Fussball
Was für ein Horrorstart! Rot und vier Gegentore in den ersten 26 Minuten – der FC St.Gallen geht bei Servette mit 1:5 unter +++ Trainer Zeidler: «Zum Vergessen»

Der FC St.Gallen verliert die Auswärtspartie bei Servette Genf diskussionslos. Die Ostschweizer wissen dabei insbesondere in der Startphase nicht, wie ihnen geschieht. Sie zeigen die mit Abstand schlechteste Halbzeit, seit Peter Zeidler im Amt ist. Der Cheftrainer spricht von einem Schock nach der frühen roten Karte gegen Jérémy Guillemenot.

Daniel Walt 1 Kommentar
Drucken
Teilen

Die Spielwertung

Endlich wieder Meisterschaft, und das an einem herrlichen Spätsommertag: Es ist alles angerichtet für einen schönen Fussballnachmittag vor 7065 Fans im Stade de Genève. Die mitgereisten Anhänger des FC St.Gallen sorgen mit ihren Gesängen lange vor Spielbeginn für eine gute Stimmung. Direkt vor dem Anpfiff zünden sie dann Pyros:

Die Servette-Anhänger ihrerseits doppeln wenig später nach:

Bild: Keystone (Genf, 12. September 2021)

Feurig geht es auch danach weiter, allerdings nicht im Sinne der Gäste: Die rote Karte für St.Gallens Guillemenot nach drei Minuten und die vier frühen Servette-Tore entscheiden die Partie vorzeitig. Spannungsfaktor: 0! Für die Heimfans ist das Ganze natürlich beste Unterhaltung. Die St.Gallen-Supporter ihrerseits singen eine Zeitlang nur noch «Espemoos, Espemoos, Espemoos!» in der Dauerschlaufe – bevor sie sich irgendwann doch wieder dazu aufraffen, ihr Team wie gewohnt anzutreiben.

Spielnote: 5

Die Tore

  • 1:0, 7. Minute, Torschütze: Caël Clichy. Der Genfer kommt nach einem Corner freistehend zum Abschluss. Der Ball schlägt von ihm aus gesehen in der rechten Ecke ein, Zigi ist chancenlos.
  • 2:0, 14. Minute, Anthony Sauthier. Der Servette-Captain wird an der Strafraumgrenze von einem Mitspieler ideal in Szene gesetzt. Mit einem platzierten Schuss ins linke Eck via Innenpfosten bezwingt er Zigi.
  • 3:0, 20. Minute, Timothé Cognat. Der Genfer wird steil geschickt und bezwingt Zigi in dessen näherer Ecke. Der St.Galler Keeper sieht bei diesem Gegentreffer nicht gut aus.
  • 4:0, 26. Minute, Steve Rouiller. Der Genfer lenkt eine Hereingabe von der rechten Angriffsseite ins Tor, obwohl er bewacht wird. Proteste der St.Galler, ein Foul sei im Spiel gewesen, bleiben erfolglos.
  • 4:1, 37. Minute, Thody Élie Youan. Nach einer verunglückten Rückgabe eines Genfers erläuft sich St.Gallens Angreifer den Ball vor Servette-Goalie Frick. Youan kann ohne Probleme einschieben. 
  • 5:1, 71. Minute, Steve Rouiller. Der Servettien trifft freistehend per Kopf nach einem Corner.

Die Spielanalyse

Es sind nicht die schlechtesten Erinnerungen, die der FC St.Gallen an seine letzten beiden Gastspiele im Stade de Genève hat: Am vergangenen 5. Mai qualifizierten sich die Espen dank eines 1:0 für den Cupfinal. Nur kurze Zeit später bezwangen die Ostschweizer im bedeutungslosen letzten Meisterschaftsspiel Servette mit einer B-Mannschaft mit 2:1. Cheftrainer Peter Zeidler scheint ebenfalls ein gutes Gedächtnis zu haben: Er beordert zum ersten Mal in einem Meisterschaftsspiel in dieser Saison Basil Stillhart von Anfang an auf den Platz – jenen Mann also, der die Espen gegen Servette in den Cupfinal geschossen hatte. Dafür fehlt Leonidas Stergiou, der mit der U21-Nati im Einsatz gestanden hat und mit einer Entzündung am Fuss zurückgekehrt ist.

Die Partie beginnt mit einem Knalleffekt: Nach drei Minuten sieht Jérémy Guillemenot nach einem überharten Einsteigen direkt Rot. Dies, nachdem Schiedsrichter Stefan Horisberger die Videoaufnahmen konsultiert hat. Der Genfer in Diensten der St.Galler ist am Boden zerstört und muss von zwei Genfern getröstet werden, als er vom Platz trottet.

