Kolumne

Gegentribüne: Der FC St.Gallen macht vieles anders – und ist damit auf einem guten Weg

Der FC St.Gallen hat am Sonntag den höchsten Saisonsieg just in Unterzahl gefeiert. Auch sonst tritt die Mannschaft in der Super League nicht auf wie jede andere. Hierfür liefert sie immer wieder Beispiele.

Fredi Kurth
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Sportchef Alain Sutter kann nach dem 3:0 gegen Xamax zufrieden sein. (Bild: Andy Mueller/freshfocus)

Sportchef Alain Sutter kann nach dem 3:0 gegen Xamax zufrieden sein. (Bild: Andy Mueller/freshfocus)

In den vergangenen Jahren war der FC St.Gallen eine eher unauffällige Mannschaft. Zu wenig clever, um hinter Basel und YB eine Rolle zu spielen, aber auch nicht so unbeholfen, um dem Abstieg zu verfallen. Doch diese Saison, seit Peter Zeidler das Zepter schwingt und Alain Sutter viele bunte Zugvögel in den Kybunpark gelockt hat, verläuft kein Spiel mehr langweilig. Bereits vergangenen Sommer, im zweiten Ernstkampf, musste sich St.Gallen früh mit zehn Mann bewähren, konnte aber gegen Sarpsborg den Eintore-Rückstand noch drehen.

Nach dem Spiel gegen Xamax sei die ketzerische Frage erlaubt, ob die Mannschaft künftig freiwillig auf den elften Akteur verzichten sollte. Schon zweimal lag sie drei Tore voraus (gegen Thun und ein erstes Mal gegen Xamax) und geriet mit Vollbestand noch ins Schwitzen. Diesmal, von einigen erwarteten kritischen Situationen abgesehen, verteidigten sich die St.Galler willensstark und abgeklärt.

Fredi Kurth, unser Kolumnist von der Gegentribüne. (Bild: Urs Jaudas)

Fredi Kurth, unser Kolumnist von der Gegentribüne. (Bild: Urs Jaudas)

Häufig gegen den Strich

St.Gallen presst am meisten in der Super League, sucht bei Ballgewinn nach den Young Boys am schnellsten den Abschluss und gibt sich mit einem Unentschieden selten zufrieden. Der Abwehr fehlte vor Beginn der Rückrunde die Routine, doch Peter Zeidler warf mit Leonidas Stergiou ein weiteres Nachwuchstalent ins kalte Wasser. Als Stergiou, just am Sonntag 17 geworden, gegen Thun ausfiel, wurde er schon erstmals vermisst.

Umgekehrt glaubte Zeidler im Herbst nicht an die Wettkampftauglichkeit von Tranquillo Barnetta, der ihn dann aber eines Besseren belehrte und auch gegen Xamax wieder mit der Gelassenheit und Konzentration des mehrfachen Internationalen den wichtigen zweiten Treffer erzielte. Die Geschichte vom nicht mehr erwünschten Andreas Wittwer muss nicht mehr erzählt werden – wenn er so weitermacht, bekommt er Angebote, woher auch immer.

Einige spielen fast zu gut

Nicht mehr so toll ist die Lage der Liga: Der Schweizer Fussball hat in den vergangenen Tagen einen Europacupplatz verloren, verursacht nicht zuletzt durch die Teams hinter Basel und den Young Boys. Zu sehr würde man die abwandernden Talente durch billige Arbeitskräfte aus dem Ausland ersetzen, meistens mit mässigem Erfolg, heisst es. Die Thuner Verantwortlichen werden gelobt für ihr geschicktes Händchen, wenn sie auf dem Markt der Challenge League zugreifen.

Genau das hatte der FC St.Gallen vor wenigen Jahren auch getan. Und just nach Schnäppchen im Ausland schaut sich die Abteilung Sport jetzt um. Möglicherweise sind die Ostschweizer aber auch hier speziell. Das Tandem aus Sportchef Alain Sutter und Trainer Peter Zeidler hat vielleicht das etwas bessere Auge als die anderen. Dafür gibt es mehr als nur Anzeichen – vor allem, wenn man bedenkt, dass der FC St.Gallen am Ende der vergangenen Saison ohne eine Super-League-taugliche Mannschaft dastand. Im Falle der ausgeliehenen Spieler Majeed Ashimeru, Axel Bakayoko und Vincent Sierro besteht allerdings die Gefahr, dass sie von ihren Organisationen im Sommer zurückgeholt werden oder dass sie andere, finanzstärkere Interessenten anlocken, je stärker die drei auftrumpfen.

