Gallern nicht behauptet werden, sie seien durch Europacup, Schweizer Cup oder Länderspiel-Verpflichtungen überbelastet.

Es muss nicht immer Pressing sein

Das Verrückte bei so viel Rotation: St.Gallen gewann gegen den in der Meisterschaft bisher soliden Aufsteiger ziemlich locker. Fast nur die Anfangsphase, als nach 69 Sekunden eine scharfe Hereingabe flach vor dem St.Galler Tor vorbeisauste, erinnerte an die insgesamt fünf meist frühen Rückstände in dieser Saison. St.Gallen verfiel nicht in Hektik, und daraus ergab sich die nächste Erkenntnis: Es muss nicht immer Tempofussball sein, nicht immer nur Pressing, um einen Gegner in Bedrängnis zu bringen. So auch geschehen in der souveränen Vorbereitung des Führungstreffers, als sich in der Folge von überlegtem Kombinationsspiel Victor Ruiz entspannt dem Servette-Strafraum näherte und urplötzlich abzog.

Ruiz ersetzt Ashimeru gleichwertig

Überhaupt dieser Ruiz. Wenn die Mannschaft den massiven Qualitätsverlust mit den Abgängen von Barnetta, Ashimeru, Sierro, Wittwer (und nun auch Kutesa) bisher verkraftet hat, dann hat hierfür der kleine Spanier wesentlichen Anteil. Denn er ist nicht nur Wirbelwind, sondern auch Spielgestalter und Schütze und hat positionsbezogen Ashimeru bis jetzt mindestens gleichwertig ersetzt. Zusammen mit seinem Landsmann Jordi Quintilla hievt er die Mannschaft auf hohes spielerisches Niveau, das gegen eine im Zweikampf nicht so konsequente Mannschaft wie Servette besonders gut zum Tragen kommt. Da ergänzt Lukas Görtler die beiden mit solider kämpferischer Wertarbeit ideal.

