GEGENTRIBÜNE: Es ist Zeit, dass sich was dreht

Gegen Luzern kehrte der FC St. Gallen wieder zur Normalität der trüben Frühjahrsrunde zurück. Ungeachtet der Leistung gegen einen starken Gegner, stellt sich die Frage, was das so folgsame Publikum in der neuen Saison erwarten darf.

Fredi Kurth
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Egal was in der nächsten Saison passiert, die St.Galler Anhänger werden hinter ihrem Club stehen. (Bild: Urs Bucher)

Egal was in der nächsten Saison passiert, die St.Galler Anhänger werden hinter ihrem Club stehen. (Bild: Urs Bucher)

„Es ist Zeit, dass sich was dreht.“ Herbert Grönemeyer wird dieses Lied bei seinem Auftritt am 10. Juni im Kybunpark auf der Song-Liste haben. Das Motto passt zum FC St Gallen. Nicht nur der Name des Stadions, auch im sportlichen Bereich muss sich einiges ändern, soll die neue Saison besser geraten als die zu Ende gehende. Was aber muss sich drehen? Was muss wieder in Schwung kommen?

Verstärkung auf allen Linien
Es sind primär personelle Veränderungen erforderlich, damit die Leistung und die Konstanz wieder auf ein einigermassen solides Niveau gehoben werden können. Hierfür benötigt die Mannschaft Verstärkungen auf allen Linien, primär einen kopfballstarken Innenverteidiger mit minimalen spielerischen Qualitäten. Im Angriff hängt vieles davon ab, ob Edgar Salli bleibt. Dem Vernehmen nach würde er gerne länger in der Ostschweiz bleiben. Massgebend dürfte sein, was sein Verein Monaco beabsichtigt. Salli ist jedenfalls dringend auf Entlastung, einen zweiten gefährlichen Stürmer, angewiesen. Hier spielt die Frage mit hinein, ob Yannis Tafer (Vertrag bis 2017) bald zurückfindet. Der beste St. Galler Skorer von 2014/15 hat nach einem schlimmen Foul des Luzerners Michael Frey fast alle Spiele im Frühjahr verpasst. Im Mittelfeld, mit Danijel Aleksic und Gianluca Gaudino spielerisch ansprechend besetzt, ist ein Akteur mit defensiver Widerstandskraft gefragt. Das könnte auch Alain Wiss sein. Doppelbesetzungen auf gewissen Positionen sind sicher nicht von Nachteil. Das gilt ebenso für die Sprinter der Seitenlinie entlang.

Solche Anpassungen oder wenigstens Bemühungen hierfür sind das Mindeste, was der treue Fan erwarten darf. Man muss sich vorstellen: Da kommen 15 000 allein für ein Kehrausspiel. Ja, St. Gallen ist eine Fussballstadt. Nur erfüllt sie diesen Anspruch auf dem Rasen nicht ganz.

