GEGENTRIBÜNE: Eine Bildungsreise nach Italien

Meine Ferien in Italien nützte ich wieder einmal zu einer fussballerischen Weiterbildung. Die Erkenntnisse reichen von Florenz bis in die heimischen Gefilde.

Fredi Kurth
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Valon Behrami macht Dampf bei der AC Fiorentina. (Bild: Paolo Giovannini (AP))

Valon Behrami macht Dampf bei der AC Fiorentina. (Bild: Paolo Giovannini (AP))

Als Michelangelo einmal gefragt wurde, wie er seinen David so wunderbar aus dem weissen Marmor gemeisselt habe, antworte er: «Ich liess einfach alles weg, was nicht David war.» Neben dem David interessierte mich in Florenz aber auch die italienische Fussballkunst. Ich war angenehm überrascht, wie der Schweizer Internationale Valon Behrami der AC Fiorentina im 3:0 gewonnenen Heimspiel gegen Parma Impulse geben konnte, als dynamischer Kämpfer im zentralen Mittelfeld und nicht wie früher auf der Aussenposition. Seine Gastspiele bei verschiedenen Vereinen, unter anderem bei West Ham in England, haben ihn nun wieder nach Italien geführt. Beim nächsten Spiel, dem 0:0, bei Napoli war er gemäss «Gazzetta dello Sport» sogar der beste Spieler seiner Mannschaft. Auch Lichtsteiner bei Juventus und Inler bei Napoli wurden oft gut bewertet. Schweizer Fussballer machen im Ausland und nicht zuletzt in Italien erfreuliche Figur.

Mutige schlecht belohnt
Was mir an Italiens Fussball gefällt: Es gibt Trainer mit neuen Ideen und dem Willen zu attraktivem Fussball. Einige müssen dann allerdings wieder zurückbuchstabieren oder werden bei Misserfolg gar entlassen. Vergangene Saison erlebte dies Juventus-Coach Luigi Delneri. Nun wurde bei Inter Mailand schon nach wenigen Spielen Gian Piero Gasperini durch den konservativen Claudio Ranieri ersetzt, jenen Trainer, der mit Chelsea vor elf Jahren gegen FC St.Gallen im Uefa-Cup ausgeschieden ist. Vielleicht ist es auch schwieriger, bei einem renommierten Verein mit all den arrivierten Stars eine ungewohnte Spielidee umzusetzen. In der Bundesliga waren es vor allem Aussenseiter, welche die Favoriten vergangene Saison düpierten. Hannovers Trainer Slomka hat sogar den klassischen Konterfussball wieder entdeckt, ähnlich dem «Sommer-Fussball», wie ihn der FC St.Gallen in den 1970er-Jahren praktizierte, wobei Trainer Willy Sommer noch weiter hinten verteidigen liess, wie es damals üblich war. Überfallartig ging dann bei Ballbesitz über Fleury, Friberg, Labhart, Stomeo oder wie sie alle hiessen, die Post ab.

Die Torzwillinge Labhart und Stomeo
Die «Gazzetta dello Sport» berichtete damals in einem grösseren Artikel oben an der Seite über «I gemelli gol», die Torzwillinge Labhart und Stomeo. Heute ist über den Schweizer Fussball in den italienischen Sportzeitungen nicht mehr viel zu lesen. Das hat auch damit zu tun, dass sich allgemein das Interesse auf die grossen europäischen Ligen konzentriert. Einige Male ein Thema, unten an der Seite, war allerdings der FC Sion. Positiv vermerkt wurde immerhin die Leistung des FC Basel bei Manchester United, natürlich auch jene von Fabian Frei, der einen fabelhaften Aufstieg erlebt. Vor ein paar Monaten kämpfte er mit dem FC St.Gallen noch erfolglos gegen den Abstieg und jetzt schiesst er im Old Trafford vor 73'000 Zuschauern ein Tor und bereitet ein weiteres vor.

