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Kolumne

Gegentribüne: Der FC St.Gallen ist durchschaut – und trotzdem nicht zu bremsen

Die von Peter Zeidler bevorzugte Spielweise sei früher oder später zum Scheitern verurteilt, hiess es noch vor einem Jahr, und manche Beobachter fühlten sich in ihrer Ansicht eher früher als später bestätigt. Einige Gründe warum sie in diesen Wochen ihre Meinung ändern mussten.
Fredi Kurth
Der nächste Gegner ist besiegt: Jubel bei Trainer Peter Zeidler und seinen Assistenten an der Seitenlinie. (Bild: Keystone)

Der nächste Gegner ist besiegt: Jubel bei Trainer Peter Zeidler und seinen Assistenten an der Seitenlinie. (Bild: Keystone)

Nächster Gegner FC St.Gallen. Lebhaft kann man sich vorstellen, wie die Trainer der Super League angestrengt Videostudium betreiben und auch noch ihre zwei bis drei Assistenten um sich versammelt haben. Hauptthema: Wie halten wir diesen FC St.Gallen in Schach? Die Analyse ist klar: «Der Zeidler lässt von der ersten Sekunde an attackieren, mit Pressing und vorne mit möglichst raschem Abschluss durch die Mitte.» Das von Fabio Celestini verordnete Gegenmittel erscheint noch einfacher, zumindest in der Theorie: «Wir müssen die Anfangsphase überstehen». In der Praxis aber dauert St.Gallens Anfangsphase jeweils mindestens bis zur Pause.

Gegentribüne-Kolumnist Fredi Kurth. (Bild: Urs Jaudas)

Gegentribüne-Kolumnist Fredi Kurth. (Bild: Urs Jaudas)

Eingespielt ja, aber auch Qualität

Die Antwort, weshalb sich St.Gallens Konkurrenz seit der 6. Runde so schwer tut, kennt jeder Anhänger: Zeidler schickt jetzt eine eingespielte Stammformation auf den Rasen, einen Haufen junger, lernwilliger Akteure, die sich jedes Mal auf den nächsten Match freuen wie Kinder auf Weihnachten und genau wissen, was ihr Lehrer draussen am Spielfeldrand von ihnen will. Es gibt aber auch noch eine zweite Antwort:

Es ist nicht nur das Teamwork, das funktioniert. Die Mannschaft hat auch auf breiter Basis individuelle Klasse, welche die gegnerischen Trainer schon vor Spielbeginn ratlos erscheinen lässt.

Von Itten zu Demirovic zu Itten

Ein Beispiel: Noch in den ersten fünf Runden mit nur einem Sieg und einem Unentschieden war es Cédric Itten als dreifacher Torschütze, davon zweimal vom Penaltypunkt aus, der von gegnerischen Abwehrreihen besondere Beachtung erhielt. Zudem hatte Jordi Quintillà zweimal getroffen. Dann wurden es aber immer mehr. «Ihr müsst da vor allem für Demirovic und Ruiz die Räume eng machen», könnte Celestini seinen Leuten befohlen haben. Was im Falle von Demirovic nicht schlecht gelang, im Fall von Ruiz etwas weniger, weil sich der Spanier eben auch auf der Fläche von einem Quadratmeter bestens zu helfen weiss. Und siehe da: Nun hatten plötzlich Boris Babic und Cedric Itten mehr Ballkontakte und auch drei der vier Torchancen der ersten Halbzeit auf dem Fuss (während Lugano nur einmal gefährlich zum Abschluss kam).

