GEGENTRIBÜNE: Die Rätsel von Manchester, Basel und St.Gallen

Manchmal werde ich gefragt, weshalb ich mich im relativ hohen Alter von 65 immer noch für Fussball interessiere. Die Antwort lautet: Erstens weil einen der FC St. Gallen bezüglich Erfolgshunger so selten sättigt und zweitens, weil der Fussball immer wieder neue spannende Fragen aufwirft.

Fredi Kurth
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Nach der erfolgreichen Saison vor drei Jahren hat der FC St.Gallen bis auf drei Spieler sein gesamtes Kader ausgewechselt. (Bild: Urs Bucher)

Nach der erfolgreichen Saison vor drei Jahren hat der FC St.Gallen bis auf drei Spieler sein gesamtes Kader ausgewechselt. (Bild: Urs Bucher)

Beim Thema Gier nach Erfolg brauche ich nicht lange zu verweilen. Wäre ich Anhänger des FC Basel oder von Bayern München hätte ich mich als Fan dieser Unternehmen schon längst zu einem weniger mondänen Verein transferieren lassen, ohne Ablösesumme. Denn Anhänger eines Fussballteams zu sein, hat primär mit Leidenschaft zu tun, also mit Leiden. Und damit wachsen wir beim FC St.Gallen von Kindsbeinen an auf. Wobei an dieser Stelle auch einmal erwähnt sein darf, dass es einem Menschen sehr gut ergeht, wenn sein Wohlbefinden von den Leistungen seines Lieblingsvereins abhängt, und wahres Leiden etwas ganz Anderes ist.

Englands Nationalkeeper abserviert
Rätsel hingegen bietet der Fussball immer wieder neue. Eines liefert zurzeit Manchester City. Trainer Pep Guardiola holte kurzentschlossen Barcelonas Keeper Claudio Bravo ins Team und schickte Klassemann Joe Hart nach Italien zu Torino. Prompt unterliefen am Samstag Citys neuem Torhüter im Derby gegen Manchester mehr Platzer wie Joe Hart in sämtlichen Klubspielen zusammen. (Das Nationalteam ist ein anderes Kapitel, denn welcher englische Torhüter seit Gordon Banks ist frei geblieben von monumentalen Aussetzern). Nun solches Missgeschick kann passieren und ist verkraftbar, wenn der betreffende Keeper wie diesmal auf der Siegerseite steht. Das Rätsel besteht darin, dass nach dem Spiel Guardiola sagte, sein Torhüter habe eine der besten Leistungen geboten, die er je von einem Goalie gesehen hätte. Natürlich, damit will er seinen Torhüter, der als Fussballer und nicht unbedingt als Toreverhinderer besser sei als Hart, in Schutz nehmen, macht sich aber in diesem Fall unglaubwürdig. Dass Guardiola ein hervorragender Trainer ist, darüber muss nicht diskutiert werden.

FCB wechselt Trainer doppelt so oft
Schwer zu erklären ist auch, weshalb der FC Basel häufig den Trainer wechselt, obwohl er immer Meister wird und sich fast immer für die Gruppenphase der Champions League qualifiziert, also sein Soll betreffend sprudelnder Einnahmen mehr als erfüllt. In den vergangenen acht Jahren hat Basel nicht weniger als sechs Cheftrainer auf der Spielerbank sitzen: Gross, Fink, Vogel, Murat Yakin, Sousa und Fischer. In der gleichen Zeitspanne, seit dem Einzug in die Arena, hat der FC St. Gallen hingegen nur drei Trainer eingestellt: Forte, Saibene und Zinnbauer, wobei letzterer erst seit einem Jahr im Einsatz ist. So stellt sich die ketzerische Frage, ob der FC St. Gallen häufiger seine Trainer wechseln müsste. Auch die zweitbeste Mannschaft der Liga, die Young Boys, lassen sich diesbezüglich nicht lumpen, mit sieben Trainern in acht Jahren. All das lässt sich wieder ins Kapitel „Der Trainer, das überschätzte Wesen“ einfügen.