Super League wenig innovativ
Sonst gibt die Super League leider ein eher jämmerliches Bild ab. Sportliche Innovation wie in der Bundesliga ist kaum zu entdecken. Die (nun gerissene) Serie des FC Luzern ist beachtlich. Murat Yakin hat seiner Mannschaft wie schon in Thun einfach mal ein defensives Konzept übergestülpt – ähnlich wie Lucien Favre bei Borussia Mönchengladbach. Es ist das Recht weniger bemittelter Vereine, dass sie sich auf dem Spielfeld nach der Decke strecken. Aber Fussballkunst ist es nicht. Mal sehen, was Christian Gross mit den Young Boys zuwege bringt. Die einzige Mannschaft, die über Jahre, ja Jahrzehnte hinweg, auf dem Espenmoos und einige Male in der Arena für Spektakel gesorgt hat, ist der FC Basel. Lob verdient auch die Anstrengung der Grasshoppers, mit Nachwuchsleuten zu überleben – wenn auch aus der Not heraus geboren. Die Super League ermutigt ja auch nicht, sportliche Experimente zu wagen. Das Spiel GC gegen Zürich wurde im «Sonntagsblick» als Keller-Derby angekündigt. Dabei spielte der Neunte gegen den Achten. In fast jeder andern Liga sind das Ränge, in der sich Mannschaften auch mal nach oben orientieren. In der Super League, die irgendwo im Mittelfeld aufhört, stehen Vereine wie GC unter Dauerstress. Die zu kleine Liga ist mitschuldig an der erwähnten kümmerlichen Aussendarstellung, verkörpert durch den FC Sion und Xamax Neuenburg.

FC St.Gallen noch nie in Rückstand
Und was trägt der FC St.Gallen zu besserem Fussball hierzulande bei? Natürlich muss man die Relationen sehen. In Italien hatte das von mir beobachtete Serie-B-Spiel zwischen Grosseto und Crotone (3:0) ungefähr Challenge-League-Niveau, das heisst: eine hohe Fehlerquote bei den Zuspielen. Ich denke mal, dass St. Gallen beide besiegen könnte. Dessen Torproduktion ist beeindruckend. Allerdings hat der Leader bisher primär gegen die schwächeren Teams gespielt, gegen sämtliche von Rang 10 bis 16. Gegen jene der oberen Tabellenhälfte erste zweimal. Die Spiele gegen Bellinzona, Aarau, Chiasso und im Cup gegen Thun dürften Spiele der Wahrheit werden. Wobei ich dem Tabellenbild jetzt schon traue. Der FC St.Gallen hat sogar Steigerungspotenzial. Und er hat eine Eigenheit, eine komplett konträre zur vergangenen Saison. Kassierte er damals fast immer frühe Gegentore, trifft er nun bald einmal ins gegnerische Netz. 1:0, 2:0, 3:0. Noch nie ist Saibenes Team in Rückstand geraten. Aber die Spieler wollen auf keinen Fall, dass die Zuschauer aus Langeweile schon früh das Stadion verlassen, werden gerne nachlässig – oder besinnen sich dann doch der eigenen Qualitäten, wie gegen Locarno oder Carouge. . .

Die braven Lämmer vom Letzigrund
Dann haben wir leider noch das Thema auf dem Tapet, das mit Fussball wenig zu tun hat, aber leider oft in Fussball-Stadien verlegt wird: Chaoten. Der Abbruch des Zürcher Stadtderbys als Ausbund von Hilflosigkeit ist im Wesentlichen auf drei Fakten zurückzuführen: 1. Man scheut die Kosten, um eine effiziente Sicherheit auch im Stadion zu gewähren. Nur ausserhalb der Stadien ist eine entsprechend ausgerüstete Polizei am Werk. 2. Man greift zu wenig durch. Die Randalierer von Zürich waren keine Lämmer, die jetzt zufällig mal als grosse Horde vermummt in Erscheinung traten. Sie hätten in dieser Grössenordnung gar nicht im Stadion erscheinen dürfen. 3. Man weiss zu wenig über die Matchbesucher. Wenigstens jene, welche die Eingänge zu den Fan-Sektoren passieren, müssten registriert sein.

In Italien sogar Oma und Opa registriert
Da erhielt meine Weiterbildung in Italien unerwartete Aktualität. Die Fanregistrierung umfasst dort jeden einzelnen Zuschauer, selbst Grossmütter und Grossväter. Als Tourist braucht man aber keine Fancard. Man kann sich bei einer offiziellen Vorverkaufsstelle irgendwo im Land ein Ticket kaufen. Nach Präsentation der ID werden Name und Adresse auf der Eintrittskarte aufgedruckt, und beim Eintritt ins Stadion werden Ticket und ID nochmals überprüft. Soll niemand behaupten, in der Schweiz würde genug getan. Die Massnahmen ergeben sich durch die Entwicklung, und die Entwicklung ist umso günstiger je härter die Massnahmen sind. In der Schweiz schauen sich jeweils just jene Klubfunktionäre immer wieder wie belämmert an, die behaupten, dass man das Problem im Griff habe. Super League - noch nie war ein Name für eine Liga derart unzutreffend wie jener der Schweizer Eliteklasse.