Kolumne

Gegentribüne: Der FC St.Gallen ist der Reiche unter den armen Schluckern

Am Schluss hat die Vernunft gesiegt. Ab 19. Juni wird wieder gespielt. Der FC St.Gallen startet beim FC Sion. Die Gefahr durch das Virus war schliesslich weniger gross als jene durch das Zaudern der Klubfunktionäre, die zuletzt den finanziellen Aspekt und die saubere sportliche Lösung in den Vordergrund rückten.

Fredi Kurth
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Gegentribüne-Kolumnist Fredi Kurth.

Gegentribüne-Kolumnist Fredi Kurth.

Bild: Urs Bucher

St.Gallens Präsident Matthias Hüppi konnte aus relativ starker Position agieren – auch weil die Mannschaft so vorzüglich abgeschnitten hatte. Der Entscheid pro Wiederaufnahme der Meisterschaft wäre sonst wahrscheinlich schwerer gefallen. Dann wäre zum Beispiel die Reaktion der Anhänger auf freiwilligen Rückerstattungsverzicht wegen Geisterspielen nicht so überwältigend gewesen.

Bundeskredit? Nein Danke

Weiteres Anzeichen für eine inzwischen solidere Basis war der frühzeitige Trainingsbeginn. Zusammen mit den Grasshoppers, die offensichtlich den Rückenwind durch die Geldspritze aus Fernost verspüren, war der Super League Leader der erste Verein, der das Training wieder aufnahm. Das komplizierte Konstrukt mit drei Gesellschaften (Event AG, FC St.Gallen AG und Stadion AG) kam dabei den Bestrebungen noch entgegen, weil für die administrativ tätige Event AG weiterhin Kurzarbeit geltend gemacht werden konnte, somit eine klare Trennung zum sportlichen Bereich bestand. Selbst auf die von den Vereinen heftig geforderte und dann gewährte Unterstützung durch den Bund verzichtete St.Gallen bisher mit der Begründung, sich nicht schon wieder zu verschulden.

11. Mai 2.2020: Das erste Training des FC St.Gallen nach dem Lockdown hinter verschlossenen Türen.

11. Mai 2.2020: Das erste Training des FC St.Gallen nach dem Lockdown hinter verschlossenen Türen.

Bild: Michel Canonica

Der Graben mitten durch die Super League

Die Diskussion um die Wiederaufnahme des Spielbetriebs machte deutlich, wie tief die Gräben sind zwischen Arm und Reich in den beiden höchsten Spielklassen. Die grosse Kluft führt mitten durch die Super League, mit Young Boys und Basel als die Superreichen, und die zweite kleinere ist irgendwo am Ende der Super League zu orten, mit dem FC Thun als Anführer der weniger Bemittelten, welche vor allem in der Challenge League anzutreffen sind.

FC St.Gallen: Minibudget für die 1. Mannschaft

Der FC St.Gallen nimmt in diesem Feld eine eigenartige Zwitterstellung ein. Er ist ein Zwerg bei den Auslagen für die 1. Mannschaft, aber ein Riese bei der Infrastruktur (Stadion, Administration), Zuschauereinnahmen, Nachwuchsförderung und allgemeiner Akzeptanz. In der Saison 2018/19 betrug der Personalaufwand im sportlichen Bereich, also für das Super League Team gerade mal 11,4 Millionen Franken – zwei Millionen weniger als in der Saison davor. Die Reduktion dürfte Teil der Massnahmen gewesen sein, um das strukturelle Defizit zu verringern. Mit diesen gelang es, die finanzielle Lage wieder zu stabilisieren.

Die Diskrepanz zu andern Vereinen war kürzlich am Beispiel des FC Sion zu erkennen. Dort weigerten sich neun Spieler den durch Kurzarbeit auf den maximalen Betrag von 12'000 Franken reduzierten Monatslohn zu akzeptieren. Beim FC St.Gallen gibt es in dieser Saison Stammspieler, welche knapp die Hälfte dieses Betrags verdienen, nicht in Kurzarbeit, sondern gemäss Vertrag. Dass hier Anpassungen erfolgen müssen (oder schon sind), versteht sich. Das Missverhältnis ist auch darauf zurückzuführen, dass in einem jungen Ensemble kaum Spitzensaläre bezahlt werden.

Ein Klub des Vertrauens

Matthias Hüppi, Alain Sutter, Peter Zeidler und die vielen weiteren im FC engagierten Personen leisteten so gute Arbeit, dass sich der FC St.Gallen in dieser Saison in ungewohnten Höhen bewegt. Das Unternehmen FC Ostschweiz war in bester Lage, auf allen Ebenen abzuheben und dem Anspruch der Anhänger, hinter den Young Boys und Basel die Lücke zu füllen, gerecht zu werden.

Lukas Görtler fühlt sich bei seinem Arbeitgeber gut aufgehoben.

Lukas Görtler fühlt sich bei seinem Arbeitgeber gut aufgehoben.

