GEGENTRIBÜNE: Giorgio Contini sendet Signale

Neuer Trainer, neues Glück. Schon oft beobachtet, trifft diese Binsenweisheit nun auch beim FC St. Gallen zu. Aus dem Spiel gegen Vaduz konnte – bei aller Vorsicht – einiges davon herausgelesen werden, was Giorgio Contini vorschwebt.

Fredi Kurth
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Ansätze von Trainer Continis Philosophie sind bereits erkennbar. Und Sejad Salihovic zog im Mittelfeld Barnetta und Aleksic mit. (Bild: Michael Zanghellini)

Ansätze von Trainer Continis Philosophie sind bereits erkennbar. Und Sejad Salihovic zog im Mittelfeld Barnetta und Aleksic mit. (Bild: Michael Zanghellini)

Der neue Mann an der Seitenlinie ist offensichtlich ein Trainer, der sich die Schwächen eines Gegners gut merken und darauf gut reagieren kann. Das war mir in dieser Konsequenz unbekannt. Ich dachte mir, dieses Know-how wende Giorgio Contini primär gegen den FC St.Gallen an. Doch er selber sagte bei Stellenantritt, dass er jeden Gegner in der Super League sehr gut kenne und dessen Schwächen auszunützen versuche.

Der Unterschied zu den Vorgängern

Es gibt auch Trainer, die sagen selbstbewusst oder geben zumindest vor, dass sie sich kaum um die gegnerische Mannschaften kümmern und sie selber bestimmen wollen, wie der Gegner zu reagieren hat. Jeff Saibene und vor allem Joe Zinnbauer verfolgten diese Idee mit einer hoch stehenden Abwehr, die den Gegner unter Druck setzen sollte, egal ob er Aarau oder Valencia hiess.Natürlich sind die ersten Eindrücke noch vage, aber es ist nicht bloss Zufall, dass der FC St.Gallen just mit Contini erstmals in zwölf Spielen gegen Vaduz gewinnen konnte. Ebenso bin ich überzeugt, dass der neue Trainer auch seine eigenen Vorstellungen einer Spielweise hat – oder vielleicht mehr als einer Spielweise. Daran müssen sich die Spieler und nicht zuletzt die Zuschauer aber erst einmal gewöhnen.

Der St.Galler Sejad Salihovic, oben, gegen den Liechtensteiner Philipp Muntwiler. (Bild: Benjamin Manser)
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Die St.Galler Torschützen Karim Haggui, links, und Tranquillo Barnetta feiern den 2:0-Sieg. (Bild: Benjamin Manser)
Der St.Galler Danijel Aleksic bejubelt den Treffer zum 1:0 von Karim Haggui. (Bild: Benjamin Manser)
Torjubel der St.Galler nach dem 1:0 durch Karim Haggui, links, hier mit Nzuzi Toko. (Bild: Benjamin Manser)
Der St.Galler Marco Aratore, rechts, gegen den Liechtensteiner Axel Borgmann. (Bild: Benjamin Manser)
Nzuzi Toko bejubelt das 2:0 für die St. Galler. (Bild: Benjamin Manser)
Der St.Galler Roman Buess, links, gegen den Liechtensteiner Philipp Muntwiler. (Bild: Benjamin Manser)
Tranquillo Barnetta feiert den St.Galler Sieg. (Bild: Benjamin Manser)
Tranquillo Barnetta (Bild: Benjamin Manser)
Der St.Galler Albian Ajeti, links, gegen den Liechtensteiner Simone Grippo. (Bild: Benjamin Manser)
St. Gallen's Albian Ajeti gegen Vaduz' Philipp Muntwiler im Zweikampf. (Bild: Keystone)
Marco Aratore behauptet sich gegen Simone Grippo. (Bild: Keystone)
Marco Aratore im Angriff auf Goalie Benjamin Siegrist. (Bild: Werner Schaerer)
Torjubel der St. Galler zum 1:0 durch Karim Haggui. (Bild: Benjamin Manser)
Philipp Muntwiler im Zweikampf gegen Albian Ajeti. (Bild: Werner Schaerer)
St. Gallen's Albian Ajeti im Spiel zwischen dem FC St. Gallen und dem FC Vaduz. (Bild: Keystone)
Vaduz' Axel Borgmann gegen St. Gallen's Andreas Wittwer. (Bild: Keystone)
Tranquillo Barnetta bejubelt sein Tor zum 2:0. (Bild: Benjamin Manser)
Es ist Tranquillo Barnettas erstes Tor seit seiner Rückkehr zum FCSG. (Bild: Benjamin Manser)
Die St. Galler feiern ihren 2:0 Sieg. (Bild: Benjamin Manser)
Stefan Hernandez, der neue Präsident des FC St. Gallen, wohnte dem Match bei. (Bild: Keystone)
St. Gallens Trainer Giorgio Contini freut sich über den Treffer zum 1:0. (Bild: Keystone)