Dejan Stojanovic: Note 5. Beim Gegentor gibt’s für ihn nichts zu machen. Guter Rückhalt, makellos bei hohen Bällen.Dejan Stojanovic: Note 5. Beim Gegentor gibt’s für ihn nichts zu machen. Guter Rückhalt, makellos bei hohen Bällen.
Silvan Hefti: Note 4,5. Vor allem vor der Pause mit einigen starken Vorstössen. Defensiv ballsicher und solid. Das Gegentor fällt über seine Seite.Silvan Hefti: Note 4,5. Vor allem vor der Pause mit einigen starken Vorstössen. Defensiv ballsicher und solid. Das Gegentor fällt über seine Seite.
Leonidas Stergiou: Note 5,5. Der Ostschweizer Fussballer des Jahres strotzt vor Selbstbewusstsein. Schnell und ballsicher. Nur beim Gegentor lässt er sich zu schnell herauslocken.Leonidas Stergiou: Note 5,5. Der Ostschweizer Fussballer des Jahres strotzt vor Selbstbewusstsein. Schnell und ballsicher. Nur beim Gegentor lässt er sich zu schnell herauslocken.
Alain Wiss: Note 5. Fügt sich, trotzt Mangel an Spielpraxis, nahtlos in die Abwehr ein. Starkes Stellungsspiel. Am Ende verlassen ihn die Kräfte.Alain Wiss: Note 5. Fügt sich, trotzt Mangel an Spielpraxis, nahtlos in die Abwehr ein. Starkes Stellungsspiel. Am Ende verlassen ihn die Kräfte.
Miro Muheim: Note 5,5. Läuft auf der linken Abwehrseite fast jeden Ball ab. Viel Vorwärtsdrang, vor allem vor der Pause.Miro Muheim: Note 5,5. Läuft auf der linken Abwehrseite fast jeden Ball ab. Viel Vorwärtsdrang, vor allem vor der Pause.
Lukas Görtler: Note 5. Leitet vor dem 1:0 den Ball perfekt per Kopf zu Itten weiter. Bringt physische Stabilität ins Mittelfeld.Lukas Görtler: Note 5. Leitet vor dem 1:0 den Ball perfekt per Kopf zu Itten weiter. Bringt physische Stabilität ins Mittelfeld.
Jordi Quintillà: Note 6. Nimmt zweimal Mass, trifft zweimal herrlich. Zusammen mit dem gewohnt ruhigen und kreativen Spiel ergibt das die Höchstnote.Jordi Quintillà: Note 6. Nimmt zweimal Mass, trifft zweimal herrlich. Zusammen mit dem gewohnt ruhigen und kreativen Spiel ergibt das die Höchstnote.
Victor Ruiz: Note 5,5. Einmal mehr überall anzutreffen. Laufstark, ideenreich, mit starken Dribblings.Victor Ruiz: Note 5,5. Einmal mehr überall anzutreffen. Laufstark, ideenreich, mit starken Dribblings.
Cedric Itten: Note 5. Präsent. Sein Tor erzielt er kaltblütig und ansatzlos. Muss am Ende mit Verdacht auf Knöchelverletzung raus.Cedric Itten: Note 5. Präsent. Sein Tor erzielt er kaltblütig und ansatzlos. Muss am Ende mit Verdacht auf Knöchelverletzung raus.
Boris Babic: Note 4,5. Aufopferungsvoll, im Zweikampf wuchtig. Zuweilen fehlt ihm noch das Auge für den entscheidenden Pass.Boris Babic: Note 4,5. Aufopferungsvoll, im Zweikampf wuchtig. Zuweilen fehlt ihm noch das Auge für den entscheidenden Pass.
Ermedin Demirovic: Note 4. Kämpft aufopfernd, deutet Gefährlichkeit an, ist nach der Pause oft auf sich alleine gestellt. Kaum herausragende AktionenErmedin Demirovic: Note 4. Kämpft aufopfernd, deutet Gefährlichkeit an, ist nach der Pause oft auf sich alleine gestellt. Kaum herausragende Aktionen
Betim Fazliji: Note 4,5. Kommt in der 58. Minute für den angeschlagenen Alain Wiss. Ein solider Auftritt des 20-Jährigen.Betim Fazliji: Note 4,5. Kommt in der 58. Minute für den angeschlagenen Alain Wiss. Ein solider Auftritt des 20-Jährigen.
Moreno Costanzo: Note 4,5. Kommt nach einer Stunde für Babic. Stabilisiert das defensive Mittelfeld. Ohne Fehler, aber unauffällig. Ihm fehlt Spielpraxis.Moreno Costanzo: Note 4,5. Kommt nach einer Stunde für Babic. Stabilisiert das defensive Mittelfeld. Ohne Fehler, aber unauffällig. Ihm fehlt Spielpraxis.
Axel Bakayoko: keine Note. Spielt für die letzten fünf Minuten. Zu kurz für eine Bewertung.Axel Bakayoko: keine Note. Spielt für die letzten fünf Minuten. Zu kurz für eine Bewertung.
14 Bilder

Quintillà der Beste, Demirovic der Schlechteste: Die Noten der FCSG-Spieler nach dem 3:1-Sieg gegen Lugano

Quintillà links und rechts

Und dann natürlich Quintillà, der sich nun nochmals entwickelt hat, nicht nur als Moderator im defensiven Mittelfeld, sondern auch als Torschütze. Einmal mit rechts, einmal mit links. Beide Male waren es Schüsse von ausserhalb des Strafraums, von ungeheurer Präzision und Perfidität. Auch der Aufsetzer zum zweiten St.Galler Einschuss war kaum haltbar. Bei den Junioren hat sich mein Nebenspieler Röbi Haag, dem ich immer sehr gepflegt den Ball zugespielt habe, einmal erfrecht zu sagen: «Gell, din rechte Fuess isch de weniger schlechti». Quintillà hat zwei starke Füsse – und das macht ihn noch unberechenbarer. Da kann Celestini nicht sagen: «Achtung, Quintillà kommt immer mit dem linken Fuss.» Beidfüssigkeit wird übrigens in Spanien besonders intensiv schon mit den Kleinsten trainiert.

