Kolumne

Gegentribüne: Der FC St.Gallen so stark wie im Meisterjahr 2000 – mindestens

Der FC St.Gallen ist nach seinem Husarenritt beim FC Basel vom Titelgewinn noch so weit entfernt wie die Menschheit von der nächsten Mondlandung. Aber der Vorstoss auf Platz eins reizt natürlich zum Vergleich mit dem Meisterjahr. Festzustellen sind erstaunliche Parallelen und ebensolche Unterschiede.

Fredi Kurth
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Das Team von Peter Zeidler hat die Basler Spieler am Sonntag regelrecht an die Wand gedrückt.

Das Team von Peter Zeidler hat die Basler Spieler am Sonntag regelrecht an die Wand gedrückt. 

(Bild: Andy Mueller / freshfocus)

Fangen wir nüchtern mit Zahlen an. Nach 20 Runden hat St.Gallen zwei Punkte mehr auf dem Konto als vor 20 Jahren, 41 statt 39. Und die Tordifferenz beträgt 47:27 statt 37:25. Die Punktequote ist ungefähr gleich gross, St.Gallen trifft aber wesentlich häufiger ins gegnerische Tor.

Unterschiedlich verlief die Saisonentwicklung. Während sich St.Gallen damals mit Trainer Marcel Koller fast linear vom ersten Spieltag an auf Platz eins bewegte, ist der jetzige Aufstieg an die Tabellenspitze beispiellos.

Von Rang 9 auf Platz 1

Mittwoch, 14. August 2019, 22 Uhr: Der FC St.Gallen hat soeben beim FC Zürich im vorverschobenen Spiel der 5. Runde 1:2 verloren und ist auf den 9. Platz abgerutscht. Am nächsten Tag titelt das St.Galler Tagblatt: «Schönreden würde nichts nützen.» Der FC St.Gallen müsse sich nach der verdienten Niederlage nach hinten orientieren. Die Mannschaft macht in der Folge genau das Gegenteil.

Sonntag, 2. Februar 2020, 17.50 Uhr: Der FC St.Gallen bejubelt im St.Jakob-Park frenetisch, aber angemessen den Sprung auf Platz eins. Von den zehn Feldspielern, welche vor einem halben Jahr die Partie gegen den FCZ begonnen haben, stehen acht auch wieder in Basel beim Anpfiff auf dem Rasen. Einzig der wegtransferierte Dereck Kutesa und der gesperrte Yannis Letard fehlen.

Wenn wir den FC St.Gallen so stark einschätzen wie im Meisterjahr, dann ist es dieser wundersame Wandel vom vermeintlichen Abstiegskandidaten zum möglichen Titelanwärter, der das rechtfertigt. Wenn wir nochmals trockene Zahlen bemühen, dann sind es solche, die St.Gallens Gegnern zu denken geben müssen.

Super League Bilanz nach 5 Runden

Team Anzahl Punkte
Young Boys 13
Basel 12
St.Gallen 4

Super League Bilanz Runde 6 bis 20

Team Anzahl Punkte
St.Gallen 37
Young Boys 27
Basel 24

Nicht zu unterschätzen ist auch Servette. Der Aufsteiger hat von Runde 6 an 25 Punkte gewonnen, so dass es am nächsten Sonntag im Kybunpark nochmals zu einer Art Spitzenkampf kommt. Zu hoffen bleibt, dass dann das Stadion nicht wieder fast halb leer sein wird wie gegen Lugano.

Weiterer Unterschied: Das Meisterjahr 2000 hatte niemand vorhergesagt – es war ein Geschenk des Himmels. Die jetzige Saison basiert auf einem Dreijahresplan entsprechend der ursprünglichen und inzwischen um ein Jahr verlängerten Vertragsdauer mit Peter Zeidler. Aber eben: Dreijahresplan. Einen derartigen Ausreisser hatte in der zweiten Saison niemand auch nur erahnen können.

