Gegentribüne
Hat der FC St.Gallen die Kehrtwende geschafft? – Was dafür und was dagegen spricht

So rasch kann sich im Fussball der Gesichtspunkt ändern. Vor dem Match gegen Luzern wurde festgehalten: Nur einmal in neun Spielen hat St.Gallen gewonnen. Und jetzt heisst es: Drei Spiele nicht mehr verloren, und schon richtet sich der Blick wieder nach oben. Berechtigt?

Fredi Kurth
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Gegentribüne-Kolumnist Fredi Kurth.

Gegentribüne-Kolumnist Fredi Kurth.

Bild: Tobias Garcia

Die Teilnehmer am Wiener Marathon kennen das Lusthaus am südöstlichen Ende der Praterallee. Es ist der Wendepunkt deutlich nach der Hälfte der 42,2 Kilometer langen Laufstrecke. Sie rennen im Schwung um das Traditionshaus aus dem 16. Jahrhundert und streben danach frisch motiviert dem Ziel entgegen. Beim FC St.Gallen stellt sich nach dem Sieg vom Mittwochabend männiglich die Frage, ob auch die Grün-Weissen die Kehrtwende geschafft haben und nun voller Lust dem allerdings noch etwas weiter entfernten Saisonende entgegen joggen. Einiges spricht dafür, einiges dagegen.

Zuerst die gute Perspektive:

  • Ein positiver Ansatz ergibt sich aus dem direkten Vergleich der beiden Auswärtsspiele in Sion, in denen die Walliser beide Male auf je ein Negativerlebnis in der Meisterschaft und im Cup zu reagieren hatten. St.Gallen hätte beim 2:3 zwar auch gewinnen können, aber gerade diese Flatterhaftigkeit war damals noch typisch. Beim 1:1 zehn Tage später hatte die Mannschaft wieder zu sich selber gefunden und hätte gewinnen müssen.
  • Das Defensivverhalten ist wieder stabiler geworden. Das zeigte sich auch im Spiel gegen Luzern. Obwohl die Mannschaft stets in der Vorwärtsbewegung war und sich im Ballbesitzfussball üben konnte oder musste, kamen die Innerschweizer nach der Führung lange Zeit kaum noch gefährlich vor das St.Galler Tor. Diese Sicherheit ist auf die Rückkehr von Musah Nuhu zurückzuführen.
  • Die Mischung stimmt. Die Mannschaft vereinigt sowohl spielerische als auch kämpferische Elemente in sich. Da sind zum Beispiel «die Bravehearts» Stillhart und Görtler zu erwähnen. Hinter dem Transfer von Basil Stillhart hatte ich im Sommer einen Ergänzungsspieler vermutet, der vielleicht um einen Stammplatz kämpfen müsste. Wie ich mich irren sollte. Sogar die Vermutung, dass er kaum Torgefahr entwickeln werde, musste ich bald revidieren. Vielleicht basierte meine Einschätzung darauf, dass Stillhart erst im Alter von 24 Jahren vom FC Wil zum FC Thun gewechselt war, gleichsam ein Spätzünder war, ganz anders als die Frühentdeckungen Silvan und Nias Hefti oder Leonidas Stergiou aus dem Ostschweizer Nachwuchs.
    Lukas Görtler hatte vielleicht zu Jahresbeginn einen leichten Durchhänger, war aber auch gegen Luzern wieder voll auf Draht, bereinigte mit dem Kopf gleich zu Beginn eine extrem heikle Situation (was ihn danach für einmal schmunzelnd im Small Talk mit Luzerns Pascal Schürpf zeigte), hatte viele Ballkontakte, und die Galligkeit in den Zweikämpfen trug ihm eine blutende Knieschürfung ein. Im spielerischen Sektor hat Victor Ruiz, läuferisch ohnehin tadellos, fast wieder zur alten Form gefunden, nachdem er einige Zeit von der kräfteraubenden letzten Saison gezeichnet schien.
  • Mehr Attraktivität. Es fallen wieder mehr Tore in den Spielen des FC St.Gallen. Die Mannschaft kreiert in Spielen, in denen sich der Gegner «normal» verhält und nicht primär das eigene Tor abschirmt, mehr Torchancen und hat nun in Kwadwo Duah den gesuchten Goalgetter gefunden. Was seine sechs Tore besonders wertvoll macht: Kein Hattrick ist darunter, keine Sternstunde, sondern sie sind schön verteilt auf sechs Spiele über die ganze Saison hinweg. Auf dem Weg dorthin befindet sich auch Jérémy Guillemenot mit je einem Tor in den drei Spielen vor dem Luzerner Match.
Lawrence Ati Zigi: Note 4. Am 0:1 nicht schuldlos, weil er den Ball abprallen lässt. Danach ist Zigi der Zigi, wie ihn St.Gallen braucht und das Publikum liebt.
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Musah Nuhu: Note 4. In der Luft stark, was dem St.Galler Spiel eine neue Qualität gibt. In den Zweikämpfen okay.
Leonidas Stergiou: Note 4,5. Verliert im Zentrum den Zweikampf vor dem 0:1. Zeigt danach eine beschwingte Partie.
Basil Stillhart: Note 4. Licht (Engagement, Schüsse) und Schatten (Fehlzuspiele) wechseln sich bei ihm ab.
Jordi Quintillà: Note 3,5. Vom Spanier erwartet man immer mehr, gewiss mehr als einen guten Freistoss. Es wäre gut, würde er seine Zukunft klären.
Jérémy Guillemenot: Note 4,5. Macht gute Dinge, wie den Pass, der zum Penalty führt. Manchmal fehlt vor dem Tor die Zielstrebigkeit/Durchschlagskraft.
Victor Ruiz: Note 5. Versucht viel. St.Gallen hat wieder einen sicheren Penaltyschützen! Und den Assist zum 2:1 gibt der Spanier grad auch noch.
Lukas Görtler: Note 3,4. Drei, vier Abschlüsse. Spielerisch aber dieses Mal bescheiden. Wirkt gar etwas müde.
Thody Élie Youan: Spät für Duah (88.) eingewechselt mit Yannis Letard für Ruiz.
Betim Fazliji: Note 4,5. Wie ein Routinier ruhig, umsichtig. Die nächste Stufe wäre mehr Einfluss aufs Spiel.
Kwadwo Duah: Note 5. Der Matchwinner holt den Penalty und die rote Karte heraus, erzielt das Siegtor. Müsste aber die Begegnung früher entscheiden.
Boubacar Traore: Note 4. Wirkt manchmal leichtsinnig. Technisch ist «Bouba» beschlagen, hat gute Flügelläufe. Müsste sich cleverer anstellen, als er eine gelbe Karte (19.) holt statt den Foulpenalty für St.Gallen.
Alessandro Kräuchi: Note 4. Hereinnahme für Nuhu (64.) Wirft sich einmal in einen Schuss.
Boris Babic: Note 4,5. Kommt für Guillemenot (65.). Bringt neuen Schwung, am Siegtreffer noch leicht beteiligt.
Euclides Cabral. Kommt für Traoré (76.).