Starke Abwehrreihen ausgehebelt

St.Gallens Mannschaft hält inzwischen die Balance, auch wenn sie frech stürmt. Gegen Sion, so heisst es, hat sie bisher am besten Zeidlers Vorstellungen umgesetzt. Gegen Thun und Basel gab es ebenfalls fast nur Lob. Gegen Servette und Lugano jedoch genehmigten sich die St.Galler nach der Pause einen Absacker. Komfortabel in Führung gerieten sie plötzlich noch in Bedrängnis. Nun wurde nicht mehr so konsequent gepresst und antizipiert. Es lag auch am Gegner, der alles nach vorne warf. Bei ihm stimmte plötzlich die Balance nicht mehr. Nun war St.Gallen die Kontermannschaft, mit allerdings eher mässiger Chancenauswertung. Trotzdem: Die Gegner konnten auf ihre Torchancen verweisen und kassierten ausser Basel trotzdem zwei, drei oder vier Gegentore. St.Gallen hat als vorerst unangefochtener Dritter eine Tordifferenz von plus acht, dahinter haben alle andern sieben Teams eine negative Differenz.

Da kann man aus St.Galler Sicht sagen: Fussballherz, was willst du mehr.

Bei Lugano war Marco Aratore der Alleinunterhalter. Fast alle gefährlichen Aktionen gingen von ihm aus, die erste schloss er gleich selber ab. Bei den andern musste er schier verzweifeln ob der Abschlussschwäche seiner Nebenspieler in bester Position. Servette und Lugano waren keine einfachen Gegner, Servette hat erst 15 Gegentore erhalten, davon fünf gegen St.Gallen. Lugano sogar erst elf vor dem Spiel am Sonntag in elf Partien, nun sind es sechs gegen St.Gallen.

Ohne Cupbelastung gegen Sion. . .

Es ist eine euphorisierende, aber auch fast schon beängstigende Phase. Musste in der ersten Saison Trainer Peter Zeidler immer wieder um Geduld bitten, ist nun er es, der auch den Mahnfinger hebt. Ein wenig soll er besorgt sein um das zarte Pflänzchen, das wie an der Frühlingssonne emporschiesst.

Wie reagieren die jungen Leute, wenn es nicht mehr so rund läuft und auch Niederlagen verkraftet werden müssen?

Aber lassen wir das, halten wir es mit den Esoterikern und leben wir im Jetzt. Nächsten Samstag kommt Sion in den Kybunpark. Die Walliser haben eine Ostschweizer Woche auf dem Programm, spielen drei Tage zuvor im Cup gegen Linth. Unangebracht von St.Galler Seite zu sagen, es sei auch ein Vorteil, im Cup ausgeschieden zu sein.

Aufgefallen

Mannschaften, die sich gegen St.Gallen fussballerisch nicht zu helfen wissen, greifen oft zu unlauteren Mitteln. Das Spiel gegen Lugano allerdings verlief in weitgehend fairem Rahmen; gegenseitige Gehässigkeiten waren kaum zu beobachten. Das fiel das Foul von Mattia Bottani gegen Cedric Itten aus dem Rahmen. Im Vergleich zu Fabio Daprelàs Aktion vor einem Jahr war es Bottanis erstes Bestreben, den Ball zu spielen. Wie er aber mit den Beinen voran attackierte und danach Itten am Knöchel traf (furchterregend wie sich Fuss und Unterschenkel bogen), war es dann doch ein schlimmes Foul, das eine mehrwöchige Bestrafung zur Folge haben sollte.

Wer sich vergangene Woche Spiele des europäischen Fussballs ansah, dem ist vielleicht die unterschiedliche Qualität der einzelnen Partien aufgefallen. Wobei ich unter Qualität den Unterhaltungswert meine und nicht jene, bei der sich Fussball-Masochisten an einer tollen Abwehrleistung mit zehn verteidigenden Feldspielern ergötzen können. Am meisten Entertainment boten in den von mir beobachteten Spielen Austria Salzburg und Napoli, 90 Minuten Vollgas-Fussball bis zum 2:3 mit stets wechselnden Szenen, einem etwas unglücklichen Verlierer und sehr effizienten Siegern. Erster Joker bei Salzburg war «unser» Majeed Ashimeru, der sich sofort nahtlos einfügte und Akzente setzte.

Das abschreckende Beispiel war Atletico Madrid gegen Bayer Leverkusen. Der Lokalrivale von Real mischt bereits seit Jahren als hässliches Entchen in der Primera Division mit und ist damit auch schon in der Champions League weit gekommen. Bayer seinerseits ist mit seinem offensiven Ballbesitzfussball überfordert. Das wurde schon ein paar Tage zuvor in der Meisterschaft augenscheinlich, als die etwas veraltete Spielweise von Trainer Peter Bosz gegen den Pressing- und Umschaltfussball von Eintracht Frankfurt Schiffbruch erlitt. Die Abwehr von Bayer steht zu hoch und vorne fehlen Stürmer mit Abschlussqualität – aber immerhin die Bereitschaft zu attraktivem Fussball ist da. (th)

Mehr zum FCSG-Spiel gegen Lugano:

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