Kolumne

Gegentribüne: Der FC St.Gallen könnte auch Geister vertreiben – warum Spiele ohne Publikum kein Nachteil sein müssen

Der reguläre Verlauf der Meisterschaft. Die finanzielle Existenz der Vereine. Das Wohlergehen der Spieler. Darum geht es, wenn die nun immer wahrscheinlicher werdenden Geisterspiele im Juni angepfiffen werden. Aus der Optik des FC St.Gallen: Geisterspiele müssen sportlich kein Nachteil sein.

Fredi Kurth
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Geht die Saison noch weiter? Und wenn ja: Findet der FCSG zur alten Stärke zurück?

Geht die Saison noch weiter? Und wenn ja: Findet der FCSG zur alten Stärke zurück?

Bild: Keystone

Vorerst geht es um die Finanzierbarkeit und die Gesundheit der Spieler. Zu diesem Schluss kommt, wer am Montagabend auf der Homepage des FCSG oder auf TV Südostschweiz die neue Sendereihe Espenrunde verfolgt hat.

Gegentribüne-Kolumnist Fredi Kurth.

Gegentribüne-Kolumnist Fredi Kurth.

Bild: Urs Bucher

Dort schien man noch gar nicht so begeistert gewesen zu sein von der Möglichkeit des Neubeginns, auch wenn jenes Wort vom Begriff Geister lebt. In der Sendung auf Teleclub am Sonntagabend unter dem Titel «90 Minuten – Fussball, wie weiter?» kamen etwas optimistischere Ansätze zur Geltung.

Hier Christoph Spycher, dort Alain Sutter

FCSG-Sportchef Alain Sutter.

FCSG-Sportchef Alain Sutter.

Bild: Urs Bucher

YB-Sportchef Christoph Spycher sprach von einem Signal, das der Fussball in schwieriger Zeit geben müsse, Alain Sutter vom FC St.Gallen dagegen beschrieb anschaulich, wie es für ihn persönlich nicht stimme, wenn die Spieler strengste Vorschriften beachten müssten und danach auf dem Platz in Körperkontakt gerieten. Der Macht der Fakten stand die Macht der Vorstellung gegenüber, der Aufbruchstimmung der Versuch von Menschlichkeit, dem Pragmatismus die Ideologie.

Fussballer wollen Wettkampf

St.Gallens Sportchef stellte die Frage nach der Verantwortung gegenüber den Spielern, bevor entschieden werde. Ja, was wollen die Spieler überhaupt? Was immer man hört, ob in der Schweiz oder im Ausland (Ausnahme Frankreich), die meisten Fussballer wollen wieder dem Ball hinterherjagen, nicht nur in Trainingsübungen, sondern auch im Wettkampf.

Fakt ist: Würden Verband und Vereine das Angebot der Regierung nicht annehmen, würde man eine Chance vergeben. Die Fussballer hätten wahrscheinlich die längste Pause aller Berufstätigen zu überstehen, und die Klubfunktionäre stünden vor der Frage, wie sie ihr sportliches Personal so lange bei Laune halten. Etwas mehr als zwei Monate sind vergangen, seit die Meisterschaft ruht, doppelt oder noch länger würde es von nun an dauern, bis wieder mit Zuschauern gespielt werden könnte.

Das letzte Spiel bestritten die St.Galler gegen YB – damals gab ein Penalty zu reden und Goalie Lawrence Ati Zigi, der sich zu früh von der Linie weg bewegt hat.

Das letzte Spiel bestritten die St.Galler gegen YB – damals gab ein Penalty zu reden und Goalie Lawrence Ati Zigi, der sich zu früh von der Linie weg bewegt hat.

Bild: Urs Bucher

Tausende von Augen im Stadion

Die Ankündigung, dass ab 9. Juni wieder Fussball auf dem Spielplan steht, hat wohl auch die meisten Anhänger aus einem Gefühlsnotstand befreit. Wahre Fussballfreunde brauchen diese Emotion aus Jubel und Enttäuschung, aus Diskussion und Bewunderung, und inzwischen dürfte vielen egal sein, wenn die Stadien leer bleiben.

Vorerst wird es im Kybunpark keinen Fangesang geben.

Vorerst wird es im Kybunpark keinen Fangesang geben.

Bild: Benjamin Manser

Aber sie sind nicht leer. Tausende von Augen schauen zu, in die Arenen transportiert durch die Fernsehkameras, die Bilder liefern in bester HD-Qualität, live und in Farbe. Das wäre vor einigen Jahren noch undenkbar gewesen. Vielleicht lässt sich mit einiger Fantasie auch ohne Fans Stimmung in die Stadien zaubern. Borussia Mönchengladbach hat Fotografien ihrer Anhänger auf die Stühle platziert, der FC Brighton and Hove Albion schlägt Zuschauerambiance durch akustische Untermalung vor. Ich weiss nicht, ob das gute Vorschläge sind. Aber es braucht Ideen, um die Leere der Arenen, die Leere der Fussballfreunde und die Leere der Zeit zu füllen.

60'000 Franken pro Geisterspiel

FCSG-Präsident Matthias Hüppi.

FCSG-Präsident Matthias Hüppi.

Bild: Urs Bucher

Viele Vereine fürchten um ihre Zukunft und fordern finanzielle Unterstützung durch den Staat, bevor sie den Geisterspielen zustimmen. Das ist ihr gutes Recht, nachdem für die KMU anderer Berufszweige spontan die Schatulle und auch wieder die Türen geöffnet worden sind.