Lawrence Ati Zigi: Note 4. Am 0:1 nicht schuldlos, weil er den Ball abprallen lässt. Danach ist Zigi der Zigi, wie ihn St.Gallen braucht und das Publikum liebt.

Damit ich nicht allzu sehr ins Schwärmen gerate...

...hier die schlechte Perspektive:

  • Aus drei Partien hintereinander mit Punktezuwachs lässt sich noch keine Konstanz ableiten. Fussball ist Zufall. Zumindest in Bezug auf einzelne Spiele. Der FC St.Gallen startete mit drei Siegen in die Saison. Der Rest war ein schleichendes Bergab.
  • Die Mannschaft hat auch gegen Servette und Sion in der Abwehr gepatzt. Konzentrationsfehler und unglückliche Umstände führten zu Gegentoren und Elfmetern. Auch Luzern strafte die erste Unachtsamkeit.
  • Noch immer tut sich St.Gallen besonders schwer, wenn sich der Gegner primär auf das Verteidigen verlegt. Am Mittwoch war dies lange Zeit gegen die schwächste Auswärtsmannschaft mit einer insgesamt porösen Abwehr der Fall.
  • Die Hilflosigkeit bei stehenden Bällen. Der FC St.Gallen ist Eckballspezialist, allerdings nur im Addieren von Corners, nicht im Verwerten. Wenigstens in der Abwehr derselben zeigte sich das Team lange Zeit sattelfest. Doch zuletzt, möglicherweise bedingt durch die stetige Umbesetzung der Abwehrreihe, flog fast jeder Eckball zum Gegner.
Fünf Spiele ohne Sieg – gegen Luzern mussten endlich mal wieder drei Punkte her.
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Dass zuerst die Gäste aus Luzern jubelten, machte die Sache für die St.Galler nicht einfacher.
Die beiden Mannschaften lieferten sich ein umkämpftes Spiel. Schiedsrichter Stefan Horisberger zückte einige Male die Gelbe Karte und einer sah sogar Rot: Luzerns Verteidiger Martin Frydek.
Kurz darauf erzielt Victor Ruiz per Penalty den Ausgleich.
In der 72. Minute trifft Kwadwo Duah zum 2:1.
Inzwischen dürfte FCSG-Trainer Peter Zeidler gefallen, was sein Team auf dem Platz zeigt.
Immer mittendrin: Mittelfeldspieler Lukas Görtler.
Erleichterung bei Goalie Lawrence Ati Zigi nach dem Schlusspfiff...
... und bei Verteidiger Leonidas Stergiou.
Alter Bekannter: Stefan Wolf, ehemaliger Verwaltungsrat des FC St.Gallen und neuer Präsident des FC Luzern.

