Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Spass beim Lesen.

GEGENTRIBÜNE: Die Wunder von Leicester, Paris und St.Gallen

Der FC St.Gallen kann aus verschiedenen Perspektiven beobachtet werden. Nicht nur von der Haupt- oder Gegentribüne, vom Espenblock oder von der Ostrampe, sondern auch aus ungewohnten Winkeln, auf dem Massagetisch oder mitten in der Nacht.
Fredi Kurth
Die AFG-Arena blieb am Samstag wegen Schneefall leer. (Bild: Coralie Wenger/Archiv)

Die AFG-Arena blieb am Samstag wegen Schneefall leer. (Bild: Coralie Wenger/Archiv)

Mein Schlafrhythmus ist von spezieller Art. Ist ein Fussballspiel langweilig, verspüre ich schon um 21 Uhr den Drang, die Bettstatt aufzusuchen. Dafür bin ich dann um zwei Uhr wieder hellwach und kann die spannendere zweite Halbzeit als Wiederholung in vollen Zügen geniessen. Kürzlich zwang mich beim Zappen Marcel Koller zu einem brüsken Stopp. Der Meistertrainer sass im Studio des österreichischen Kanals Servus TV. Das war es aber nicht, was mir den letzten Hauch von Schläfrigkeit nahm. Koller ist ja in den Medien unseres Nachbarlandes allgegenwärtig. Was meine Augenbrauen hochziehen liess, war die eingeblendete Überschrift: "Das Wunder von St.Gallen“.

Wiedersehen mit Zünd und Gahler
Das musst du von Anfang an sehen, dachte ich mir. Rasch zurückgespult. Der längere Beitrag fängt an mit dem "Wunder von Leicester“, wo der Österreicher Christian Fuchs regelmässig zum Einsatz kommt. Danach war die Euro vom kommenden Sommer das Thema. "Das Wunder von Paris“ steht geschrieben. Wunder von Paris? Was kann denn das nur sein. Allmählich merke ich, dass die Gestalter der Sendung "Sport und Talk“ ein wenig vorgreifen. Das "Wunder von Paris“ steht in Zusammenhang mit dem bevorstehenden Abschneiden von Kollers Schützlingen.

Von Frankreichs Hauptstadt der hohe Flankenball nach St.Gallen: Marcel Koller habe ja schon einmal ein Wunder vollbracht, deutet Moderator Christian Prugger an, und Servus TV habe sich auf Spurensuche begeben. Was sie fanden, war Werner Zünd, den damaligen Assistenztrainer, und Charly Gahler, den langjährigen Buschauffeur der Mannschaft. Wunderbar. Sie liessen Gahler Car fahren und präsentierten Souvenirs in den Gemächern der alten Espenmoos-Tribüne. Zünd erklärte die mentalen Tricks von Koller anhand von Fotos mit Berggipfeln und versprach, einen Schal in Erinnerung an die erfolgreichen Spiele gegen Chelsea zuzusenden. Er vergass auch nicht "und en Gruess ad Gisela“ hinterherzuwerfen.

Plötzlich stand Koller da
Koller erzählt in der Sendung, wie er das Vertrauen der österreichischen Nationalspieler gewann, die vor viereinhalb Jahren weit hinten in der Fifa-Rangliste klassiert waren. Er kümmerte sich immer stark auch um jene Spieler, die zwar im Ausland engagiert waren, aber dort keinen Stammplatz hatten wie Christian Fuchs bei Schalke, oder nicht einmal im Aufgebot standen, wie Marco Janko bei Galatasaray, bevor er zum FC Basel wechselte.

Marcel Koller konnte sich nicht wie die Trainer des Schweizer Teams den Luxus leisten, nur Leute mit Spielpraxis zu berücksichtigen. Erneut zeigt sich, wie im Fussball unterschiedliche Wege zum gleichen Ziel führen können, in diesem Fall zu internationaler Anerkennung. Die ruhige, aber kommunikative Art Kollers ist ein wichtiger Bestandteil seiner Erfolgsgeschichte. So trafen sich ganz am Beginn seiner Ära die Fans der österreichischen Nationalmannschaft zu einer Sitzung. Plötzlich ist Marcel Koller dagestanden, ohne sich anzukündigen. Sie rieben sich die Augen; solche Ehre war ihnen noch nicht zuteil geworden.