Der St.Galler Sejad Salihovic, oben, gegen den Liechtensteiner Philipp Muntwiler. (Bild: Benjamin Manser)


Spieler ruhig, Zuschauer in Panik

So war es am vergangenen Samstag der Schock der Anfangsminuten, der erhellend wirkte. Vaduz begann zwar wie immer mit enormem Drive in der Arena, aber die St.Galler, ganz ungewohnt, wollten auf jeden Fall und auch in heikler Situation von hinten sorgfältig aufbauen. Es schien, als ob ein weiter Befreiungsschlag nach vorne den Spielern verboten worden sei. Vaduz kam mit seinem Pressing zu zwei, drei Riesenchancen.Die Zuschauer vor mir, hinter mir, links und rechts von mir schienen zu verzweifeln. Das könne ja nicht sein. Wahrscheinlich just jene, die zuvor am meisten geflucht hatten, wenn Daniel Lopar wieder einmal den Ball weit weg Richtung Sitter oder Richtung Neuchlen-Anschwilen schlug, gerieten nun fast mehr in Panik als St.Gallens Akteure selber. Dabei war die Aufstellung mit Aleksic, Barnetta und Salihovic genau auf solches Kombinationsspiel ausgerichtet, just jenen Auftritt, der unter Zinnbauer nur in seltenen Augenblicken gelang. Bei allem Durcheinander konnte nicht übersehen werden, dass St.Gallen einige Male schön kombinierte und gefährlich konterte. Dass die Tore nach einem Eckball und nach einem Penalty fielen, war dann fast paradox. Vor dem Tor fehlte die Abgeklärtheit.

