Kolumne

Gegentribüne: Mit vier Siegen aus fünf Spielen – der FC St.Gallen begreift den Corona-Fussball

Die Corona-Meisterschaft hat eine neue Art von Fussball hervorgebracht. Das Runde muss zwar immer noch ins Eckige, wie das aber unter den jetzigen Bedingungen am besten gelingt, darüber rätseln viele Trainer noch. Der FC St.Gallen hat schon wirkungsvolle Anpassungsfähigkeit bewiesen.

Fredi Kurth
Drucken
Teilen
Mit vier Siegen aus fünf Partien hat der FC St.Gallen die meisten Punkte seit dem Neustart geholt.

Mit vier Siegen aus fünf Partien hat der FC St.Gallen die meisten Punkte seit dem Neustart geholt.

Michel Canonica

Es ist die Summe von Neuerungen, die das letzte Saisondrittel abenteuerlich werden lassen. Die kleinen Zuschauerzahlen forcieren die Ungewissheit wahrscheinlich am wenigsten, viel mehr dürfte dies durch die rasch aufeinanderfolgenden Spiele und das erhöhte Auswechselkontingent auf fünf Akteure der Fall sein. Diese Faktoren fordern die taktischen, konditionellen, mentalen und individuellen Fähigkeiten einer Mannschaft enorm. Bezogen auf den FC St.Gallen lässt sich sagen, dass er die mentale Probe bisher bestanden und mit vier Siegen aus fünf Partien die meisten Punkte seit dem Neustart geholt hat.

Gegenüber Xamax wesentlich verbessert

Gegentribüne-Kolumnist Fredi Kurth.

Gegentribüne-Kolumnist Fredi Kurth.

Bild: Urs Bucher

Was sich geändert hat: Zeidlers Team kann nicht mehr 90 Minuten durchpowern. Hatte St.Gallen bis zur Corona-Pause fast in jedem Spiel mehr Torchancen und Torschüsse zu verzeichnen als der Gegner, hat sich das seither einige Male mehr als nur ausgeglichen. Beim 2:1-Erfolg in Neuenburg lautete das Chancenverhältnis sogar 13:5 für Xamax.

Das dürfte nur einen St.Galler erfreuen: Torhüter Lawrence Ati Zigi kann endlich seine Qualitäten nicht nur als Libero, sondern auch in seinem Kerngeschäft – Torhüterparaden – beweisen. Xamax war der Tiefpunkt, Sion die bestandene Reifeprüfung.

St.Gallens Torhüter Lawrence Ati Zigi sticht immer wieder durch gute Paraden heraus.

St.Gallens Torhüter Lawrence Ati Zigi sticht immer wieder durch gute Paraden heraus.

Bild: Claudio Thoma / freshfocus

Dasselbe Resultat, zwei 2:1-Siege, am Ende dasselbe Spielgeschehen, St.Gallen unter Druck und insgesamt doch ein enormer Unterschied. In Neuenburg bestimmte von einer kurzen Phase abgesehen der Gegner die Gangart, gegen Sion war St.Gallen von A bis Z Chef auf dem Platz. Nun hatte St.Gallen 11 Torchancen, Sion 5. Für den freiwilligen Rückzug in die eigene Platzhälfte fand Ermedin Demirovic eine lustige Erklärung: «Wir mussten auch einmal den Kopf einschalten.» Dass aber auch der ausgeschaltete Kopf nützliche Dienste leisten kann, hat Demirovic selber bei seinem zweiten Tor bewiesen: Kopfball an die Latte, Kopfball ins Netz.

Eingewechselte Spieler besonders gefordert

Ein Problem für die Taktikfüchse unter den Trainern besteht darin, dass der Gegner mit fünf Auswechslungen die halbe Mannschaft auswechseln und in der zweiten Halbzeit somit neue Energie aufbauen kann. Um das kräftemässige Gleichgewicht zu wahren, muss St.Gallens Trainer Peter Zeidler auf ähnliche Weise reagieren, wodurch von der Start- und Stammformation nicht mehr viel übrig bleibt.

Gerade bei Mannschaften mit einer konkreten Spielidee wie dem FC St.Gallen kann es dann zu einem Systemabsturz kommen – wie in der zweiten Halbzeit gegen den FC Zürich und den FC Thun. Nicht dass die neuen Leute so viel schlechter wären. Vielmehr fehlt es der im Verlauf der zweiten Halbzeit ad hoc zusammengewürfelten Equipe dann an Zusammenhang. Aus St.Gallens Defensive wurde oft ein Emmentaler Käse – gegen Sion stellte St.Gallen zähflüssiges Raclette entgegen.

Die Null bleibt selten stehen

Ein Phänomen ist nicht verschwunden. St.Gallens Offensivlust ist gewissen einkalkulierten Risiken ausgesetzt. Ein Tor mehr schiessen als der Gegner lautet die Devise. Unglaublich: St.Gallen hat in den letzten 15 Super-League-Partien nur einmal kein Gegentor erhalten, am 9. Februar beim 1:0 gegen Servette.

