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Kolumne

Gegentribüne: Der FC St. Gallen erntet, was vor wenigen Jahren gesät wurde

An den Auftritten des FC St.Gallen gefällt vor allem die jugendliche Frische. Ohne falsche Hemmungen geben die talentierten Springinsfeld der Mannschaft das Gepräge. Immer mehr sind es auch Spieler aus dem eigenen Nachwuchs.
Fredi Kurth
Betim Fazliji, Victor Ruiz, der Torschütze zum 0:1, Cedric Itten und Yannis Letard jubeln nach dem Tor gegen den FC Basel im Spiel vom letzten Sonntag. (Bild: Marc Schumacher/freshfocus)

Betim Fazliji, Victor Ruiz, der Torschütze zum 0:1, Cedric Itten und Yannis Letard jubeln nach dem Tor gegen den FC Basel im Spiel vom letzten Sonntag. (Bild: Marc Schumacher/freshfocus)

Dölf Früh, der ehemalige verdiente Präsident des FC St.Gallen, äusserte sich mir gegenüber einmal besorgt darüber, dass mit dem Führungswechsel zur jetzigen Crew die Früchte der Nachwuchsarbeit möglicherweise nicht geerntet und allenfalls auch keine mehr nachwachsen würden. Mit Silvan Hefti und Roy Gelmi für längere Zeit und Jasper van der Werff für kurze Zeit gab es damals kräftige Lebenszeichen aus dieser Abteilung. Es gebe aktuell viele weitere Spieler in den Nachwuchsteams von Future Champs Ostschweiz, die über ebenso viel Talent verfügten, sagte Früh. Wie bei solchen Ankündigungen üblich: Man hört zu und denkt sich, schauen wir mal.

Dölf Frühs Vision: Besser spät als nie

Und? Frühs zweite Einschätzung war richtig, doch seine Befürchtung scheint sich nicht zu bewahrheiten. Peter Zeidler wirft so viele junge Spieler ins kalte Wasser wie kein Trainer zuvor und entscheidet streng nach dem Leistungsprinzip. Wenn die Neuerwerbungen Fabiano Alves oder Moreno Costanzo noch nicht bereit sind, dann kommt eben der 20jährige Betim Fazliji zum Zug, von Anfang an.

Ähnlich überraschend hatte Zeidler im Frühjahr den jüngsten Kaderspieler Leonidas Stergiou, Jahrgang 2002, aus dem Hut gezaubert. Ein anderer 17-jähriger, Fabio Solimando, ist mir im Vorbereitungsmatch gegen Bochum aufgefallen. Nur ein Test und doch: Da ist möglicherweise noch so einer unterwegs. Und da stehen auch all die Staubli, Kräuchi, Campos und Babic bereit, die jederzeit eingesetzt werden könnten. Womit sich die Vision von Dölf Früh, des Retters des FC St.Gallen in dessen grösster Krise, doch zu erfüllen scheint: FCO soll überlebenswichtigen Ertrag abwerfen. Zumindest sportlich trifft dies; finanziell müsste sich der Aufwand irgendwann auch einmal auszahlen.

Die Mischung stimmt

Es ist diese Mixtur aus wenigen routinierten Leuten, Schnäppchen-Akteuren aus dem Scouting und nun dem Fundus des eigenen Nachwuchses, die den aktuell so optimistischen Fussball ermöglicht. Bei den meisten FCO-Lehrlingen fällt auf, wie frech und entschlossen sie auftreten, sich anbieten und den Nebenleuten Anweisungen geben. Da ist ein Mentalitätswandel erfolgt, wie er allerdings überall zu beobachten ist, nicht nur beim FC St.Gallen.

Fredi Kurth

Fredi Kurth

Früher brav erzogen, heute rotzfrech

Einst nämlich war ein talentierter Jüngling dazu auserkoren, den Mannschaftskoffer zu tragen. Heute wird ihm die Captainbinde übertragen. Einst hatte sich der begabte Kicker auch auf dem Feld ganz in den Dienst der Mannschaft zu stellen. Nur nicht übermütig dribbeln, sondern immer brav den Ball auf den Fuss des Libero oder Spielregisseurs servieren.

Peter Quarella, Erstteamler zu Nationalliga-B-Zeiten in den 1960-ern, erinnert sich, wie er vom begnadeten Techniker Salih Sehovic die Anweisung erhielt: «Du läufst, ich spiele». Quarella hatte gefälligst die Laufarbeit zu verrichten, Salih Sehovic mit dem Radius von etwas mehr als einem Bierdeckel war der Ballverteiler. Das Besondere beim heutigen FC St. Gallen: Es gibt kaum noch Spieler in übergeordneter Hierarchie. Alle haben Junge neben sich, für die gilt: «Hilf dir selbst». Oder Zeidler hilft gestenreich, lautstark.

