GEGENTRIBÜNE: FC St.Gallen auf den Spuren des FC Zürich

Der FC St.Gallen hat schon schlechtere Leistungen geboten als am Sonntag gegen YB. Dennoch erinnert er nun stark an den FC Zürich, der vergangene Saison plötzlich nicht mehr reagieren konnte. Wiederholt sich die Fussballgeschichte?

Fredi Kurth
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Beim Stammtisch wurde erstaunlich selten ein Trainerwechsel als mögliche Lösung aus der FCSG-Misere in die Runde geworfen. (Bild: ENNIO LEANZA (KEYSTONE))

Beim Stammtisch wurde erstaunlich selten ein Trainerwechsel als mögliche Lösung aus der FCSG-Misere in die Runde geworfen. (Bild: ENNIO LEANZA (KEYSTONE))

Gegen den Tabellenzweiten hatte ich mir mehr Chancen auf Punktezuwachs ausgerechnet als in Spielen wie gegen Thun oder Vaduz. Die Young Boys lassen eher noch etwas zu, während für die schwächeren Teams in der Super League Fussball primär zu einer Lauf- und Kampfsportart geworden ist. Regelmässige Leser der "Gegentribüne" sind informiert: Je bescheidener das fussballerische Niveau einer Mannschaft, desto mehr lautet ihre taktische Ausrichtung "wir müssen in die Zweikämpfe kommen." Daran hatte es dem FC St.Gallen zuletzt oft gefehlt.

Der erste Meter entscheidend

Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass der FC St.Gallen unter Jeff Saibene, ungefähr zu Zeiten des Europa-League-Höhenflugs, die Mannschaft mit den meisten Laufkilometern in der Super League war. Natürlich ist eine solche Statistik problematisch, weil im Fussball nicht primär Laufdistanz gefragt ist, sondern Schnelligkeit und Wendigkeit auf dem ersten Meter, sowie kluge Laufwege und Einteilung der Kräfte. Nun, gegen die Young Boys erlangte St.Gallen in der ersten Halbzeit die erforderliche Überlegenheit, auch weil sich die Mannschaft dank Salihovic und Gaudino im Konzert mit den dynamischen Ajeti und Aratore gut aus der Abwehr löste und ein halbes Dutzend Chancen verzeichnete.

Toko und der Ref im Fokus

"Das ist ein typisches Spiel mit guten Möglichkeiten, das am Schluss 0:1 verloren geht", meinte ein Kollege währen der Halbzeitpause. Er sollte fast auf den Punkt genau Recht bekommen. Entscheidend dazu beigetragen hat Captain Nzozi Toko, der in der gegnerischen Platzhälfte mit einem unnötigen Foul die zweite gelbe Karte abholte. Eigenartig war allerdings auch die Verwarnungspraxis des Schiedsrichters: Bei 20 Fouls gegen die Berner und nur 11 gegen die St.Galler zeigte Herr Klossner nur einmal gelb gegen YB, aber viermal - inklusive gelb-rot - gegen St.Gallen.

Vaduz budgetiert Sieg in der Arena

Lediglich noch fünf Punkte beträgt der Vorsprung des FC St.Gallen nun auf den Tabellenletzten FC Vaduz, der die drei Punkte aus dem Kybunpark bereits budgetiert hat. Während die Hochrechnung des FC St.Gallen fröhlich darauf basiert, dass gegen Mannschaften wie Basel, YB oder Luzern verloren werden dürfe, haben sich die Liechtensteiner mit einem neuen Trainer in jedem Spiel gesteigert und nur mit etlichem Pech total einen Punkt gegen Sion, Young Boys und Basel geholt. In Lausanne gab es nun den verdienten Lohn mit einem undiskutablen Sieg gegen einen Mitkonkurrenten. Ich bin mal gespannt, wie souverän der FC St.Gallen am nächsten Sonntag auf der Pontaise auftreten wird.