Bild: Urs Bucher

Die Einnahmenverluste durch die Coronakrise schmerzen. Aber noch kann St.Gallen den Schaden in Grenzen halten, um in besseren Zeiten den eingeschlagenen Kurs wieder aufzunehmen. Ich denke, dass sich manche Spieler – Lukas Görtler hat sich schon mal dahingehend geäussert – in der grossen Pause bewusst geworden sind, wie sehr sie sich beim FC St.Gallen auf der sicheren Seite bewegen. Mancher wird vorsichtig abwägen, bevor er Abwanderungsgelüsten nachgibt.

19, die Fussball wollen und 1 schwarzes Schaf

Und im Moment freuen sich fast alle, dass in absehbarer Zeit der blanke runde Ball das stachelige Virus definitiv aus den Stadien verdrängen wird. Das haben sie nicht zuletzt den Klubpräsidenten der Challenge League zu verdanken. Wer der zweite Nein-Sager war unter den 20 Abstimmenden konnte ich aus den Hunderten von Zeilen und den vielen verbalen Stellungnahmen nicht eruieren. Mein Verdacht fällt auf den Präsidenten des Tabellenvorletzten Xamax, bei dem die Verträge von neun Spielern auslaufen. «Wir waren für Abbruch der Meisterschaft», sagte Christian Binggeli. «Aber selbstverständlich akzeptieren wir den Entscheid.»

Gleiches war vom FC Lugano zu hören. Die Schweiz will wieder Fussball, und das dürfte auch das einzige, im Wallis weidende schwarze Schaf der Familie nicht mehr ändern können. Wie sehr dürften nun in Ländern wie Frankreich oder Holland, wo die Regierungen diktatorisch bis Ende August auch Geisterspiele verboten haben, viele beschäftigungslose Fussballer neidvoll nach Deutschland, England, Italien, Spanien oder Österreich schielen, wo wieder fröhlich gespielt wird.

Aufgefallen

Allerdings sind mit der Freigabe durch den Bundesrat (er hatte in Europa als erste Regierung Fussball verboten, aber auch als erste wieder in Aussicht gestellt) nicht alle Probleme gelöst worden. Insbesondere die längst fällige Aufstockung gilt es nun an die Hand zu nehmen, wenn die TV-Rechte neu verhandelt werden. Es gibt genügend Vereine, die aufgrund immenser Investitionen in neue Stadien, aber auch aufgrund ihrer Tradition einer grösseren höchsten Liga gut anstehen würden.

Meiner Ansicht wäre es keine Schande, einfach wieder auf jene Formel zurückzugreifen, die vor knapp 20 Jahren aufgegeben wurde: 12 Vereine in der Super League, 12 Vereine in der Challenge League. Qualifikationsphase mit 22 Runden. Dann Aufteilung in acht Teams Meisterrunde Super League, acht Teams Auf-/Abstiegsrunde SL/ChL und acht Teams Abstiegsrunde Challenge League. Das ergäbe wieder 36 Runden pro Saison.

Zwei Änderungen wären nach meiner Auffassung aber unerlässlich: Dreiteilung nicht schon vor Weihnachten, sondern erst im April und Verzicht auf Punktehalbierung in der Meisterrunde. Wer Zweifel hat, ob das nötig sei, dem hilft wahrscheinlich dieser Satz aus dem aktuellsten Geschäftsbericht des FC St.Gallen: «Der FC St.Gallen 1879 war 2018/19 – nebst Meister YB und Aufsteiger Xamax – der einzige Verein, der seinen Zuschauerschnitt gegenüber der Vorsaison zu steigern vermochte, während die übrigen Vereine allesamt an Zuschauern eingebüsst haben.»

In diesen Tagen wäre im Normalfall die Meisterschaft zu Ende gegangen, an Auffahrt mit Young Boys gegen St.Gallen. Wegen des Auffahrtslaufs und wahrscheinlich auch wegen des CSIO hätte der FC St.Gallen nicht im eigenen Stadion spielen können. Das weckt Erinnerungen, denen wir während Corona ausgiebig nachleben konnten. So hatten Reiter und Fussballer einst Verbindungen zueinander, nicht zuletzt dank Paul Schärli, früherer Präsident des FC St.Gallen. So fand der CSIO im Jahr 1978 auf dem Espenmoos statt, weil damals auf dem Breitfeld die Autobahn gebaut wurde. Die Stallungen befanden sich auf dem Olma-Gelände. Umgekehrt spielte St.Gallen am 6. August 1994 im Reiterstadion auf dem Gründenmoos ein einziges Mal ein Meisterschaftsspiel. Vor 6500 Zuschauern wurde Xamax 4:0 besiegt. Die Torschützen: Giuseppe Gambino, Urs Fischer, Tamas Tiefenbach und Radislaw Gilewicz. Das Espenmoos war damals noch nicht spielbereit, und Richard Fischbacher, seit bald 26 Jahren Speaker des FC St. Gallen, hatte in jenem Match seinen ersten Einsatz. (th)

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