Nein, das ist kein Karatekampf, sondern Fussball: Espe Danijel Aleksic gegen Jerome Thiesson. (Bild: Urs Bucher)
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Mit vollem Körpereinsatz: St.Gallens Martin Angha gegen Luzern Michael Frey. (Bild: Urs Bucher)
Enthusiasmus pur: Die Espen-Fans mit ihrer fulminanten Choreo. (Bild: Urs Bucher)
Zeigt seine Beweglichkeit: St.Gallens Gianluca Gaudino. (Bild: Urs Bucher)
Vor dem Espen am Ball: Luzerns Tomislav Puljic im Zweikampf mit St.Gallens Edgar Salli. (Bild: Urs Bucher)
Für einmal stand nicht Daniel Lopar zwischen den Pfosten des FCSG, sondern Marcel Herzog. Doch auch der Ersatztorhüter ist chancenlos beim 0:1 durch den FC Luzern. (Bild: Urs Bucher)
Können auch Jubeln: St.Gallens Danijel Aleksic und Torschütze Edgar Salli nach dem Anschlusstreffer zum 1:3. (Bild: Urs Bucher)
Hoch die Beine: St.Gallens Albert Bunjaku gegen Luzerns Christian Schneuwly. (Bild: Urs Bucher)
Luzerns Jakob Jantscher will den Ball nicht hergeben. (Bild: Urs Bucher)
Zahlreich erschienen: Die Fans des FC Luzern. (Bild: Urs Bucher)
Enttäuschung nach dem Spiel bei Gianluca Gaudino. (Bild: Urs Bucher)
Die Enttäuschung ist den St.Galler Spielern deutlich anzusehen. (Bild: Urs Bucher)
Bereits in jungen Jahren ein ganz grosser FCSG-Fan. (Bild: Urs Bucher)
St.Gallens Trainer Joe Zinnbauer begrüsst seine Spieler. (Bild: Urs Bucher)
In blau-weissen Rauch gehüllt: Die Fans des FC Luzern. (Bild: Urs Bucher)

Nein, das ist kein Karatekampf, sondern Fussball: Espe Danijel Aleksic gegen Jerome Thiesson. (Bild: Urs Bucher)



Schwierige Suche
Garantie gibt es im Business Fussball keine, besonders in der Super League von Rang drei an abwärts ist eine verlässliche Planung schwierig. In diesem Tabellenbereich tun sich die Vereine aus finanziellen Gründen schwer, sich von den anderen abzuheben, auch weil auf dieser Ebene der Überblick fehlt. St.Gallen hat sich einige Mal in der Challenge League bedient und ist nicht schlecht gefahren, mehr aber nicht. Und wie viel sind zehn Tore wert, die ein Stürmer in der serbischen Meisterschaft geschossen hat? Oder in der zweithöchsten österreichischen Liga? Was können weitgereiste ältere Fussballer noch ausrichten, wenn sie sich in der Super League bewähren sollen? Man weiss es erst im Nachhinein. Man kann auch Glück haben mit quasi gescheiterten Talenten wie Aleksic.

Der FC Basel und die andern
Der FC Basel braucht kein Glück. Er holt die besten Fussballer aus der Super League, hier Lang, dort Steffen. Er schaut sich um, welche Spieler aus andern Nationalteams den besten Schweizer Club als Sprungbrett in die Topligen erwägen könnten, mal Island, mal Chile, dann wieder Ägypten. Und veräussert sie dann gewinnbringend. Durch diesen doppelten Vorteil – mehr Geld und mehr Sicherheit im Transfergeschäft – wird der Graben zur Konkurrenz zwangsläufig immer grösser. Die andern strampeln sich ab. Beim Rest der Super League dreht sich schon seit längerem etwas, nur nicht im Grönemeyerschen Sinn. Die einen dreht es nach oben, die andern nach unten – im Extremfall den FC Thun oder den FC St. Gallen in die Europa League und den FC Zürich in die Challenge League.

Eher der liebe Gott als St. Gallen
Noch kann der FC Zürich hoffen. Nämlich darauf, dass sich der gerettete FC Vaduz am Mittwoch im Letzigrund immer noch über den Ligaerhalt freut und im Übrigen auf den „lieben Gott“. Den erwähnte Trainer Uli Forte auf SRF, und wahrscheinlich ist auf himmlische Kraft auch mehr Verlass als den FC St. Gallen, der in Lugano mit einem Punktgewinn dem FC Zürich helfen könnte.

Im Grunde müsste der FC St. Gallen mit seinem enormen Rückhalt bei den Anhängern und optimaler Infrastruktur andere Ansprüche haben, als sich nur im Kreis zu bewegen. Eigentlich müsste er hinter Basel und den Young Boys als dritte konstante Kraft wirken. Doch das ist schwierig zu realisieren, wenn die wirtschaftliche Sicherheit höchste Priorität hat. Es ist dennoch schade, dass sich ein Fussball-Unternehmen, in dem von der Infrastruktur, über die Administration, die finanziellen Verhältnisse, das Marketing, den Auftritt und das Ambiente im Stadion bis hin zur Organisation der Nachwuchsförderung fast alles zum Besten bestellt ist, just auf sportlicher Ebene so schwer tut.

