GEGENTRIBÜNE: FC St.Gallen, deine Fussballgötter

Wie mir zugetragen wurde, pflegt der harte Kern der FCSG-Anhängerschaft den Monotheismus. Für sie gibt es beim ältesten kickenden Verein des Landes nur einen Fussballgott: Marc Zellweger. Dennoch wage ich ketzerisch den Versuch, weitere Spieler des FC St.Gallen von zumindest gottähnlicher Ausstrahlung zu nennen.

Fredi Kurth
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Tranquillo Barnetta hat das Zeug, in St.Gallen ein Fussballgott zu werden. (Bild: RALPH RIBI)

Tranquillo Barnetta hat das Zeug, in St.Gallen ein Fussballgott zu werden. (Bild: RALPH RIBI)

Eine gerechte Selektion erfordert ein Anforderungsprofil. Marc Zellweger hat für den FC St.Gallen 455 Spiele bestritten. Das ist eine hohe Kante, kaum je wieder erreichbar. Die 15 Tore, die der meistens als Aussenverteidiger agierende Spieler dabei erzielt hat, sind hingegen weniger unschlagbares Kriterium. Der fussballerische Allvater muss auch nicht unbedingt aus den eigenen Junioren stammen: Zellweger ist beim FC Oberwinterthur und FC Seuzach gross geworden, immerhin aber in der gleichen Grossregion. Denn einst erhielten die Spiele zwischen St.Gallen und Winterthur die Bezeichnung "Ostschweizer Derby“. Ob dies berechtigt war, darüber sind sich die Gelehrten nicht einig.

Es ist auch nicht notwendig, dass ein Fussballgott immer demselben Himmel angehört. Zellweger unterbrach seine Laufbahn auf dem Espenmoos mit Abstechern nach Köln und Wil und beendete seine Karriere sogar beim Erzrivalen SC Brühl. Nicht zuletzt 13 Länderspiele stehen auf seinem Palmarès. Für Zellweger sprach auch sein bescheidener, aufrichtiger Charakter. Der Hype um seine Person dürfte ihm eher zu viel als zu wenig gewesen sein.

Arsenal verewigt 32 Legenden

Auch ein Blick hinüber ins Mutterland des Fussballs ergibt Anhaltspunkte. So haben die Fans des FC Chelsea vor ein paar Jahren Gianfranco Zola, also einen Italiener, zum besten Fussballer der Klubgeschichte gekürt. In Leeds huldigen die Anhänger dem Schotten Billy Bremner mit einer Statue vor dem Elland Road Stadion in Ewigkeit. Arsenal London hält hingegen nichts von monotheistischem Heldentum. Der Traditionsverein hat rund um die Aussenwand seines Emirates Stadium nicht weniger als 32 ehemalige Spieler verewigt. Von Tony Adams, Dennis Bergkamp über Liam Brady und viele andere bis zu Patrick Viera.

Der Sprachlehrer am Rosenberg-Institut

Ja, welche St.Galler Fussballer würden denn in einer Ehrengalerie rund um den Kybunpark abgebildet werden? Am einfachsten ist es, die Zellwegers ihrer Zeit zu bestimmen, verteilt auf einzelne Epochen. Da der Spielbetrieb lange bescheiden war, kommen für die Anfänge keine und die erste Hälfte des vergangenen Jahrhunderts wenige Protagonisten in Frage. Der erste ist C.C. Bryan. Der Sprachlehrer am Institut auf dem Rosenberg führte St.Gallen 1904 als Captain zum ersten und lange einzigen Meistertitel. Der Engländer fiel 1917 im ersten Weltkrieg. Die als "goldene Zeiten“ des FC St.Gallen beschriebenen Jahre von 1910 bis 1920 wurden entscheidend geprägt vom achtfachen Schweizer Internationalen Paul Neumeier. Nach ihm machte ein Torhüter immer wieder auf sich aufmerksam: Der in St.Gallen aufgewachsene Deutsche Fidel Prinz galt als bester Torhüter des Landes. Das Engagement von Ferdi Wesely, dem 53fachen österreichischen Internationalen, erregte 1931 grosses Aufsehen, vergleichbar mit der Verpflichtung von Weltmeister Marco Tardelli 1987. Der Stürmer von Rapid Wien, der zusammen mit seinen Landsleuten Franz Eckl und Robert Juranitsch ein Profi-Angriffstrio bildete, erfüllte die Erwartungen vollauf.