Karim Haggui: Note 6. Wenn ein Verteidiger ein Tor erzielt, das zweite indirekt ebenfalls und hinten die Null steht, dann ist er der Matchwinner. Dann fällt es auch nicht ins Gewicht, dass der Routinier zu Beginn ein paar Fehlpässe produzierte. (Bild: PD)
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Albian Ajeti: Note 3. Findet nie die Bindung zum Spiel, ein Schuss ans Aussennetz sind für die Sturmhoffnung definitiv zu wenig. Zudem oft zu eigensinnig, vergisst manchmal, dass neben ihm auch besser postierte Spieler stehen. (Bild: PD)
Danijel Aleksic: Note 4. Technik muss ihn niemand lehren. Zudem zeigt sich der Serbe einsatzfreudig und scheint seine neue Chance unter Contini nutzen zu wollen. Seine Freistösse sind aber leider nicht mehr jene früherer Tage, respektive Monate, respektive Jahre. (Bild: PD)
Marco Aratore: Note 5. In der ersten Halbzeit eher auf Sparflamme, nimmt der Juve-Fan im zweiten Durchgang gegen Ende der Partie Fahrt auf. Wechselt oft die Position, gewiss keine Fehlbesetzung auf dem Flügel. (Bild: PD)
Tranquillo Barnetta: Note 5. Quillo ist einer der Gewinner unter Contini – weil das taktische Korsett auf Barnetta weniger hemmend wirkt. Erzielt endlich das erste Tor seit seiner Rückkehr, der Knoten ist geplatzt. Das lässt hoffen. (Bild: PD)
Roman Buess: Note 4. Dem eingewechselten Stürmer merkt man die Verunsicherung an, nicht mehr zur Startformation zu gehören. Wirkt manchmal verkrampft. Doch Buess fügt sich vom Einsatz und Willen her nahtlos ins Gefüge ein. (Bild: PD)
Roy Gelmi: Note 4. Ein paar gute Seitenwechsel, lässt hinten mit seinem guten Stellungsspiel wenig zu. Dennoch unterlaufen dem 22-Jährigen immer mal wieder Abspielfehler in der Angriffsauslösung. (Bild: PD)
Daniel Lopar: Note 4. Zu Beginn Unsicherheiten bei Eckbällen. Danach der gewohnt sichere Rückhalt an einem Abend, an dem er sich eigentlich nie auszeichnen muss – weil die Vaduzer im Sturm letztlich zu harmlos sind. (Bild: PD)
Mario Mutsch: Note 4. Als wäre er nie weggewesen. Letztmals spielte der Luxemburger vor sieben Monaten durch, den gegen Vaduz verletzten Silvan Hefti ersetzt er brillant. Hat eine gute Ballbeherrschung, an seinen Flanken könnte er noch arbeiten. (Bild: PD)
Sejad Salihovic: Note 4. Man sieht in fast jeder Aktion, dass der frühere Hoffenheimer so richtig gut Fussball spielen kann. Technisch ist das 1A. Doch dem Spiel nach vorne vermag der Bosnier den Stempel nicht so richtig aufzudrücken. (Bild: PD)
Yannis Tafer: Note 4. Wird ebenfalls eingewechselt, nachdem er im ersten Spiel unter Contini in Lausanne noch beginnen durfte. Es ist durchaus möglich, dass sich das schriftliche Angebot, das bei Sportchef Christian Stübi eingetroffen ist, auf Tafer bezieht. (Bild: PD)
Nzuzi Toko: Note 4. Toko ist Toko: Heisst kämpfen, was das Zeug hält, antreiben – und wenn nötig auch einmal austeilen. Von ihm geht leider noch zu wenig Torgefahr aus, was wohl auch an seiner defensiv interpretierten Rolle liegt. (Bild: PD)
Andreas Wittwer: Note 4. Der gewohnt emsige Arbeiter auf der linken Seite, im Spiel nach vorne immer anspielbar. Könnte vielleicht das eine oder andere Mal mit mehr Mut mehr Zug aufs gegnerische Tor entwickeln. (Bild: PD)

Karim Haggui: Note 6. Wenn ein Verteidiger ein Tor erzielt, das zweite indirekt ebenfalls und hinten die Null steht, dann ist er der Matchwinner. Dann fällt es auch nicht ins Gewicht, dass der Routinier zu Beginn ein paar Fehlpässe produzierte. (Bild: PD)


Sich mehr Raum verschafft

Die Präsenz von Salihovic in der ersten Halbzeit und sein Einfluss auf die Offensivaktionen waren prägnant. Barnetta und Aleksic zogen mit. Schon zur Pause hatte ich die Zuversicht, dass St.Gallen den Spuk beenden und Vaduz in die Schranken weisen könnte. Zwei taktische Korrekturen im Vergleich zu Zinnbauer verhalfen zu mehr Stabilität: Erstens die schon gegen Lausanne erfolgte Rückkehr zur Viererabwehrreihe. Zweitens der Rückzug dieser hintersten Reihe von fast der Mittellinie, wie unter Zinnbauer, in die Nähe der eigenen Strafraumgrenze, wenn der gegnerische Torhüter abschlug. Damit hatte es bei Balleroberung ein Ende mit dem sattsam bekannten "Gmoscht" im Mittelfeld. Die Grün-Weissen konnten die Kugel von weiter hinten und mit mehr Raum besser zirkulieren lassen. St.Gallens Spiel atmete wieder. Was gegen Lausanne und zu Beginn gegen Vaduz noch mit einigem Glück behaftet war, hatte am Ende plötzlich Konturen. Wann zum letzten Mal hat der FC St.Gallen in den Schlussminuten einen Gegner so ins Leere laufen lassen?