In der Folge gelingt es den Gästen zu keinem Zeitpunkt, Ruhe ins Spiel zu bringen. Die Genfer kombinieren sich mit einer Leichtigkeit, die ihresgleichen sucht, durch die Abwehr der Ostschweizer, die sich mal für Mal ausspielen lässt. Fokussiert, spielfreudig und mit grosser Kaltblütigkeit skort das Heimteam zwischen der 7. und der 26. Minute vier Mal – ein Debakel nimmt für die Espen seinen Lauf. Dabei haben die Ostschweizer noch Glück, dass es resultattechnisch nach einer starken Intervention Zigis und weiteren vergebenen Chancen der Genfer nicht noch übler wird.

Chancenloser Zigi: Anthony Sauthier trifft per Weitschuss herrlich zum 2:0.

Chancenloser Zigi: Anthony Sauthier trifft per Weitschuss herrlich zum 2:0.

Bild: Keystone (Genf, 12. September 2021)

Nach 37 Minuten dann stempelt auch die Espen-Offensive ein: Thody Élie Youan kann von einer missglückten Rückgabe eines Servettiens profitieren und zum 1:4 einschieben:

Bild: Keystone (Genf, 12. September 2021)

Auch dieser Treffer kann aber nicht darüber hinwegtäuschen: Die St.Galler zeigen die mit Abstand schwächste Halbzeit, seit Peter Zeidler im Amt ist. Sie sind völlig überfordert vom Tempo und der Kombinationssicherheit der Genfer, stehen viel zu weit weg von ihren Gegenspielern und haben dem Heimteam praktisch nichts entgegenzusetzen.

St.Gallens Trainer Peter Zeidler und sein Team erleben einen rabenschwarzen Sonntagnachmittag in Genf.

St.Gallens Trainer Peter Zeidler und sein Team erleben einen rabenschwarzen Sonntagnachmittag in Genf.

Bild: Keystone (Genf, 12. September 2021)

In der Pause wechselt Peter Zeidler gleich drei Mal: Er holt Kempter, Schubert und Youan vom Platz, dafür dürfen Traorè, Duah und Besio ran. Zwei Fragen stellen sich: Zeigen die Ostschweizer Charakter, können sie den Schaden einigermassen in Grenzen halten? Und powert Servette gleich wie in der ersten Halbzeit weiter? Beide Fragen lassen sich vorerst mit Ja beantworten: Die Espen wirken nun präsenter, ihnen gelingt gar der eine oder andere schöne Spielzug, und beinahe erzielen sie sogar ihren zweiten Treffer. Servette verpasst das 5:1 aber dreimal ebenfalls nur sehr knapp – einmal, weil der Ball drüber geht, einmal, weil ein Tor wegen Abseits annulliert wird und einmal, weil das Leder an den Pfosten geht.

Besser macht es dann Steve Rouiller 20 Minuten vor Schluss: Er kann sich die Ecke nach einem Corner freistehend in aller Ruhe aussuchen und zum 5:1 vollenden. Danach lassen es die Genfer dann auch etwas ruhiger angehen, kommen aber trotzdem noch zu Chancen, das halbe Dutzend vollzumachen. Nach Abpfiff schleichen die St.Galler Spieler zu ihren mitgereisten Fans. Von diesen bekommen sie nicht etwa Pfiffe, sondern aufmunternde Anfeuerungsrufe zu hören.

Enttäuschte St.Galler Spieler mit ihrem Trainer Peter Zeidler nach Abpfiff.

Enttäuschte St.Galler Spieler mit ihrem Trainer Peter Zeidler nach Abpfiff.

Bild: Keystone (Genf, 12. September 2021)

Der Beste

Wenn ein Team in der Starthalbstunde einen Platzverweis und vier Gegentore kassiert, fällt es schwer, jemanden als Besten zu nennen. Selbst der sonst so überzeugende Zigi patzt heute. Wir entscheiden uns für Betim Fazliji und Nicolas Lüchinger, die noch am ehesten dagegenhalten und keine offensichtlichen groben Fehler begehen.

