Kolumne

Gegentribüne: Am Stammtisch, im Sittertobel, am Auffahrtslauf – kein anderer FCSG-Trainer war je so sehr Stadtsanktgaller wie Peter Zeidler

Beim FC St.Gallen geht es primär um Teamwork, wenn nach Gründen für dessen funkelnden Fussball gesucht wird. Dennoch steht eine Person, ob sie es will oder nicht, im Vordergrund. Wir denken an Peter Zeidler, den Trainer.

Fredi Kurth
Drucken
Teilen
Trainer Peter Zeidler macht derzeit beim FCSG alles richtig.

Trainer Peter Zeidler macht derzeit beim FCSG alles richtig.

Bild: Freshfocus

Wenn ich die Mannschaft so beobachte und manchmal wie alle Anhänger nicht mehr aus dem Staunen herauskomme, summt in mir plötzlich ein Song von Police, der Titel «Every breath you take». Da gibt es auch die Zeilen: Every step you take, every move you make und every game you play. Immer wieder denken wir bewusst oder unbewusst an Peter Zeidler, weil noch keine St.Galler Mannschaft in ihrer Spielweise derart von ihrem Trainer geprägt war wie nun in diesen Wochen und Monaten, noch nie der abgedroschene Begriff von der «Handschrift des Trainers» so sehr passte.

Nicht nur im Kybunpark daheim

Gegentribüne-Kolumnist Fredi Kurth.

Gegentribüne-Kolumnist Fredi Kurth.

Bild: Urs Bucher

Nun, grossen Erfolg hatten beim FC St.Gallen schon andere Coaches der 1. Mannschaft, allen voran Meistertrainer Marcel Koller. Was Zeidler von den andern ebenfalls unterscheidet: Er hat sich wie kein anderer in das Leben der Gallusstadt eingefügt. Das fällt nicht nur wegen seiner markanten Kopfform auf, sondern entspringt auch seiner Offenheit, natürlichen Art und Unkompliziertheit. Mit seiner Gemahlin einquartiert in einer Wohnung oberhalb des Blumenbergplatzes, benützt er manche Gelegenheit zu kleinen Ausflügen in die Stadt, und zwar von Anfang an, auch schon, als die Kombinationen auf dem Rasen noch stockten statt flossen. Er lauschte den Klängen von New Orleans St.Gallen. Er applaudierte den Läufern des Auffahrtslaufs oben am Gübsensee und soll auch unten an der Sitter am Open Air gesichtet worden sein.

Er freute sich darüber, dass ihn unlängst bei seiner Joggingrunde sechs Mal Passanten angesprochen und ihm «nur weiter so» zugerufen hatten. Velofahrer sind Zeidler, dem «Pedaleur de Charme», schon in Kreuzlingen oder auf dem St.Anton begegnet. Und er erschien, etwas weniger anstrengend, zwei, dreimal an meinem Kollegenstamm im Café Pärkli, Kybunpärkli, wie wir es nennen, und er würde gerne häufiger vorbeischauen, wenn nicht der Mittwochvormittag fixer Trainingstermin wäre. Wir haben Verständnis...

Was ihn ärgert

Hat Zeidler überhaupt Schwächen? Sportlich vielleicht jene, dass sich seine Spielphilosophie nicht als Rettungsanker auf sinkende Abstiegskandidaten anwenden lässt – was aber erst zu beweisen wäre. Menschlich schimmert bei ihm manchmal eine sensible Ader durch. Wenn Journalisten häufig nur das halbleere und nicht halbvolle Glas sehen wie in der vergangenen Saison oder wenn er meint, jemand diskutiere taktisch nicht auf seiner Höhe, ärgert ihn das. Und manchmal, aber bloss für eine Zehntelsekunde, verliert er die Distanz zu seinem temperamentvollen Ego, wenn auf dem Rasen Ungereimtes geschieht.

Lawrence Ati Zigi, Note 6. St. Gallens Goalie rettet viermal hervorragend vor heranstürmenden Servettiens. Er markiert zudem Präsenz im Strafraum. Ein sehr starker Rückhalt.
14 Bilder
Silvan Hefti: Note 5,5. Vor allem in der ersten Halbzeit zeigt er einen hervorragenden Auftritt. Defensiv stabil, offeniv kreativ und mit Wucht. Bereitet das 1:0 stark vor.
Yannis Letard: Note 4,5. Auch er zeigt viele starke Momente, ist für einmal aber etwas weniger stilsicher als Stergiou.
Leonidas Stergiou: Note 5. Immer wieder Retter in heiklen Situationen. Der 17-Jährige spielt ruhiger als manch ein Routinier.
Betim Fazliji:Note 4,5. Seine Kreativität zeigt er auch als Aussenverteidiger. Bei schnellen Genfer Gegenstössen in der ersten Halbzeit aber nicht immer sattelfest.
Victor Ruiz: Note 4. Ihm lief's auch schon besser. Wirkt etwas überhastet in vielen Situationen. Unverzeihlich ist seine Tätlichkeit eine Viertelstunde vor Schluss.
Lukas Görtler: Note 4,5. Das Kämpferherz, wie eh und jeh. Ist damit vor allem in den Schlussminuten Gold wert.
Jordi Quintillà, Note 5. Einmal mehr mit herausragender Übersicht – scheitert zwei Mal mit hervorragenden Distanzversuchen.
Cedric Itten: Note 5. Seine Entschlossenheit und Genauigkeit beim 1:0 sind beeindruckend.
Boris Babic: Note 4,5. Er kommt erst nach 70 Minuten für Guillemenot zum Zug. Wirbelt und kämpft, treibt Mannschaft und Publikum an.
Jérémy Guillemenot: Note 4,5. Kämpft stark, zeigt die eine oder andere elegante Aktion. Ist aber weniger zwingend und entscheidend als seine Offensivkollegen.
Ermedin Demirovic: Note 4. Seine Präsenz in der Offensive war schon weit grösser. Deutet seine Stärken für einmal nur an.
Vincent Rüfli, Note: - .  In den zehn letzten Minuten verteidigt und kämpft er solid mit – kann aber keine Akzente setzen.
Axel Bakayoko. Kurzeinsatz: Kommt erst in der 92. Minute.

