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Gegentribüne: Das ist er jetzt also, der gerechte Videobeweis...

Am Samstag fand der Match St.Gallen gegen Luzern an zwei Schauplätzen statt. Der eine war im Kybunpark, wo das Heimteam lange Zeit die deutlich bessere Mannschaft war. Der andere befand sich irgendwo in einem Fernsehstudio in Volketswil. Entscheidend – oder vielmehr fehlentscheidend – war, was im TV-Raum geschah.
Fredi Kurth
Emotionen pur: Spieler des FC St.Gallen und des FC Luzern in der Diskussion mit Schiedsrichter Lionel Tschudi. (Bild: Keystone)

Emotionen pur: Spieler des FC St.Gallen und des FC Luzern in der Diskussion mit Schiedsrichter Lionel Tschudi. (Bild: Keystone)

Befassen wir uns zuerst mit dem Match der Technokraten. Mehr Gerechtigkeit sollte der Videobeweis bringen. Was sich ein paar Herren, ausgebildete Schiedsrichter, am Samstag aber geleistet haben, war das pure Gegenteil. Sie griffen zweimal ein, wo es nichts einzugreifen gab.

Leider hatte auch der in den zwei umstrittenen Situationen unfähige Schiedsrichter im Kybunpark nicht die Courage, Gegensteuer zu leisten. Vielmehr entstand der Eindruck, dass Lionel Tschudi unterwürfig und ohne längeres Studium der TV-Bilder urteilte und sich damit selbst zum Versager machte – in Situationen notabene, in denen er zunächst korrekt entschieden hatte.

Fredi Kurth. (Bild: Urs Jaudas)

Fredi Kurth. (Bild: Urs Jaudas)

Hätte der VAR doch nur geschwiegen!

Ich hatte so eine Ahnung und konnte die allgemeine Vorfreude auf den Videoschiedsrichter, den Video Assistant Referee (VAR), nicht teilen. Viel wurde über ihn im Vorfeld geschrieben, und als entsprechend wichtig führte er sich beim Start auf. Das ist aber nicht seine Aufgabe. Am Samstag hätte er schweigen müssen. Denn es gab keinen Vorfall, der eine Intervention zwingend erfordert hätte.

Berührung ist nicht entscheidend

In der ersten Situation war der Fall klar: Penalty für St.Gallen. Da waren sich auch die Experten von «Teleclub» einig. Der Schiedsrichter stand fünf Meter vom Tatort entfernt und hatte alles richtig gesehen. Der Verteidiger kam klar zu spät und attackierte St.Gallens Stürmer bedrohlich.

Aufgrund der Bewegung von Axel Bakayoko konnte angenommen werden, dass zumindest eine leichte Berührung vorlag. Definitiven Aufschluss gab die TV-Aufzeichnung nicht. Aber das war auch nicht wichtig. Die Intervention des Verteidigers war entscheidend, der weit davon entfernt war, den Ball zu spielen.

Zweiter Vorfall: Lucas hatte die Torchance

Die zweite Situation: Penalty für Luzern nach einer erneuten Videokonsultation. St.Gallens Torhüter Dejan Stojanovic hatte Luzerns Angreifer Lucas mit der Faust am Kopf getroffen. Für sich betrachtet ein klares Foul. Muss der Videoschiedsrichter aber eingreifen? «Er kann», sagen die Fussballexperten des «Teleclub».

Schon in dieser Formulierung zeigt sich, dass ein Fehler passiert ist. Wir wollen ja, dass der Schiedsrichter nur dann zum Monitor gebeten wird, wenn der VAR eingreifen muss, weil der Schiedsrichter etwas Matchentscheidendes übersehen hat. Und nicht, wenn er allenfalls eingreifen könnte oder sollte.

Lionel Tschudi in einer der beiden Szenen, in denen sich der Video Assistant Referee einschaltete. (Bild: Urs Bucher)

Lionel Tschudi in einer der beiden Szenen, in denen sich der Video Assistant Referee einschaltete. (Bild: Urs Bucher)

Warum hätte der Videoassistent in der fraglichen Situation nicht intervenieren dürfen? Warum hat der Schiedsrichter keine Anstalten gemacht, von sich aus auf den Penaltypunkt zu zeigen? Warum waren im Stadion alle perplex, dass da plötzlich diese unsichtbaren Männchen etwas gesehen haben, was gar nicht zu monieren war?

