Gegentribüne: Es würde alles genau in die Geschichte des FC St.Gallen passen

Falls Anfang Mai wieder Fussball gespielt werden sollte, dann ist der FC St.Gallen schon 15 Wochen Leader der Super League. Eine andere Möglichkeit: Der älteste Fussball-Club des Landes wird als erster Verein in der Geschichte der Nationalliga A und der Super League als ungekrönter Leader aus dem Meisterschaftsrennen gerissen.

Fredi Kurth
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Nicht einmal zwei Weltkriege und auch nicht die Spanische Grippe haben es geschafft, zum ersten Mal seit 1897 eine regulär abgewickelte Fussballmeisterschaft in der Schweiz zu verhindern. Da musste schon ein schäbiger Virus her, der die Sportwelt zum Erliegen brachte. Alles ging ja so schnell.

Fredi Kurth.

Fredi Kurth.

Bild: Urs Jaudas

Virus statt VARus

Noch vor drei Wochen hatten wir uns beim Spitzenkampf gegen die Young Boys emotional entladen, im positiven wie auch im negativen Sinn. Was hatten wir uns über den VARus geärgert, nichts ahnend, dass nur fünf Tage später ein Virus den FC St.Gallen stoppen würde!

Peter Zeidler, Trainer des FC St.Gallen.

Peter Zeidler, Trainer des FC St.Gallen.

Bild: Freshfocus

Noch vor zwei Wochen habe ich mich an dieser Stelle amüsiert über den voreiligen Beschluss des Bundesrates, ein landesweites Veranstaltungsverbot zu verhängen, während überall auf der Welt weiter Fussball gespielt wurde. Doch inzwischen liegt hier und anderswo das Leben lahm, und Fussball wird weltweit nur noch in den Hinterhöfen gespielt.

Vergleiche mit dem Cupfinal 1998

Das passt alles in irgendwie fataler Weise zur Geschichte des FC St.Gallen. Sie war voller Dramen, in denen Triumph und Tragödie oft nahe beieinander lagen, eher ausgelöst durch unglückliche Umstände als wahres Versagen. Nehmen wir den Cupfinal von 1998. Die Geschichte ist tausendfach erzählt.

Dieser Fehlschuss steht am Ursprung der St.Galler Niederlage: Edwin Vurens vergibt den Penalty, der das 3:0 für die Ostschweizer bedeutet hätte. (Keystone)
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Bei der Abfahrt am St.Galler Hauptbahnhof ist die Stimmung bei den Espen-Fans noch bestens. (Ralph Ribi)
Auch im Zug geben sich die St.Galler Fans siegessicher. (Ralph Ribi)
Die Berner Altstadt ist vor dem Anpfiff des Cupfinals in St.Galler Hand. (Ralph Ribi)
Blick in den Block der Lausanne-Anhänger. (Keystone)
Der Waadtländer alt Bundesrat Jean-Pascal Delamuraz bekennt Farbe für Lausanne. (Keystone)
Da ist die St.Galler Welt noch in Ordnung: Edwin Vurens trifft per Freistoss zur Führung für die Espen. (Keystone)
Lausanne-Goalie Martin Brunner beim verschossenen Penalty von Edwin Vurens. (Keystone)
St.Gallen-Trainer Roger Hegi vor der Verlängerung. (Rainer Bolliger)
Die St.Galler Marc Zellweger, Wilco Hellinga und Edvaldo Pereira (von vorne) können es nicht fassen: Der Cupfinal ist verloren. (Rainer Bolliger)
Ein grenzenlos enttäuschter Anhänger nach dem Schlusspfiff. (Ralph Ribi)
Viele Espen-Fans müssen ihre Tränen trocknen. (Ralph Ribi)
Am Boden zerstört... (Ralph Ribi)
So berichtete das «St.Galler Tagblatt» über die Ostschweizer Fans in Bern. (Sabrina Stübi)

Dieser Fehlschuss steht am Ursprung der St.Galler Niederlage: Edwin Vurens vergibt den Penalty, der das 3:0 für die Ostschweizer bedeutet hätte. (Keystone)

