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Gegentribüne: Der FC St.Gallen braucht den Mut zur Lücke

Was vom FC St.Gallen in der neuen Saison erwartet werden kann: wieder ereignisreiche Spiele. Rang drei ist im besten Fall möglich. Das hängt aber auch von der Konkurrenz ab.
Fredi Kurth
Was macht Trainer Peter Zeidler (Mitte) diese Saison aus seinen Mannen? (Bild: Freshfocus)

Was macht Trainer Peter Zeidler (Mitte) diese Saison aus seinen Mannen? (Bild: Freshfocus)

Peter Zeidler geht mit seiner Mannschaft in die zweite Saison. Der Unterschied zur ersten: Der immer noch grosse Kader ist nun mit mehr Spielern besetzt, die der Vorstellung des Trainers entsprechen. Die Findungsphase bei elf Neuverpflichtungen dürfte zwar erneut einige Zeit beanspruchen, aber nicht mehr so viel wie im Sichtungsjahr, als erst am Schluss gesagt werden konnte: Ja, das ist sie, die Mannschaft, die Konstanz und Erfolg verspricht.

Fredi Kurth. (Bild: Urs Jaudas)

Fredi Kurth. (Bild: Urs Jaudas)

Immer noch spielstarkes Mittelfeld

Ja, das wäre sie gewesen. Doch mit Majeed Ashimeru, Vincent Sierro und Tranquillo Barnetta verlor sie just die fussballerisch besten Akteure neben dem nun doch nicht abtrünnigen Jordi Quintillà. Wie dieser Verlust aufgefangen werden kann, bleibt abzuwarten. Vom Spielertyp her scheint Lukas Görtler am ehesten in der Lage zu sein, Sierro adäquat zu ersetzen. Zeidler musste in den Ansprüchen an die Spieler ein wenig zurückbuchstabieren. Der Fussballer, der schnell, agil, technisch und athletisch stark ist, spielt nicht beim FC St.Gallen, sondern bei Liverpool oder Manchester City.

Im Kybunpark agieren Fussballer, die ihre Stärken, aber auch ihre Schwächen haben. Die Ausgewogenheit ergibt sich aus den unterschiedlichen Spielertypen. Sollte die Startformation gegen Sporting Lissabon die Grundlage einer Stammelf gebildet haben, wäre im Mittelfeld mit Jordi Quintillà, Victor Ruiz und Lukas Görtler aber erneut technisches Potenzial vorhanden.

Optimistisch, aber mit mehr Balance

Seiner Spielphilosophie wird Zeidler so oder so treu bleiben: Fussball spielen lassen, der bewegt und Bewegung erfordert – auch von ihm an der Seitenlinie. Der Deutsche gehört in die Reihe der Trainer, die einen optimistischen Auftritt wollen und nicht bloss reinen Konterfussball à la Lugano oder Island. Andere Trainer dieses Typs sind Pep Guardiola, Jürgen Klopp, Peter Bosz oder Julian Nagelsmann. Mit dem Unterschied, dass Zeidler mit einem wesentlich geringeren Portefeuille auskommen muss.

Doch die grossen Vorbilder passen, mit Ausnahme Guardiolas, ihre Taktik ebenfalls an. Für die neue Saison stellt sich die Frage, inwiefern auch Zeidler wieder Variabilität ins Spiel bringt wie bereits in diesem Frühjahr, als St.Gallen massiver verteidigte und offensiv von den Sprintqualitäten von Dereck Kutesa und Axel Bakayoko sowie der Spielintelligenz Barnettas profitierte.

Mind the gap – die Lücke beachten

Wer schon einmal in London mit der Untergrundbahn gefahren ist, dem hallt noch einige Zeit die Durchsage «Mind the gap» nach. Die Lücke beachten – das gilt auch für den FC St.Gallen. Lücken entstehen jeweils hinten in der Abwehr, wenn sich die Mannschaft allzu forschem Angriff widmet. Aber ganz ist das nicht zu vermeiden.

In einen anderen Zwischenraum darf der FC St.Gallen – anders als die U-Bahn-Fahrer zwischen Tür und Perron – ruhig hineintrampen. Es ist das gähnende Loch zwischen dem Spitzenduo Young Boys/Basel und dem Rest der Liga. Da hat sich im Laufe der Jahre ein immer grösserer Graben aufgetan, der drastisch aufzeigt, weshalb die Super League auf europäischem Terrain immer mehr absackt. Vergangene Saison hätte man sogar meinen können, dass die Challenge League bereits ab Rang drei beginnt. Der Tabellendritte Lugano holte gerade mal halb so viele Punkte (46) wie Meister Young Boys (91). Es ist der letzte Quantensprung einer Entwicklung, die schon einige Zeit andauert.

