GEGENTRIBÜNE: Die Bausaison dauert im Fussball das ganze Jahr

Ein Fussballclub ist eine Institution, die nie zur Ruhe kommt. Das gilt nicht nur für den FC St.Gallen und den FC Wil. Das liegt in der Natur des Wettbewerbs und belebt das Geschäft.

Fredi Kurth
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Während auf den Strassen vor allem in den Sommermonaten gebaut wird, ist ein Fussballclub das ganze Jahr über eine Baustelle. Sinnbildlich dafür steht der Bau des St.Galler Stadions, hier im August 2007. (Bild: Sam Thomas)

Während auf den Strassen vor allem in den Sommermonaten gebaut wird, ist ein Fussballclub das ganze Jahr über eine Baustelle. Sinnbildlich dafür steht der Bau des St.Galler Stadions, hier im August 2007. (Bild: Sam Thomas)

Wahrscheinlich fällt es schon gar nicht mehr auf, den Auto- und Velofahrern: Dass sie immer wieder an Baustellen vorbeikommen, anhalten oder sie weiträumig umfahren müssen. Denn das ist seit vielen Jahren so. Auch im Fussball wird repariert und umgebaut, dass es für die Spieler und deren Berater eine Freude sein muss. Dabei zirkuliert Geld in immer breiteren Strömen, dank Investoren und uns, den brav zahlenden Fussballfreunden.

Der tägliche Aufreger

Wer Pech hat oder zu viel riskiert, wie der FC Wil, hat neben dem Bauloch aber auch das Finanzloch zu stopfen. Der FC St.Gallen plant nur im sportlichen Bereich ständig neu (vom Cheftrainer-Posten abgesehen). Als vor neun Jahren die AFG-Arena eröffnet wurde, hütete zwar bereits Daniel Lopar das Tor. Aber von den Feldspielern nahm am Sonntag Mario Mutsch Abschied, der letzte der Europa-League-Helden von 2013. Manchem Anhänger macht die fehlende Konstanz den Besuch im Stadion verleidelig, vor allem, wenn es mit der Mannschaft häufiger abwärts als aufwärts geht. Anderen gefällt vielleicht dieser ständige Wechsel, diese fast tägliche Aufregung um neue Namen und Abgänge.

Dejan Stojanovic: Note 5. Spielt für Lopar, weil Contini ihn im Ernstkampf sehen will. Selten geprüft, in der ersten Halbzeit rettet er zweimal grandios. Beim Gegentor machtlos. (Bild: PD)
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Mario Mutsch: Note 4. Wird vor dem letzten Heimspiel offiziell verabschiedet. Während der Partie solide, einige Stockfehler. Nach dem Schlusspfiff feiern die Fans den Luxemburger. Er wird den Ostschweizern vor allem menschlich fehlen. (Bild: PD)
Alain Wiss: Note 4. Vor der Partie wird bekannt, dass der Zentralschweizer zwei weitere Jahre dem FCSG erhalten bleibt. Überzeugt im defensiven Zentrum, hat unter Contini wieder Vertrauen gefunden. (Bild: PD)
Silvan Hefti: Note 4. Der Goldacher ist mutiger geworden. Einmal hat der Innenverteidiger aber viel viel Glück, dass sein Fehler nicht zum Führungstreffer der Sittener führt. (Bild: PD)
Andreas Wittwer: Note 3. Eher unauffällig, hat wenige Szenen. Defensiv erfüllt er seinen Part, nach vorne laufen die Aktionen an ihm vorbei. (Bild: PD)
Roy Gelmi: Note 4. Eigentlich kein so gutes Spiel im defensiven Mittelfeld. Mit dem Kopfballtor kurz vor Schluss rettet Gelmi sich und den FC St.Gallen. (Bild: PD)
Danijel Aleksic: Note 3. Erzielt einen Treffer mit der Hacke, nur leider stand er dabei im Abseits. Sehr bemüht, doch wenig effizient. (Bild: PD)
Tranquillo Barnetta: Note 3. Nicht sein bester Auftritt im Dress des FCSG. Immerhin gibt er mittels Corner den Pass zum Ausgleichstreffer. (Bild: PD)
Yannis Tafer: Note 2. Wo war der Tafer, der gegen GC zwei Tore erzielt hat? Überhaupt keine Aktionen, wird richtigerweise ausgewechselt. (Bild: PD)
Albian Ajeti: Note 4. Rackert viel, wenig gelingt. Dennoch ist Ajeti in der Offensive mit seiner Robustheit ein Anker im Spiel des FCSG. Wird man ihn hier in der nächsten Saison weiterhin sehen? (Bild: PD)
Marco Aratore: Note 3. Auch für ihn gilt, was für viele Spieler in der Offensive gilt. Fleissig, aber keine Durchschlagskraft. Bisweilen fehlt im gar der Mut, aus der Distanz in den Abschluss zu gehen. (Bild: PD)
Roman Buess: Note 3. Wird für Aleksic in der 62. Minute eingewechselt. Muss seine Rolle unter Contini erst noch finden. (Bild: PD)

