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Kolumne

Gegentribüne: Der FC St.Gallen spielt Fussball paradox – und wird zur Kontermannschaft

Nein, langweilig wird es einem selten, wenn der FC St.Gallen spielt. Die Intensität war auch am Samstag hoch, in einem beidseits bemerkenswert fairen Match. Wieder einmal gelang St.Gallen die Entscheidung in einer Gegenbewegung und nicht wenn es selber drängte.
Fredi Kurth
Peter Zeidler während dem Spiel gegen GC. (Bild: Claudio Thoma/freshfocus)

Peter Zeidler während dem Spiel gegen GC. (Bild: Claudio Thoma/freshfocus)

Da nahm mich Peter Zeidler ins Gebet. Ich würde ihn nicht verstehen und müsste mich steigern. So schlimm ist es bereits geworden. Ich beginne vom FC St. Gallen zu träumen. Es geschah am Sonntagmorgen kurz vor dem Aufwachen. Dabei hatte ich in der Nacht die Storyline für diese «Gegentribüne» in Gedanken schon durchgespielt. Und jetzt das.

Zeidler nahm mich mit markigen Worten ins Gebet, aber nicht als Schreibenden, sondern als Spieler. Aussenverteidiger Kurth, der es im wahren Leben nie in die 1. Mannschaft geschafft hatte, galt plötzlich als wichtiger Mann im Abstiegskampf. Bisher war mir nie ein entscheidender Fehler unterlaufen, so träumte ich, hatte meinen Gegenspieler immer unter Kontrolle, doch wenn ich jetzt einmal versage und der FC St.Gallen deshalb absteigt. . .

Unser Mann auf der Gegentribüne: Fredi Kurth. (Bild: Urs Jaudas)

Unser Mann auf der Gegentribüne: Fredi Kurth. (Bild: Urs Jaudas)

Nach dem Traum der Zopf

Ich wache auf, ein Lächeln huscht über mein Gesicht, und der Sonntagszopf schmeckt vorzüglich. 1:0 gewonnen bei den Grasshoppers. Vielleicht hat mir eine Aussage von Peter Zeidler einen Streich gespielt. Demnach hatte er vor dem Spiel mit Vincent Sierro noch ein persönliches Gespräch geführt.

Prompt kam der Walliser in der ersten Halbzeit zu den zwei gefährlichsten Abschlüssen der St.Galler. Bis zur Pause verlief das Geschehen so, dass einzelne Spieler noch stark individuell in Erscheinung treten konnten. Hohe Bälle fanden bei Simone Rapp einen Abnehmer. Tranquillo Barnetta hatte ebenfalls eine Chance. Und in den Anfangsminuten gelangen einige Kombinationen.

Wild E-Mails versandt

St.Gallen begann, wie wenn nichts wäre, mit Tempo, setzte den Gegner unter Druck, der seinerseits plötzlich bei zwei, drei Gegenstössen wieder viel Raum vor sich hatte und zu guten Möglichkeiten kam. Für mich war klar: Es wird wie so oft herauskommen. St.Gallen spielt, der Gegner schiesst das erste Tor, auch weil der Mannschaft in Grün die Effizienz im Abschluss abhandengekommen ist. Ich musste etwas unternehmen. Ich versandte wild E-Mails an Kollegen: «So verliert St.Gallen garantiert.» Auch mit dem Hintergedanken, dass es im Fussball oft anders herauskommt als befürchtet.

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Der Verlauf erinnerte in mancher Hinsicht an den 1:0-Erfolg bei Xamax vor wenigen Wochen. Auch dort hielt St.Gallen den Match bis zur Halbzeit einigermassen in der Balance. Auch dort, damals durch Dereck Kutesa, gelang der entscheidende Treffer nach der Pause mit einer Umschaltaktion aus dem Mittelfeld heraus. Diesmal konnte Axel Bakayoko seine Konterfähigkeiten ausspielen und schliesslich die Kugel pfannenfertig für Tranquillo Barnetta auflegen.

Barnetta und der richtige Zeitpunkt

Ja, Barnetta – nun wird er immer mehr zur entscheidenden Figur in dieser Saison. Schon sein Freistoss in die hohe Ecke hätte einen Treffer verdient gehabt. Barnetta ist für den FC St.Gallen aussergewöhnlich als Spieler, als Stratege, als Mensch. Es wäre ja auch gelacht, wenn er, mit 75-Länderspielen und wieder einigermassen fit, nicht auch in der Super League Herausragendes leistete. Nun schafft er sich den Abgang, der ihn in der Erinnerung von A bis Z erstrahlen lässt und als verfrüht bedauert wird. Was könnte ihm Besseres widerfahren. Die sportliche Leitung muss derweil ein Problem lösen, das sie früher oder später ohnehin beschäftigt hätte.