Die Tabellendritten und ihr Abstand zum Meister

Saison Platzierung Punkte
2008/09 3. Basel 7 Punkte hinter Meister Zürich
2009/10 3. GC 15 Punkte hinter Meister Basel
2010/11 3. YB 16 Punkte hinter Meister Basel
2011/12 3. YB 23 Punkte hinter Meister Basel
2012/13 3. St.Gallen 13 Punkte hinter Meister Basel
2013/14 3. YB 13 Punkte hinter Meister Basel
2014/15 3. Zürich 25 Punkte hinter Meister Basel
2015/16 3. Luzern 29 Punkte hinter Meister Basel
2016/17 3. Lugano 33 Punkte hinter Meister Basel
2017/18 3. Luzern 30 Punkte hinter Meister YB
2018/19 3. Lugano 45 Punkte hinter Meister YB

Die zweitplatzierte Mannschaft war immer YB oder Basel ausser 2011 Zürich, 2012 Luzern und 2014 Grasshoppers.

Späherqualitäten ersetzen dicke Geldbörse

Dem FC St.Gallen bietet sich also eine grosse Chance, in das klaffende Loch zu hüpfen, erstmals wieder seit sieben Jahren. Fast alle aber streben nach demselben Ziel, und deren Stärke einzuschätzen fällt noch schwerer. Wenn der wie immer grosszügig investierende FC Sion, der in der oben stehenden Tabelle überhaupt nie auftaucht, einen Spieler wie Valon Behrami an Land zieht, bedeutet das nicht unbedingt viel.

Mehr Gewicht haben die weniger bekannten Akteure, die irgendwo im Kader-Nirwana einer grossen Mannschaft untergetaucht oder sonst wie unentdeckt geblieben sind. Da geben die Späherqualitäten von Sportchef Alain Sutter zu Hoffnungen Anlass, die in der zurückliegenden Saison schon bestätigt worden sind. Dass nicht alle Engagements von Erfolg gekrönt waren, liegt in der Natur der Sache. So konnten sich einige wie Slimen Kchouk, Victor Ruiz, Miro Muheim oder auch der vor längerem verpflichtete Adonis Ajeti noch gar nicht richtig präsentieren. Das Ringen um Einsätze dürfte erneut unerbittlich sein. Denn erfreulicherweise erhöhen auch viele eigene Nachwuchsleute den Druck – fünf sind es von den insgesamt elf neuen Spielern im Kader.

Bleibt die Frage, wie sich das Torhüterduell auswirken wird. Die Konstellation des vergangenen Jahres mit einer klaren Nummer 1 und einem routinierten Ersatztorhüter besteht nicht mehr. Die Testspiele gaben noch zu wenig Auskunft über das Format von Jonathan Klinsmann. Doch beide Keeper machten einen guten Eindruck, was für fast alle Akteure gilt, die sehr selbstbewusst auftraten.

Mit mehr Geschick gegen Luzern?

Vorbereitungspartien mögen trügerisch sein. Was gegen Speicher oder Bochum noch locker aufgetischt werden konnte, wird im Alltag der Meisterschaft schwieriger werden, wenn Gegner aufkreuzen, die primär laufen und kämpfen – wie zum Start am Samstag der FC Luzern, der seit dem 17. April 2017 alle Spiele gegen St.Gallen gewonnen hat. Da wird eher wieder ausschlaggebend sein, ob der letzte Pass gelingt und der Ball im Tor statt am Querbalken landet, sprich Spielglück. Und ob bei Kontern die Lücke hinten rasch genug geschlossen wird. Mind the gap!

Aufgefallen

Der FC St.Gallen blieb auch in der Sommerpause im Gespräch. Die «On-Tour»-Kampagne erreichte offensichtlich die erwünschten Emotionen und Aufmerksamkeit. Auch die Jubiläumsspiele gegen Celtic Glasgow und Sporting Lissabon verliefen in erfreulichem Ambiente. In den Gästeblocks erschienen mehr Fans als in manch einem Super-League-Spiel, und die Celtic-Supporters sangen «Happy Birthday Saint-Gallen». Dass Eintrittsgeld verlangt wurde, war okay. Der FC St.Gallen bringt immer wieder mal kostenlose Tickets via die treuen Abonnenten in Umlauf. Irgendwann hat die Gratismentalität auch Grenzen, und just die in Massen aufkreuzenden portugiesischen Fans schienen das zu billigen.

