Kolumne

Gegentribüne: Der FC St.Gallen ist die bösen Geister schon wieder los – Hefti empfiehlt sich fürs Nationalkader

Geisterspiele wird es im Kybunpark keine geben. Wenn 750 Zuschauer am nächsten Donnerstag dem Spiel gegen den FC Zürich beiwohnen, ist ein Heimspieleffekt bereits wieder gegeben. Der Neubeginn lässt vermuten, dass es generell besser war, die Saison fortzusetzen statt abzubrechen.

Fredi Kurth
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Gegentribüne-Kolumnist Fredi Kurth.

Gegentribüne-Kolumnist Fredi Kurth.

Bild: Urs Bucher

Zunächst sollte lediglich eine kleine Gruppe von Fans zugelassen sein. Doch mit der Lockerung durch den Bundesrat für grössere Veranstaltungen kann bei 750 Personen im Falle des FC St.Gallen, neben den 250 für den Spielbetrieb, nicht mehr von einem Geisterspiel gesprochen werden.

Auch 20 Kerzen in einer Kirche erhellen den Raum auch viel mehr als eine. Auf die Glücksfee, welche die Kartenbesitzer aus «allen Fangruppen», wie es auf der FC-Webseite heisst, auslosen muss, wartet nun ein Stück Mehrarbeit. Ausser ein Informatiker entwickelt ein einfacheres Verfahren.

Eine Challenge-League-Kulisse

Die Kulisse vom nächsten Donnerstag wird somit deutlich grösser sein als zum Beispiel die Anzahl der Fussballfreunde bei den Spielen von Chiasso oder Stade Lausanne in der Challenge League. Und wenn man bedenkt, dass auswärtige Fans ausgeschlossen bleiben dürften, ist der Heimvorteil bereits wieder gegeben.

Vielleicht etwas weniger die Beeinflussung auf die Schiedsrichter, die in der Bundesliga seit dem Neubeginn 15 Prozent mehr Fouls gegen die Heimteams gepfiffen haben als zuvor.

Spiele im Dorf sind auch Fussball

Natürlich entfalten 750 Zuschauer im Kybunpark nicht die Wucht einer ausverkauften Arena, und jene, die sich à tout prix gegen Geisterspiele aussprechen, dürften immer noch nicht zufrieden sein. Mühe hatte ich mit den vielen gedankenlos daher geplapperten oder hingeschriebenen Aussagen, die nicht bloss in den leeren Fankurven zu besichtigen, sondern auch von den zahllos befragten Experten zu hören waren.

Aussagen wie «Geisterspiele sind nicht im Sinne des Sports» oder «Fussball ohne Publikum zerstört den Sport» beleidigen all jene, die am Wochenende auf einem Dorfplatz vor ein paar Bekannten oder Verwandten kicken. Und wie herzerfrischend Fussball ohne Zuschauermassen sein kann, ist in St.Gallen und bei vielen Vereinen der Region bei Juniorenspielen oder beim Training der Brühler Krönli-Kids zu beobachten.

Eine Aussage wie «Fussball ohne Publikum zerstört den Sport» ist eine Beleidigung für alle jene Hobby-Fussballer, welche sich Wochenende für Wochenende auf einem Dorfplatz messen.

Eine Aussage wie «Fussball ohne Publikum zerstört den Sport» ist eine Beleidigung für alle jene Hobby-Fussballer, welche sich Wochenende für Wochenende auf einem Dorfplatz messen.

Bild: PD

Neutrale Zuschauergeräusche am TV

Geisterspiele haben viel mit der Ursprünglichkeit des Fussballs zu tun. Als Spieler des FC St.Gallen anno 1879 – oder nach neuesten Erkenntnissen schon etwas früher – dem Ball hinterherrannten, dürften weniger Menschen dem Treiben zugeschaut haben als jenem auf einer Kegelbahn. Einige Stimmen bemerkten, dass ohne Publikumseinflüsse die Konzentration auf das Spiel leichter falle.

Ich persönlich vergesse die klinische Atmosphäre manchmal, wobei das vor dem Bildschirm einfacher sein dürfte als im weiten Stadionrund. Die TV-Zuschauer können zudem auf einigen Sendern auf einen Kanal mit Publikumsgeräuschen umschalten. Diese werden zumindest in der Premier League bei Toren oder umstrittenen Entscheiden dem Geschehen leicht angepasst, werden insgesamt aber als neutral wahrgenommen.