Der Match der Routiniers

Natürlich sind das nur erste Eindrücke, die vielleicht bald wieder verwischt werden. Aber falsch wäre zu sagen, das sei eben "nur Vaduz" gewesen. Nein, das war der Angstgegner par excellence, der in diesem Jahr auch schon Basel zweimal ein Unentschieden (einmal noch mit Contini) abgerungen und die Young Boys an den Rand einer Niederlage gebracht hatte, sowie bei den Grasshoppers und in Lausanne siegte. Es war auch der Match der "Alten", in dem neben Barnetta und Salihovic auch Mutsch und Haggui glänzten. Unter andern Umständen wäre das ein Korsett, an dem sich junge Spieler aufrichten könnten. Aber Mutsch verlässt ja St.Gallen, und auch für Salihovic soll es im Kybunpark keine Zukunft geben.

Lugano auswärts am Dienstag und die Grasshoppers am Sonntag daheim werden eventuell schwerere Brocken sein, aber keine Zitterpartien mehr. Giorgio Contini kann sich nun ein noch besseres Bild von den Möglichkeiten und Defiziten der Mannschaft machen. Eins steht bereits fest: Die Klubführung hat gerade noch rechtzeitig die Notbremse gezogen.

Aufgefallen

Ach, da war noch etwas. Der FC St.Gallen hat einen neue Präsidenten gewählt. Nachdem alle vermuteten Kandidaten verzichtet hatten oder auch nicht angefragt worden waren, zeichnete sich eine Lösung mit einem Unbekannten ab. Stefan Hernandez betritt die Fussballbühne aus ähnlicher Anonymität heraus wie seinerzeit Dölf Früh. In einer Zielsetzung unterscheiden sich die beiden: Hernandez stellt den sportlichen Erfolg in den Vordergrund, für Dölf Früh stand zuoberst die finanzielle Sicherheit, was aus seiner anfänglichen Position auch verständlich war. Die Future Champs weiterbringen und damit Transfererträge erzielen – das jedoch hatte Früh auch schon zur Maxime erhoben. Hernandez ist für mich ebenfalls eine unbekannte Grösse, obwohl er im Nachbardorf Goldach wohnt und in meinem Wohnort Tübach Tennis spielt.

Dabei ist Tübach durchaus auch ein Fussballzentrum. Das wurde mir vergangene Woche wieder bewusst, als ich am Dienstagmittag auf dem Sportplatz Kellen zu meiner Joggingrunde startete. Was ist denn da los? Das weite Rund des Hauptfeldes eingekleidet mit hochkarätiger Bandenwerbung. Fernsehkameras auf dem Dach der Tribüne und unten auf dem Spielfeld. Ein Übertragungswagen des Schweizer Fernsehens ist parkiert, bei meiner Rückkehr offizielle Cars der Schweizer und österreichischen Fussball-Nationalmannschaft. Nun, die beiden U-17-Auswahlen trugen um 16 Uhr ein Länderspiel aus. Für Donnerstag, 11 Uhr, war ein zweites Spiel angesagt. Immerhin, ein paar Zuschauer hatten sich eingefunden, und nicht nur Pensionierte und Kindergärtler. Doch auch im Nachhinein gab es, abgesehen von der Livestream-Übertragung, keine mediale Aufmerksamkeit. Ein Kollege von mir hatte von den Spielen in Tübach über eine österreichische Homepage erfahren. Die Schweizer siegten im ersten Match 4:2 und verloren am Donnerstag um 11 Uhr im zweiten mit 1:2. Die Lehre daraus: Schauen Sie an Ihrem Ort ab und zu auf dem Fussballplatz vorbei. Es könnte dort gerade ein Länderspiel stattfinden.

Tranquillo Barnetta wird nicht an seinen Toren gemessen. Aber einer, der schon im Nationalteam Tore erzielt hat, darf auch in der Super League ab und zu das Runde ins Eckige bugsieren. Schon beim ersten Match in Vaduz fehlte nur wenig, als der Ball zweimal ans Gebälk flog. Und im nächsten Match gegen Lausanne erzielte der Heimkehrer ein lupenreines Tor, das fälschlicherweise wegen Offsides aberkannt wurde. Den Penalty gegen Vaduz nun im Rückspiel verwertete er etwas glücklich, aber regulär. (th)