Nach der Führung war St. Gallen immer weniger in der Lage, hoch zu pressen, musste sich weit in die eigene Platzhälfte bis in den Strafraum drängen lassen. Der Unterschied zum Xamax-Spiel: Die Neuenburger waren wesentlich gefährlicher als nun die Grasshoppers, die einzig noch zu zwei Weitschuss-Chancen kamen. In der Schlussphase machte sich die Einwechslung von Musah Nuhu bezahlt, der die hohen Flanken der Grasshoppers magisch anzuziehen schien. Umgekehrt wurde St.Gallen zur Kontermannschaft mit zwei, drei guten Möglichkeiten, deren beste Majeed Ashimeru vergab.

Nur im Umschalten stark

Es ist Fussball paradox, den der FC St.Gallen bietet. Wenn er selber stürmt und drängt und zu einigen mehr oder weniger guten Gelegenheiten kommt, ist der Ertrag häufig gleich null. Wenn er kontert oder den Gegner mit früher Balleroberung erwischt, trifft er. Erinnert sei an Bakayokos Tore gegen Basel und die Young Boys. Oder wie locker lochte Ashimeru in Bern aus einiger Entfernung zum vorübergehenden 2:1 ein.

Die Zweifronten-Liga

Paradox ist auch, dass in der Schweizer Mini-Liga nun sieben von zehn Vereinen gleichzeitig um internationale Ränge und gegen den Abstieg kämpfen. Es gibt Leute, die fasziniert sind von dieser Ausgangslage, von der enormen Spannung. Mir würde es schon genügen, wenn sich der FC St.Gallen nur um einen Platz in Europa bewerben würde. Der dritte Rang liegt im Moment um einen Punkt näher (2) als der Barrageplatz (3).

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Man soll ja im Sport nicht mit militärischen Begriffen plagiieren, aber dieser Zweifrontenkampf erinnert mich an eine aus dem Zweiten Weltkrieg überlieferte Episode. Als sich die Alliierten von Westen und Osten immer mehr Berlin näherten, wagte ein SS-Offizier die Bemerkung: «Wenn es so weitergeht, können wir von der West- an die Ostfront mit der Strassenbahn fahren.» Der Spruch soll in Hitlers Umfeld nicht gut angekommen sein. Auf den Fussball bezogen: Der dritte Platz der Super League stünde in West-, der Barrageplatz in Ostberlin.

Die hohe Hürde Sion

Am nächsten Sonntag ist mit dem FC Sion ein Gegner zu Gast, der gegen St. Gallen ebenfalls auf Kontersituationen spekuliert. Mit einem Sieg gelänge Zeidlers Team ein grosser Schritt in Richtung Ligaerhalt, in Anbetracht der mässigen Heimbilanz ein schwieriges Unterfangen. Aber träumen darf man ja.

Aufgefallen

Von seinen 39 Punkten hat St. Gallen 19 gegen Xamax und die Grasshoppers gewonnen. Kritische Anhänger könnten nun schnöden, St.Gallen sei bloss gegen die beiden Tabellenletzten besonders ertragreich gewesen. Dagegen kann einiges eingewandt werden: Es ist eine möglicherweise entscheidende Qualität, just gegen die schwächsten Teams erfolgreich zu sein. Xamax und GC belegen die Ränge 9 und 10. Das wären in einer normalen Liga Mittelfeldplätze. St. Gallen hat auch gegen Basel vier Punkte, gegen den FC Zürich sieben gewonnen. Schliesslich haben die Grasshoppers vor der Niederlage am Samstag sechs Mal unentschieden gespielt, die Gegner hiessen Xamax, Thun, Basel, Zürich, St. Gallen und Lugano.

Der deutsche Fussballlehrer Felix Magath, sein Markenzeichen der Medizinball, hat einmal gesagt: «Taktik ist etwas für schwache Mannschaften.» Im Moment sind viele Mannschaften in der Super League auf ihre Taktik angewiesen. Das wurde einem am Sonntag beim Spiel Thun gegen Xamax bewusst. Die Neuenburger ziehen wahrscheinlich den Kopf mit einer superdefensiven Spielanlage aus der Schlinge. Wahrscheinlich hätten sie auch gegen die verunsicherten Thuner die Partie locker über die Runden gebracht. Doch noch vor der Pause geschah Unplanmässiges: Der Thuner Chris Kablan wurde vom Platz gestellt. Nun musste plötzlich Xamax das Spiel gestalten und hatte erhebliche Mühe, in der 75. Minute durch den Herisauer Orhan Ademi endlich in Führung zu gehen, nachdem Thuns Marvin Spielmann eine Riesenchance verpasst hatte. Der Spielfluss plätscherte bis zum ersten Tor gemütlich dahin, so dass einem daheim im Pantoffelkino beinahe die Füsse eingeschlafen wären. Da boten die beiden ältesten Fussballvereine der Schweiz am Samstag doch mehr Rasanz, wenn auch nicht allzu viele Torchancen.

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