Kolumne

Gegentribüne: Diese Niederlage passt in die FC-Chronik

Der Festtag zum Jubiläum sollte ebenso zum fussballerischen Feiertag werden. Doch der FC St.Gallen verlor gegen den FC Luzern – und das war logisch, auch aus klubhistorischer Sicht.

Fredi Kurth
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Ojemine, es hätte ein grosser Tag werden sollen: Peter Zeidler nach der Geburtstagsschlappe gegen den FC Luzern. (Bild: Michel Canonica)

Ojemine, es hätte ein grosser Tag werden sollen: Peter Zeidler nach der Geburtstagsschlappe gegen den FC Luzern. (Bild: Michel Canonica)

Nun standen wir da, auf der Gegentribüne, und hielten auf Reihe 19 just den Tuchrand der grössten Choreographie der Klubgeschichte fest in Händen. Als ob es etwas nützte. Denn die Niederlage war auch so nicht zu verhindern – eine Niederlage, wie sie typischer nicht hätte sein können in der langen Historie, die dem FC St.Gallen lediglich einen Cupsieg und zwei Meistertitel bescherte.

Wenn ein grosser Tag oder entscheidende Spiele angekündigt waren, ging es meistens schief. Drei von vier Cupfinals verlor der FC St.Gallen, einige Halbfinals in klarer Favoritenrolle, die Barragen just zum Auszug aus dem Espenmoos. Wenn Nervenstärke und Abgeklärtheit verlangt waren, versagte der FC St.Gallen regelmässig.

Ich mag mich nur an zwei Ereignisse erinnern, da es anders war: 1969 beim Cupsieg, 1972 im Abstiegsentscheidungsspiel gegen – man höre und staune – den FC Luzern. Man könnte jetzt auch noch die beiden Europa-League-Streiche gegen Chelsea und Spartak Moskau im Europacup anfügen, aber in diesen Spielen konnte St.Gallen unbeschwert auftreten. Nein, der FC St.Gallen ist definitiv nicht mit dem FC Sion zu vergleichen, der erstmals bei der 14. Teilnahme einen Cupfinal verlor.

Eine Saison lang Leader

Aber es gibt auch den anderen FC St.Gallen: Den FC St.Gallen der Kontinuität, der seine Erfolge über Monate hinweg aufbaut und der sich nicht so rasch von der Landkarte des Schweizer Fussballs verdrängen lässt. Seit jener wichtigen Saison vor 50 Jahren ist der älteste Fussballvertreter der Schweiz viermal abgestiegen und viermal sogleich zurückgekehrt. Den Meistertitel 2000 feierte er schon Wochen vor dem Finale, nach einer Saison auf Platz 1 von Runde 1 bis 36. Als er aber ein Jahr später im letzten Match daheim GC mit einem Sieg einen weiteren Titel hätte hinzufügen können, strauchelte er – nicht nur wegen eines Fehlentscheids von Schiedsrichter Urs Meier.

Wie es sein könnte

Auch diesmal war alles schön hergerichtet: Diese wunderbare Chilbi ausserhalb des Stadions, die vielen Stände, vor denen sich lange Schlangen bildeten, vor dem Mexikaner, dem Italiener; nur die Würste musste man suchen wie Ostereier. Die vielen Leute, die man lange nicht mehr gesehen hat. Sie verbreiteten Stimmung wie zu Anfängen der Arena-Ära, als das Stadion ab und zu ausverkauft war, ohne die Anhänger ins Stadion treiben zu müssen. Aber nun waren sie gekommen, am Ostersamstag notabene, am Wochenende, da angeblich alle verreisen. Ich traf Festgelaunte ohne Tickets, die vor einiger Zeit genug bekamen vom Stadionbesuch und jetzt bloss zum Feiern gekommen waren. Bei einem Wetter, das besser nicht hätte sein können, erlebten wir die immer noch enorme Gefolgschaft, die der FC St.Gallen auslösen könnte, wenn, ja wenn nur. . .

Wild entschlossen statt überlegt

Es war zu befürchten, dass die junge Mannschaft, an welcher das Drum und Dran ja nicht unbemerkt vorbeigegangen ist, an der Aufgabe zerbrechen würde. Die mächtige Kulisse schien für manchen eine Schuhnummer zu gross zu sein – anders als vor wenigen Wochen vor ebenfalls ausverkauftem Haus im Wankdorf, als der FC St.Gallen nur Aussenseiter war. Diesmal sollte die Mannschaft auch Punkte liefern. Und sie versuchte die Stimmung aufzunehmen mit Zeidler-Fussball, wild entschlossen, anders noch als zuletzt mit mehr Bedacht und dafür null Gegentoren in drei Spielen.

