Kolumne

Gegentribüne: Der FC St. Gallen schillerte diese Saison in allen Farben – Voraussetzungen für eine Fortsetzung sind gegeben

Ende gut, fast alles gut. Am Schluss lag es nicht mehr in den Füssen der St. Galler. Dennoch: Vizemeister tönt auch ganz formidabel. Der FC St. Gallen hat die kühnsten Erwartungen übertroffen. Doch schon interessiert der Vorausblick.

Fredi Kurth
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Am 31. Juli besiegte der FC St.Gallen Xamax mit 6:0. Die Espen sicherten sich in dieser Corona-Meisterschaft Platz zwei hinter dem Fussballmeister YB.

Am 31. Juli besiegte der FC St.Gallen Xamax mit 6:0. Die Espen sicherten sich in dieser Corona-Meisterschaft Platz zwei hinter dem Fussballmeister YB.

Bild: Claudio Thoma / freshfocus

Im Moment war die Enttäuschung stärker als die Freude. Hoch gewonnen und doch ohne Aussicht, im abschliessenden Spiel gegen den Meister noch alles umdrehen zu können. Die Enttäuschung war da, weil die Freude über den wunderbaren Fussball des FC St. Gallen schon fast die ganze Saison über angedauert hatte. Wir hatten uns daran gewöhnt und erlabten uns doch immer wieder aufs Neue. Der Meistertitel wäre der verdiente Lohn gewesen, die Krönung. Und doch, man sollte nicht unverschämt werden. . .

Fredi Kurth

Fredi Kurth

Bild: Urs Bucher

Auch meine persönliche Belohnung ging nämlich bachab. Im September, nach dem Sieg in Sion, wettete ich 40 Franken auf den kommenden Meister FC St.Gallen. 5000 Franken hätte ich eingesackt. Eine andere, einseitige Abmachung musste ich zum Glück nicht einlösen: Von Bern zu Fuss an den Bodensee zu wandern, falls St.Gallen am Montag mit der Trophäe heimgekehrt wäre. Die 5000 Franken hätte ich vielleicht eingesetzt, um mich von der Reise auf Schusters Rappen freizukaufen.

St. Gallen meisterlich in der Attraktivität

1:0 gegen Xamax, 1:0 gegen Luzern, 1:0 gegen Sion. Mit diesen Resultaten verteidigten zuletzt die Young Boys ihren Meistertitel. 6:0, 4:1, 2:1 – so hatte sich der FC St. Gallen von den gleichen Gegnern in den vergangenen Tagen verabschiedet. Resultate sagen manchmal mehr als tausend Worte. In diesem Fall verdeutlichen sie die beiden stark voneinander abweichenden Spielphilosophien, die in der Corona-Phase für die Berner entschieden und nicht, wie es zuvor den Anschein gemacht hatte, für den kecken Aussenseiter.

St.Gallen zeigte fast jedes Mal von der ersten Minute an Hochgeschwindigkeitsfussball, überfallartig, manchmal wild. Die Gegner wussten immer, was sie erwartete, und konnten sich doch nur in seltenen Fällen erfolgreich dagegen wehren. Die Young Boys hingegen verpflichteten sich diese Saison mehr als zuvor dem strategischen Fussball, begannen den Auftritt jeweils «Nümä nid gsprängt, aber gäng echly hü», mit Ballkontakt für alle und kam oft erst gegen Ende in Schwung.

YB ein Meister der starken Abwehr

Die ungleich langen Spiesse bei den Terminansetzungen und der Corona-Fall FC Zürich verstärkten den unterschiedlichen Kräfteverschleiss. Noch mehr aber fiel wahrscheinlich ins Gewicht, dass YB ab Juli, spät, aber nicht zu spät, endlich eine solide Abwehrformation fand, die kaum noch Torchancen zuliess.

Der neue und alte Meister gewann sieben der letzten acht Partien, verlor einzig in Basel, und auch nur, weil er in der 96. Minuten einen Penalty vergab, und kassierte in sechs Spielen kein Gegentor. So ergibt sich der eine erhellende Schluss: Die Gelb-Schwarzen vom Wankdorf sind erneut der wahre Meister in einer Meisterschaft, die zwei Meister verdient hätte.