Die Antwort auf diese Fragen: Weil der Luzerner Lucas kurz vor der Attacke des Torhüters die Torchance bereits auf dem Kopf hatte. Sonst wäre der Ball nämlich nicht an die Latte geflogen. Wahrscheinlich instinktiv hatte der Schiedsrichter richtigerweise nichts unternommen. Der VAR verleitete ihn aber zum zweiten, für St.Gallen verhängnisvollen Rückzieher.

Umstritten bleibt umstritten

Gut, man kann diese Situation auch anders sehen. Vielleicht hat Stojanovic den Luzerner doch noch entscheidend irritiert (was ich persönlich ausschliesse. Der Kommentator auf «SRF» sagte, Stojanovic sei viel zu spät gekommen...). Aber eben: Vielleicht. Man kann einen Vorfall als umstritten bezeichnen – diese Einschätzung aber ist die klassische Aufforderung an den VAR, höflich zu schweigen. Denn aus einer umstrittenen Situation wird nie eine eindeutige.

Beim Spiel in Thun hat in einer zu 99 Prozent analogen Situation der VAR nicht eingegriffen. Wenn er sich fast zur selben Zeit selber widerspricht, dann haben wir erst recht den Salat.

Wie ein Alien aus einer fremden Welt

Das muss man sich mal vorstellen: Da freuen sich Tausende von Zuschauern auf den Saisonstart, auf ein packendes Fussballspiel, das ihnen auch geboten wurde. Und da greifen aus annähernd 100 Kilometern Entfernung ziemlich unverständlich und unerwartet ein paar schlecht instruierte Herren wie Aliens aus einer fremden Welt ins Geschehen ein und benachteiligen klar eine Mannschaft, dummerweise die Bessere. Da wähnt man sich im falschen Film und fragt sich, warum wir noch ins Stadion gehen. Da wird der VAR zum Stimmungs- und Publikumskiller.

Der Klarheit halber: Ich würde mich auch nicht freuen, wenn der FC St.Gallen ungerechtfertigt vom Videobeweis profitieren würde wie nun Luzern.

St.Galler sehr kompakt, sehr präsent

Neben den unbedarften Winkelzügen aus Volketswil gab es zum Glück auch noch den anderen Match, den Fussball in Natura. Und das war schon ziemlich ansehnlich, was die St.Galler da zeigten. Was in den Testspielen aufflackerte, war nun auch im Ernstkampf zu sehen: Schnelles Antizipieren auf spielerisch sehr solidem Niveau. Beschwingte Offensive, ohne dabei hinten in Schwierigkeiten zu geraten.

Wie wach die Baby-Abwehr des FC St.Gallen die gegnerischen Versuche unterband, wie zügig, aber auch überlegt die Angriffe ausgelöst und über die pfeilschnellen Sturmspitzen Dereck Kutesa und Axel Bakayoko nach vorne getragen wurden, das war beeindruckend. Der einzige Vorwurf, den sich Zeidlers Leute gefallen lassen mussten: Es fehlte der raffinierte Abschluss. Der letzte Pass wie auch die Schüsse missrieten zum Teil kläglich.

Ein Aktivposten im St.Galler Offensivspiel: Axel Bakayoko. (Bild: Freshfocus)

Ein Aktivposten im St.Galler Offensivspiel: Axel Bakayoko. (Bild: Freshfocus)

Einige erstaunliche Personalien

Natürlich war es erst die Saisonpremiere. Wie oft die St.Galler eine derart konzentrierte und aufwendige Spielweise (gegen Ende liessen in der Wärme die Kräfte nach) wiederholen können, bleibt abzuwarten. Aber an dieser Leistung kann sich die Mannschaft in den nächsten Wochen mit Auswärtsspielen gegen Basel und Xamax orientieren und damit die Erinnerung an den Startschock verdrängen. Die ziemlich gefassten Aussagen einiger St.Galler in Interviews nach dem Spiel lassen auch diesbezüglich bereits eine gewisse Reife erkennen.

Interessant präsentiert sich auch die personelle Ausgangslage. Moreno Costanzo kam als Joker. Er muss sich vielleicht wie Tranquillo Barnetta erst einmal gedulden und eine günstige Gelegenheit für mehr Beachtung abwarten. Denn die Konkurrenz im Mittelfeld ist stark.