Dennoch konnte es die Leaderposition erklimmen und sogar leicht ausbauen. Umgekehrt haben Zeidlers gelehrige Schüler nur in zwei Partien (Luzern 0:1, Zürich 0:4) nicht ins Schwarze getroffen. Das sieht im Einzelnen wie folgt aus (alle Resultate aus St.Galler Optik):

Super-League-Partien des FC St.Gallen

Saison 19/20
Datum Gegner Heim (H)/ Auswärts (A) Resultat
02.11.19 Sion H 3:0
10.11.19 YB A 3:4
24.11.19 Xamax H 4:1
01.12.19 Luzern A 4:1
08.12.19 Thun A 4:1
14.12.19 Zürich H 1:3
26.01.20 Lugano H 3:1
02.02.20 Basel A 2:1
09.02.20 Servette H 1:0
16.02.20 Luzern A 0:1
23.02.20 YB H 3:3
20.06.20 Sion A 2:1
25.06.20 Zürich H 0:4
28.06.20 Thun H 3:2
01.07.20 Xamax A 2:1
05.07.20 Sion H 2:1

FC St.Gallen auch auf Roadtrip erfolgreich?

Die Spannung an der Spitze könnte sich fortsetzen. Von Meister reden dürfe man, hat Peter Zeidler gesagt. Das sei bei der jetzigen Ausgangslage nicht zu vermeiden. Dass sie sich aber rasch ändern kann, erlebt aktuell der Challenge-League-Leader Lausanne, seit dem Neubeginn sieglos. Vielleicht hat man sich schon zu früh als sicherer Aufsteiger gewähnt. Der grosse Vorsprung ist auf fünf Punkte geschmolzen.

Von Meister reden dürfe man, hat FCSG-Coach Peter Zeidler gesagt.

Von Meister reden dürfe man, hat FCSG-Coach Peter Zeidler gesagt.

Bild: Marc Schumacher / freshfocus

St.Gallen läuft weniger Gefahr, von Bruder Leichtsinn gepackt zu werden. Nun geht die Mannschaft auf einen Roadtrip, wie es im nordamerikanischen Eishockey heisst, wenn mehrere Auswärtsspiele ohne Heimkehr anstehen. Der FC St.Gallen reist von der Begegnung am Donnerstag in Lugano direkt weiter nach Genf, wo er auf Servette trifft – zwei Gegner, gegen die St.Gallen bisher das Maximum von neun Punkten gewonnen hat. Die Young Boys treffen daheim auf Thun und auswärts auf Basel. Ob wir in einer Woche vielleicht doch etwas mehr wissen?

Aufgefallen

Wir sind wieder einmal beim spannenden Thema VAR angelangt. Die Fairness gebietet, dass man auch davon spricht, wenn er dem FC St.Gallen wohlgesonnen ist. Indirekt war dies der Fall, indem er eingriff bei Jean-Pierre Nsames Tätlichkeit im Spiel der Young Boys gegen Servette. Direkt, indem er nicht eingriff bei einem möglichen Handspiel von Lukas Görtler bei einem Freistoss für Xamax, nachdem der FC St.Gallen in einer ähnlich gravierenden Handspiel-Situation gegen Zürich nicht hatte profitieren können. Merke: Auch der VAR darf ein Gedächtnis und Fingerspitzengefühl haben. Interessanterweise entdeckten die Teleclub-Experten beim Sion-Match schon wieder eine Benachteiligung für den FC St.Gallen, allerdings ohne Einfluss auf die Punkteverteilung, wieder mit Görtler als Hauptakteur, diesmal als «Opfer»: Görtler war in Sions Strafraum um einen Tick schneller am Ball; Baltazar schlug dem St.Galler, der sich danach pflegen lassen musste, voll unten auf den Fuss. Der Ref gab Freistoss für Sion. Die Szene ähnelte jener im vergangenen Luzern-Match, als Miro Muheim zu spät kam. Die Innerschweizer verwandelten den Elfmeter zum entscheidenden 1:0.

Wie sehr eine Mannschaft, die über lange Zeit eine ähnliche Spielkultur pflegte wie der FC St.Gallen, in der eng terminierten Schlussphase vom Kurs abkommen kann, zeigte das Beispiel des Linzer ASK in der österreichischen Bundesliga. Da war am Schluss nichts mehr von kompaktem Auftritt zu erkennen. Den Oberösterreichern wurde allerdings auch übel mitgespielt. Weil sie in der Corona-Vorbereitungsphase verbotenerweise schon Trainingsübungen im Mannschaftsverbund absolvierten, wurden ihnen sechs Punkte abgezogen. Eine kräftige Busse gegen den Verein statt einer Kollektivbusse gegen alle Spieler hätte es auch getan. Linz hatte die Qualifikationsphase für die Meisterrunde mit grossem Vorsprung auf Salzburg für sich entschieden. Durch die reguläre Punktehalbierung und den Punktabzug lag Linz plötzlich im Hintertreffen. Das Titelrennen wurde zur Farce, der Schock für den ehemaligen Tabellenersten war offensichtlich zu gross. (th)

Mehr zum Thema