Dejan Stojanovic: Note 5. Spielt für Lopar, weil Contini ihn im Ernstkampf sehen will. Selten geprüft, in der ersten Halbzeit rettet er zweimal grandios. Beim Gegentor machtlos. (Bild: PD)

Der Bonus für den neuen Cheftrainer

Auch Giorgio Contini modelliert an einem neuen Teamgefüge, lotet möglichst tief die Möglichkeiten aus. Denn noch etwas steht fest: Die einzige perfekte Lösung mit einer Stammelf, wie sie vielleicht vor 30 Jahren noch möglich war, wird es nicht geben. Selbst St.Gallens verlässlichster Wert, Torhüter Daniel Lopar, steht wieder auf dem Prüfstand. Ein selbstbewusster, junger Mann wird getestet. Gut so. Die stetig wechselnden Aufstellungen in den letzten Zügen der Saison können als Sichtungen angesehen werden. Wie aber wäre Joe Zinnbauer gerügt worden, hätte er gegen die Grasshoppers eine Abwehrreihe mit Mutsch, Hefti, Wiss und Wittwer nominiert, Haggui sowie Gelmi draussen gelassen und die Nachwuchshoffnung Babic auf die Tribüne gesetzt. Umgekehrt hätte es Zinnbauer kaum gewagt, die spielerische Substanz mit Aleksic, Barnetta und Salihovic mit einem Mal erheblich zu verbessern.

In seinem ersten Heimspiel hat es gegen Sion für einen Sieg nicht gereicht: Trainer Giorgio Contini im Gespräch mit den Spielern während der Trinkpause. (Bild: Freshfocus)
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Der Walliser Verteidiger Paulo Ricardo jubelt nach dem Tor zum 0:1 mit dem Ball unter dem Trikot. (Bild: Freshfocus)
St.Galler Goalie Dejan Stojanovic weist seine Teamkollegen mehr nach links. (Bild: Freshfocus)
Mario Mutsch und Carlitos kämpfen um den Ball. (Bild: Keystone)
Torhüter Daniel Lopar bedankt sich bei den Fans. (Bild: Freshfocus)
Der Walliser Carlitos schiesst auf das St. Galler Tor während Tranquillo Barnetta verteidigt. (Bild: Keystone)
Die FC-Sion-Spieler Reto Ziegler (links), Carlitos (Mitte) und Paulo Ricardo Ferreira (rechts) feiern den Führungstreffer. (Bild: SEBASTIAN SCHNEIDER (KEYSTONE))
Mario Mutsch im Zweikampf gegen Nicolas Lüchinger. (Bild: Freshfocus)
Abian Ajeti und Carlitos kämpfen um den Ball. (Bild: Freshfocus)
Abian Ajeti und Reto Ziegler im bitteren Zweikampf. (Bild: Freshfocus)
Das Kopfballduell von Danijel Aleksic und Kevin Constant. (Bild: Freshfocus)
Mario Mutsch und Carlitos im Zweikampf. Für Mutsch ist es das letzte Mal in grün-weiss. (Bild: Keystone)
Mario Mutsch verabschiedet sich mit seinem Sohn von den Fans im Espenblock. (Bild: Freshfocus)
Roy Gelmi erzielt das Tor zum 1:1. (Bild: Freshfocus)

In seinem ersten Heimspiel hat es gegen Sion für einen Sieg nicht gereicht: Trainer Giorgio Contini im Gespräch mit den Spielern während der Trinkpause. (Bild: Freshfocus)


Platz fünf war kein Thema

Interessant ist, dass Contini die Möglichkeit einer Europa-League-Qualifikation gar nie erwähnt hat. Dabei lag sie in Anbetracht der schwächelnden Luzerner Mannschaft näher, als vermutet werden konnte. Contini nahm den Match gegen GC im Nachhinein sogar als typisches Kehrausspiel war, während die meisten Zuschauer anderer Ansicht waren - so wie sich die Akteure beider Teams auf die Füsse traten, bei je einem Platzverweis. Gegen Sion hätte es beidseitig auch nicht an der Motivation gefehlt: Die Walliser wollten Lugano noch die Qualifikation für die Gruppenphase der Europa-League abjagen und die St.Galler wollten sich erneut dem Trainer empfehlen. Doch die Hitze erstickte jedes Tempospiel.