Was damals in 120 Minuten plus Elfmeterschiessen geschah, erleben wir nun während eines Saisonverlaufs. St.Gallen stürmte einst wie heute dem Ziel entgegen, und so wie Edwin Vurens beim Stande von 2:0 den Elfmeter neben den Pfosten setzte, so hätten wir jetzt von der Spitze aus, nach zwei Siegen und einem Remis in den drei Spitzenkämpfen, davonziehen können, mit Sion, Zürich, Thun und Xamax als nächsten Gegnern bis zum Ende des dritten Saisonviertels. Wohlwissend, dass vermeintlich leichtere Widersacher zum Stolperstein werden könnten, so wie auch eine Penaltychance.

Dass diese Gelegenheit noch kommt, damit ist aufgrund der aktuellen Virus-Dynamik kaum zu rechnen. Zumal die Massnahmen von Bund und Kanton eher auf verlängerte denn rasche Besserung ausgelegt sind.

Der FC Bern als Trostspender

Ein einziges Mal in der langen Liste der nationalen Meister ist in einem Jahr kein Club aufgeführt. Dies, obwohl die Saison regulär beendet worden war. 1923, zehn Jahre vor der Gründung der Nationalliga, hatte der FC Bern bereits den Titelgewinn gefeiert, als ihm der Erfolg wegen eines nicht qualifizierten Spielers aberkannt wurde. Viermal durfte sich der traditionsreiche Verein Vizemeister nennen, und im einzigen Cupfinal verloren die Berner 1926 gegen die Grasshoppers «unglücklich», wie es in den Annalen heisst, mit 1:2. Ein nationaler Titelgewinn blieb dem heute in der 2. Liga regional eingeteilten Club versagt.

Immer wieder Enttäuschungen

Die St.Galler Dramen waren nicht bloss 1998 eng mit der Stadt Bern verbunden. In den vier Cupfinals mussten die Ostschweizer zweimal, 1945 und 1977, ein Auswärtsspiel gegen die Young Boys bestreiten; zweimal verlor der FC.

Die vielleicht grösste Enttäuschung folgte vor zwölf Jahren, allerdings beim Abschied vom Espenmoos. In der Vorfreude auf das neue Stadion verlor St.Gallen daheim die Abstiegsbarrage gegen Bellinzona. Fan-Randale, Verwüstungen und ein Neubeginn in der Challenge League waren die Folge.

Espenmoos-Feeling pur: Die Gegentribüne des Stadions mit Blick auf den Fansektor. (Rainer Bolliger)
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Die St.Galler Fankurve im Espenmoos war berühmt-berüchtigt. (Trix Niederau)
Der Stehplatzsektor, in dem auch die Gästefans waren. (Rainer Bolliger)
Bereits im Espenmoos kamen die Cheerleader des FC St.Gallen zu Pauseneinsätzen. (Michael Freisager)
Ja, auch diese Szene spielt im Espenmoos - und zwar bei einer Partie des FCSG im Jahr 1911. (Archiv)
Blick aufs Espenmoos im Jahr 1932. (Stadtarchiv der Ortsbürgergemeinde)
Die alte Haupttribüne in den 1950er-Jahren. (Stadtarchiv der Ortsbürgergemeinde)
Im März 2006 war das Espenmoos von einer dicken Schneeschicht bedeckt. (Michel Canonica)
Bereits im Espenmoos begeisterten die St.Galler Fans mit tollen Choreographien. (Trix Niederau)
Frenetische Unterstützung war dem FC St.Gallen im Espenmoos gewiss. (Ralph Ribi)
«Ein Leben lang stolz auf Euch»: Die St.Galler Fans feiern im Frühjahr 2000 ihre Meisterhelden. (Hannes Thalmann)
Grenzenlose Enttäuschung nach dem Abstieg im letzten Spiel im Espenmoos im Mai 2008. (Hanspeter Schiess)
Die Wut der Anhänger über den Abstieg und die massive Polizeipräsenz entlud sich nach Spielschluss in Ausschreitungen. (Ralph Ribi)
Ein Bild der Zerstörung nach dem letzten Spiel im Espenmoos. (Reto Martin)
Ein letzter Blick auf den St.Galler Fansektor im Mai 2008. (Reto Martin)
Selbst auf den Stehrampen verewigten sich die Fans. (Ralph Ribi)
Ein Satz, den wohl die meisten Espenmoos-Gänger unterschreiben würden: Espenmoos für immer! (Ralph Ribi)
Der Abbruch des legendären Quartierstadions begann kurz nach dem Abstieg. (Ralph Ribi)
Bagger rissen die Tribünen im Espenmoos ein. (Ralph Ribi)
Blick in den neu gestalteten Bereich des Espenmoos, das mittlerweile eine Breitensport-Anlage ist. (Hanspeter Schiess)
Unverkennbar: Die Haupttribüne des Espenmoos besteht bis heute. (Urs Jaudas)
Blick von der Haupttribüne des Espenmoos, die bestehen blieb, auf den grünen Rasen. (Reto Martin)
Hopp Sanggalle! (Ralph Ribi)