Damit sind wir bereits in der Nachkriegszeit angelangt. Deren verdienstvoller Repräsentant beim FCSG war Röbi Engler. Der Aussenverteidiger bestritt 1945 den ersten, gegen YB verlorenen Cupfinal. Der Vollblutfussballer und Captain trat 1955 zurück, gab aber 1962 als 42-jähriger in der 1. Liga (heute Promotion League) ein erfolgreiches Comeback. Engler besucht als 97-Jähriger heute noch die Treffen der FC-Ehemaligen im Kybunpark.

Bauer spielte in drei Ligen

Nun begann die Zeit des Aufbruchs. Nichts weniger als die Rückkehr von der 1. Liga in die Nationalliga A war geplant. Das gelang von 1965 bis 1968 innerhalb von drei Jahren. Was liegt näher als einen Spieler zu suchen, der in allen drei Ligen gespielt hat. Tatsächlich: Leo Bauer hat das geschafft. Mehr noch: Der Vorstopper (heute zentraler Verteidiger) stieg nicht nur zweimal auf, sondern war 1969 auch Abwehrstütze beim bisher einzigen Cupsieg 1969, beim 2:0 gegen Bellinzona im Wankdorf. Der Aufschwung gelang auch dank vielen auswärtigen Spielern. Die meisten kamen und gingen. Stellvertretend für diese Gilde malen wir den Cupfinal-Captain Kurt Grünig an die imaginäre Wand des Kybunparks.

Eine lange Shortlist

Jetzt galt es, sich in der höchsten Spielklasse zu etablieren. Spielertrainer Zeljko Perusic musste hierfür nochmals in der Nationalliga B Anlauf nehmen, 1970 nach dem Abstieg. Das gelang dem kürzlich verstorbenen Weltklassefussballer auf Anhieb. Der 28-fache Internationale Rolf Blättler war als Nummer 10 massgeblich daran beteiligt, dass 1973 nicht nochmals ein Taucher in die Nationalliga B in Kauf genommen werden musste. Libero Herbert Stöckl war ab 1975 während fünf Jahren der Ausländer beim FC St.Gallen, war die herausragende Figur im Cupfinal 1977, obwohl St.Gallen gegen YB verlor.

Aus dem eigenen Nachwuchs erfüllte Kurt Brander die hohen Anforderungen an einen FCSG-Hero. Er debütierte 1969 in der NLA und lief noch in der Jubiläumssaison 1979 als Captain auf. Heute besucht er regelmässig die Trainings im Espenmoos, ab und zu auch als „Einflüsterer“. Die Auswahl verdienter Fussballer wurde immer grösser. Auf meiner Shortlist hatte ich auch: Markus Pfirter, Christian Labhart, Gino Stomeo, Markus Schüepp, Fritz Rafreider, Bert Mogg, Heinz Bigler und Toni Weibel.

Fussballkunst aus Vorarlberg

In den 1980-ern gelang gar der Sprung auf das internationale Parkett. St. Gallen war während drei Saisons ein Spitzenteam: Die Vorarlberger Martin Gisinger und Gerhard Ritter hoben die Mannschaft auf ein höheres Niveau. Andere bekannte Namen zirkulierten mit Jerzy Gorgon, Lazo Jurkemik und Christian Gross. Aber für die hier gewählte Einfettung fehlte ein längerer Aufenthalt. Das gilt auch für die Ostschweizer Grössen Fredi Scheiwiler und Hanspeter Zwicker. Nicht jedoch für Verteidiger Beat Rietmann (7 Länderspiele) und Flügelflitzer Manfred Braschler (22 Länderspiele).

