Kolumne

Gegentribüne: 140 Jahre FC St.Gallen – erwarten wir zu viel?

Der FC St.Gallen erlebte in seiner langen Geschichte Höhen und Tiefen. Heutzutage ist er permanent unter den Top 10 des Landes anzutreffen, was den Anhängern allerdings nicht genügt. Verlangen sie zu viel?

Fredi Kurth
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Auch in der Multergasse feiert der FC St.Gallen sein Jubiläum. (Bild:  Adriana Ortiz Cardozo)

Auch in der Multergasse feiert der FC St.Gallen sein Jubiläum. (Bild: 
Adriana Ortiz Cardozo)

Wenn sich die Ehemaligen des FC St.Gallen jeweils am letzten Donnerstag eines Monats im Kybunpark treffen, lassen sie nicht nur vergangene Zeiten hochleben, sondern befassen sich sehr emotional auch mit der Gegenwart. Nach den Niederlagen gegen Luzern und Lugano war die Stimmung wieder einmal auf einem Tiefpunkt angelangt. Einer unter ihnen jedoch bewahrt seiner Art entsprechend stets die Ruhe: Tibor Lörincz, von 1965 bis 1969 je zwei Saisons beim FC St.Gallen und beim SC Brühl spielend, weist auf die üblichen Kurven hin, die im Fussball eben immer möglich seien.

Im Prinzip kann man für beide Sichtweisen Verständnis haben. Die Unzufriedenen unter den ergrauten Häuptern machen sich vor allem aus der Aktualität heraus Sorgen um den Verein. In einer Liga, in der Mannschaften oft gleichzeitig um einen europäischen Platz und gegen den Abstieg kämpfen, droht oft auch der gähnende Abgrund. Lörincz hingegen nimmt den weiten Horizont in sein Blickfeld: Er stürmte für den FC St.Gallen noch in der Nationalliga B.

Unser Mann auf der Gegentribüne: Fredi Kurth. (Bild: Urs Jaudas)

Unser Mann auf der Gegentribüne: Fredi Kurth. (Bild: Urs Jaudas)

Einst zufrieden, oben mitspielen zu dürfen

Es war just jene Zeit, als sich der älteste Fussballclub des Landes nach fast 20-jähriger Durststrecke im Oberhaus, so einst das saloppe Synonym für die Nationalliga A, zurückmeldete. Die St.Galler waren in den 197er-Jahren schon zufrieden, den Klassenerhalt zu schaffen und ab und zu auf dem Espenmoos die Grossen zu ärgern. Die Grossen, das waren damals Vereine wie Servette, GC, FC Zürich, Basel, FC Lugano oder Lausanne. Just zum 100. Geburtstag gelang St.Gallen erstmals der Sprung in die Spitzengruppe, überwinterte es punktgleich mit Servette auf dem ersten Rang.

Einziger Cupsieg als Aufsteiger

Ein Husarenstück gelang aber schon in der Aufstiegssaison 1968/69, als St.Gallen Cupsieger wurde. Die K.O.-Konkurrenz war danach lange das grosse Ziel, mit ein bisschen Losglück konnte man für Furore sorgen. Schon 1977 war man wieder dabei im Wankdorf – und verlor.

In diesen Tagen besteht Grund, auch 50 Jahre Cupsieg zu feiern. Denn es sollte bis heute der einzige bleiben. «Wir sind Meister, wir sind Cupsieger», hallt es jeweils etwas anmassend durch den Kybunpark, wenn das Manifest abgespielt wird. Aber einmal ist doch viel mehr als nie. So wie eine Kerze einen dunklen Raum viel mehr erhellt als keine Kerze. Damals war der Westen noch dabei, die Liga umfasste mal 14, mal 12, mal 16 Mannschaften. 1984 verzeichnete der FC St.Gallen mit einem Zuschauerschnitt von 7660 den höchsten Wert der ganzen Liga.

Das Gefühl, laufend Chancen zu verpassen

Die latente Unzufriedenheit in den vergangenen vier, fünf Jahren beruht darauf, dass die Erwartungen nach dem Meistertitel 2000 und weiteren Spitzenklassierungen nicht mehr erfüllt werden konnten und gleichzeitig der Westen als Fussball-Gegengewicht zu Basel und den Young Boys weggebrochen ist. Es ist das Gefühl, laufend Chancen zu verpassen, sich europäisch zu platzieren. Einen Gaumenkitzel gab es einzig im vergangenen Sommer mit den beiden Qualifikationsspielen gegen Sarpsborg.

Ehemalige Profis sind keine Fans

Die Gelassenheit von Tibor Lörincz gegenüber dem heutigen Abschneiden lässt sich erklären: Bei den vielen Gesprächen mit früheren Fussballern für die «Tagblatt»-Rubrik «Evergreen» ist mir aufgefallen, wie die meisten Distanz gewahrt haben. Sie gehen kaum regelmässig zu den Spielen, obwohl viele von ihnen in der Region aufgewachsen oder hier sesshaft geworden sind. Aber die Erinnerungen und das Interesse sind da. Und viele lassen sich gerne einladen in den Kybunpark, so am Ostersamstag zum Jubiläumsspiel gegen den FC Luzern.

Einer, den ich namentlich nicht mehr zuordnen kann, sagte zu mir:

«Wer einmal in der 1. Mannschaft gespielt hat, wird danach nicht noch Fan derselben.»