Eigenartiges Dreieck St.Gallen, Luzern, Xamax

Doch der Gegner war Luzern, jene Mannschaft, die sich am besten auf St.Gallen einzustellen vermag, diesmal sogar ohne Pascal Schürpf, ihren gefährlichsten Angreifer. St.Gallen hat alle vier Spiele gegen Luzern verloren, mit einer Tordifferenz von 2:8. Fast alle Gegentore fielen auf ähnliche Weise, nach individuellen Fehlern ein Stück vom eigenen Tor entfernt. Meistens konnten Luzerner alleine auf das St.Galler Gehäuse lossteuern.

In der Super League ergeben sich eigenartige Konstellationen, wonach sich Mannschaften liegen oder nicht liegen. So hat seinerseits St.Gallen alle vier Spiele gegen Xamax siegreich beendet, aber just dieses Xamax gewann dreimal in vier Partien gegen Luzern. Immerhin war es diesmal noch der beste Auftritt der St.Galler. Sie kamen zu einigen Möglichkeiten und unterlagen insgesamt unglücklich. Wie schon im ersten Heimspiel, als Cedric Itten vor der Luzerner Führung nur die Latte traf, geschah gleiches Missgeschick nun Silvan Hefti. Neun Niederlagen in Serie gegen den gleichen Gegner dürfte Klubrekord sein. Ein schwacher Trost: Werder Bremen verlor am Samstag zum 17. Mal hintereinander gegen Bayern München, die längste Niederlagenkette dieser Art in der Bundesliga-Geschichte.

Noch kann die Schmach getilgt werden

So stehen all die Anstrengungen um das 140-jährige Bestehen des Vereins etwas solitär da. Anerkennung verdienen die Initianten dennoch. Was unter der Ägide von Matthias Hüppi und bei der Mitarbeit vieler Helfer auf die Beine gestellt wurde, manifestierte auf eindrückliche Weise, was der FC St.Gallen für eine Bedeutung hatte und hoffentlich weiter haben wird, für die Region und für den Schweizer Fussball. Sollte die Mannschaft einigermassen anständig beenden, dann wird der Festanlass in der Erinnerung den vermasselten Match überstrahlen.

Aufgefallen

(th) Eine heutzutage eher seltene Geste bekamen die Zuschauer nach dem Führungstreffer der Luzerner zu sehen. Sofort gingen drei, vier St.Galler zu Leonidas Stergiou, um ihn nach dessen Fehler – das typische Missgeschick eines Juniors – aufzumuntern. Der 17-jährige war anscheinend trotzdem so deprimiert, dass ihn der Trainer zur Pause auswechselte. Das Jungtalent dürfte kaum von traumatischen Nachwirkungen geplagt werden. Noch in Thun war Stergiou so souverän aufgetreten wie ein Routinier. Inwiefern sich auch der Trainer verantwortlich fühlte, ist nicht bekannt. Interessant war jedenfalls, dass er von den zuletzt gut harmonierenden Verteidigerpaaren Vilotic/Mosevic und Nuhu/Stergiou keines nominierte, sondern diesmal noch ein drittes Duo seiner Kaderschau beifügte: Vilotic/Stergiou. Schwierig abzuschätzen, ob das matchentscheidend war.

Fussballbegriffe kommen und gehen so häufig wie die Trends in der Damenmode. Nur noch selten verwendet werden zum Beispiel die «Schnittstelle» oder «Hoch stehen», entsprechend der Veränderungen im Fussball. Die Schnittstelle, beziehungsweise der entscheidende Pass in die hintere Abwehrlinie, wird kaum noch angepeilt, weil sich diese inzwischen weiter nach hinten verschoben hat und einem Gewühl vor und im Strafraum gewichen ist. Aus gleichem Grund ist «Hoch stehen» ziemlich verschwunden. Ebenso haben viele Experten die Zahlenakrobatik mit 4-2-3-1, 3-5-1-1 und dergleichen aufgegeben. Hier gilt wahrscheinlich immer noch die Aussage von Trainerlegende Hans Meyer, der einmal gefragt wurde, worauf es denn im Fussball besonders ankomme: «Bei der Spielentwicklung ist es wichtig, immer wieder Dreiecke zu bilden, und das ist am besten mit einem 4-3-3 möglich.»