Zamorano, die grosse Ausnahme

Stagnation und langsamer Abstieg zeichneten sich ab circa 1986 ab. Die Zeit mit Ivan Zamorano und weiteren Chilenen wie Hugo Rubio oder Pato Mardones brachte aber noch ein heftiges Aufflackern. Zamorano entzückte die Fans zwar auch nur während zwei Jahren, aber mit 34 Toren in 56 Spielen. Er war der einzige Ausländer, welcher den FC St.Gallen als Sprungbrett für eine Laufbahn als Weltklassefussballer (Sevilla, Real Madrid und Inter Mailand) nutzen konnte.
Die Zeit der grauen 1990-er mit einem kurzen Aufenthalt in der Nationalliga B liess auch den Glanz der Spieler verblassen. Captain Urs Fischer immerhin spielte bis 1995 acht Jahre auf dem Espenmoos und absolvierte 231 Spiele für die Grün-Weissen. Mit der Cupfinal-Teilnahme 1998 und vor allem dem Meistertitel 2000 brach aber ein emotionaler Vulkan aus. Edwin Vurens hätte wohl ebenfalls Heldenstatus erhalten, wenn er nach seinen beiden Toren im Final gegen Lausanne auch noch den Penalty nach rund einer Stunde verwertet hätte. Aber das blieb dann den Leuten vom Meisterteam vorbehalten.

Ergiebiges Meisterteam

Jörg Stiel, Marco Zwyssig, Giuseppe Mazzarelli, Jairo, Ionel Gané, Charles Amoah, Sascha Müller und natürlich Marc Zellweger seien aus dem Kader des Meisterteams besonders hervorgehoben. Mit dem Rauswurf von Chelsea im Uefa-Cup gelang dieser Spielergeneration der grösste Erfolg auf internationaler Ebene. Sie verpasste den zweiten Titel nur knapp, fiel dann aber bald auseinander. Nur Zellweger kickte unermüdlich noch weiter bis ins Jahr 2010.

Der Niedergang in jenen Jahren bis zum Abstieg mit dem gleichzeitigen Einzug in die neue Arena brachte selten herausragende Spieler hervor. Alex Tachie-Mensah steht immerhin im Verdacht, mit total 48 Toren in sieben Jahren die höchste Trefferzahl in der FC-Geschichte erreicht zu haben. Die noch allen Anhängern bekannten Oscar Scarione und Philippe Montandon erreichten höchste Anerkennung in der Arena-Phase.


Barnetta ante portas

Bei 28 Namen fehlen somit wenige zu den 32 von Arsenal. Aber Kandidaten sind vorhanden. Für Tranquillo Barnetta kann der Platz bereits freigehalten werden. Andere wie Daniel Lopar oder Marco Aratore sind auf gutem Weg. Zu jenen, die knapp den Status verpassten, gehören die Torhüter Jean-Paul Biaggi und Eric Pédat sowie Roger Hegi, die zu wenig lang für den FC St.Gallen gespielt haben. So ergibt sich eine repräsentative und überzeugende Auswahl durch meine Person... Gegenstimmen nehme ich gerne zur Kenntnis, im Wissen, dass sich jetzt schon die auserwählten Götter im siebten Fussballhimmel wähnen.

Fussball als Ersatzreligion. Das funktioniert tatsächlich. "ManU is my Heaven“, steht auf einem Spruchband im Old Trafford. Es gibt Menschen, die in den Clubfarben aufstehen und am Abend mit ihnen wieder ins Bett gehen. Auch was richtige oder falsche Fussballlehre sei, darüber wird mit religiösem Eifer gestritten. Manchmal zu eifrig.

