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Gegentribüne: Fliegen ohne Flügel – die Gründe für St.Gallens Wandel +++ Die beleidigten Leberwürste im Espenblock

Ein Sieg, ein Unentschieden, drei Niederlagen: In Schieflage war der FC St.Gallen in die Saison gestartet. Vier Super-League-Spiele später taucht die Mannschaft unmittelbar hinter der Spitzengruppe auf. Da besteht für einmal Erklärungsbedarf aus erfreulichem Anlass, während sich einige St.Galler Anhänger gegen Thun im Stimmungsboykott übten.
Fredi Kurth
Im Moment haben die St.Galler viel zu jubeln – gegen Thun gab es den vierten Meisterschaftssieg in Folge. (Bild: Keystone)

Im Moment haben die St.Galler viel zu jubeln – gegen Thun gab es den vierten Meisterschaftssieg in Folge. (Bild: Keystone)

Wechselbäder im Fussball können durch Zufälligkeiten verursacht sein. Auch im Falle des FC St.Gallen war der Wandel mitten in der Saison nicht gerade offensichtlich. Zumindest nicht für mich.

Auf die Sprünge half mir der «Teleclub»-Reporter vor dem Match gegen Sion. Gegen Servette sei natürlich der Systemwandel des FC St.Gallen auffällig gewesen. Systemwandel? Nun, ich muss gestehen, dass ich den Match gegen die Genfer nur auf meinem Tablet in der Toskana gesehen habe. Und dass zudem die Rauchschwaden, von mir zunächst als kräftiger Herbsteinbruch interpretiert, den Blick auf taktische Finessen mächtig trübten.

Fredi Kurth. (Bild: Urs Jaudas)

Fredi Kurth. (Bild: Urs Jaudas)

Mehr Betrieb im gegnerischen Strafraum

Gegen Thun stachen die Unterschiede tatsächlich ins Auge. Pressing, Pressing, Pressing. Unablässig und sehr früh. Nur den Gegner nicht ins Spiel kommen lassen. Das hatte es in nachlässiger Form schon zu Zeidlers Anfängen gegeben. Noch markanter allerdings ist der Verzicht auf klassische Flügel, wie es Dereck Kutesa und Axel Bakayoko sind beziehungsweise waren. Stattdessen gibt es nun viel mehr Präsenz von Angreifern zentral vor dem Tor sowie im gegnerischen Strafraum. Und damit als unmittelbare Folge mehr Abschlüsse, mehr Nachschüsse und immer wieder mal Torchancen.

Die Grundvoraussetzung: Schneller Zugriff bei gegnerischem Ballbesitz und ein erstaunlich verwirrendes und präzises Kurzpass-Kombinationsspiel. Das Ergebnis ist beeindruckend. St.Gallen zeigt, was sich Präsident Matthias Hüppi in seinen Worten schon lange gewünscht hat: St. Gallen hat zu fliegen begonnen, ist ohne Flügel abgehoben.

Peter Zeidlers Eigensinn

Was der FC St.Gallen nun auf den Rasen zaubert, ist Fussball ganz nach Peter Zeidlers Geschmack. Schon immer hat er im Grunde das Spiel durch die Mitte bevorzugt. Seine Begründung:

«Das Tor steht in der Mitte.»

Da war er also wieder, dieser Zeidler‘sche Eigensinn in einer Zeit, da dichte Abwehrreihen nicht zuletzt über die Aussenpositionen auseinandergezogen werden sollten.

Die neue Spielweise erinnert mich an Auftritte des Linzer ASK, so wie sie der FC Basel zweimal in der schliesslich missglückten Champions-League-Qualifikation über sich ergehen lassen musste. Ich dachte mir damals: Was Österreichs Vizemeister kann, müsste auch der FC St.Gallen beherrschen, der sich hinsichtlich der finanziellen und fussballerischen Mittel mit den Oberösterreichern ungefähr auf gleicher Höhe befindet. Doch ich verwarf den Gedanken sogleich wieder in der Meinung, dass St.Gallen physisch zu einer solchen Spielweise nicht in der Lage sei.

