Kolumne

Gegentribüne: Der FC St.Gallen, seine leisen Nachbarn und ein wohl ausverkaufter Kybunpark gegen den FC Zürich

Der älteste Fussball-Verein der Schweiz verdankt seine unangefochtene Position in der Ostschweiz auch fehlender Konkurrenz, die sich anderswo durch weitere starke Fussballteams oder durch Eishockey ergibt. In der Theorie könnte sie in dieser Region durch den SCR Altach und die Rapperswil-Jona Lakers bestehen.

Fredi Kurth
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Die Einzeltickets für das Heimspiel gegen den FC Zürich von kommendem Samstag kostet 18,79 Franken. Auch deshalb dürfte der Kybunpark wohl zum Ende der Hinrunde ausverkauft sein – wie zuletzt beim Jubiläumsspiel am Ostersamstag gegen den FC Luzern.

Die Einzeltickets für das Heimspiel gegen den FC Zürich von kommendem Samstag kostet 18,79 Franken. Auch deshalb dürfte der Kybunpark wohl zum Ende der Hinrunde ausverkauft sein – wie zuletzt beim Jubiläumsspiel am Ostersamstag gegen den FC Luzern.

(Bild: Michel Canonica)

Alex Ferguson, Trainerlegende von Manchester United, nannte sie zuweilen «Noisy neighbours» und meinte den Lokalrivalen Manchester City. Solche lärmige Nachbarn fehlen dem FC St. Gallen, seit der FC Wil nicht mehr der höchsten Spielklasse angehört und die unerbittliche Rivalität mit dem SC Brühl vor beinahe 50 Jahren geendet hatte.

Von der Distanz her wäre der Sport-Club Rheindorf Altach und in punkto Kantonszugehörigkeit der Eishockey-Klub der Lakers dafür geeignet. Doch davon sind sie weit entfernt.

Altach eine Jogging-Runde von Kriessern entfernt

Bei den Vorarlbergern spielt unter anderem eine Rolle, dass die Attraktivität der österreichischen Bundesliga nicht mit jener der deutschen Bundesliga zu vergleichen ist. Dabei hätten Anhänger des FC St. Gallen, die im Rheintal wohnen, einen wesentlich kürzeren Weg über die Landesgrenze als zu den Spielen im Kybunpark.

Gegentribüne-Kolumnist Fredi Kurth.

Gegentribüne-Kolumnist Fredi Kurth.

Urs Bucher

Die Cashpoint-Arena der Altacher liegt nur eine mittlere Jogging-Runde von Kriessern entfernt. Und Österreichs Fussball böte durchaus Anreiz zu näherer Betrachtung, nachdem seine höchste Spielklasse der Schweizer Super League den Rang abgelaufen hat. Das hat zum Beispiel zur Folge, dass der FC St. Gallen, sollte er die Saison auf dem 3. Rang beenden, durch die Ausscheidung der Europa League müsste und die direkte Qualifikation für die Gruppenphase nicht mehr möglich wäre.

Deutscher Bundesligastar verpflichtet

Schweizer Besucher sind im Schnabelholz, so die nichtkommerzielle Bezeichnung des Altacher Stadions, nicht allzu viele anzutreffen. Vielleicht hat das auch mit der mühsamen An- und Abfahrt zu tun. Man steht schon vor dem Match im Stau, und der ÖV über die Grenze ist so gut wie inexistent. Es lohnt sich aber, eine Stunde vor Spielbeginn einzufinden, sich im hübsch ausgebauten Stadion umzusehen und das Catering zu geniessen. Und hat dann erst noch nach Spielschluss einen besseren Parkplatz.

Die Mannschaft ist gerade daran, sich nach einer schwierigen Startphase zu befreien und hat zuletzt zweimal gewonnen. Ihr holländischer Trainer Alex Pastoor bevorzugt angriffsfreudigen Fussball, wofür die Mannschaft über drei gefährliche Stürmer verfügt, aber auch über eine individuell ungenügende Defensive, die zu oft überrannt wird.

