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GEGENTRIBÜNE: Fast so schlimm wie das Nationalteam

Die Niederlage beim FC Zürich war der erste grosse Rückschlag seit dem Trainerwechsel. Derart hilf-, kraft-, ideen- und zusammenhanglos ist der FC St.Gallen lange nicht mehr aufgetreten. Vergleiche mit der Nationalmannschaft drängen sich auf.
Fredi Kurth
Wild am Gestikulieren: Joe Zinnbauer. (Bild: Keystone)

Wild am Gestikulieren: Joe Zinnbauer. (Bild: Keystone)

0:4 gegen einen Gegner, der in diesem Jahr daheim noch kein Tor erzielt hatte und in der Liga die meisten Gegentreffer hinnehmen musste. Es war eine harte Landung im Letzigrund. Anstelle einer positiven Reaktion auf die beiden nicht so argen Niederlagen gegen Basel und die Young Boys gab es diesmal eine Verlustpartie ohne Wenn und Aber, einen Rückschlag, der manches in Frage stellt, was sich beim FC St.Gallen in den vergangenen Wochen positiv angelassen hat.

Auswärtsmisere
Eine Aussage von Zürichs Trainer Sämi Hyypiä liefert die Erklärung für eine Darbietung, in der es weit bis in die zweite Halbzeit hinein dauerte, ehe überhaupt eine Torchance herausgespielt worden war: ein Weitschuss von Mario Mutsch knapp am Tor vorbei. „Wer den FC St.Gallen mit Pressing unter Druck setzt, kann ihn in Schwierigkeiten bringen.“ In dieser Hinsicht wich das Spiel vom Samstagabend in keiner Hinsicht ab von den meisten Auswärtsspielen in dieser Saison. Egal ob in Luzern (zweimal), Sion, Lugano, Thun, bei den Young Boys, in Basel oder jetzt beim FC Zürich, egal ob mit Jeff Saibene oder Joe Zinnbauer, St.Gallen wusste sich in diesen Partien, zumindest am Anfang, kaum zu wehren. Dass gegen Luzern und Thun doch noch drei Siege herausschauten, spricht für eine gewisse Klasse, die aber in 90 Minuten zu selten aufblitzt.

Zu leichtgewichtig
Der Grund für die Orientierungslosigkeit auf fremdem Terrain liegt in einer Mischung aus mentaler und physischer Schwäche. Wenn ein Spiel primär auf Zweikampfebene stattfindet, wie diesmal über weite Strecken im Letzigrund, ziehen die St.Galler meistens den Kürzeren. Dann kommt der Gegner irgendwann zu Chancen. Zwei genügten dem FC Zürich, um zwei Tore zu erzielen. St.Gallen ist spielerisch besser als kämpferisch. Aber der Unterschied ist nicht so gross, um die muskulären Bemühungen des Gegners einfach weglächeln zu können, wie es Topmannschaften gelingt. Manchmal tut sich die Mannschaft diesbezüglich sogar zu Hause schwer, am krassesten war dies daheim gegen Vaduz der Fall. Die Young Boys versuchten zuletzt ebenfalls von Beginn weg eine Drangperiode in der AFG-Arena aufzubauen. Doch damals konnten die St.Galler mehr als dagegenhalten, ehe den Bernern in einer kurzen Druckphase vor der Pause der Führungstreffer gelang. Am nächsten Wochenende werden die Vaduzer auch wieder mehr laufen als gegen andere Gegner. Die beiden Derbys sind noch die letzten Strohhalme von Continis Team im Abstiegskampf.

Ähnliche Probleme wie das Nationalteam
Hofften Fussballfreunde in der Region nach den beiden sieg- und torlosen Darbietungen der Schweizer Fussballer auf bessere Kost im nationalen Klubwettbewerb, erwies sich die Aussicht auf weitere Fortschritte des FC St.Gallen als Illusion. In einiger Hinsicht ergeben sich sogar Parallelen. Auch das Nationalteam tut sich schwer gegen laufstarke, Druck ausübende Gegner. Auch hier reicht ein gewisses spielerisches, aber international doch nur durchschnittliches technisches Gepäck nicht aus, um selber bestimmend auftreten zu können. In defensiver Hinsicht sind ebenfalls ähnliche Schwächen auszumachen. Im Spiel nach vorne bringt Zinnbauers Team an guten Tagen etwas mehr Schwung und Torgefahr zustande.

St.Gallen mit besseren Perspektiven
Was die Aussichten betrifft, sind jene des FC St.Gallen vorerst etwas günstiger, weil die Probleme immer noch auch mit der Umbruch- und Experimentierphase des Trainers zusammenhängt. Vor allem im Abwehrbereich und defensiven Mittelfeld kommt es immer wieder zu Veränderungen, die einer kontinuierlichen Entwicklung abträglich sind. Jenen ist zum Beispiel ein zartes, junges Pflänzchen der Nachwuchsförderung zum Opfer gefallen; die Eigengewächse Roy Gelmi und Silvan Hefti sassen am Samstag beide auf der Ersatzbank.

