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Gegentribüne: Der FC St.Gallen und das Phänomen der schwachen Viertelstunde

Vom Bettler zum spendablen Gönner. So könnte die Entwicklung des FC St.Gallen in diesem Jahr umschrieben werden. Hatte die Mannschaft die vergangene Saison mit einer Niederlage nach der andern beendet, hat sie nun wesentlich mehr Qualität, gefällt sich aber darin, manche Punkte einfach herzugeben.
Fredi Kurth
Kolumnist Fredi Kurth auf der Gegentribüne der AFG-Arena. (Bild: Ralph Ribi)

Kolumnist Fredi Kurth auf der Gegentribüne der AFG-Arena. (Bild: Ralph Ribi)

Die Spendenaktion hat inzwischen einen Namen. Sie heisst: «FC St.Gallen-Viertelstunde». Sie ist fast schon so legendär wie die YB- oder die Rapid-Viertelstunde. Der Unterschied besteht darin, dass jene der Berner und Wiener genau terminiert ist, auf die letzten 15 bis 20 Minuten und von den Fans eingeklatscht wird. Beim FC St.Gallen ist nicht bekannt, wann sie einsetzt, und sie ist meistens keineswegs willkommen.

Schnee aus heiterem Himmel

Die österreichische Rock- und Popsängerin Christina Stürmer – nomen est omen – hat zu solchem Erleben einen tiefsinnigen Song geschrieben.

«Ich kann nur ahnen, wie’s dir geht, wenn man auf einmal nicht mehr drüber steht. Erst scheint dir alles sonnenklar, und dann plötzlich schneit es mitten unterm Jahr.»

Beim FC St.Gallen schneit es jeweils mitten im Spiel, auch wenn alles glänzt und auf bestem Wege scheint – so wie daheim gegen die Young Boys, als nach einer fein herausgespielten Führung der Gegner in Kürze drei Tore erzielte.

Es schneite aber auch vergangenen Sonntag, als eine hundslausige Startphase die Erfolgschancen wieder einmal minimierte - nachdem die Jahresversammlung eine Woche zuvor erst in bester Stimmung vonstattengegangen und sogar ein Sieg im Trainingsspiel in Vaduz mit Akklamation aufgenommen worden war. Es schneite aus heiterem Himmel wie schon so oft in dieser Saison.

Eine lange Liste

Gegen Sion im zweiten Spiel bekam der Gegner bald zwei Freistösse zugesprochen, die er ab der 18. Minute verwertete. Ihre dritte Chance erhielten die Walliser erst in der 75. Minute. Wieder ein Freistoss, wieder Tor. Sonst spielte nur St.Gallen. Dann das Heimspiel gegen Thun. St.Gallen führte dem Spielverlauf entsprechend 3:0. Doch dann trifft Thun in der 75. und 78. Minute. Wie durch ein Wunder verpassten die Berner Oberländer den Ausgleich. Gegen Luzern hatte St.Gallen ziemlich alles im Griff, bis auf die Viertelstunde nach der Pause, in welcher Voca das einzige Tor gelang. Weiter ging es im gleichen Stil in Neuenburg. Aufsteiger Xamax hätte in der ersten Viertelstunde das Spiel entscheiden können, erzielte aber nur ein Tor in der 13. Minute und kam danach bis zum Schlusspfiff nur noch zu ein bis zwei Chancen. St.Gallen konnte den Match wenden.

Die Umstände, die zum 2:2 gegen Lugano führten, sind bekannt und nicht in Verbindung mit schwachen 15 Minuten zu bringen. Beim Rückspiel im Tessin liess sich St.Gallen aber früh zweimal auskontern, wobei sich dort die Mannschaft nie mehr davon erholte. Davor noch verlor St.Gallen den Match gegen Basel, als Zuffi in der 81. und Riveros in der 84. kurz hintereinander auf 3:1 stellten. Im erwähnten Match gegen die Young Boys hatte der Meister nur vier Torchancen im ganzen Spiel. Nun dasselbe Lied wieder bei den Grasshoppers, denen die St.Galler in traumwandlerischer Unsicherheit die Gegentore ermöglichten, ebenfalls in kurzer Zeit.

In solchen Phasen sieht man das Unheil jeweils direkt auf die Mannschaft zukommen. Die Defensive, diesmal inklusive Torhüter, wirkt dann wie nicht anwesend. Vielleicht haben auf dem Letzigrund auch Rauchschwaden die Sinne vernebelt. . . Anders noch als gegen Luzern und bei Lugano zeigte St.Gallen immerhin eine Reaktion, ohne Erfolg.

Fussballdramatik, über die sich der Gegner freut

Billige Siege gegen den FC St.Gallen – die Gegner freuen sich über den grün-weissen Black Friday das ganze Jahr über mit Rabatten bis zu 75 Prozent. Will heissen, der Gegner muss dann auch noch etwas beitragen. Christina Stürmer verabreicht im gleichen Song die passende Poesie:

«Du begegnest dem Leben mit einem Lachen, breit wie der Nil, dich interessiert nicht das Siegen, dich interessiert das Spiel.»

Im Zweifel Fussballdramatik vor Erfolg – das ist noch das Motto der St.Galler. Aber das müsste nicht sein in so krasser Form bei mehr Konzentration über 95 Minuten.

Fehlende Konstanz fast in der ganzen Liga

Wahrscheinlich hat es auch mit der Super League zu tun, und manchmal geht einem bei vertrauter Sportlektüre ein Lichtlein auf, so vergangenen Samstag mit Grasshoppers-Präsident Stephan Anliker. Er sagte, GC solle nicht mehr als Grossverein, sondern lediglich als Ausbildungsverein wahrgenommen werden. Das Lichtlein? Mit Ausnahme der Young Boys und von Sion ist inzwischen die ganze Liga zu einem Ausbildungszentrum geworden. Es geht gar nicht mehr anders, um zusammen mit Investoren oder Gönnern einen Profibetrieb aufrecht zu erhalten. Mit Folgen: Es gibt keine Konstanz mehr in den einzelnen Teams. Die Talente werden schon bald abgegeben, die vielversprechenden, weil sie Geld eintragen, die andern, weil sie nicht genügen. Ab und zu füllen auch Heimkehrer oder durchschnittliche Ausländer die Lücken.

Eine Freistunde für den Klassenprimus Barnetta

Der FC St.Gallen pflegt die Ausbildungskultur besonders. Trainer Peter Zeidler motiviert seine Schulklasse immer wieder mit neuen Formationen und gewährt dabei dem Klassenprimus Tranquillo Barnetta ab und zu aufgrund vorbildlicher Leistungen eine Freistunde. Er setzt ihn dann nach der Pause ein. In der Schwächephase, in welcher die Klasse während mehreren Minuten ausser Kontrolle gerät, sich üble Scherze erlaubt und Papierflieger landen lässt, konnte der Lehrer noch nicht rigoros eingreifen. Sonst aber wirkt das Team ziemlich verhaltensunauffällig. Es hat 28 Tore kassiert, eins weniger als Basel, gleich viele wie Luzern, die Grasshoppers und Lugano. Die Quote der erzielten Tore liegt ebenfalls im Rahmen der meisten Mannschaften; einzig YB, Basel und Thun haben bisher deutlich mehr erzielt. Nicht auszudenken, wo St.Gallen stünde, wenn es auf sein schwaches Viertelstündchen verzichten würde.

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