FC Zürich ähnelte dem FC St.Gallen

Bezüglich Ambiente hat der FC St.Gallen die bösen Geister bereits vertrieben. Die sportliche Entwicklung gilt es abzuwarten. Das Comeback im Tourbillon, dessen Gegentribüne wie ein Relikt aus längst vergangenen Zeit dastand, gelang souverän. Aber am Donnerstag wird der FC Zürich ein stärkerer Gegner sein als Sion – sofern die zweitschwächste Mannschaft der Rückrunde ihre Launenhaftigkeit abstreift und an die Darbietung gegen die Young Boys anschliessen kann.

Anders als sonst in der vorsichtigen Art à la Ludovic Magnin trumpften die Zürcher mutig und nach vorn gerichtet auf, eigentlich wie der FC St.Gallen. Wäre ihnen bei einer Riesenchance das 3:1 gelungen, wären sie kaum mit leeren Händen heimgekehrt. Der FCZ gehört auch zu den bloss drei Teams, gegen die St. Gallen in dieser Saison verloren hat. Alle drei, auch Young Boys und Luzern, gewannen aber zweimal.

Die Experten schätzen die Chancen des FC St.Gallen ganz unterschiedlich ein. In Peter Zeidlers Heimatland oder zumindest im «Kicker» sind die Young Boys «klarer Favorit auf den Meistertitel». Sein Landsmann Marcel Reif sieht im «Teleclub» den FC St. Gallen mindestens auf gleicher Höhe und bringt es auf den Punkt:

«YB muss, St. Gallen darf Meister werden.»

Aufgefallen

Hefti im Nationalteam?

Silvan Hefti drängt sich immer mehr auf, für das Nationalteam nämlich. Ob das auch der Coach so sieht, weiss ich nicht. Vielleicht hat Vladimir Petkovic das Gefühl, St. Gallens Aussenläufer habe seinen Zenit überschritten, vielleicht auch, weil er die Captainbinde trägt. Tatsächlich gab der 22-jährige Goldacher bereits vor fünf Jahren, am 12. September 2015 gegen Basel, sein Debüt in der 1. Mannschaft.

Dessen Talent hatte Trainer Joe Zinnbauer erkannt. Inzwischen stehen 145 Super-League-Spiele auf Heftis Konto. Kevin Mbabu ist auf der Rechtsaussenposition des Nationalteams wahrscheinlich gesetzt. Dahinter sind Stephan Lichtsteiner und Michael Lang kaum Optionen für die Zukunft, Silvan Hefti dagegen ist in dieser Saison enorm gereift. Er würde Cedric Itten im Schweizer Kader gute Gesellschaft leisten.

Nsamé, die Lebensversicherung

Bei den Young Boys hat man oft das Gefühl, sie seien wieder einmal glücklich davongekommen. Dabei beweisen die Spieler just mit ihren Reaktionen auf Rückstände meisterliche Klasse. Sie leisten somit auch ausserhalb von Corona effiziente Kurzarbeit und sind Spezialisten für Doppelschläge. Am Samstag trafen sie gegen den FCZ in der 81. und 85. Minute, gegen den FC St. Gallen im Spiel vor der Corona-Pause in der 44. und 47. Minute (beide Tore in der ersten Halbzeit), schon im Wankdorf gegen St. Gallen in der 23. und 30. Minute und in Sion einmal in der 1. und 3. Minute, Torschütze meistens Jean-Pierre Nsamé.

Richtiger Entscheid in der Schweiz

Der günstige Verlauf der Corona-Fallzahlen macht den richtigen Entscheid auf Fortsetzung der Meisterschaft offenkundig. Nun lag der Schweizer Fussball sogar richtig, den Zeitpunkt um ein paar Wochen hinauszuschieben, während die Deutschen auf ein möglichst rasches Ende im Juni drängten. Sie erleben jetzt ausschliesslich Geisterspiele und machen bald wieder Pause.

Das ist ohnehin eine Eigenart in unserem nördlichen Nachbarland: Sie pferchen viele Meisterschaftstermine in einen kleinen Zeitraum. In dieser Saison fanden zum Beispiel acht Bundesligarunden, also fast ein Viertel des ganzen Saisonpensums, in den «Wonnemonaten» November und Dezember statt. Sie passen das goldene Kalb Bundesliga der heilige Kuh Nationalmannschaft an, um für sie mehr Freiräume zu schaffen.

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Ralf Streule, Tim Naef