Auf einem guten Weg

Von seinen Extravaganzen abgesehen, hat St.Gallen in den ersten fünf Runden seit der Winterpause auch mit Fortschritten auf sich aufmerksam gemacht. Die Mannschaft kann besser reagieren, so beim Spiel in Sion, sie kann auch hinten hineinstehen wie nach der Pause in Basel und nun gegen Xamax, und sie kann besser kontern. Sie hat dank Dereck Kutesa und Axel Bakayoko mehr Tempo in der Offensive und in vielen Laufduellen. Sie wirkt sicherer in den Kombinationen.

Was unter anderem noch nicht aufgeht: Es fehlen die Alternativen auf den defensiven Aussenpositionen. Die Abwehr wankt bei stehenden Bällen. Und in gewissen Spielen bleiben zu viele Chancen ungenutzt. Aber die Mannschaft ist auf einem guten Weg.

Aufgefallen

Die Schweiz ist das Land der Torhüter. Wäre das Niveau der Feldspieler ebenso hoch, stünde das Nationalteam noch näher an der Weltspitze. Doch im Gegensatz zu den Fussspezialisten sind die Paradekünstler nur auf einer Position gefragt: jener zwischen den Pfosten. Die Namen sind bekannt: Sommer, Bürki, Hitz, Benaglio, Mvogu, alle mit Bundesliga-Einsätzen im Lebenslauf. Ein weiterer ist dazuzukommen: Gregor Kobel. Er spielt seit diesem Jahr für den FC Augsburg und soll dort die nach dem Abgang von Marwin Hitz entstandene Goaliemisere beenden. Der 21-Jährige stand am Freitag beim 2:1-Sieg gegen Dortmund erstmals voll im Rampenlicht und rettete die drei Punkte.

Migrantenkinder träumen tendenziell von einer Starkarriere à la Ronaldo oder Messi. Direkte Nachfahren von Wilhelm Tell sind hingegen eher auf Sicherheit bedacht und wollen den Kasten sauber halten, sehen als Toreverhinderer eher eine Chance auf Ruhm. Andere Länder haben diesbezüglich keinen Überfluss. So spielt Heinz Lindner, Österreichs Goalie Nummer 1, in der Super League. Einen zweiten Kandidaten muss man nicht lange suchen. Dejan Stojanovic, 25-jährig, fehlt gegenüber dem GC-Keeper lediglich die Erfahrung. So in jener 36. Minute, in der Daniel Lopar in Sekundenschnelle zum – letztlich gelungenen – Comeback kam.

Wahrscheinlich zum ersten Mal in der Arena holte sich die St.Galler Mannschaft nach den aufregenden 95 Minuten die Ovationen im Uhrzeigersinn ab. Das hatte zur Folge,  dass auch jene Zuschauer noch applaudieren konnten, die sich jeweils ziemlich rasch vom Schauplatz entfernen. Der Espenblock musste auf das übliche Freudentänzchen etwas länger warten als üblich, was er – so der Eindruck – neidlos zur Kenntnis nahm. Wartezeit gab es für alle, die nach dem Spiel auf den Extrabus warteten. Was sonst seit vielen Jahren tadellos funktioniert, liess diesmal zu wünschen übrig: die lückenlose Anfahrt der Fahrzeuge. Dafür gab es drinnen eine nette Bekanntschaft mit einer Gruppe jüngerer Anhängerinnen und Anhänger, die für den betagten Mann von der Gegentribüne spontan einen Sitzplatz freigaben. Aus Romanshorn war zumindest einer aus der erfreulich gesprächigen statt handy-fokussierten Runde angereist. Womit sie allerdings keine Ausnahme bildeten. Rund zwei Drittel aller Matchbesucher stammen jeweils von ausserhalb der Stadt. Ich kenne jemanden, der regelmässig aus dem Kanton Zürich, nahe der deutschen Grenze, an die Heimspielen anreist. Ein anderer Anhänger hatte sich, allerdings schon vor einigen Jahren, als Dauerkartenbesitzer aus dem Kanton Aargau geoutet. Wer bietet etwas noch Exotischeres? (th)

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