GEGENTRIBÜNE: Ein so schlechtes Gefühl wie zuletzt 1999

Nun geht es also wieder los mit dem Clubfussball. Der ist so unterschiedlich, dass sich Vereine der Premier League einen einzigen Spieler für 100 Millionen Pfund leisten können, sich beim FC St.Gallen hingegen Sportchef Christian Stübi freut, total eine Million mehr ausgeben zu dürfen.

Fredi Kurth
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Ist zum neuen Captain ernannt worden: Nzuzi Toko. (Bild: Benjamin Manser)

Ist zum neuen Captain ernannt worden: Nzuzi Toko. (Bild: Benjamin Manser)

Dölf Früh gesteht im Tagblatt-Interview, dass er jeden Sommer mit viel Euphorie aus dem Trainingslager zurückkehre. Das ist verständlich. Die Spieler und die sportliche Leitung sind vor Meisterschaftsbeginn voller Energie und machen einen Eindruck, der fast nur Optimismus zulässt. Schliesslich ist das Saisonblatt noch unbeschrieben. Nur: Das gilt auch für alle andern Vereine.

Trüber Frühling sitzt tief
Selber starte ich zum ersten Mal seit vielen Jahren mit einem mulmigen Gefühl in die neue Kampagne. Die Malaise des vergangenen Frühjahrs wirkt offensichtlich noch nach. Müsste ich mich festlegen, wann ich zum letzten Mal mit so gestutzten Hoffnungen auf den Saisonstart gewartet habe, würde ich auf das Jahr 1999 tippen. Ich erinnere mich noch an das Auftaktspiel im Espenmoos. Trainer Andy Egli reiste mit einer Luzerner Mannschaft aufs Espenmoos, der drittklassige Qualität vorausgesagt worden war. St.Gallen gewann mit etlichem Glück 2:0 (einer der beiden Torschützen ein gewisser Charles Amoah). Ich kam mit meinem Journalistenkollegen Urs Huwyler überein, "bestimmt nicht den kommenden Meister im Einsatz gesehen zu haben".

Transfergebaren wie gehabt
Was vor dieser Saison bereits gesagt werden kann: Der FC St. Gallen ist sich in der Transferperiode bisher treu geblieben. Kofi Schulz (schon im Winter verpflichtet) und Seifedin Chabbi stammen aus der Challenge League beziehungsweise aus der vergleichbaren zweithöchsten Spielklasse Österreichs. Mit Nzuzi Toko kehrt ein einst bewährter Spieler in der Super League aus dem Ausland zurück wie einst Mario Frick, Keita oder Albert Bunjaku, wenn auch als jüngerer Spieler als die drei genannten. Eher eine Ausnahme ist, dass ein schon in der Super League bewährter Stürmer engagiert wird: Roman Buess verzeichnete in seiner Saison mit Thun neun Tore, davon zwei Elfmeter, plus zwei Assists.

Gespannt auf taktisches Verhalten
Die primäre Zielvorgabe des Vereins ist somit nicht mehr und nicht weniger als realistisch: Ohne Zittern den Ligaerhalt schaffen. Das wäre im Vergleich zur vergangenen Saison bereits ein Fortschritt. Präsident Dölf Früh ist sich somit bewusst, wie ungewiss sich auch diese Saison die Gemengelage von Rang zwei an abwärts präsentieren dürfte, zumal die Transferperiode noch nicht einmal abgeschlossen ist. Bemerkenswerter ist seine Aussage, dass die Mannschaft offensiver spielen will, lieber 4:3 als 1:0 gewinnen soll. Das wäre dann eine Einstellung gegen den Trend der EM-Endrunde und einen Schritt retour zu den Anfängen von Joe Zinnbauers im vergangenen Spätsommer.

EM als Trendsetter?
Es stellt sich in diesem Zusammenhang die Frage, was ein Trainer von einem solchen Anlass, der früher oft die Richtung vorgegeben hatte, mitnehmen kann. In Frankreich bestätigte sich wieder einmal die Regel: Wer durchs Band tollen oder zumindest gefälligen Fussball zeigen will, bleibt vor dem Final auf der Strecke. Was die Taktik betraf, galt diesmal: Erlaubt ist, was gefällt oder was gerade am besten ins Konzept passt. Geboten wurde so ziemlich alles, was an Formationen und Verhaltensweisen möglich war. Offensives Pressing war allerdings nicht mehr in Mode. Fast alle Teams zogen sich bald in den eigenen Strafraum zurück, wenn der Gegner in seiner Abwehr nicht mehr unter Druck gesetzt werden konnte. Extrem hoch zu verteidigen, versuchten nur die Deutschen. Sogar Frankreich spielte daheim Konterfussball, gegen die Schweiz und Deutschland ganz extrem. Die beste Balance beim Verteidigen mit Mann und Maus fand Island, das in jedem Match mindestens ein Tor erzielte, acht insgesamt. Nur: Konterfussball allein schiesst keine Tore. Gemäss einer Statistik im „Kicker“ fielen nur 14 aus einer Gegenstoss-Situation, aber 55 immer noch aus einem kombinierten Angriff über einige Stationen, 31 nach einem stehenden Ball oder unmittelbar danach.

11 aus 25
Die Trainer haben am Anfang einer Saison eine schwierige und dennoch reizvolle Aufgabe. Auch Joe Zinnbauer muss aus rund 25 Spielern eine Startelf herauskristallisieren, die im ersten Match gegen YB reüssieren soll. Es sollen zudem nicht nur die besten Fussballer sein, sondern auch jene, die am besten harmonieren. Zum jetzigen Zeitpunkt eine Art Quadratur des Kreises. Vor einem Jahr war eine Übergangssaison angekündigt. Jetzt steht die Mannschaft wieder beim Anfangspunkt.

So beginnt die Saison zum sechsten Mal hintereinander mit einem Heimspiel, davon zum dritten Mal gegen die Young Boys (bisher zweimal Remis). An der Fitness wird es den St.Gallern nicht fehlen. Fragt sich aber, wie fit die Anhänger sind. Zumindest mentale Stärke ist auch bei ihnen gefragt. Wenn mein Gefühl nicht täuscht, wird diese Saison nichts Besonderes. Aber warum soll mein Gefühl nicht trügen, wie damals im Sommer 1999?

P.S. Für Nicht-St.Galler und FC-Anhänger mit schlechtem Gedächtnis: 1999/2000 wurde der FC St.Gallen, jetzt FC St.Gallen 1879, Schweizer Meister.