Aufwertung nur noch nominell

Noch von Ende Oktober bis Mitte Februar hatte der FC St.Gallen eine Serie von neun Spielen mit nur einer Niederlage (gegen Basel) verzeichnet. Dann gab es noch einen Auswärtssieg in Sion. Was danach folgte, erinnert stark an die Baisse im Frühling 2016, als in 14 Spielen bis Saisonende nur noch zwei Dreier gelangen, den wichtigsten gegen den FC Zürich. Diesmal könnte St.Gallen die Rolle des prominenten Absteigers übernehmen. Die Entwicklung verläuft ähnlich, allerdings mit unterschiedlichen Voraussetzungen. Die Zürcher konnten vor einem Jahr den Sturz ins Bodenlose nicht mehr verhindern, weil sie in der Winterpause die Mannschaft mit zum Teil unverständlichen Abgängen schwächten und erst drei Runden vor Schluss den Trainer wechselten. Der FC St.Gallen jedoch hatte das Kader diese Saison schon im Spätsommer und im Herbst mit Haggui, Ajeti und Wittwer sowie zuletzt im Winter mit Barnetta und Salihovic nominell aufgewertet.

Nichts gelernt und nichts kapiert

Warum der Faden plötzlich riss, darüber wird gerätselt. Marcel Reif, Experte bei Teleclub, hat im GC-Match dezent auf die Schwäche der St. Galler Abwehr bei stehenden Bällen hingewiesen: "Aber das kann man trainieren." Eine Woche später sagte ein Kommentator des Schweizer Fernsehens, dass St.Gallen eine schlechte Quote im Ausnützen von Eckbällen und Freistoss-Situationen aufweise. Da habe ich mich gefragt, wo denn Zinnbauers Schützlinge überhaupt noch Qualitäten zeigen, wenn sie auch aus dem Spiel heraus kaum Ertrag produzieren? Inzwischen schiesst St.Gallen auch mit Abstand am wenigsten Tore: mit 32 noch sechs weniger als Vaduz und die Grasshoppers, und zuletzt ist es am 20. November 2016 beim 2:0 gegen Lausanne ohne Gegentor geblieben. Da bleibt nur ein Schluss: Nichts gelernt und nichts kapiert.

Was die Experten meinen

Ich habe mich mal an meinen Stammtischen erkundigt, was denn kurzfristig geändert werden könnte. Einer, jahrelang Assistenztrainer der ersten Mannschaft in den 70-er und 80-er-Jahren, meinte, man müsse zu einem einfachen System zurückkehren: 4-4-2 mit einem Scheibenwischer im Mittelfeld – er nannte Wiss – und Barnetta auf der Seite. Jemand wandte ein: "St.Gallen fehlt es an kreativen Spielern". Entgegnung des Ex-Assistenten: "Wir hätten sie schon: Gaudino und Aleksic". Ein anderer – es handelt sich um den einzigen Fussballer, der je im Aufgebot von zwei Cupfinals des FC St.Gallen figurierte – meinte hingegen kühl: "St.Gallen wird Achter. Irgendwann holt er noch die paar notwendigen Punkte. Vom Auf und Ab sind hinten alle betroffen."

Extrem wie der FC Sion

Erstaunlich selten wurde ein Trainerwechsel als mögliche Lösung in die Runde geworfen. Vielleicht auch deshalb, weil sich die Unternehmensleitung so extrem verhält wie der FC Sion – nur eben umgekehrt. Im Kybunpark wird nie ein Trainer entlassen. Dabei lastet nun die Verantwortung noch stärker auf Joe Zinnbauer als vor einem Jahr oder im Herbst – bei aller Sympathie für diese Person, für dessen Akribie und dessen nie erschöpfende Zuversicht. "Denn jetzt stehen die Spieler auf dem Rasen, die Zinnbauer ausgewählt hat, es ist seine Mannschaft." Das sagte ein ehemaliger Spieler und ehemaliger Sportchef des FC St.Gallen. Die drei Genannten sind Hanspeter Wirth, Bertram Mogg und René Sidler. Zwei Realisten und ein Optimist haben sich geäussert.

Doch immer noch im Vorteil

Ich gleiche die Bilanz aus und tippe auf die unerwartete Wende. Die Mannschaft bezieht frischen Mut aus dem Spiel gegen YB, gewinnt noch gegen Lausanne, Vaduz und Sion. Das sollte reichen, um am letzten Spieltag mit den Baslern Meistertitel und Ligaerhalt zu feiern. . .