Ausschlaggebend: Taktik und Kondition

Zum Stichwort «unglaubliche Saison» passt der unglaubliche Fussball, den der FC St.Gallen am Sonntag im St. Jakob-Park  auf den Rasen zauberte. Wobei es weniger mit Zauberei zu tun hatte als mit Siegeswillen, diesem Drang, den Gegner zu beherrschen und mit konditioneller Überlegenheit.

Ich mag mich nicht erinnern, dass der FC Basel im eigenen Stadion je einmal so an die Wand gedrückt worden ist, so hilflos wirkte, nicht einmal in der Champions League. Der Ex-Meister hatte in der ersten halben Stunde drei Chancen, dann nichts mehr, in der zweiten Halbzeit keinen einzigen Schuss aufs St.Galler Tor. Torhüter Lawrence Ati Zigi war nur noch als Libero gefragt – und auch das selten. Es war der Aufprall von modernem Fussball, wie er zurzeit die Bundesliga zur attraktivsten der Top Ligen macht, und einem etwas veralteten Bemühen, mit dem Basel aber immer noch in der Europa League spielt.

Warum die St. Galler so rennen mögen. . .

Bei SRF und Teleclub herrschte allgemein grosses Erstaunen darüber, dass St.Gallen so lange die hohe Kadenz aufrechterhalten konnte, während bei Basel spätestens mit St.Gallens Ausgleich durch den ebenfalls erstaunlichen Betim Fazliji die Kräfte bereits nachzulassen schienen. In Kollers Team gab es kein Pressing, liefen die Stürmer bei Ballverlust resigniert dem Geschehen hinterher.

Da waren die St.Galler in fast allen Zweikämpfen schneller am Ball und wendiger. Auch in dieser Frage weicht Peter Zeidler wie oft von der Logik ab:

«Ein Fussballprofi kann heutzutage über 90 Minuten hohes Tempo geben, weil das häufig unterbrochene Spiel Atempausen ermöglicht.»

Wie recht er hat: Die schnellste Pace erreichten die St.Galler beim Jubelsprint nach André Ribeiros Siegtreffer in der 93. Minute. . .

Xhakas Mätzchen, Jaccottets Fehlurteil

Bei solcher Diskrepanz nützten Basel nicht einmal die Mätzchen von Captain Taulant Xhaka, der zunächst Lukas Görtler am Leibchen umriss und selber den Verletzten markierte und – schlimmer noch – auch in jener Situation recht bekam. Der VAR-Fehlentscheid von Adrien Jaccottet hätte einiges zu diskutieren gegeben. Es war ein Rückfall in jene Zeit, als sich ganz am Anfang zu häufig der Mann «aus dem Keller» gemeldet hat und darauf später so gut reagiert wurde, wie kaum in einem andern Land mit Videoassistenz: dem Nichtreagieren bei umstrittenen Entscheiden.

Diesmal war es nicht einmal umstritten. Jérémy Guillemenot war im Ballbesitz, Xhaka attackierte mit dem Kopf am Ellbogen des Gegners. Der welsche Kommentator hatte es richtig gesehen: keine Absicht, sondern natürliche Bewegung des Stürmers. Das hatte Schiedsrichter Fedayi San live selbst aus nächster Nähe beobachtet.