Dejan Stojanovic: Note 4,5. Wird selten geprüft, obschon Servette zu Beginn Druck macht. Beim Gegentor ohne Chance.Dejan Stojanovic: Note 4,5. Wird selten geprüft, obschon Servette zu Beginn Druck macht. Beim Gegentor ohne Chance.
Silvan Hefti: Note 4,5. Ein sicherer Wert, wie so oft. Im Spiel nach vorne gelang ihm auch schon mehr.Silvan Hefti: Note 4,5. Ein sicherer Wert, wie so oft. Im Spiel nach vorne gelang ihm auch schon mehr.
Yannis Letard: Note 4. Er ist hin und wieder etwas nachlässig im Zweikampf und wirkt weniger sicher als zum Saisonbeginn.Yannis Letard: Note 4. Er ist hin und wieder etwas nachlässig im Zweikampf und wirkt weniger sicher als zum Saisonbeginn.
Betim Fazliji: Note 5. Gute Premiere in der Innenverteidigung. Für einen Youngster herausragendes Stellungsspiel. Zu Beginn nervös.Betim Fazliji: Note 5. Gute Premiere in der Innenverteidigung. Für einen Youngster herausragendes Stellungsspiel. Zu Beginn nervös.
Miro Muheim: Note 4,5. Defensiv einige Patzer. Sein Vorstoss vor dem 2:0 ist aber grosse Klasse.Miro Muheim: Note 4,5. Defensiv einige Patzer. Sein Vorstoss vor dem 2:0 ist aber grosse Klasse.
Victor Ruiz: Note 5,5. Starker Treffer, starkes Zweikampfverhalten, gute Übersicht, genauer Pass. Mann des Spiels.Victor Ruiz: Note 5,5. Starker Treffer, starkes Zweikampfverhalten, gute Übersicht, genauer Pass. Mann des Spiels.
Jordi Quintillà: Note 5. Auch er zeigt ein starkes Spiel mit gewohnt guter Übersicht und Ruhe am Ball.Jordi Quintillà: Note 5. Auch er zeigt ein starkes Spiel mit gewohnt guter Übersicht und Ruhe am Ball.
Lukas Görtler: Note 4,5. Der Arbeiter neben Quintillà und Ruiz, er ist im Mittelfeld körperlich präsent und trifft kraftvoll zum 2:0.Lukas Görtler: Note 4,5. Der Arbeiter neben Quintillà und Ruiz, er ist im Mittelfeld körperlich präsent und trifft kraftvoll zum 2:0.
Jérémy Guillemenot: Note 4. Sein Einsatz ist gross, seine Fehlpassquote ebenfalls. Arbeitet aber defensiv gut mit.Jérémy Guillemenot: Note 4. Sein Einsatz ist gross, seine Fehlpassquote ebenfalls. Arbeitet aber defensiv gut mit.
Cedric Itten: Note 4. Zeigt einige Male seine Wucht im Zweikampf, kommt aber zu keiner nennenswerten Chance. In der Pause wird er wegen Gehirnerschütterung ausgewechselt.Cedric Itten: Note 4. Zeigt einige Male seine Wucht im Zweikampf, kommt aber zu keiner nennenswerten Chance. In der Pause wird er wegen Gehirnerschütterung ausgewechselt.
Boris Babic: Note 4. Arbeitet stark mit im Spiel gegen den Ball. Bei Offensivaktionen aber oft zu wenig klar.Boris Babic: Note 4. Arbeitet stark mit im Spiel gegen den Ball. Bei Offensivaktionen aber oft zu wenig klar.
Fabiano Alves: Note 4,5. Kommt in der Pause für Itten, fällt lange nicht auf – trifft dann aber souverän zum 3:1.Fabiano Alves: Note 4,5. Kommt in der Pause für Itten, fällt lange nicht auf – trifft dann aber souverän zum 3:1.
Ermedin Demirovic: Note 4,5. Kommt in der 65. Minute für Babic und zeigt bei seiner Premiere, dass er mit dem Ball einiges anfangen kann. Ermedin Demirovic: Note 4,5. Kommt in der 65. Minute für Babic und zeigt bei seiner Premiere, dass er mit dem Ball einiges anfangen kann.
Alain Wiss: keine Note. Kommt nach seinem Kreuzbandriss erstmals wieder zum Einsatz – und ist nach seiner Einwechslung gleich Vorbereiter zum 3:1. Ist aber nur eine Viertelstunde im Einsatz – zu wenig für eine Bewertung.Alain Wiss: keine Note. Kommt nach seinem Kreuzbandriss erstmals wieder zum Einsatz – und ist nach seiner Einwechslung gleich Vorbereiter zum 3:1. Ist aber nur eine Viertelstunde im Einsatz – zu wenig für eine Bewertung.
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Victor Ruiz stark, Guillemenot und Babic lange mit wenig Wirkung: Die Noten der FCSG-Spieler nach dem 3:1-Sieg gegen Servette

Das enorme spanische Reservoir

Nicht von ungefähr sind es zwei Spanier, die Sportchef Alain Sutter ein sehr preiswertes Transfergebaren ermöglichten. Denn das Talentreservoir und die Ausbildung sind wahrscheinlich nirgendwo so ergiebig wie in diesem Land. Sutter ist auf Quintilla, der drei Jahre in der Struktur von Barcelona geschult wurde, als Arbeitsloser in Amerika gestossen. Ruiz, kurz bei Valencia engagiert und schliesslich auf der kleinen Insel Formentera spielend, entdeckte Sutter auf den Balearen. Nicht dass grosse spanische Stars unentdeckt bleiben würden, aber viele weitere hervorragende iberische Fussballer sind da irgendwo auf dem Erdball unterwegs, die in der Super League Sonderstatus erreichen könnten. Und wenn sich dann einer wie Ruiz so in Szene setzt, befällt einen schon bald wieder ein ungutes Gefühl: Wie lange noch? An Quintilla war ja im Sommer schon Union Berlin interessiert gewesen.

Wer ist der Nächste?