Ebenso überzeugte der Auftritt von Leuten wie Victor Ruiz, Miro Muheim oder Leonidas Stergiou, die vergangene Saison schon im Kader standen, aber eher selten zum Einsatz kamen. Sie machen den vielen anderen Nachwuchsleuten Mut, die jetzt noch wenig zum Zuge kommen und sich gedulden müssen. Von den Neuerwerbungen hat Verteidiger Yannis Letard enorme Möglichkeiten angedeutet, auch in der Spielentwicklung.

Yannis Letard bot in der St.Galler Verteidigung eine starke Leistung. (Bild: Freshfocus)

Yannis Letard bot in der St.Galler Verteidigung eine starke Leistung. (Bild: Freshfocus)

Die St.Galler Neuzuzüge zeigten im Zusammenwirken mit den Bisherigen (überzeugend war hier vor allem Silvan Hefti) eine erstaunliche Harmonie. Dass sich Zeidler für Stojanovic entschied und gegen Jonathan Klinsmann, war im Übrigen nachvollziehbar. Aufgrund der Leistungen der Nummer 1 in der vergangenen Saison, bestand kein Bedarf für einen Wechsel.

Aufgefallen

Der Kybunpark hat eine neue Stimme. Während Richard Fischbacher unter dem Tribünendach seit bereits 25 Jahren versiert und in angenehmem Timbre die pflichtgemässen Durchsagen macht, hat unten im Stadion ein Wechsel stattgefunden. Joe Keller, bekannt als Morgen-Joe bei «FM1», hat Gregor Lucchi abgelöst, der in den elf Jahren seit der Eröffnung der Arena sehr professionell und wirkungsvoll die Stimmung angeheizt hatte. Ob mit Joe Keller ein Stilwechsel hin zu etwas ruhigerer Anfeuerung erfolgt, bleibt abzuwarten. Die ersten Einsätze lassen das vermuten, aber Keller selber verspricht weiterhin eine laute Stimme und Leidenschaft. Natürlich muss er sich – wie die VAR-Menschen... – noch ein wenig einleben, auch Flexibilität erarbeiten. So las er vor dem Match gegen Sporting Lissabon fröhlich die ganze Liste der Vornamen der St.Galler Spieler durch – ohne dass je ein Widerhall vom Espenblock erfolgt wäre. Zum Beispiel: «Nummer 98, Yannis...» – Stille im Land. Da hätte er reagieren und nachhelfen müssen. Wer wusste denn schon, dass es sich um Yannis Letard handelte?

Der FC St.Gallen und seine Anhänger haben Finanzprobleme. Dem Unternehmen fehlt das Geld für teure Transfers, und den Fans ist das Bier im Kybunpark zu teuer. Vielleicht aber könnte allen just ein Getränkehersteller nachhaltige Hilfe leisten. Es handelt sich um die Salzburger Firma Red Bull, die ihre Getränke in Bludenz, also nicht weit entfernt von der Schweizer Grenze, durch die Firma Rauch herstellen lässt. Und noch näher produziert Rauch in Widnau dasselbe Getränk für den grossen amerikanischen Markt. Die Filiale befindet sich an der Espenstrasse 127. Spätestens an diesem Punkt wäre doch eine Verbindung zu den St.Galler Espen sinnvoll. Nachdem Red-Bull-Besitzer Dietrich Mateschitz schon via RB Leipzig und Red Bull Salzburg in der Deutschen und österreichischen Bundesliga aktiv geworden ist, drängt sich in der Schweiz der FC St.Gallen geradezu auf. Gescheiterte Bemühungen um die Unterstützung der Young Boys oder lose Kontakte zum FC St.Gallen sind über das Stadium von Gerüchten jedoch nicht hinausgekommen. Probleme gäbe es hier – wie seinerzeit in Salzburg mit den violetten Austrianern– wegen der Klubfarbe. Aber auch das liesse sich lösen: Rauch entwickelt einen ebenso kräftigen Grüntee, und der FC St.Gallen firmiert in Zukunft unter dem Titel FC St.Gallen Green-Bull 1879. Gleichzeitig erhält er von Red Bull, dem Besitzer des Salzburger Fussballteams, Unterstützung im selben Stil und Umfang. Das wär doch was... (th)

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