Europa-League nicht immer toll

Ich denke, dass Contini gar nicht unbedingt erpicht wäre auf eine Europa-League-Qualifikation im jetzigen Augenblick. Die sogenannte Dreifachbelastung würde er in der jetzigen Situation vielleicht als störend empfinden. Immerhin beginnt am 22./23. Juli wieder die Meisterschaft. Die Anhänger hingegen lechzen nach einem goldenen Fussballherbst wie anno 2013. Das Ganze wird dabei etwas verklärt betrachtet: St.Gallen hatte damals das Glück, direkt die Playoffs gegen Spartak Moskau zu erreichen, das Wunder zu schaffen und mit Valencia, Swansea und Krasnodar die attraktivste Gruppe zugelost zu erhalten. Mehr noch: Mit zwei Siegen und einer vermeidbaren Niederlage in Swansea verfehlte St.Gallen die Qualifikation für die nächste Runde nur knapp. Der Fünftplatzierte dieser Saison hingegen muss im Sommer durch die Mühle der Qualifikation mit weiten Reisen und unattraktiven Gegnern.

Natürlich sollte sich aber auch St.Gallen wieder einmal "international", wie sich der Espen-Block ausdrückt, versuchen. Dafür ist ja die Arena gebaut worden, eine der wichtigsten, schon lange vollendeten Baustellen der Stadt.

Aufgefallen

Mario Mutsch ist also in Würde verabschiedet worden, der nach Daniel Lopar dienstälteste Kadermann. Der Luxemburger, der noch nie in Luxemburg gelebt hat, war jener Spieler- und Kämpfertyp, den die St.Galler mögen, einer ähnlich wie Marc Zellweger. Wie jeder andere, der die grünweissen Farben trägt, erlebte er Höhen und Tiefen, sowohl bezüglich Mannschaft wie auch persönlicher Leistung. Bei Mutsch war dies besonders augenfällig, weil er in guten Phasen mehr als andere herausragte, just in den Europa-League-Partien. Dass ihn Trainer Joe Zinnbauer ebenfalls weit emporhob und dann fallen liess, hat Mutsch tief getroffen. Wobei die fehlende Kommunikation auch eine Rolle spielte.

Ziemlich rasch sickerte durch, dass in der Mannschaft entgegen anderslautender Beteuerungen nicht mehr alles gestimmt hatte. Vor Mutschs Frustabbau hatte schon Yannis Tafer mit seiner Aussage "Jetzt sind wir wieder freier im Kopf" indirekt den Trainerwechsel für notwendig erachtet.

Allgemein gilt: Der Trainerjob ist nach dem Schiedsrichteramt die undankbarste Aufgabe im Fussball. In der Super League werden nur vier Teams noch vom selben Mann betreut wie zu Saisonbeginn. Einer von ihnen, just der Trainer des Doublegewinners, wird am Ende der Meisterschaft ebenfalls verabschiedet. Und neben Urs Fischer soll auch Markus Babbel beim FC Luzern auf einem wackligen Stuhl sitzen. In der Bundesliga haben sich in der zu Ende gegangenen Saison acht von achtzehn Vereinen mit einem Trainerwechsel gegen die Abstiegsangst gewappnet. Ein weiterer, der Schweizer Martin Schmidt, ist nach dem letzten Spiel mit Mainz entlassen worden. Er war mit zweieinhalb Jahren Tätigkeit bereits auf Platz vier der dienstältesten Bundesliga-Trainer aufgerückt.

Wie schon vor zwei Jahren darf der FC St.Gallen am nächsten Freitag bei der Meisterfeier des FC Basel Spalier stehen. 2015 verlor Saibenes Team, noch mit vermeintlichen Chancen auf den ominösen Platz fünf, nach spannendem Verlauf mit 3:4. Ein gewisser Albian Ajeti erzielte in der 87. Minute den entscheidenden Treffer. Es war in seinem vierten Einsatz für Basel sein erstes Super-League-Tor überhaupt. Nun könnte er aus St.Galler Sicht Revanche nehmen, hoffentlich nicht das letzte Mal. (th)

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