Die erste Halbzeit gegen Thun widerlegte aber diese Ansicht eindrücklich. Zum Beispiel in Form von Boris Babic, der sich vor seinem Führungstor unwiderstehlich durchtankte. Auch sonst stimmte fast alles, und der Gegner wusste sich meistens nur mit unlauteren Mitteln zu helfen. Dass beide Mannschaften bei einer Foulstatistik von 7:19 mit einer gelben Karte davonkamen, wirkt unter diesem Aspekt eigenartig.

Bienenschwarm-Fussball

Mit Verlaub: Ein wenig ist die neue Spielart, bei der sich das Geschehen meistens auf sehr engem Raum abwickelt, bereits veraltet. Vor schätzungsweise zehn Jahren war sie noch sehr häufig anzutreffen. Wie ein Bienenschwarm bewegen sich jeweils 20 Feldspieler mal in diese oder jene Richtung, mal nach rechts oder links, mal auch zur Seitenlinie. Und dann entsteht eher zufällig ein Flügelspiel über jenen Akteur, der sich dort gerade befindet. Auf St.Galler Seite ist das meistens Silvan Hefti, der inzwischen aber auch fröhlich in der Mitte vorprescht.

Heute ist an die Stelle dieser monothematischen Spielweise die Variation getreten. Die Systeme nach Zahlen (jetzt aktuell im Zusammenhang mit St. Gallen 4-4-2, 4-3-3 mit Raute und so weiter) verschwimmen beim heutigen Hochgeschwindigkeitsfussball fast permanent, situatives Verhalten, sich auch mal zurückfallen lassen ist gefragt. In der zweiten Halbzeit hat St.Gallen gezeigt, dass es auch auf dieser Klaviatur zu spielen vermag, und hat geduldig auf weitere Chancen gewartet.

Zahlen sprechen für Fortsetzung

Die aktuell interessanteste Frage ist aber: Hält der Höhenflug an, oder bekommen die Anhänger bald wieder eine andere Realität vorgesetzt? Die Zahlen sprechen für eine weiterhin günstige Entwicklung, zum Beispiel das positive Torverhältnis (18:13), verbunden mit hohem Chancenanteil (9:3 (5:2) gegen Thun), dazu die defensive Stabilität trotz Sturmlaufs. Und der dritte Rang nach dem ersten Saisonviertel ist nun eine Platzierung unmittelbar hinter der Tabellenspitze und nicht eine Rangierung nur knapp vor dem Barrageplatz.

Die zwingende Art der ersten 48 Minuten am Samstag erinnerte jedenfalls an ganz grosse Zeiten vor 30 und dann noch ausgeprägter vor 20 Jahren. Nun erscheint der FC Basel am nächsten Sonntag schon zu einer Art Spitzenkampf im Kybunpark. Das verspricht wieder Spektakel und taktisch interessante Beobachtungen vor hoffentlich grosser Kulisse: Wer jetz nöd gumpet, isch kein Sanggaller!

