Kolumne

Gegentribüne: Der FC St.Gallen in der zweiten Coronawelle – acht Fragen, acht Vermutungen

Zwei Ansichten sind möglich: Die neue Saison verläuft so spannend wie die vergangene – oder sie verläuft ebenso chaotisch. Corona holt mit der zweiten Welle den Fussball aus seiner Blase und beeinflusst den sportlichen Betrieb. Spannende oder eben bedrohliche Fragen stellen sich auch beim FC St.Gallen.

Fredi Kurth
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Gegentribüne-Kolumnist Fredi Kurth

Gegentribüne-Kolumnist Fredi Kurth

Bild: Urs Jaudas

Vielleicht die wichtigste zu Beginn: Kann der FC St.Gallen die Young Boys und den FC Basel wieder herausfordern?

Im Moment deutet einzig die Tabellenlage darauf hin. Die Mannschaft erinnert in einer Hinsicht wieder an die erste Saison unter der neuen Führung, jene von 2018/19. Innerhalb eines Spiels fehlt die Konstanz. Lichten Momenten folgen plötzlich schwächere Phase. Doch sie ist nicht überbelastet durch zu häufigen Spielbetrieb – ein kleiner Trost für das verpasste europäische Abenteuer.

Gewisse Frische zeigten Zeidlers Leute bereits wieder gegen Luzern. Beispielgebend dafür war der wie in besten Zeiten herausgespielte Führungstreffer. Von ganz links wanderte der Ball weit nach rechts, wo Aussenverteidiger Alessandro Kräuchi in Hefti-Manier den Ball für den linken Aussenläufer Victor Ruiz in Mittelstürmerposition auflegte. Vorbildlich. Luzerns Abwehr war weit auseinandergezogen. Werden aus solchen Lichtblicken wieder längere Abschnitte, kann St.Gallen ganz vorne mitmischen.

Reicht aber für eine solche Entwicklung nach namhaften Abgängen die Klasse der Mannschaft?

Auch wenn gegen Luzern die Defensive erstmals in dieser Saison mehrfach aus den Angeln gehoben wurde, dürfte sie sich insgesamt als ebenso stabil erweisen wie in der Vizemeister-Version. Der Spielstil birgt das Risiko von Gegentoren. Man beobachte einmal, wie viele Gegentore selbst Bayern München kassiert, obwohl es mit Torhüter Manuel Neuer über den idealtypischen «Ausputzer» verfügt.

Der FC St.Gallen braucht sich diesbezüglich nicht zu verstecken, hat mit Lawrence Ati Zigi den zurzeit besten Torhüter der Liga zwischen den Pfosten. In der Offensivbewegung scheint die Masse die Klasse noch zu überwiegen. Da ist kein Ermedin Demirovic, Cedric Itten oder Dereck Kutesa in Sicht.

Goalie Lawrence Ati Zigi.

Goalie Lawrence Ati Zigi.

Bild: Marc Schumacher/Freshfocus

Wie sehr kann die Rückkehr von Boris Babic der Mannschaft helfen?

Der Normalfall: Er benötigt noch Zeit. Schon Ottmar Hitzfeld hat einmal gesagt, die Rückkehr zur alten Form dauere so lange wie die Zeit von der Verletzung bis zum Comeback. Die Zuversicht: Die Physiotherapie ist inzwischen weiter fortgeschritten, und die Spiellust von Boris Babic verkürzt ebenfalls den Anlauf. Dann kann er tatsächlich zu einem wichtigen Faktor werden und auch die Einbindung der neuen Stürmer vorantreiben. Nur alle Hoffnung auf ihn zu setzen, wäre problematisch.

Spielt der FC St.Gallen manchmal zu übermotiviert und lässt in heiklen Phasen die Ruhe vermissen?

Die Verdienste von Lukas Görtler für den Aufschwung des FC St.Gallen sind unbestritten. Markus Schüepp, der frühere Torhüter zu Espenmoos-Zeiten, erachtet ihn sogar als die wichtigste Bereicherung des Kaders. Leider aber ist Görtler auch ein Heisssporn, der sich zuweilen schon bei geringem Anlass enorm enerviert und sich nun auch der «Spuckaffäre» knapp elegant entziehen konnte. In einer weiteren Szene wurde Betim Fazliji von einer TV-Kamera als Simulant entlarvt. Gerade in Corona-Zeiten wäre ein bisschen mehr Gelassenheit angezeigt. Ein positives Beispiel ergab sich am Wochenende in der 2. Bundesliga, wo eine Mannschaft den Freistoss-Ball dem Gegner ungenutzt zuschob, nachdem sie den Platzverweis für den gegnerischen Torhüter als zu hart betrachtet hatte.

