GEGENTRIBÜNE: Die Zinnbauer-Verweigerer sind zurück

St.Gallen – Grasshoppers: Das war weit mehr als nur ein Testspiel im Hinblick auf die nächste Saison. Es war aus grün-weisser Optik ein Match des Aufbruchs, der annähernd 16'000 Fans faszinierte.

Fredi Kurth
Drucken
Teilen
Sinnbild für den Wandel in St.Gallen: Unter Joe Zinnbauer spielte Mario Mutsch keine Rolle mehr - nach dem GC-Match wurde er vom Espenblock gefeiert. (Bild: GIAN EHRENZELLER (KEYSTONE))

Sinnbild für den Wandel in St.Gallen: Unter Joe Zinnbauer spielte Mario Mutsch keine Rolle mehr - nach dem GC-Match wurde er vom Espenblock gefeiert. (Bild: GIAN EHRENZELLER (KEYSTONE))

Der Match gegen GC sei ein Sichtungsspiel, hatte St.Gallens Trainer Giorgio Contini vor der Partie angekündigt. Welche Erkenntnisse hat die Partie gebracht? Zunächst beginnt einem langsam zu schwanen, welche Qualität der Kader tatsächlich aufweist und was vielleicht in den vergangenen Monaten verpasst worden ist. Es wird wieder Fussball gespielt beim FC St.Gallen und nicht bloss gearbeitet. Das galt vor allem für die erste Halbzeit, in der Salihovic, Aleksic und Barnetta ein magisches und bewegliches Dreieck bildeten, abgeschirmt durch einen soliden Toko.

Die Abwehr, die es in dieser Zusammensetzung wahrscheinlich nie mehr geben wird, steigerte sich nach verschlafenem Start. Und Hefti findet auch als Innenverteidiger seine Position und Wege nach vorne.

Was man weiter sah: Freistossvarianten (!) - die dritte führte zum Ausgleich. Nicht einmal die Niederlage in Lugano, nach frischem Auftritt, liess bei den Zuschauern Skepsis aufkommen: Wenn 15'667 Fans zum zweitletzten, bedeutungslosen Spiel der Saison erscheinen, dann muss mehr dahinterstecken. Giorgio Contini hat neue Begeisterung entfacht. Ein Zuschauer meinte, aber das ist schon boshaft: "Die Zinnbauer-Verweigerer sind zurück!"


Wenn ich Christian Stübi wäre...

Natürlich, das Pendel, das nach drei Siegen in vier Spielen nun so heftig auf die eine Seite ausschlägt, wird sich wieder beruhigen. An Wermutstropfen fehlt es auch nicht. Die Nachricht von einem möglichen Abgang Albian Ajetis mag manchen enttäuscht haben.

Wenn ich Christian Stübi wäre, würde ich den Angreifer kollegial umarmen und ihm sagen: "Schau mal, junger Mann. Wir haben mit dir erst vor acht Wochen den Vertrag verlängert. Und jetzt willst du schon wieder weg, zurück zu deinem FC Basel. Für eine Million Euro hatten sie dich schnöde zum FC Augsburg transferiert, der mit dir aber auch nichts anzufangen wusste, selbst als dort bis auf Altintop sämtliche Stürmer verletzt ausfielen. Sogar in der zweiten Mannschaft in der Regionalliga Bayern haben sie dich nur 45 Minuten spielen lassen. Wir haben dir in dieser unbefriedigenden Situation eine Chance gegeben, und du hast sie genutzt. Wir haben beide profitiert, und das wollen wir noch eine Weile so tun. Bei uns liegen deine Chancen auf einen Stammplatz bei fast 100 Prozent, in Basel ist nichts garantiert. Bleibe noch ein, zwei Jahre, dann werden wir wiederum eine Lösung finden, die für beide zufriedenstellend ist. Sag das auch deinem Agenten mit einem freundlichen Gruss."

Der Fall Scheiwiler

Wir hatten schon einmal einen Fall, als ein erst gerade vertraglich abgesicherter Transfer verhindert werden sollte. Im Sommer 1979 wollte der FC Zürich den Gossauer Fredi Scheiwiler vom Espenmoos wieder zurücklotsen und hätte neben der Transfersumme noch 100'000 Franken draufgelegt. Doch St.Gallens Präsident Paul Schärli sagte: "Kommt nicht in Frage." Scheiwiler verbrachte zwei gute Jahre in St.Gallen und bestritt auch einige Länderspiele.

Ein solches Zeichen, nämlich dass sich die reichen Vereine gegenüber den weniger betuchten nicht alles erlauben können, wäre auch diesmal angebracht. Die Schmerzgrenze, wäre ich Stübi, würde hoch liegen. Bei fünf Millionen Franken: einer Million für die Rückzahlung der für Augsburg fälligen Summe plus je eine Million pro Vertragsjahr, mit zünftiger Beteiligung bei späterer Weitergabe. Ganz nach baslerischer Art.