Aufgefallen

Für Matthias Hüppi war Peter Zeidler der «Trainer des Jahres». Er hätte es verdient gehabt, meinte er unlängst nach dem Swiss Football Award. Stattdessen wurde wieder Meistertrainer Gerardo Seoane gewählt. Darüber kann man streiten, so wie all diese Anlässe, bei denen Ehrenpreise vergeben werden, subjektiv geprägt sind, auch bei der Vergabe von Nobelpreisen, Oscars oder Sportlern des Jahres. Was Letztere betreffen, interessieren sie mich ungefähr so sehr, wie die Anzahl Mistgabeln, die in Ostschweizer Bauernhöfen im Stall stehen. Das sind im Fussball jene Anlässe, bei denen auf globaler Ebene gefühlt immer Lionel Messi gewählt wird und Cristiano Ronaldo beleidigt fernbleibt. Welchen Wert solche Auszeichnungen haben, wurde just vergangene Woche in der Bundesliga offenkundig. Fortuna Düsseldorfs Friedhelm Funkel wurde entlassen, nachdem er im Dezember noch zu «Deutschlands Trainer des Jahres» erkoren worden war. Natürlich hätte es Zeidler verdient, nimmt man die absolute Leistung zum Massstab. Davon zeugt nur schon die grosse Differenz beim Transferwert der Mannschaften. Jener von YB beträgt aktuell 77,85 Millionen Franken, jener des FC St.Gallen 22 Millionen. Selbst diese Zahl hat sich unlängst erhöht, dank dem umsichtigen St.Galler Führungstrio. Gemäss Transfermarkt sind zurzeit Silvan Hefti (3,5 Millionen Euro), Cedric Itten (3,0 Millionen) und Leonidas Stergiou (2 Millionen) am höchsten dotiert. So würde Alain Sutter in gleicher Konsequenz wie bei Peter Zeidler der Titel «Transferchef des Jahres» zustehen. Die aktuelle Transferbilanz weist einen Überschuss von 2,35 Millionen Euro aus, bei Einnahmen für Abgänger von 2,80 Millionen und Ausgaben bei Zuzügern von 450'0000 Euro.

Wie beliebig allerdings solche Zahlen sein können, zeigt das Beispiel von Noah Okafor. Er ist kurz vor Transferschluss (in der Schweiz sind allerdings noch bis Mitte Februar Wechsel möglich) für 11,2 Millionen Euro zu Austria Salzburg transferiert worden. Dass es sich beim Basler nigerianischer Abstammung um ein Talent handelt, ist keine Frage. Sonst hätte er nicht vergangenen Sommer gegen England im Nationalteam debütiert. Aber Cedric Itten hat schon zweimal für die Schweiz gespielt und erst noch Tore geschossen. Und Okafors Leistungsausweis nimmt sich eher bescheiden aus. Für den FC Basel hat er in dieser Saison in 14 Spielen 0 Tore und 1 Assist verbucht, in der Europa League in 4 Spielen wenigstens 2 Tore, 1 Assist. Zum Vergleich hat St.Gallen in den Top Ten der besten Torschützen nicht weniger als vier Stürmer: Ermedin Demirovic (Platz zwei mit 9 Toren), Jordi Quintillà (3/9), Cedric Itten (5/8), Boris Babic (Rang 9/7 Tore). Es ist eben immer noch ein Unterschied, ob jemand als Talent beim FC Basel spielt oder beim kleinen FC St.Gallen.

Salzburg statt Basel – auch das lässt tief blicken. Der österreichische Serienmeister ist die bessere Adresse als das Schweizer Pendant. Doch vielleicht eine gar nicht so ungeschickte Wahl. In der österreichischen Bundesliga, die sich niveaumässig ungefähr auf gleicher Höhe wie die Super League bewegt, kann sich ein Talent wie Okafor besser entwickeln. Erling Halland, nun bei Dortmund, ist das beste Beispiel. Dejan Stojanovic muss sich demgegenüber beim FC Middlesbrough wahrscheinlich etwas länger gedulden. Dort figurieren drei Torhüter im engeren Kader, gemäss Website sind es sogar vier bei total 34 Profis. 1,1 Millionen Euro mögen für den FC St.Gallen ein beachtlicher Betrag sein für einen einst ablösefrei engagierten Spieler, für Middlesbrough hingegen ein Schnäppchentransfer. Bisher stand Stojanovic noch nicht im Aufgebot; allerdings hätte es nach elf Tagen Spielpause erst eine realistische Gelegenheit gegeben, beim 1:1 am Samstag gegen Blackburn Rovers. (th)

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