Aufgefallen: Schöner Sieg

Der FC St.Gallen ist seinem Stilmittel der schönen Tore auch gegen GC treu geblieben. Aleksics Weitschuss zur frühen Führung war ein Bijou, der zweite Treffer von Torschütze Buess und Vorbereiter Taipi fein herausgespielt und Barnettas Abschluss in die hohe Ecke ebenfalls wie selbstverständlich ein Treffer Marke FCSG. Die weniger mustergültigen Tore überlässt St. Gallen dem Gegner, wie die beiden ersten gegen Lausanne, und gegen die Grasshoppers zeigte sich Torhüter Lopar als generöser Gastgeber. Sein Zuspiel auf Jeffrén erinnerte mich an eine überlieferte Abmachung zwischen Bayerns Torhüter Sepp Maier und Essens Stürmer Willi "Ente“ Lippens. Wenn das Resultat klar sei, werde er, Maier, den Ball Lippens zuwerfen und dieser soll ihm das Leder wieder zurückspielen. Abgemacht, und es stand 4:0. Doch Maier traute Lippens nicht und verzichtete... Lopars Patzer war der erste dieser Saison, und er wäre ihm auch verziehen gewesen, wenn dadurch St.Gallen Punkte verloren hätte – ihm, der so oft Punkte gewonnen hat. Nach der Pause schien es lange, als ob sich beide Teams auf ein Remis „geeinigt“ hätten. Für St.Gallen war es eine kritische Phase; eine zweite Heimniederlage hintereinander wäre ein Stimmungskiller für den weiteren Verlauf der Saison gewesen. Aber Trainer und Spieler haben tatsächlich die Lehren gezogen, und so fiel bei einem Chancenverhältnis von 9:5 (5:3) die Entscheidung doch noch auf der richtigen Seite. Verrückt diese Meisterschaft. Da siegt St. Gallen ziemlich solide gegen ein Team, das Zürich 4:0 besiegt hat und im Cup jenem Lausanne keine Chance liess, das St.Gallen ebenfalls 4:0 abgefertigt hat. Nun kann St. Gallen entspannt zum Tabellenletzten Luzern reisen – so wie GC entspannt in den Kybunpark gereist ist...

Der Cup ist Zugabe.Die K.o-Konkurrenz kann als willkommene Abwechslung betrachtet werden. Kommt man eine Runde weiter, ist es sinnvolle Zusatzbeschäftigung. Das Kerngeschäft bleibt aber die Meisterschaft. Dennoch wird jener Wettbewerb auch als Pokal der zerplatzten Träume empfunden. Da quälten sich doch am Donnerstag einige Favoriten über 90 oder sogar 120 Minuten, um die Viertelfinals doch noch zu erreichen. Die Hoffnung auf ein gutes Los ist dann die nächste Konsequenz. Doch die schwand für einige Teams schon auf der Heimfahrt. Basel gegen Luzern, so hiess die erste Paarung gegen 23 Uhr im SRF-Sportstudio. Ich dachte mir: die armen Luzerner und welch ein Glück. Jetzt sind zwei der ekligen Möglichkeiten von total 14 schon weg. Doch mit der letzten Paarung kam auch für die St. Galler der Hammermann: Young Boys gegen St. Gallen im Wankdorf. Alles andere – zum Beispiel YB daheim oder Zürich auswärts oder Basel daheim oder GC auswärts - wären irgendwie lösbare Aufgaben gewesen. Na ja, jeder Match muss zuerst gespielt sein, und jede Serie geht einmal zu Ende. Die Strohhalme sind schon ausgelegt.

Reisen bildet. Nun komme ich zum dritten und letzten Mal auf meine Reise in den Osten Deutschlands zurück. Sie führte auch nach Weimar in die Stadt der Dichter und Denker, wo Johann Wolfgang von Goethe und Friedrich Schiller gelebt haben. Ganz kann man nicht abschalten vom Fussball, und ich fragte mich, was für Zitate die beiden, allenfalls in hellseherischer Absicht, bereits auf das Spiel mit dem runden Leder gemünzt haben könnten. Nein, ich meine nicht das Götz-Zitat. Ich fand ein viel Schöneres von Goethe: "Auch aus Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, kann man etwas Schönes bauen.“ Daraus ist im Fussball das triviale "Aus dieser Niederlage können wir lernen“ geworden. Bei Schiller habe ich mir angekreuzt: "Dein Glück ist heute gutgelaunt. Doch fürchte seinen Unbestand.“ Das heisst heute: "Auf diesen Sieg könnt ihr euch nicht viel einbilden.“ Weiter: "Dem Mutigen hilft Gott“. Heute: "No risk, no fun“. Oder: "Verbunden werden auch die Schwachen mächtig.“ Heute: "Wir müssen im Kollektiv stark sein.“ Schliesslich habe ich die "Hohle Gasse“ in Schillers Tell als die unausweichliche "Schnittstelle“ im Fussball wiedererkannt. (th)