Der FC Basel hat geschlafen

Es war ja ein grandioser Coup, das Engagement von Albian Ajeti. Eins, das den unflätigen Vorwurf gegenüber den Transferverantwortlichen des FC St.Gallen in weite Ferne rückt, inkompetent zu sein. Nicht glauben kann ich an ein abgekartetes Spiel, bei dem im Voraus feststand, dass bei Interesse des FC Basel die Ostschweizer und andere Beteiligte kräftig mitverdienen sollen, auch wenn mir die vierjährige Vertragsdauer sehr verdächtig vorkommt. Was ich hingegen glaube: Der FC Basel hat zu lange nicht an Ajetis Möglichkeiten geglaubt und es versäumt, rechtzeitig selber mit dem FC Augsburg und dem Spieler Kontakt aufzunehmen.

Ja, wenn ich Stübi wäre, dann würde ich möglichst rasch auch mit Sejad Salihovic verlängern, der sich nun so richtig entfaltet hat. Nach der Pause fehlte am Sonntag jener Akteur, der das Geschehen auf ein höheres Niveau gehoben hatte, lange Zeit spürbar, ehe frische Leute das furiose Finale auslösten.

Und wenn ich Contini wäre? Dann würde ich das hochintensive Einlaufen nach der Pause sein lassen oder für etwas ältere Muskeln und Sehnen für fakultativ erklären. Salihovic ist nun der einzige Verletzte im ganzen Kader...

Aufgefallen

Vor einem Jahr sicherte sich der FC St.Gallen mit dem Heimsieg gegen Zürich den Ligaerhalt in der drittletzten Runde. Danach verlor er noch zweimal bis Saisonende mit je drei Toren Differenz gegen Luzern sowie Lugano und startete somit mit dem "Schwung" von fünf Niederlagen in sieben Spielen in die neue Saisonvorbereitung. Diesmal gewannen die St.Galler im ersten Match ohne grosse Bedeutung mit drei Toren Unterschied und befinden sich im Aufwind.

Keine Auswirkungen mehr hatte die Heimniederlage des FC Zürich gegen den FC Wil in der Challenge League. Auf der FCZ-Homepage ist dennoch von einer Enttäuschung die Rede. Mit einer arg geschwächten Mannschaft verlor der Aufsteiger erstmals zu Hause, inklusive Europa League, und schoss erstmals kein Tor in der Challenge League. 2012 hatte der FC Aarau dem FC St.Gallen die Aufstiegsfeier in der Arena mit einem Tor in der 95. Minute zum 1:2 ebenfalls vermiest. Trainer Jeff Saibene bekam sogar heftige Pfiffe von den eigenen Fans zu hören. Er setzte seinen Weg als Erfolgstrainer aber ungerührt fort, einige Jahre beim FC St.Gallen, dann kurz und bündig beim FC Thun und nun bei Bielefeld in der 2. Bundesliga. Er rettete die Arminia vor dem sicher scheinenden Abstieg, zuletzt mit einem 6:0-Heimsieg gegen den Aufstiegskandidaten Braunschweig und mit einem 1:1 in Dresden.

Mit der E-Paper-Edition des "Kicker" kann man dessen ganzes Archiv seit der Gründung der Bundesliga nachlesen. Im Archiv bleibe ich oft sogar länger hängen als bei der aktuellen Ausgabe. Die erste Bundesliga-Saison nähert sich auf meiner Reise in die Vergangenheit allmählich dem Ende. Der 1. FC Köln ist im Frühjahr 1964 auf dem besten Weg zum Titel, verfolgt vom Meidericher SV (heute MSV Duisburg). Auch aus Schweizer und FCSG-Sicht erfährt man immer wieder Interessantes. Der FC Zürich hat gerade den Halbfinal im Meistercup, heute Champions League, erreicht, in dem er gegen Real Madrid unterliegen sollte. Ihm genügte es dafür, drei Gegner auszuschalten. In der Vorrunde Dundalk, im Achtelfinal Galatasaray Istanbul und im Viertelfinal PSV Eindhoven. Gegen Galatasaray war der FC Zürich durch Losentscheid im Entscheidungsspiel weitergekommen. Der spätere Spielertrainer des FC St.Gallen, René Brodmann, hatte bei der 0:2-Niederlage in der Türkei den Ball gleich zweimal im eigenen Strafraum in die Hände genommen. Zu jener Zeit wollte Nationalcoach Karl Rappan die FCZ-Spieler Köbi Kuhn, Werner Leimgruberund Bruno Brizzi für ein Trainingsspiel aufbieten, doch der Club verweigerte die Freigabe, worauf Rappan den Test gegen eine Kombination Servette/Lausanne erzürnt absagte. Brizzi – wer damals im Espenmoos war, hört noch das Krachen des Knochens - brach sich in seinem ersten Einsatz für die Espen kurz vor der Pause das Bein. Brizzi fühlte sich derart in der Schuld, dass er das damals übliche Handgeld bei Transfers dem Verein zurückzahlen wollte. Gentlemanlike lehnte Präsident Elio Cellere ab, obwohl schon die Ablösesumme von 25'000 Franken für damals happig war. Auch sonst gibt der "Kicker" von einst Zeiterscheinungen preis. In der Nummer vom 16. März 1964 hatte die Illustrierte "Quick" ein Inserat mit dem Hinweis auf seine Knüller geschaltet: "Der junge König Konstantin, auf dem wackeligsten Thron Europas" oder: "Grosser Bericht: Mein Mann ist ein Neger. Die Ehen deutscher Frauen mit Ausländern." (fk)

Aktuelle Nachrichten