Fünf Spiele ohne Sieg – gegen Luzern mussten endlich mal wieder drei Punkte her.

Bild: Freshfocus

In der Summe: Durch die grün-weisse Brille überwiegt der Optimismus. Das darf auch sein, so wie beim Marathonläufer in der Lusthaus-Schleife. Das Ziel befand sich auf dem Heldenplatz. Lusthaus und Heldenplatz, vielleicht beflügelt solche Vorstellung auch die St.Galler Spieler auf den letzten 16 Kilometern, in den letzten 16 Spielen. Nächste Kilometermarke: Vaduz.

Aufgefallen

FCSG-Finanzen

Das zweite grosse Thema in dieser Woche beim FC St.Gallen: Er befindet sich wegen Corona in finanziell schwieriger Lage. Damit ergeht es ihm ähnlich wie allen anderen Vereinen, auch wenn das Polster durch die Rekordeinnahme bei den Abonnements im vergangenen Sommer etwas dicker sein dürfte. Aber die Verantwortlichen sind nicht zu beneiden um ihre Aufgabe. Die Darlegung in den Medien und bei allen Dauerkarten-Besitzern per Briefpost war einleuchtend, wenn auch in den Details etwas kompliziert. Aber die Pandemie ist kompliziert, und der finanzielle Stress wird durch den sportlichen Stress nicht herabgemindert.

Das wäre zu vermeiden gewesen, indem die Liga ohne Absteiger auf nächste Saison aufgestockt worden wäre. Doch diese Gelegenheit wurde am Ende des vergangenen Jahres still und leise verworfen. Wieder einmal steht der TV-Vertrag in der Quere, der irgendwann in diesen Wochen und Monaten in den Details neu ausgehandelt wird. Auf eines hat man sich allerdings mit Swisscom-Blue Sport (ehemals Teleclub) bereits geeinigt: Der Klumpfuss Zehnerliga soll uns weitere vier Jahre erhalten bleiben. Wegen des Virus, das wahrscheinlich eher vor als nach Ablauf dieser Frist besiegt sein wird, verzichten die Vereine auf die überfällige, auch anhand einer Studie und von den Vereinen mehrheitlich schon gutgeheissene Modus-Anpassung und glaubt, wenigstens im Rahmen der bisherigen Entschädigung von 35 Millionen Franken abschliessen zu können. Das schaffe Planungssicherheit, heisst es bei der Swiss Football League. Ob dem wirklich so ist, da aktuell noch mindestens acht Vereine der Super League starker bis mittlerer Abstiegsgefahr ausgesetzt sind? Existentieller Stress ist im Fussball meistens kostspielig und erst recht, wenn der Abstieg Tatsache wird.

Rote Karte gerechtfertigt?

Der FC St.Gallen ist in den vergangenen Wochen von den Schiedsrichtern und dem VAR eher benachteiligt als bevorteilt worden. So kommt es nur ausreichender Gerechtigkeit gleich, wenn er gegen Luzern vielleicht auch einmal begünstigt worden ist. Der Penalty, der zum Ausgleich der St.Galler führte, war unstrittig. Aber die rote Karte? Ich bin mir fast sicher, dass vor ungefähr zwei Jahren die sogenannte doppelte Bestrafung, also Penalty und rote Karte, abgeschafft worden ist. Die rote Karte bei Notbremse sei nur in einer Spielszene ausserhalb des Strafraums noch angemessen, innerhalb des Strafraums nur dann, wenn das Foul selber die rote Karte (also sackgrobes Foul oder Tätlichkeit) nach sich gezogen hätte. Das Vergehen des Luzerner Verteidigers gehörte bestimmt nicht dazu. (th)