Lawrence Ati Zigi, Note 6. St. Gallens Goalie rettet viermal hervorragend vor heranstürmenden Servettiens. Er markiert zudem Präsenz im Strafraum. Ein sehr starker Rückhalt.

Gian Ehrenzeller / KEYSTONE

Mut, Fehler einzugestehen

In vertrauter Runde wirkt er wie unter Seinesgleichen. Engagiert, aber nicht so, dass es nur um ihn ginge. Als René Bonaria, vor Urzeiten Junior des FC St.Gallen und nahe am Kader der ersten Mannschaft, bemerkte, er hätte gegen den FC Zürich Itten und nicht Stergiou auswechseln sollen, entgegnete Zeidler schnurstracks:

«Da hast du recht, genau so hätte ich wechseln müssen. Aber ich hatte nicht den Mut.»

Just jener Trainer, der in der Super League den mutigsten Fussball spielen lässt, verliert für einmal die Courage – aber nicht Gnade, einen Fehler einzugestehen. Auch nicht in aller Öffentlichkeit. «Ich hätte die Mannschaft bremsen müssen», sagte er nach der 3:4-Niederlage gegen die Young Boys, «aber sie wollte unbedingt gewinnen. Da habe ich sie halt laufen lassen.»

Der Glücksfall St.Gallen

So sind wir wieder bei seinen Stärken angelangt. Und so verhält sich der ehemalige Gymnasiallehrer zu seinen jungen Fussballern eben wie der vorbildliche Ausbildner zu seinen Schülern, gestreng und doch als kollegialer Motivator, der aus ihnen nur das Beste kitzeln, sie sicher zur Reifeprüfung führen will. Unlängst hat Jordi Quintillà gesagt:

«Um zu gewinnen, müssen wir einfach das machen, was der Trainer uns sagt.»

Es hat einige Zeit gedauert, bis Zeidler nun im Alter von 57 auch als Cheftrainer weitreichende Beachtung und Anerkennung gefunden hat. Erstaunlich für einen Fussballlehrer, der in Salzburg und Hoffenheim als Assistent die Sporen abverdiente. Wahrscheinlich hatten andere Vereine mit ähnlichen Ambitionen nicht die Geduld, einem Trainer dieser Qualität genügend Zeit einzuräumen. In der Ostschweiz hat er sie dank Matthias Hüppi und Alain Sutter erhalten.

Aufgefallen

Beim Sieg gegen Servette kamen Risiken und Nebenwirkungen zum Vorschein, die der Vorwärtsdrang der Ostschweizer in sich birgt. Beinahe wäre die Mannschaft zum vierten Mal hintereinander 0:1 in Rückstand geraten. Dank Torhüter Lawrence Ati Zigi aber hat St.Gallen nun das Punktemaximum in den drei Spielen gegen Servette erreicht. Die Siege sind deshalb besonders wertvoll, weil sie gegen einen äusserst starken Gegner errungen wurden. Und die Reihe hartnäckiger Widersacher hat kein Ende: Am Sonntag tritt St.Gallen bei Luzern an, zuletzt viermal siegreich. Die Gegner hiessen Basel, Zürich, Young Boys und Xamax. Danach kommen die Young Boys in den Kybunpark...

Nun war es wieder eine den Leistungen und der St.Galler Fussballbegeisterung angemessene Kulisse, die den Rahmen bildete. Über 5000 mehr als gegen Lugano strebten in die Arena. Solche Ausschläge sind aussergewöhnlich. Ich habe mir sagen lassen, dass der 26. Januar ein äusserst ungünstiger Termin für ein Heimspiel gewesen sei. Da hatten am Tag zuvor die Sportferien begonnen mit dem Schichtwechsel in den Skigebieten. In jener Woche wirkt die Stadt jeweils noch leerer als in den langen Sommerferien, wenn sich die Abwesenheit der regionalen Bevölkerung besser verteilt.

In der vergangenen Woche ist Mathias Seger in die Hall of Fame des Schweizer Eishockeys aufgenommen worden. Was weiter nicht erstaunt: Der Flawiler ist der Eishockeyaner mit den meisten Länderspielen und Nationalliga-A-Einsätzen ever. Ebenso so hoch einzuschätzen ist die Ehre, welche ihm die ZSC Lions haben zukommen lassen. Sein Leibchen hängt seit dieser Saison unter dem Dach des Hallenstadions. Womit «Ari Sulander», Torhüterlegende und seit vielen Jahren dort platziert, endlich Gesellschaft bekommen hat. Was das mit dem FC St.Gallen zu tun hat? Seger war zumindest früher bekennender Anhänger der Espen, und wie ich ihn aus der Ferne einschätze, dürfte sich nichts daran geändert haben. (th)

Mehr zum Thema