Dejan Stojanovic: Note 5. Klärt in der Startphase zweimal stark. Verletzt sich nach einer Viertelstunde an der Schulter, beisst sich aber durch.
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Ermedin Demirovic: Note 4. Für einmal findet der treffsichere Stürmer nicht ins Spiel, bereitet aber das 2:0 sehr gut vor.
Silvan Hefti: Note 5. Der Captain versucht wie immer, Impulse zu setzen. In der 67. Minute bereitet Hefti mit einer perfekten Flanke das 3:0 vor.
Yannis Letard: Note 4.5. Wird wie Stergiou in der Startphase zweimal überspielt. In der Folge aber bleibt der Franzose bis zum Gegentor ohne Fehl und Tadel.
Leonidas Stergiou: Note 4.5. Zu Beginn mit dem einen oder anderen Wackler. Danach aber meistens souverän.
Miro Muheim: Note 5. Einer der auffälligen St. Galler, weil stets ein Aktivposten. Bereitet das 1:0 vor und vergibt beim Stand von 3:0 eine grosse Chance.
Victor Ruiz: Note 4. Leitet das 1:0 und das 4:1 ein. Der Spanier ist aber weniger spielfreudig als zuletzt. Die robusten Thuner zwingen ihn immer wieder zu Abspielfehlern.
Jordi Quintillà: Note 4. Quintillà hilft immer wieder, die Lücken gegen hinten zu schliessen. Offensiv aber bleibt der Spanier für einmal ohne nennenswerte Aktionen.
Boris Babic: Note 5.5. Mit zwei Toren bringt er sein Team auf die Siegerstrasse. Es sind seine Saisontreffer sechs und sieben.
Cedric Itten: Note 4. Lange fällt der Basler nicht auf. Thuns Abwehr hat den Stürmer im Griff – bis er in der 67. Minute per Kopf das 3:0 erzielt.
Moreno Costanzo: Keine Benotung. Kommt spät für Babic.
Betim Fazliji: Note 4. Der Rebsteiner ersetzt den gesperrten Lukas Görtler. Der 20-Jährige agiert unauffällig, aber es bleibt dabei: Spielt er, gewinnt der FC St.Gallen.
Jérémy Guillemenot: Note 4. Kommt in der 65. Minute für Demirovic und erhöht kurz vor Spielende auf 4:1.
Tim Staubli: Keine Benotung. Wird für Fazliji eingewechselt – es ist sein Pflichtspieldébut.

Dejan Stojanovic: Note 5. Klärt in der Startphase zweimal stark. Verletzt sich nach einer Viertelstunde an der Schulter, beisst sich aber durch.

Die Attraktion ist der kürzlich engagierte fünffache deutsche Internationale Sidney Sam, der einst bei Bayer Leverkusen für Furore sorgte und am Sonntag bei Sturm Graz kurz vor Schluss das Siegtor zum 2:1 erzielte. Die Zuschauerzahlen im Schnabelholz schwanken sehr, je nach Gegner und Erfolg zwischen 3000 und gegen 7000. «Teleclub» überträgt jedes Spiel der Austria-Bundesliga live.

Einst Vorarlberger auf dem Espenmoos

Das Desinteresse beruht auf Gegenseitigkeit. Vorarlberger finden kaum einmal den Weg in den Kybunpark. Das war früher anders, als Landsleute von ihnen, wie Fritz Rafreider, Martin Gisinger, Gerhard Ritter oder Didi Metzler die St. Galler Reihen verstärkten. Heute beruht der Austausch mehr auf Testspielen denn Spielertransfers. Was nicht bedeutet, dass Altach Spieler mit Super-League-Qualität fehlen würden.

Aktuell hätten neben Sidney Sam auch Mergim Berisha oder Christian Gebauer entsprechende Qualität. Und bei den Young Boys hat Moumi Ngamaleu ein Jahr Altacher Vergangenheit; Trainer Adi Hütter hatte ihn noch aufs Wankdorf geholt. Altach war 2015 Dritter und 2017 Vierter der Bundesliga, musste aber die Europa-League-Spiele in Innsbruck austragen.

Olma-Bratwurst in der Lakers-Arena

Rapperswil-Jona ist von St. Gallen weiter entfernt als Altach, wäre aber mit dem Voralpen-Express bequem zu erreichen. Doch die Lakers sind ebenfalls ein leiser Nachbar und bedeuten keine Konkurrenz für den Fussball in der Gallusstadt. Dass sich die mit 26 989 Einwohnern (Stand 2017) zweitgrösste Stadt des Kantons nach Zürich orientiert und die Leute dort Züritütsch reden, ist schon lange bekannt.

Aber selber freue ich mich, wenn am Fernsehen im Zusammenhang mit Rappi von den «St.Gallern» die Rede ist. Die Leute dort (und nicht nur Roger Federer) lassen sich gerne dem Kanton St. Gallen zuordnen. Das ist auch auf Schritt und Tritt im Rapperswiler Eisstadion zu spüren.