Sie haben eben erreicht, was viele auf den Rängen nicht geschafft haben: für den FC St.Gallen Ehre einzulegen. Die unten auf den Rasen sind die Stellvertreter für unsereins auf den Sitzplätzen oder im Block, für uns ist es ein Traum geblieben. Darum jubeln wir mit den Stars und sind bitter enttäuscht, wenn sie versagen. Für Misserfolg haben Ehemalige eher Verständnis.

Manchmal durften auch wir Junioren den Traum leben: Wir durften auf dem Hauptplatz im Espenmoos das Vorspiel austragen. Das grosse Feld und der satte Rasen erfüllten dabei nur einen Teil unserer Wünsche. Ebenso wichtig war, dass wir vor Zuschauern spielen konnten, und wir hofften auf eine Anspielzeit möglichst nahe zum Match unserer Vorbilder von der 1. Mannschaft.

Der FC St.Gallen darf stolz sein

140 Jahre sind kein klassisches Jubiläum. Aber die Kurzlebigkeit des Fussballs erlaubt es dem FC St.Gallen, in diesen Tagen stolz zu feiern. Inzwischen ist er auch offiziell der älteste Fussballbetrieb auf dem europäischen Festland. Ältere Sportvereine wie Le Havre konnten nicht beweisen, dass sie schon vor 1879 Fussball gespielt haben. Andere begannen erwiesenermassen erst später damit, so der TSV 1860 München im Jahr 1899. Der FC St.Gallen steht heute gefestigt da mit breiter Abstützung, hat eine gute Infrastruktur mit einem prächtigen Stadion, und die Chancen auf sportlichen Abflug sind mittel- und langfristig immer noch vorhanden.

Nur müsste hierfür auch ein Erwachen auf anderer Ebene stattfinden – die Erkenntnis, dass die Super League nicht super ist, sondern eine Ausbildungsliga und ein Auffangbecken für gescheiterte Karrieren von Ausländern. Die Mini-Liga produziert sowohl Langeweile als auch Hektik, schon seit Jahren ein Titeltrennen mit nur einem Pferd, Trainerwechsel en masse, und sie verhindert eine gesunde Hierarchie. Eine Zwölfer- oder Vierzehnerliga mit Final- und Abstiegsrunde, das wäre ein idealer Mittelweg, um gescheiterte Traditionsvereine wieder an den Spitzenfussball zu binden und einen Abstieg nicht zur Existenzfrage werden zu lassen.

Aufgefallen

0:0, 1:0, 0:0. Die Resultate des FC St.Gallen bildeten zuletzt ungewohnten Fussball ab. Langweilig wurde es allerdings nie. Auch gegen Thun war Intensität über fast 90 Minuten vorhanden. Sogar von der Spielanlage her war es ein typisches FC St.Gallen-Spiel, mit vor allem in der ersten Halbzeit ausgeprägtem Pressing, wie wir es in dieser Saison schon oft gesehen haben. Zum Beispiel just gegen Thun, bei der 1:3-Niederlage daheim vor ein paar Wochen. Neu war diesmal, dass St.Gallen trotz unermüdlichem Offensivdrang hinten kaum Probleme hatte – gegen jenen Angriff, der zusammen mit Basel in dieser Saison am zweitmeisten Tore erzielt hat. Als der FCSG nach der Pause von weiter hinten agierte und Simone Rapp (gute Kopfball-Ablenkungen sowie guter Kopfstoss kurz vor Schluss) und Tranquillo Barnetta eingewechselt wurden, setzte er sich auch im gegnerischen Strafraum besser in Szene – gegen einen Gegner, der sichtlich verunsichert war.

Gefährlichster Angreifer notabene war Aussenverteidiger Silvan Hefti. Es war ein guter Entscheid von Peter Zeidler, in der Abwehr die Aussenpositionen unverändert zu belassen. Dafür hat er nun ein Luxusproblem im Zentrum: Leonidas Stergiou und Musah Nuhu in der Abwehr einzusetzen oder wieder die gegen Thun gesperrten Leonel Mosevich und Milan Vilotic zu nominieren, die in zwei Spielen auch ohne Gegentore geblieben sind. Die Partie gegen Luzern am Ostersamstag ist ohnehin von taktischer Brisanz. Einerseits wollen die St.Galler im Jubiläumsspiel Spektakel bieten, andererseits warten die Innerschweizer nur auf Ballverluste des Gegners im Mittelfeld, denn keine Mannschaft schaltet dort schneller um. St.Gallen hat es in dieser Saison schon dreimal schmerzhaft erlebt.

Die Young Boys gewannen am Sonntag beim FC Zürich, obwohl sie am Abend zuvor bereits den Meistertitel gefeiert und sich dabei auch ein Gläschen gegönnt haben dürften. Teleclub-Experte Pascal Zuberbühler vermutete sogar ziemlich ausgiebigen Alkoholgenuss, kennt sich aber auch bei Hangovers aus: «Am nächsten Tag spürt man kaum etwas, erst am übernächsten», verriet er. Einen in diesem Zusammenhang aussagekräftigen Feldversuch machte einst Trainerlegende Max Merkel: Nach seinen Worten liess er im Training einmal die Alkoholtrinkenden gegen die Abstinenten antreten. Die «Alkoholiker» siegten 7:1. Da sagte Merkel: «Saufts weiter!». (th)