Dafür hätte der Zuschauerservice im Stadion etwas besser sein und ab und zu mal die Aufstellungen der beiden Teams auf den Video-Wänden erscheinen dürfen. Auch bei den St.Gallern gab es neue Gesichter, und einige der Bisherigen trugen eine andere Rückennummer oder, wie mir schien, neue Frisuren.

Natürlich blieben negative Schlagzeilen nicht aus, sogar von «Lawinen» war die Rede, denen sich Matthias Hüppi erwehren müsste, und ich fürchtete schon um die Gemäuer des Kybunparks inklusive dem sattgrünen neuen Rasen, der in vier Wochen gewachsen ist. Schliesslich konnte das meiste in der Schublade Sommertheater abgelegt werden.

Auch nur scheinbar ernsthaft und ehe im Sinne einer Markterkundung waren wahrscheinlich die Abgangsgelüste von Alain Sutter. Ich konnte mir auch nicht vorstellen, was denn an dieser Aufgabe «Nationalteam-Manager» so reizvoll sein soll, ausser vielleicht der Bürojob mit Langzeitgarantie. Nicht von ungefähr haben der Reihe nach auch Leute wie Christoph Spycher oder Peter Knäbel abgesagt. Dabei fühlen sich schon manche Nationaltrainer nicht voll ausgelastet und sehnen sich häufig nach der täglichen Beschäftigung in einem Verein. Coach und Manager – das wird selbst im wesentlich hektischeren Betrieb von englischen Premier League Unternehmen in Personalunion erledigt.

Die Super League und andere Pannen: Die Zehnerliga hat den ersten Fauxpas der neuen Saison bereits hinter sich. Kaum war der Terminkalender veröffentlicht, musste eine gravierende Verschiebung bekanntgegeben werden. Die Partie Zürich gegen St.Gallen vom Samstag, 31. August, muss wegen Leichtathletik-Anlässen um zweieinhalb Wochen vorverlegt werden, wie die Swiss Football League begründete. Als ob diese Veranstaltungen schuld und deren Termine nicht bekannt gewesen wären. Das hat zur Folge, dass der FC St.Gallen und der FC Zürich während vier Wochen kein einziges Super-League-Spiel mehr auf dem Programm haben. Gut einen Monat nach Meisterschaftsstart beginnt dann sozusagen die Herbstpause, die auch wegen Nationalteam-Daten bereits drei Wochen betragen hätte. Die Super League als zu vernachlässigende Grösse in wettermässig und terminlich zuschauerfreundlichen Wochen, dafür drei Runden im Dezember – auch das ein Grund für abnehmendes Interesse.

Wem die Sommerpause dieses Jahr zu lange war, der konnte sich an erfrischendem Frauenfussball erfreuen oder an den Darbietungen der männlichen U-21-Kicker an ihrer EM-Endrunde. Fragt sich nur, wie sich früher die Fussballfreunde in den ungeraden Jahren ohne WM oder EM die Zeit um die Ohren geschlagen haben: Entweder sie haben, wie ich diesen Sommer, die Saure-Gurken-Zeit genossen, oder es gab Ersatz mit der Copa America mit Nationalteams wie Brasilien, Argentinien oder Chile. Diesmal kam zu diesem Wettbewerb noch der Africa Cup (sonst ein Füller zur Winterpause) hinzu. Doch hier hat sich der relativ unbekannte Pay-TV-Streamer Dazn die Rechte geschnappt – mit dem Ergebnis, dass diese beiden früher beachteten Konkurrenzen fast völlig von der Bildfläche verschwunden sind. Das Free-TV hat die Chance mit dem Frauenfussball und der U-21-EM raffiniert genutzt, mit Live-Übertragungen zu bester Sendezeit. Leider glänzten die Schweizer Akteure durch Abwesenheit, und es fällt auf, dass die männlichen Nachwuchsauswahlen, vor wenigen Jahren noch Europa- und Weltmeister, sich kaum einmal für Endrunden qualifizieren. Die U-21 hat von den letzten zehn Pflichtspielen nur drei gewonnen, zwei davon gegen Liechtenstein. (th)

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