Aufgefallen

Das war fast ein antikes griechisches Drama, das sich am Samstag in der St.Galler Fussball-Arena abspielte: ein Familienkrieg auf höchster Ebene, glücklicherweise ohne Gewalt. Hier der schweigende harte Kern des Espenblocks hinter dem Tor. Dort als Gegnerschaft die grosse Mehrheit im weiten Rund, die mit ihm nichts mehr zu tun haben will und die jene fabelhafte Stimmung herbeizauberte, die in selbstherrlicher Art just die Chaoten für sich beanspruchen. Dazwischen die Mannschaft und ihre Betreuer, die nicht so recht wussten, wem sie ihre Empathie zeigen sollten und sich auch in den Interviews mächtig winden mussten. «Und ihr wollt St.Galler sein?», erschallte es von der Gegenseite des Espenblocks, als sich die Ultras auch bei der Welle und Handy-Illumination nicht bewegten. Vor dem An- und nach dem Abpfiff allerdings erwiesen sich die beleidigten Leberwürste als stimmgewaltige A-cappella-Band und als durchaus fähig, auch ohne Feuer und Fahnen in Fahrt zu kommen. Damals, als es sie noch nicht gegeben hat, fanden Spiele auf dem Espenmoos oder im Krontal ebenfalls in toller Atmosphäre statt. Niemand der etwas älteren Anhänger wird behaupten, dass dies bei den Stadtderbys oder in den 1970-ern in der Nationalliga A anders gewesen sei. Immerhin ein Flugblatt der Stimmungsverweigerer nach Spielschluss am Samstag liess einen Hauch von Einsicht erkennen in das falsche Verhalten im Heimspiel gegen Servette. Die weitere Entwicklung ist absehbar: Die Ultras werden sich in nächster Zeit gemässigt verhalten. Die Verantwortlichen werden einlenken. Und Exzesse im, aber vor allem ausserhalb des Stadions werden peu à peu wieder aufflammen. Unter dem Strich wird dann die Erkenntnis bleiben, dass die Ultras den Vereinen mehr schaden als nützen.

Es gibt aber zum Glück auch noch die andere Jugend, jene der aktuellen Mannschaft und jene, die gerne selber Sport betreibt. Früher hatte sie es einfacher, wenn sie im FC spielen wollte. Wir sind am Mittwochnachmittag kurzerhand auf dem Espenmoos erschienen und haben uns bei den Juniorenleitern Högger, Tschumper, Hagmann, Meile, Weishaupt, Specker, Vorreiter, Huser oder wie sie in meiner Erinnerung alle hiessen, gemeldet. Auch von Vereinsseite wurden wir dankbar aufgenommen und entsprechend dem Alter und Talent den Teams zugeteilt. Die C-Junioren waren die Jüngsten. Heute gibt es beim FC St.Gallen den Numerus clausus. Nur wer sich im kantonalen Verband in den Stützpunkttrainings oder Auswahlen bewährt, schafft den Sprung in die Nachwuchsabteilung FCO. Auf städtischer Ebene gibt es Vereine wie Brühl, Fortuna, Rotmonten oder St.Otmar, welche die Basis bilden. Der zahlenmässig stärkste Verbund, die Brühler Krönli-Kids, besteht seit zehn Jahren, gegründet und geleitet vom verdienten SCB-Ehrenmitglied Kurt Isler. Was auf dem Krontal (und bei den andern Klubs) geleistet wird, verdient höchste Anerkennung. Dort sind die Ansprechpartner ehemals bekannte Namen, die in der ersten Mannschaft sowohl des SC Brühl als auch des FC St.Gallen gespielt haben oder sonstwie diesseits und jenseits des Jordans tätig gewesen waren. Zum Beispiel Kurt Scheiwiller, Kurt Brander, Markus Schüepp, Rolf Müller, Hanspeter Wirth. Auf die nächsten zehn Jahre!

Übrigens: In dieser Woche gibt es in St.Gallen live Europa-League-Fussball zu sehen. Am Donnerstag spielt der FC Lugano sein Heimspiel gegen Dynamo Kiew. Für diesen Zweck ist der Kybunpark zur Hälfte geöffnet, mit Haupttribüne und dem Ostblock. Die Preise sind human. Ab 46.50 Franken gibt es schon gute Plätze. Mit Malmö und Kopenhagen als weiteren Gegnern haben die Tessiner auf den ersten Blick nicht gerade das grosse Los gezogen. Aber das täuscht. Dynamo Kiew, der 13-fache sowjetische und 15-fache ukrainische Meister, gewann zweimal den Europacup der Cupsieger, einmal den Uefa-Cup (heute Europa League) und stand dreimal im Halbfinale des Meistercups beziehungsweise der Champions League. Und Malmö erreichte einmal den Meistercup-Final. Den FC Lugano unterstützen kann im Hinblick auf das internationale Klubranking auch dem FC St.Gallen nützen, sollte er einmal. . . Na ja, warten wir noch etwas ab... (th)

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