So spielen die Lakers in der «St.Galler Kantonalbank Arena», und auf dem überdimensionalem, hochmodernen Videowürfel, der auch über einer Eisfläche der National Hockey League hängen könnte, wirbt die Bank mit mehreren Sequenzen zum FC St. Gallen. An den Verpflegungsständen ist eine sehr schmackhafte St. Galler Olma Bratwurst erhältlich, und Schützengarten liefert das Bier.

Eishockey ein teurer Spass

Eishockey bietet keine Fallrückzieher, keine hohe Flanken und keine Kopfballaktionen. Es lebt von der Dynamik, Resultatkapriolen und der Ambiance in den meist sehr gut besetzten Hallen. Der SC Rapperswil-Jona indessen muss immer noch um die Publikumsgunst kämpfen, wenn nicht gerade der HC Davos zu Gast ist oder der Cupfinal auf dem Programm steht.

Die Cup-Spezialisten bieten diese Saison aber auch attraktives Kombinationshockey und haben als Kandidat für die Abstiegsrunde schon manchem Favoriten einen Streich gespielt. Teuer sind im Schweizer Eishockey allerdings die Eintrittspreise. Die Tribünenpreise auf der Längsseite kosten in Rapperswil 68 und 51 Franken, in Altach der teuerste Tribünenplatz weniger als 30 Euro.

Für 18.79 Franken St. Gallen gegen Zürich

Der FC St. Gallen wird am nächsten Samstag gegen den FC Zürich voraussichtlich vor 18 790 Zuschauern spielen. Der Einzeleintritt beträgt Fr. 18.79. Diese wahrscheinlich letzte Aktion zum 140-jährigen Bestehen verspricht somit ein volles Haus, und ein Sieg von Zeidlers Leuten wäre natürlich das i-Tüpfelchen auf die erste Saisonhälfte.

Davon auszugehen wäre nach der Kanterniederlage des FC Zürich gegen Servette allerdings fahrlässig. Denn der etwas distanzierte Tabellennachbar zeigt auswärts ein anderes Gesicht. Die Tordifferenz beträgt in diesen Partien zwar 4:11, aber das Team von Ludovic Magnin hat in den vier vergangenen Spielen auf fremdem Terrain dreimal 1:0 gewonnen bei einer Tordifferenz von total 3:0. Da treffen zwei Welten aufeinander.

Aufgefallen

Exkursionen nach Altach und Rapperswil-Jona konnte sich der Mann von der Gegentribüne guten Gewissens leisten. Denn der FC St. Gallen liefert in diesen Wochen wenig neue Erkenntnis. Will heissen: No news is good news. Der 4:1-Erfolg in Thun war nicht nur vom Resultat her die Blaupause der Begegnung in Luzern.

Denn auch die Berner Oberländer versuchten mit viel Energie das Kombinationsspiel der St. Galler zu unterbinden. Das gelang ihnen wie den Innerschweizern eine Halbzeit lang hervorragend. Der Unterschied: Luzern foulte mehr als Thun, der Tabellenletzte drückte mehr aufs Tempo. Die TV-Nahaufnahmen zeigten St. Gallens Gegner immer wieder schwer atmend, wie 100-Meter-Sprinter nach dem Zieleinlauf.

Auch im Fussball gilt: Die Pacemaker gelangen irgendwann an den Anschlag, Thun wie Luzern schon bald nach der Pause. Wichtig für St. Gallen in den kritischen Phasen waren zwei Dinge: Die enorme Wachsamkeit und Agilität der St. Galler Verteidiger in den Zweikämpfen sowie die Qualität von Torhüter Dejan Stojanovic im Herauslaufen. Da hatten die Experten vom Teleclub, inklusive Torhüter-Experte Pascal Zuberbühler, schon recht: Sein Wert für die Mannschaft und die Spielweise der St. Galler werde unterschätzt.

Schiedsrichter Stephan Klossner hat nach neun Jahren Super-League-Einsätzen, den ersten im Spiel der Grasshoppers gegen St.Gallen, in Thun seine Laufbahn beendet. Der Lehrer aus Willisau war Exponent einer Schiedsrichter-Generation, die sich lange Zeit auf durchschnittlichem Niveau bewegte.

Aber auch er wie seine Kollegen haben sich in den letzten paar Jahren gesteigert, haben eine klare Linie gefunden, zum Beispiel in der Beurteilung von Körperchargen, die (wenn nicht zu heftig oder mit unangemessenem Vorteil für den Verursacher verbunden) stets im Sinne des Spielflusses toleriert werden.

Der Video Assistant Referee hat die Schiedsrichter in dieser Saison zusätzlich unterstützt, indem er bisher meistens nur in klaren Situationen eingriff, in der Erkenntnis, dass diskutabler Entscheid diskutabel bleiben wird. (th)

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