Schweizer Fussballwunder ade
Das Versagen des Nationalteams ist hingegen, wenn man so will, strukturell bedingt. Es hat eine längere Geschichte und kann mit dem Satz „das Schweizer Fussballwunder ist vorbei“ zusammengefasst werden. Mit Blick auf die Resultatliste weisen die Rotjacken zwar eine positive Bilanz auf, aber mit ebenso präzisem Blick auf die Gegner fällt auf, dass die meisten bezogen auf internationale Qualität nur Challenge-League-Niveau haben. Die Misere wird offenkundig durch die Tatsache, dass sehr viele Kaderleute in den ausländischen Ligen nicht mehr regelmässig zum Einsatz kommen. Vor ein paar Jahren noch war für manchen der Sprung in eine europäische Profiliga Anreiz für Topleistungen, auch im Nationalteam. Doch einigen wie Seferovic, Drmic, Inler oder Stocker scheint inzwischen der Biss zu fehlen, um sich im Klub durchzusetzen, auch wenn es nicht so rund läuft. Auch scheint sich im Nachwuchsbereich die Reserve einer vorzüglichen Ausbildung allmählich zu erschöpfen. Wir waren bei den Junioren einmal Welt- und einmal Europameister. Aber jetzt sind wir nur noch Teilnehmer, weil andere Länder, vor allem in Osteuropa, aufgeholt haben. So ist es einerseits etwas billig, wenn dem aktuellen Trainer und qualifizierten Experten Vladimir Petkovic nun die Schuld in Schuhe geschoben wird. Andererseits könnte aber ein beschwingter Ausbildner, der mit Ausstrahlung und Ansprache neue Emotionen sowohl im Team als auch unter den Schweizer Fans weckt, in der schwierigen Zeit sehr nützlich sein. Könnte.

Diesbezüglich hat der FC St.Gallen keine Schwierigkeit. Joe Zinnbauer spricht immer Klartext, scheint der motivierten Mannschaft sehr nahe zu sein. Auch bewegte sie sich, wie zuletzt gegen die Grasshoppers und in einigen andern Partien, zumindest phasenweise auf hohem Niveau. Nur sind dann die harten Landungen umso schmerzhafter.

Aufgefallen

Warum denn ein türkischer Milliardär in einen kleinen Schweizer Verein wie den FC Wil investiert, werde ich immer wieder mal gefragt. Ein Kernsatz von Mehmet NazifGünal gibt die Antwort: „Es ist in der Schweiz relativ einfach, sich für einen europäischen Wettbewerb zu qualifizieren.“ Das trifft zweifelsohne zu. Einen ähnlichen Gedanken verfolgt inzwischen auch Oszkar Vilagi in der Slowakei. Der Besitzer von Dunajska Streda, einer der reichsten Männer des Landes, ist zwar selber ebenfalls Slowake. Aber die Voraussetzung ist dieselbe, und der Club hat sich in der obersten Liga inzwischen vom letzten auf den sechsten Platz verbessert. Hier geht es neben einer soliden Nachwuchsförderung auch darum, talentierte Fussballer aus andern Ländern anzulocken. So sagt Trainer Tomislav Maric: „Vielleicht fragt sich ein junger Spieler aus Deutschland mal: Spiele ich daheim lieber in der 2. Liga oder habe ich dort die Möglichkeit, um den slowakischen Titel und in der Europa League zu spielen?“.

In Deutschland wird immer wieder schnöde auf den Zweitliga-Verein Rasen Ballsport Leipzig gezeigt, der dank der Zuwendung von Red Bull möglicherweise in die erste Bundesliga aufsteigt. Das ist erstaunlich, wenn man bedenkt wie gross der Fussballhunger in den neuen Bundesländern ist und mit dem Erscheinen von Leipzig dieser grosse Landesteil endlich wieder in der höchsten Liga vertreten wäre. Da fehlt in Fussball-Deutschland die Solidarität, zumal ja im Westen Zuwendungen von potenten Unternehmen keinesfalls die Ausnahme sind. Die Liga der ehemaligen DDR ist im Prinzip die 3. Bundesliga, wo es wimmelt von Ostvereinen. Dresden spielt jeweils vor 29 000 Zuschauern, andere wie Aue, Erfurt oder Rostock ebenfalls vor fünfstelliger oder hoher vierstelliger Kulisse. So ergibt sich eine eigenartige Diskrepanz zu andern Teams, spielt der VfB Stuttgart II seine Heimspiele in der 3. Liga vor kaum mehr als 600 Fans.
Der FC St.Gallen hat mit Joe Zinnbauer pro Spiel mehr Punkte geholt als mit Jeff Saibene. Also hat sich der Trainerwechsel gelohnt. Ist deshalb Zinnbauer nun der bessere Trainer als Saibene? Die Frage passt wieder einmal zu einer früheren Folge der Gegentribüne unter dem Titel „Der Trainer, das überschätzte Wesen“. Denn Saibene hat beim FC Thun auch mehr Punkte geholt als sein Vorgänger Ciriaco Sforza. Im Vergleich zu Joe Zinnbauer schneidet er sogar „besser“ ab. In bisher 15 Spielen holte Thun unter Saibenes Führung 25 Punkte, St.Gallen mit dem Deutschen in 17 Spielen 23 Punkte. (th)




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