Für St.Gallen Modell, für Basel Notlösung

So reiste am Samstag ein ziemlich junges Team nach Basel und traf dort ebenfalls eine Nachwuchsmannschaft an, verstärkt mit ein paar Routiniers. Der Unterschied: St.Gallen konnte schon auf eine eingespielte Einheit zählen, bei Basel hingegen entstand die Formation aus einer ziemlich radikalen Rotation durch Trainer Marcel Koller im Hinblick auf das Spiel gegen PSV Eindhoven. Wahrscheinlich ein zweischneidiges Schwert: Einerseits wollen die Basler diesen Dienstag mit ebenso viel Energie antreten wie der Gegner (nur im holländischen Super-Cup engagiert) und die Gefahr von Verletzungen vermeiden, andererseits wurde der Vorteil, mit einem weiteren Spiel mehr Ernstkampfpraxis zu haben, vergeben. Die Niederlage gegen St.Gallen war nach Marcel Kollers Worten schon einmal nicht eingeplant.

Im Vorwärtsgang bis zum Schluss

St.Gallen schien mir in der ersten Halbzeit allerdings zu spüren, dass nach dem Ausfall von Quintillà ein komplett neues Mittelfeld im Vergleich zur vergangenen Saison auf dem Feld stand. Aber nach der Pause hatte sich dieses Problem erledigt. St.Gallen war Chef auf dem Platz, konnte nach der erneuten Führung das Geschehen immer wieder in die gegnerische Hälfte verlegen und geriet nur einmal noch in ernsthafte Schwierigkeiten. Die unterschiedlichen Halbzeiten wurden durch das Chancenverhältnis verdeutlicht: Vor der Pause 5:3 für Basel, nach der Pause 6:3 für St.Gallen. Cedric Itten zeigte, dass er sich bereits wieder der Form vor der Verletzung nähert. So betrachtet kann er ebenfalls als Verstärkung betrachtet werden, als ein Spieler, der für fast eine Saison an die medizinische Abteilung ausgeliehen war.

Der Sieg im St.-Jakob-Park stimulierte die Laune für den Match gegen Dortmund (Dienstag, 19.30 Uhr). Schon vergangene Woche hatte ich etliche Mühe, auf der Gegentribüne online zwei Plätze nebeneinander zu ergattern.

Aufgefallen

Der Video Assistant Referee (VAR) war diesmal kein Thema. Bravo. Er hat sich zurückgehalten. Dabei hätte er durchaus in Versuchung geraten können, sich sowohl beim Ausgleich der Basler als auch in der Penaltyszene vor dem 2:1 zu melden. Vor dem 1:1 durch Kemal Ademi hatte Kevin Bua den Ball mit der ausgestreckten Hand und dem Oberschenkel berührt. Nach längerer Betrachtung im Teleclub-Studio kamen die Experten dort zum Schluss, dass es sich wohl um Handspiel gehandelt hat. Aber ganz sicher war es nicht. Und wie schwierig wäre erst der Entscheid für Schiedsrichter Adrien Jaccottet gewesen, wenn ihm der VAR diese Bilder zugemutet hätte. Die Frage war: Flog der Ball zuerst an die Hand oder an den Oberschenkel? Im zweiten Fall wäre es klar kein Penalty gewesen, nach neuer Auslegung für diese Saison: Das hätte sozusagen als unabsichtliche technische Unbeholfenheit gegolten. Klarer präsentierte sich die Situation beim Foul von Eray Cömert an Jérémy Guillemenot. Es war ziemlich genau eine Kopie des Vorfalls mit Axel Bakayoko im Match gegen Luzern. So wie Cömert auf St. Gallens Angreifer losging, ohne Aussicht den Ball zu treffen, war es eine klare Foulsituation, die Jaccottet auch blitzschnell erkannte. Ob der Verteidiger St. Gallens Stürmer tatsächlich getroffen hat, war aus den TV-Bildern nicht ersichtlich. Aber zudem nicht erheblich: Berührung ist nicht entscheidend. Im Gegenteil: Es gibt sogar Foulattacken, in denen der Angegriffene sogar gut daran tut, Kontakt und damit eine schwere Verletzung zu vermeiden. Das war hier aber nicht gegeben.

Basels Verteidiger Cömert kam im Interview allerdings nicht umhin, seine „Unschuld“ zu beteuern. Wenn so etwas nach 80 Minuten geschehe, müsse sich der VAR das doch ansehen. Aber nicht nach 35 Minuten? Schlimmer als diese Aussage war die Verunglimpfung des Gegenspielers. Er kenne Guillemenot von der U21 und dort versuche er immer wieder, auf diese Art einen Penalty herauszuschinden. Da schwärzt also ein Teamkollege den andern als miesen Schwalbenkönig an. Aber wahrscheinlich – Achtung Ironie! – ist Cömert als moralisches Vorbild dieser Auswahl dazu berechtigt. Wahrscheinlich hat er Guillemenot mehrfach gebeten, solches Fehlverhalten zu unterlassen, sonst würden der Schweizer U21 ungerechtfertigte Elfmeter zugesprochen.... (th)

Mehr zum FCSG-Sieg gegen Basel:

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