Eher Rück- als Fortschritte
Aber vielleicht dreht sich der FC St. Gallen nächste Saison wieder nach oben – um im Frühjahr hoffentlich nicht wieder nach unten zu sausen. Konzeptionell hat sich der Verein noch nicht vernehmen lassen. Ist die Führung aber der Ansicht, der jetzige Kader würde genügen, dann erliegt sie wahrscheinlich einem Irrtum. Dann würde sie indirekt auch die Fähigkeiten Joe Zinnbauers in Zweifel ziehen. Denn mit bestehendem Kader hat die Mannschaft in den meisten Spielen dieses Frühjahrs nicht einmal Spurenelemente eines Fortschritts zu erkennen gegeben.

„Es ist Zeit, dass sich was dreht“, singt Grönemeyer, „wer sich jetzt nicht regt, wird ewig warten“.

Aufgefallen

Der Zufall will es, dass der neue Namensgeber des Stadions unmittelbar neben dem Fitnesscenter meiner Wahl seinen Hauptsitz hat. Weniger Zufall ist es, dass sich auf dem Weg dorthin, nämlich nach Roggwil, sich auch Unternehmen des Vorgängers von Kybun befinden. Das Imperium der AFG erstreckt sich ja über die Region bis ins Rheintal. Die Kybun AG, die im Oberland produziert, ist mit der Administration im 3. Stock des 33 Meter hohen Kybun-Towers zuhause. Zusammen mit dem vierstöckigen Anbau wirkt der Komplex wie ein moderner Kirchenbau mit Turm und Schiff.

Jetzt gehen wir also ab sofort nicht mehr in die Arena, sondern in den Park, um den FC St. Gallen spielen zu sehen. Das tönt zwar eher nach gemütlichem Spaziergang, Blumen pflücken oder romantischer Mondscheinparty. Aber der allgemeine Tenor nach erstem Amüsement erscheint positiv: Man hat Verständnis dafür, dass das Unternehmen FC St. Gallen den Namen des Stadions vermarkten muss und dass sich eine Firma, die sich mit Fitness beschäftigt, gut für diesen Zweck eignet - vielleicht besser als ein Bierhersteller, bei allen guten Beziehungen zwischen Verein und Schützengarten. Nur ein über Facebook verbreitetes Gerücht ist hingegen, dass die Kybun-Geschäftsführung das Stadion nun komplett auf Stehplätze umrüsten lassen will.
Der Sportplatz Kellen in Tübach hatte wieder einmal berühmte Gäste auf Besuch. Borussia Mönchengladbach machte mit seiner Promotiontour dort Halt. Erstaunlich war, mit welch grossem Einsatz die beiden Teams die erste Halbzeit des Freundschaftsspiels bestritten. Bei den Deutschen wollte sich die zweite Garnitur offensichtlich empfehlen, beim FC St. Gallen gegen den Champions-League-Teilnehmer auch die arrivierten Fussballer wie Gaudino, Salli oder Hanin, der in seinem Eifer sogar gebremst werden musste. Gemächlicher nahm es bei Gladbach Granit Xhaka, der vor dem Spiel das Kindertraining betreute. Als einmal ein Knirps einen Alterskollegen rabiat zu Fall brachte, quittierten die Schaulustigen die Attacke mit „Ui, ui, ui“. Der Satz lag in der Luft, einer sprach ihn aus: „Das hat er von Xhaka gelernt.“ Der zukünftige Arsenal-Profi nahm’s gelassen und setzte ein entspanntes Lächeln auf. (th)