Boshaft erlaube ich mir, so wie bei Wettbüros in der Wette zum nächsten Trainerrauswurf, die Frage, wer der nächste St.Galler sein wird, der gegen harte Währung den Verein verlassen wird: 1. Ruiz. 2. Quintilla. 3. Hefti. 4. Stergiou. 5. Muheim. 6. Stojanovic? Diese Liste soll allerdings, anders als bei Kutesa, keinem der Genannten den Kopf verdrehen. Gleichzeitig sei nämlich erwähnt, dass St.Galler Fussballer, die ausziehen, um die Fussballwelt zu erobern, oft bald geläutert wieder zurückkehren. Jüngstes Beispiel: Marco Aratore, einer der guten Kollegen von Silvan Hefti, ist ein Jahr nach seinem Wegzug nach Russland auch schon wieder zurück und erlebt mit Lugano zurzeit eine Baisse.

Natürlich darf ein junger Fussballer versuchen, im Ausland Karriere zu machen. Aber dann muss er sich der Risiken bewusst sein: Die Konkurrenz ist immens. Einigermassen Fuss gefasst haben Oscar Scarione (lange ist es her) und Michael Lang, wenn auch zuletzt bei Werder Bremen zweimal nicht mehr eingesetzt. Die Laufbahn von Marwin Hitz ist bekannt, und einer der aktuell besten Fussballer des Schweizer Nationalteams kann ebenfalls mit Future Champs Ostschweiz in Zusammenhang gebracht werden: Fabian Schär ist bei Newcastle, in der Premier League und als Verteidiger notabene, zum Star avanciert. Nur dass er beim FC Wil gespielt und FCO schon früh wieder verlassen hat, weil ihm der Aufwand dort zu gross erschien. Er fand dennoch den Weg in Wils U20 und danach zum FC Basel.

Also: Der FC St.Gallen hat sich auf Platz vier eingenistet und ist damit wieder einmal auf das Sprungbrett gestiegen. Ob er es nutzt oder gleich wieder hinunterfliegt, werden die Partien in Sion am Mittwoch und am Samstag daheim gegen Thun aufzeigen. Da sind wir gespannt, welcher Spieler diesmal Peter Zeidler im Training den Kopf verdreht.

Aufgefallen

Auch Dereck Kutesa erlebt zurzeit, dass ihm bei Stade Reims nicht der rote Teppich ausgelegt wird wie den Superstars. Immerhin erhielt er das Spieltrikot mit der Nummer 8, durfte im zweiten Spiel erstmals von Beginn weg mittun und nun im dritten daheim gegen Monaco nach 80 Minuten dem Leder hinterherjagen. Er hatte als linker Flügel sofort gute Bindung zum Spiel, zwei, drei vielversprechende Aktionen, aber auch einen Ballverlust, der zu einem gefährlichen Gegenangriff führte. Ich denke, die Ligue 1 passt zu Kutesa, und sein Entwicklungspotenzial ist noch lange nicht ausgereizt.

Halligalli im Espenblock

Immer mehr junge Menschen finden es geil, im Kybunpark und bei den Auswärtsspielen des FC St.Gallen mit dem Feuer zu spielen und zu provozieren. Es ist eine gegenteilige Bewegung von «FFF», von «Friday for Future». Nennen wir sie «Fans for Fume», all jene, die kräftig Umwelt und Fussballgenuss trüben. War da nicht mal was? Hat da Matthias Hüppi nicht versprochen, das mit den Fans in netten Gesprächen in den Griff zu bekommen? Gibt es nicht auch die Fanarbeit oder hat man die in der Einsicht von Nutzlosigkeit eingestellt? Zu kurz kommt jedenfalls die dritte FFF-Guppe: die «Friends for Football».

Während im Espenblock Halligalli herrscht, sind auf der Gegentribüne schon bald die ersten weissen Buchstaben von «F» «C» «S» «G» zu lesen. So hat es auch beim zweitältesten Fussballverein, den Grasshoppers, angefangen: Immer mehr Rowdys und immer weniger wahre Fussballanhänger und damit Leute, die sich ideell oder finanziell beteiligen wollen. Schade um die sportliche Entwicklung beim FC St.Gallen. Die Mannschaft spielt einen ansehnlichen Fussball und gewinnt jetzt damit anscheinend auch Punkte. Das Problem ist im Grunde seit Jahrzehnten dasselbe. Fortsetzung garantiert. (th)

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