Eine angebliche Spuck-Attacke von Lukas Görtler sorgte für Wirbel.

Eine angebliche Spuck-Attacke von Lukas Görtler sorgte für Wirbel.

Bild: Marc Schumacher/freshfocus

Wie ist die Lage der Liga einzuschätzen?

Neben St.Gallen könnten aufgrund der Transfers vor allem Luzern und Zürich den Spitzenteams YB und Basel gefährlich werden. Der nächste Gegner Lugano ist ebenfalls zu beachten. Die Tessiner sind in der Super League seit zwölf Spielen unbesiegt, haben dabei aber acht Mal unentschieden gespielt. Der letztjährige fulminante Aufsteiger Servette stagniert erstaunlicherweise, steht nach vier Spielen mit einer totalen Tordifferenz von 2:3 zu Buche. Lausanne könnte diese Saison die Rolle der Genfer übernehmen.

Wieviel hängt von Corona ab?

Sehr viel. Corona hatte schon den Titelkampf in der vergangenen Saison verfälscht. Nun ist der FC Basel in Quarantäne, weitere Fälle dürften folgen. Es ist schon erstaunlich: Es werden mehr Fussballer als Zuschauer angesteckt. Die Frage nach der Professionalität einzelner Kicker stellt sich.

Spielt der FC St.Gallen weiter vor 10'000 Zuschauern?

Schwierig zu beurteilen, weil bei der Beurteilung der Pandemie Emotionen eine grössere Rolle spielen als Fakten. So nutzten schon beim Spiel auf der Luzerner Allmend nur halb so viele Zuschauer die erlaubte Kapazität. Bis jetzt ist nicht bekannt geworden, wie sich der Anhängeraufmarsch beim Match des FC St.Gallen gegen Servette ausgewirkt hat. Wahrscheinlich kommt man zum selben Schluss wie in Bern beim Fussball und Eishockey: Keine Ansteckung darauf zurückzuführen. Doch die Behörden dort machen eben alles auf Berner Art . . .

Am Sonntag, 4. Oktober, durfte der FCSG im Kybunpark vor 10'000 Zuschauern spielen.

Am Sonntag, 4. Oktober, durfte der FCSG im Kybunpark vor 10'000 Zuschauern spielen.

Benjamin Manser

Ist der Fussball arrogant oder beispielgebend?

Es gibt sogar Fussballfreunde, die den Betrieb lieber auf Geisterspiele reduziert oder ganz geschlossen sähen. Man darf aber auch anderer Meinung sein, so lange die Grossveranstaltungen coronafrei bleiben. Denn Lockdowns hatten bis jetzt einen einzigen wirklichen, aber entscheidenden Erfolg gebracht: Die Todesfälle sind markant gesunken – und jetzt in der zweiten Welle auf tiefem Niveau verharrt. Ob das so bleibt, ist ungewiss. Das Virus jedenfalls wurde nicht besiegt, und die nun explosiv steigenden Fallzahlen schnellen überall in die Höhe, egal in welchem Land und egal welche Massnahmen getroffen worden sind, einmal ein bisschen strenger, ein anderes Mal ein bisschen weniger streng.

Zu vergleichen sind die Fallzahlen nicht mehr. Gäbe es im gleichen Umfang mehr IQ-Tests, gäbe es auch überall mehr Idioten. Wir müssen mit der sich weiterhin meistens harm- bis neuerdings symptomlos verlaufenden Krankheit leben. Jeder und jede weiss inzwischen, wie sie sich und andere schützen müssen. Wer sich fahrlässig anstecken lässt, ist selber schuld, sowohl Opfer als auch Täter. Die Heilung erfolgt in der Regel rasch, und die Zahl der aktuellen Fälle bleibt gegenüber der Gesamtbevölkerung gering. Man vergleiche diese einmal mit einem Meterband, und dann erkennt man, dass sich die aktuellen Fallzahlen ganz links im Zwei- bis-Dreimillimeter-Bereich bewegen. Zugegeben, dies sind bloss Ansichten eines unbedarften Normalbürgers, der darüber staunt, was so alles an Widersprüchlichem und an Panik verbreitet wird. Und ein Fussballstadion ist kein Gesundbrunnen. Aber der Fussball geht mit gutem Beispiel voran.

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