Spalier stehen im Wankdorf

Das grün-weisse Team dürfte nun am Montagabend Spalier stehen und kräftig applaudieren. Die Rivalität findet ein versöhnliches Ende, und doch werden die St. Galler versuchen in dieser Revanche ein paar Müsterchen ihrer Fussballkunst darzubieten, während die Berner entschuldigend auf ihre Meisterfeiern verweisen werden. Das Drehbuch scheint vorgezeichnet zu sein.

Da würden wir Zeidler schlecht kennen

Doch schauen wir weiter: Corona wird noch bis ins nächste Jahr Einfluss nehmen auf das Fussballgeschehen, bis Ende 2020 bestimmt auch auf die Zuschauerzahlen in den Stadien. Der Begeisterung für den Fussball hierzulande konnte das Virus wenig anhaben, zumindest nicht in der Ostschweiz. So stellt sich die Frage, ob der FC St.Gallen mit Meisterschaftsbeginn ab 11. – 13. September auch in Zukunft der lärmige Tabellennachbar der Young Boys und des FC Basel sein wird. Das als selbstverständlich zu erachten, könnte fatal sein. Die Gefahr hierfür besteht aber eher bei den Anhängern als in der sportlichen Leitung.

Womit die Frage zum Teil beantwortet ist: Die Voraussetzungen für weiteren Höhenflug sind vorhanden. Anpassungen in Richtung gebremster, vorsichtigere Spielweise wird es nicht geben. Da würden wir Peter Zeidler schlecht kennen. Vielmehr wird es Ziel sein, die defensive Organisation bei demselben Angriffsschwung zu verbessern. Die junge Mannschaft wird weiter reifen, und der Verein scheint finanziell für die grossen Schwierigkeiten durch das Virus besser gewappnet zu sein als andere – mit einem bereits gesicherten Abonnementverkauf, der über dem gesamten Zuschauerdurchschnitt manch anderer Teams liegt. Die physische Belastung hängt zudem vom Abschneiden in der Europa League ab, mit Start am 24. September in der 3. Qualifikationsrunde.

Und zum Schluss ein wenig Philosophie

Das Virus gab uns auch Zeit zum Sinnieren. Was macht diesen Sport so beliebt? Warum sind im Stadion ebenso Knirpse wie Mütter anzutreffen, Einzelgänger ebenso wie Patchwork-Familien, Bankdirektoren ebenso wie Bankräuber, sonntägliche Kirchgänger ebenso wie samstägliche Bordellbesucher? Und vor allem, woher kommt diese unfassbare Identitätsstiftung für eine ganze Region? Genügt es nicht, wenn wir auf die Olma, den Säntis und KKS stolz sind?

Die Begeisterung für den Fussball zu ergründen, haben schon viele versucht. Das Leiden eines Fans am eindrücklichsten beschrieben hat wahrscheinlich Nick Hornby in seinem ersten Buch «Fever Pitch», auf Deutsch «Rasenfieber»: Wie wir in jedem Spiel der uns vertraut gewordenen Mannschaft gequält werden, und uns das alle 14 Tage wieder zumuten.

Ich denke, dass sich solche Leidenschaft in unserer Jugend entwickelt, oft unterstützt durch den Vater und Kinder in der Nachbarschaft. Wer so früh einmal gepackt worden ist von der Faszination Fussball, kommt davon kaum mehr los. Es ist das Drama, das uns in den Bann zieht, die Unvorhersehbarkeit, dieses «Tausend mal probiert, tausend mal ist nichts passiert» und dann fällt doch ein Tor. Als ob wir im Alltag nicht schon genug Aufregung und Schicksal hätten, aber im Fussball ist es begrenzt auf 90 Minuten und eine Saison. Dann beginnt alles wieder von vorne. Und es ist Drama live – anders als im Kino, wo Autoren und Regisseuren lange am Endprodukt gefeilt haben.

Eine Sprache, die alle verstehen

Und es kommt, anders als vielleicht im englischen Fussball, auch auf den Erfolg an. Wenn sich die Siege wiederholen, steigert sich die Freude zur Euphorie. Ohne Corona hätte sich die Ticketnachfrage beim FC St.Gallen mehr als verdoppelt. In Basel jedoch schrumpft sie markant, wenn die Meisterfeier nicht wie die Fasnacht alle Jahre stattfindet.

Fehlt noch die Erklärung für diesen Stolz in der Aussendarstellung. Ich habe nur eine:

«Hey»,

rufen wir der Restschweiz zu,

«wir können nicht nur Olma, wir können auch Fussball.»

Eine Sprache, die überall verstanden wird, weil Fussball überall beliebt ist.

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