Lawrence Ati Zigi: Note 3. Zigi lässt sich beim 0:3 von Cognat in der nahen Ecke erwischen. Ist beim 0:4 nicht ohne Schuld, weil er falsch spekuliert.
16 Bilder
Basil Stillhart: Note 3. Für Stergiou in der Startformation. Verliert beim 0:4 und 1:5 die Zweikämpfe gegen Rouiller.
Fabian Schubert: Note 2,5. Zwei Abschlüsse, davon einer ins Nirgendwo.
Ousmane Diakité: Note 3. Beginnt schlecht und fälscht den Schuss von Clichy zum 0:1 ab. Ein guter Kopfball, sonst tritt er kaum in Erscheinung.
Jérémy Guillemenot: Note 1. Guillemenot kommt aus Genf, und vielleicht ist er deswegen so übermotiviert. Wird nach drei Minuten des Feldes verwiesen, weil er beim Pressingversuch zu hart gegen Sasso einsteigt. Der 23-Jährige erweist damit den Grünweissen einen Bärendienst.
Victor Ruiz: Note 3. Spielt oft zu kompliziert (Stichwort: Aussenristpässe), statt den einfachen Ball zu suchen.
Kwadwo Duah: Note 2,5. Kommt für Schubert nach der Pause. Hat keine einzige Szene.
Leonhard Münst: Keine Bewertung.
Euclides Cabral, Note: 3,5. Für «Lüchi» drin (65.). Bemüht.
Lukas Görtler: Note 3. Schwacher Auftritt. Die Partie geht am Deutschen völlig vorbei.
Thody Élie Youan: Note 3. Erzielt nach einem Missverständnis den Ehrentreffer. Arbeitet schlecht nach hinten und ist mitverantwortlich, dass die linke St. Galler Seite die schwache ist.
Betim Fazliji: Note 3,5. Grundsätzlich solid, bringt aber ebenfalls keine Ruhe ins Spiel.
Michael Kempter: Note 2. Überfordert: Kempter bekundet viel Mühe mit Stevanovic, der bei drei Genfer Toren beteiligt ist.
Boubacar Traore: Note 3. Ab Minute 46 für Kempter. Besser als sein Vorgänger, verliert vor dem 1:5 das Kopfballduell.
Alessio Besio: Note: 3,5. Ersetzt für die zweite Halbzeit Youan. Zwei Abschlüsse.
Nicolas Lüchinger: Note 3,5. Über seine Seite sind die Grenats nicht so aktiv – Normalform hat auch der Rheintaler nicht.

Lawrence Ati Zigi: Note 3. Zigi lässt sich beim 0:3 von Cognat in der nahen Ecke erwischen. Ist beim 0:4 nicht ohne Schuld, weil er falsch spekuliert.

Der Schlechteste

Michael Kempter. Der Neuzugang von Xamax, der bis dato so zu gefallen wusste, steht heute völlig neben den Schuhen. Angriff um Angriff rollt über seine Seite. Trainer Zeidler erlöst ihn in der Pause. Noch fast ärgerlicher ist es aber, wenn ein Spieler wie Jérémy Guillemenot nach drei Minuten mit seinem überharten Einsteigen und der roten Karte den Spielplan seines Trainers zur Makulatur werden lässt.

Ihm gelang nicht viel: St.Gallens Verteidiger Michael Kempter im Duell mit Miroslav Stevanovic.

Ihm gelang nicht viel: St.Gallens Verteidiger Michael Kempter im Duell mit Miroslav Stevanovic.

Bild: Keystone (Genf, 12. September 2021)

Der Aufreger

Rot für Jérémy Guillemenot nach drei Minuten: Der Angreifer der St.Galler fliegt kurz nach Anpfiff nach einem überharten Einsteigen und einer VAR-Intervention vom Platz. Die Sache ist eindeutig: Weder Guillemenot noch seine Teamkollegen protestieren gegen den Entscheid des guten Schiedsrichters Stefan Horisberger.

Guillemenot scheint zu ahnen, welche Hypothek er seinen Teamkollegen mit dem Platzverweis aufbürdet: Er ist nach der roten Karte untröstlich. Besonders bitter für ihn: Das Ganze ereignet sich in seiner Heimatstadt und bei seinem früheren Verein Servette. Selbst das Heimpublikum scheint Mitleid mit dem Genfer zu haben und applaudiert ihm, als er vom Platz trottet.

Das sagt FCSG-Trainer Peter Zeidler:

«Das war ein Nachmittag zum Vergessen. Wir erlebten einen katastrophalen Beginn mit der roten Karte – heute waren wir die Leidtragenden, dass es einen VAR gibt. Dann kamen die ersten beiden Gegentreffer. Wir waren derart geschockt, dass in der Folge auch rasch die Treffer Nummer 3 und 4 fielen. Aber es war natürlich auch schwierig zu Zehnt.

Peter Zeidler, Cheftrainer des FC St.Gallen.

Peter Zeidler, Cheftrainer des FC St.Gallen.

Urs Lindt / freshfocus

Für die zweite Halbzeit nahmen wir uns vor, uns zu wehren, zu laufen und weitere Gegentreffer möglichst zu verhindern. Das totale Fiasko konnten wir mit einer engagierten Leistung verhindern. Aber es ist sehr schwer, der heutigen Niederlage irgendetwas Positives abzugewinnen.»

Das Spiel im Liveticker nachlesen:

Mehr zum FCSG:

1 Kommentar
Christoph Löhrer

Es ist höchste Zeit,  die Qualität der Mannschaft zu analysieren....  Mit diesem Kader wird es sehr schwer die Klasse zu halten. Hinten zu unerfahren, vorne schlicht zu wenig Abschlussqualitäten! Einzig das Mittelfeld hat Super League Potential . Schuldenfrei in den Abstieg?  Mir wäre lieber, wir hätten das Geld in eine Verpflichtung von Demirovic investiert.  Das hätte sich schon mehrfach bezahlt  gemacht. 

Aktuelle Nachrichten