YB und der Kunstrasen
Ein weiteres Phänomen liefern ebenfalls die Young Boys. Obwohl sich die Berner regelmässig in den Spitzenpositionen der Super League einnisten, kommen sie in den europäischen Qualifikationen selten auf einen grünen Zweig. Von 2011/12 bis 2015/16 haben sie sich nur zweimal für die Gruppenphase der Europa League qualifiziert, einmal allerdings für die Sechszehntelfinals. Das Gesamtscore von 1:7 gegen Everton reihte sich aber in weitere klare Verdikte ein wie 1:7 gegen Monaco, 0:4 gegen Agdam und 2:9 gegen Borussia Mönchengladbach. Das lässt sich vielleicht damit erklären, dass die Young Boys daheim auf Kunstrasen spielen, der die technisch bessere Mannschaft bevorteilt. In der Super League sind die Berner spielerisch den meisten überlegen, nicht jedoch auf internationalem Parkett, wo im Wankdorf häufig der Gegner dominiert oder den Nachteil im Heimspiel wettzumachen vermag (siehe Statistik Wikipedia „Young Boys, Internationale Erfolge“).
Gerade umgekehrt verhält es sich beim FC Sion. Er spielt in der Super League meistens eine untergeordnete Rolle. Wenn er aber im Schweizer Cup wieder einmal für Furore sorgt, ist er international relativ gut unterwegs. Hinter Basel (20.), Young Boys (81.) ist er in der Uefa-Rangliste auf Platz 117 als drittbester Schweizer Klub eingestuft.

Plötzlich wieder Hunger
Ein Rätsel betreffend FC St. Gallen hat sich aufgelöst: Warum die Mannschaft vor drei Jahren in Europa für ihre Verhältnisse so erfolgreich sein konnte, mit Siegen gegen Spartak Moskau, Kuban Krasnodar und Swansea, seither aber weit davon entfernt geblieben ist. Weil bis auf die beiden Torhüter und Mario Mutsch nämlich der gesamte Kader der Super-League-Mannschaft ausgewechselt worden ist. Bei dieser Feststellung beginnt mein Magen wieder zu knurren.

Aufgefallen

Wieder die alte Leier.Der 0:2-Niederlage des FC St. Gallen gegen Lugano ist nicht mehr viel hinzuzufügen. Warum St. Gallen verlor, kann in der vorangegangenen Gegentribüne im dritten Abschnitt nachgelesen werden. Von Alioski noch nie etwas gehört? Noch enttäuschender war, dass die Mannschaft auf den Rückstand nicht reagieren konnte. Ein Chancenverhältnis von 2:6 (1:3) gegen diesen Gegner ist ein Armutszeugnis. Nicht matchentscheidend und doch ungeschickt war, dass Joe Zinnbauerdie gegen Luzern so sichere Innenverteidigung komplett auswechselte. Das stärkt wieder die Stimmen jener, die dem Trainer Inkompetenz vorwerfen. Wie aber könnte der FC St. Gallen gegen einen Gegner wie Lugano bestehen? Er müsste denselben Catenaccio aufziehen, was relativ einfach ist. Aber wahrscheinlich würde es an Spielern fehlen, die bei Kontern so schnelle Attacken reiten könnten wie Alioski und Kollegen. Jetzt bitte nur nicht wieder ankündigen, dass gegen Thun in zehn Tagen Zinnbauers Job gefährdet sei. Es dürfte auch bei einer Niederlage im gleichen Hop- oder Flop-Stil weitergehen, verbunden mit der Hoffnung, dass Ende Saison eine schwächere Mannschaft hinter St. Gallen klassiert ist.
Ajeti? Ajeti? Irgendwie kommt mir der Name bekannt war. Natürlich, da ist der Verteidiger, der diese Saison in der Serie A bei Torino spielt. Aber es gibt ja noch seine Geschwister, die Zwillinge Ajeti, und tatsächlich hatte einer St. Gallen am 29. Mai 2015 mit dem entscheidenden Tor zum 4:3-Sieg des FC Basel die letzte Hoffnung auf die Europa-League-Vorstufe geraubt. Es ist die Neuerwerbung Albin Ajeti, der damals als 18-jähriger in der 82. Minute für Marco Streller eingewechselt wurde. Die unglückliche Niederlage nach 3:2-Führung hatte im Nachhinein aber keinen Einfluss mehr, weil Basel daheim den Cupfinal gegen Sion verlor.
Einst war die Anspielzeit von Samstag, 17.30 Uhr, für den FC St. Gallen ein idealer Termin. Viele Anhänger schätzten ihn, weil einerseits der Einkaufsbummel noch ohne Hast getätigt und andererseits um 19.30 Uhr der Abend noch anderswie gestaltet werden konnte. Heute können wir pauschal betrachtet zwischen Samstags- und Sonntagsfussballernunterscheiden. DerFC St. Gallengehört zu den Sonntagsfussballern. Weil Ansetzungen auf Samstag, 17.45 Uhr, wegen der Shopping Arena ungünstig sind, spielt er in diesem Herbst sieben seiner neun Heimspiele am Sonntag. Vor allem der Beginn um 13.45 Uhr ist verpönt. „Um diese Zeit gehe ich nie zum Match, weil er mitten im freien Tag stattfindet“, sagte mir unlängst ein Fussballfreund. Die Zuschauerzahlen fallen am Sonntag aber oft besser aus als erwartet, weil Hauptsponsor Raffeisen vergünstige Tickets anbietet. (th)