Espenmoos-Feeling pur: Die Gegentribüne des Stadions mit Blick auf den Fansektor. (Rainer Bolliger)

Vergangene Saison dann fehlte ein einziges Tor zur Europa-League-Qualifikation, und in dieser Saison scheinen die Felle nun ohne irgendwelches Eigenverschulden davonzuschwimmen.

Wobei es Gerüchte gibt, wonach die Uefa den nationalen Verbänden empfehlen soll, die aktuellen Tabellenführer bei einem Saisonabbruch zu Meistern zu küren. Ob es in der Schweiz so kommt? Wir werden sehen.

Auch die Gegner mitgerissen

Der FC St.Gallen steht ja selten ganz oben in der nationalen Hierarchie. Aber wer hat sich auf beeindruckende Weise an die Spitze gehievt, als nun urplötzlich eine einmalige, globale Katastrophe hereinbricht und die Saison vielleicht zur Makulatur abwertet? Natürlich, der FC St.Gallen. Wer sonst. Zeidlers Leute haben sich ja nicht mit Betonfussball und glücklichen Umständen an die Tabellenspitze gemogelt. Sie haben vielmehr dem Titelkampf neues Leben eingehaucht und mit ihrer Spielweise nicht nur die eigenen Anhänger begeistert. Sie nahmen den Gegner mit ins Boot, liessen ihn oft ebenfalls glänzen und ermöglichten den gegnerischen Trainern von Bern über Basel bis Zürich Superlative wie diesen: «Das war beste Werbung für den Schweizer Fussball.»

Der FC St.Gallen müsste belohnt werden

St.Gallen war, vom Saisonstart abgesehen, auch die beständigste Mannschaft und müsste eigentlich, sollte das Championat vorzeitig beendet werden, eine entsprechende Belohnung erhalten. Der Titel wäre schön. Wir sind hier nicht im Eishockey, wo der Meister in ein paar Wochen erkoren wird. Aber auch einen soliden Platz in der Europa-Qualifikation hätte St.Gallen verdient.

Der Titel wäre schön, aber Titel sind nicht alles. Den Anhängern des FC Basel sind sie im vergangenen Jahren schon fast verleidet, und Meisterehren in Serie schüren Unzufriedenheit, wenn es der eigenen Mannschaft plötzlich nur noch gut läuft statt überragend, wie in dieser Saison.

Wie auch immer. Was meiner Ansicht nach aus St.Galler Perspektive ebenso zählt wie der Titel, das ist die überschäumende Freude, welche die Mannschaft in dieser Saison ausgelöst hat. Es war ein Ausbruch aus langjähriger Langeweile. Und wenn es schon wie ein Nachruf tönt: Die Jubelgesänge mögen verklungen sein, aber die Erinnerung wird noch lange weiterleben.

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