Der ahnungslose Konstanzer
Aus liegender Position und von weniger prominenter Seite erlebte ich FCSG-Wahrnehmung vor ein paar Wochen, vom Massagetisch des Medfit-Centers meiner Wahl. Während Jahren waren es ebenso kompetente wie nette Physiotherapeutinnen, die meine vom Joggen verhärteten Muskeln glätteten. Dreimal wechselten meine Ansprechpartnerinnen, weil sie alle schwanger wurden. Ich schwöre Stein und Bein, damit nichts zu tun zu haben.

Dennoch erhielt ich erstmals einen Mann zugeteilt. Er stammt aus Konstanz, ist dunkelhäutig, spricht lupenreinen schwäbischen Dialekt und spielt selber Fussball. Aaron, wie er heisst, will wissen, ob es in St.Gallen auch einen Fussball-Club gibt, mit einem richtigen Stadion und so. Als ich ihm ausgiebig Auskunft gegeben habe, fragt er: "Haben die schon einen Physiotherapeuten?“ "Mehr als einen“, entgegne ich ihm. Mir wird bewusst, wie einseitig das grenzüberschreitende Interesse an Fussball sein kann. Wir Schweizer kennen die Bundesliga fast besser als die Super League. Umgekehrt aber, ein paar Meter hinter der Grenze zu Deutschland, schert sich kaum jemand um das fussballerische Auf und Ab im Hochtal der Steinach. Als ich Aaron sagte, dass ein Deutscher den FC St.Gallen trainiere, ist ihm das nicht bekannt, wohl aber, dass Joe Zinnbauer vorübergehend Cheftrainer beim Hamburger SV war.

Die Geldfrage
Wie viel denn ein St.Galler Fussballer verdiene, will er weiter wissen. Es sei die Rede von maximal 200'000 Franken im Jahr, sage ich. Man sei aber auch bereit, für einen renommierten Spieler mehr Geld in die Hand zu nehmen, vielleicht eine halbe Million Franken. Nur sei dieser Spieler noch nicht gefunden. "200'000 Franken ist nicht viel“, sagt Aaron. Beim SC Freiburg würden die Spieler so um die 400'000 Euro im Jahr erhalten“, sagt Aaron, der mir vorkommt, wie früher der Taxifahrer, der Journalisten in fremden Städten als erste inoffiziöse Informationsquelle diente. Zahlen, einfach in den Raum geworfen. Bei Spielersalären sind sie ohnehin fragwürdig. Verstehen sie sich brutto oder netto? Mit Unterkunft oder ohne? Vor oder nach Steuern? Mit Auto oder ohne Auto?

Instabiler Arena-Rasen
Dennoch, die unterschiedlichen Perspektiven sind reizvoll. Gerade im Fussball, wo sich so vieles im Vagen und Unverbindlichen abspielt. Kläglich aber fiel an diesem Wochenende meine Wahrnehmung von der Gegentribüne aus. Durch die Verschiebung verpasse ich das reizvolle Spiel gegen die Grasshoppers, obwohl ich meine Abreise nach Tschechien und die ehemalige DDR auf Sonntag ansetzte mit Rücksicht auf das Spiel am Samstag.

Dass der FC St.Gallen im schneearmen und klimawarmen Winter gleich zweimal eine Spielverschiebung in Kauf nehmen musste, entbehrt nicht der Ironie. Für die frühe Absage am Samstag konnte man Verständnis haben, auch wenn noch vor ein paar Jahren später und wahrscheinlich auf Spielen entschieden worden wäre. Was eher zu denken gibt, ist der nicht gerade optimale Zustand des Rasens in der AFG Arena, obwohl dieser jeweils im Sommer nach dem Konzert wieder ersetzt wird. Vielleicht erkundigen sich die grün-weissen Rasenexperten einmal in Altach. Dort musste eine miserable Spielfläche vergangenen Sommer ebenfalls saniert werden – am Beginn der Winterpause erhielten die Vorarlberger die Auszeichnung für den besten Rasen der österreichischen Bundesliga.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.