Dass Spiele vor leeren Rängen zu Einnahmeausfällen führen, darauf hat auch Matthias Hüppi mehrfach hingewiesen: Der Aufwand pro Geisterspiel im Kybunpark betrüge 60'000 Franken. Bei einer Absage der Saison entfielen die TV-Einnahmen. Doch der grosse Anteil durch die Abonnements ist vorhanden, und gerade beim Ligaprimus dürften die wenigsten Anhänger auf Rückerstattung pochen.

Fussball-Vereine leben länger

Wie sehr ist denn die nackte Existenz von Fussballunternehmen gefährdet? Ich habe mir den Spass erlaubt, das Schicksal jener 16 Vereine auszuloten, die 1933/34 die erste eingleisige Nationalliga-Saison bestritten. Was schätzt die geneigte Leserschaft, wie viele heute noch bestehen? Antwort: Alle! Einzig Young Fellows Zürich hat etwas von seiner Identität eingebüsst und firmiert in der Promotion League als SC YF Juventus Zürich. Aktuell am tiefsten gefallen sind Nordstern Basel und der FC Locarno, die in der 4. Liga spielen.

Auffallend damals die starken Vertretungen aus grossen Agglomerationen. Zürich war mit vier Teams vertreten, Basel mit drei, Bern und Genf je mit zwei. Noch nicht dabei waren die heutigen Fixstarter Luzern, Neuenburg, Sion, St.Gallen und Thun. Blue Stars und FC Zürich stiegen Ende Saison ab.

Die Heimstätte des FC Kreuzlingen am Ufer des Bodensees.

Die Heimstätte des FC Kreuzlingen am Ufer des Bodensees.

Bild: Donato Caspari

Der FC Kreuzlingen (!) verzichtete aus finanziellen Gründen auf den Aufstieg aus dem Unterbau 1. Liga. Tatsächlich waren die Spieler damals Berufsfussballer. Bei einem höchsten Zuschauerdurchschnitt von 4400, den die Young Boys erreichten, wurde dieses defizitäre Abenteuer aber bald abgeblasen. Der 17-jährige Lausanner Mittelläufer Olivier Eggimann verdiente 800 Franken im Monat, «immerhin fast das Doppelte eines Gipsers in der Stadt Zürich», wie im Buch «Die Nati. Die Geschichte der Schweizer Fussball-Nationalmannschaft» nachzulesen ist.

Es geht um Wettkampf, nicht um Gewinne

Einige Vereine von damals mussten sich in der Zwischenzeit über Konkurse erholen, die meisten in der Phase der Super League. Der verschärfte Abstiegskampf bei nur zehn Teams liess manchen in finanzielle Unvernunft stürzen. Auch der FC St.Gallen schaute tief in den Abgrund. Kaum ein Vertreter der Eliteklasse, ausser Basel und YB, blieben von argen Engpässen verschont. Was aber auch mit dem Prinzip Spitzensport und vor allem mit jenem im Fussball zusammenhängt: Es geht in erster Linie um den Erfolg im Wettkampf und nicht um Gewinne für die Shareholders – Ausnahme die global tätigen Topteams.

Lausanne wäre am meisten bestraft

Last not least geht es auch um einen sauberen Saisonabschluss. Selbst aus St.Galler Sicht wäre es nur bedingt verlockend, wenn der FC (wie in Frankreich und Holland) als aktueller Leader zum Meister gekürt würde. Ein Abbruch ohne Titelvergabe und Abstieg jedoch würde jene bestrafen, die gut gearbeitet haben, und jene belohnen, die bisher nicht erfolgreich waren. Vor allem der fast sichere Aufsteiger Lausanne mit dem neuen Stadion träfe es sehr hart.

FC St.Gallen daheim nicht stärker

Einige Anhänger des FC St.Gallen fürchten um die Heimstärke. Ich denke aber, dass die Mannschaft ihre mentale Stärke und Unbekümmertheit weiterhin abrufen kann. Sie kann auch Geisterspiele, wie sie bereits in Testpartien unter freiwilligem Ausschluss der Öffentlichkeit bewiesen hat. Zudem hat St.Gallen auswärts fast genau dieselbe Punktzahl erreicht wie daheim (A 7 1 3, H 7 2 3).

Der FC St.Gallen hat bewiesen, dass er auch ohne Publikum siegen kann.

Der FC St.Gallen hat bewiesen, dass er auch ohne Publikum siegen kann.

Bild: Urs Bucher

Karl Maria Brandauer wird in einem schon etwas älteren Film von einem Knaben gefragt: «Ist es gefährlich auf diesen Baum zu klettern?». Der Schauspieler hat geantwortet: «Alles was interessant ist, ist auch ein bisschen gefährlich». In dieser Situation befindet sich unsere Gesellschaft jetzt. Soll sie sich schon wieder vom Boden erheben, auf den Baum klettern und Ausschau halten? Frei von Risiko sind wir auch im Fussball nicht. Aber ich habe bisher von keinem einzigen Super-League-Spieler vernommen, dass er an Corona erkrankt wäre.

Wir haben hier und heute nicht die Spanische Grippe zu bekämpfen, die vor allem junge Menschen dahingerafft hat. Wir reden von gesunden Menschen ausserhalb der Risikogruppe – wie Anthony Ujah von Union Berlin, der sagt: «Ich habe nicht das Gefühl, dass wir unser Leben riskieren.» Fussball ohne Zuschauer ist einschneidende Massnahme genug.

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