Fussball - so ungerecht und so reizvoll

Wie fühlt es sich an, wenn eine Mannschaft sechsmal hintereinander Landesmeister wird? Wir haben beim Saisonfinale versucht, die Basler Fussball-Seele auszuleuchten.

Drucken
Teilen
Marco Streller und der Rest der Mannschaft des FC Basel lassen sich auf dem Balkon des Stadt Casinos in Basel feiern. (Bild: Keystone)

Marco Streller und der Rest der Mannschaft des FC Basel lassen sich auf dem Balkon des Stadt Casinos in Basel feiern. (Bild: Keystone)

Im Fussball herrscht, wie in anderen Lebensbereichen, der nackte Kapitalismus. Darüber müssen wir nicht länger diskutieren. In Verbindung mit der Globalisierung hat er zu Zementierungen geführt, deren Folgen noch lange Zeit anhalten dürften. In der Champions League und in manchen nationalen Meisterschaften haben Aussenseiter kaum noch eine Titelchance. In der Schweiz ist der FC Basel zum sechsten Mal hintereinander Meister geworden. Schon die Serie von fünf Titeln war einmalig im Schweizer Fussball.

Die Stadt Basel in Rot-blau
Also buchte ich frühzeitig Sitzplatz und Hotelübernachtung, um die Basler Festfreude bei der Meisterfeier zu testen, und vielleicht könnte ja auch noch für den FC St.Gallen eine leise Hoffnung auf ein Plätzchen in Europa bestehen, dachte ich mir. Ankunft am Freitagmittag im Hauptbahnhof; der Fussball ist an diesem Arbeitstag schon allgegenwärtig. Menschen in Rot-blau gekleidet, malerische Gassen mit grossen FBC-Fahnen, je nach Optik geschmückt oder verunstaltet, auf den Trämlis flattert lustig das Emblem des Meisters. Zufällig ist es just das FCB-Gefährt, das uns zum St.Jakob-Park bringt, der Meistertitel 2015 ist bereits golden aufgemalt. Drei Stunden vor Spielbeginn herrscht reger Betrieb, die ersten Würstchen sind vor dem Stadion bereits verkauft.

Die Basler muss niemand feiern lernen, wie uns St.Galler auch niemand lehrt zu festen. Die Basler begehen jeweils die Meisterschaft, wir begehen die Olma. Ich denke, dass am Rheinsprung der Fussball die Leute so vereinnahmt hat wie die Fasnacht, die ja nur drei Tage dauert. Fussball findet in Basel jeden Tag statt. Er hat auch religiöse Kreise erfasst. „Fussball – Glaube, Liebe, Hoffnung“. So heisst eine Ausstellung in der Barfüsserkirche, die noch bis 16. August dauert.

Strellers Leibchen schon veraltet
Schon als vor ein paar Tagen der Titelgewinn feststand, hatte sich "Tout Bâle" versammelt. Nun folgten die offizielle Würdigung im Stadion mit der Pokalübergabe nach dem Match und die „Meistersause“ ab Mitternacht mit dem Korso zum Barfüsserplatz. Vor dem Spiel wurde während einer halben Stunde Basels Fussballgott Marco Streller liebevoll und seinen Verdiensten angemessen verabschiedet. Ehemalige Teamkollegen überreichten persönlich Geschenke, Valentin Stocker eine Notfallapotheke, weil der Jubilar nun nicht mehr so häufig wie früher die medizinische Abteilung des Vereins besuchen kann. Sein letzter Auftritt im FCB-Dress gab dem Anlass jenen Kick, der sonst wohl schon zur Routine verkommen wäre. Streller erzielte gegen seinen früheren Mitspieler Marcel Herzog seinen 200. Treffer als Profi, wodurch das vor dem Spiele überreichte Trikot mit der Zahl 199 und allen bezwungenen Torhütern neu gedruckt werden muss.

Verwöhnte Basler Kinder
Ich versetze mich gedanklich in einen 17-jährigen Basler Fan. Als seine Lieblinge die Serie begannen, war er noch ein Kind, jetzt ist er ein Jüngling. Er ist als Meisterfan aufgewachsen und hat wohl auch die Titel 2004, 2005 und 2008 noch in vager Erinnerung. Zudem erlebte er vier Cupsiege, am nächsten Sonntag vielleicht den fünften. Auf eine Erziehung durch die elterliche Obhut umgelegt, kann festgestellt werden: Der Jüngling ist masslos verwöhnt worden, musste nie richtig mit Enttäuschungen kämpfen, ist nie geschlagen worden. Wenn es so weitergeht, droht Wohlstandverwahrlosung.

St.Galler schaukeln auf Wellen
Ja, so ungerecht kann Fussball sein. Der FC Basel wird jedes Jahr Meister, der FC St.Gallen nur alle 100 Jahre. Dennoch und gerade deshalb dürften die Anhänger des FC St.Gallen ihre Leidenschaft ebenso intensiv erleben wie die Basler. Die Wellen der Emotionen treiben sie mal in die Höhen, dann wieder in Niederungen. St.Gallen war in dieser Saison schon Dritter, aber auch nur Siebter. Der FC Basel jedoch hatte sich beizeiten schon wieder an der Tabellenspitze eingenistet, zudem belegt er Platz eins in den Heimspielen, Platz eins in den Auswärtsspielen, Platz eins in der Tabelle der Hinrunde und Platz eins in der Tabelle der Rückrunde. Bleibt als Anreiz die Anerkennung auf europäischer Ebene, um die mehr gekämpft werden muss als in der kleinen Schweiz.

Basel will noch mehr
Doch der Hunger der Basler ist auch hierzulande nicht gestillt. Nun werden mangels Anreiz im Ausland entdeckte Serien angepeilt. Die nächste ist jene von Olympique Lyon, das von 2002 bis 2008 sieben Mal französischer Meister geworden ist. „Mit jeder neuen Marke stellt sich immer dringender die Frage, ob die Konkurrenz in der Super League überhaupt als solche zu bezeichnen ist“, schreibt die Basler Zeitung. Tatsächlich ist es nicht die Schuld des FCB, dass er der einzig Reiche ist unter den armen Schluckern der Schweizer Eliteliga. Die andern haben einfach ihre Möglichkeiten vermasselt. Aktuell hätte wohl YB die Gelegenheit, ein Gegengewicht zu bilden. Aber hierfür wäre neben den finanziellen Zuwendungen auch in der sportlichen Führung Fachkompetenz erforderlich. Basel verhält sich zu den Young Boys ungefähr so wie Bayern München zu Schalke 04.

In Cupfinal-Formation
Für den FC St.Gallen war es am Freitag nicht einfach, einen so gesegneten Verein wie Basel zu beschenken. Die Spieler überreichten Bierhumpen, was der Speaker als schöne Geste bezeichnete, die von den Baslern mit Höflichkeitsapplaus quittiert wurde. Der Match selber war für die Fans bloss Nebenereignis inmitten der Festivitäten. Die Spieler hingegen wollten, anders liessen sich die enthusiastischen Reaktionen nach den Toren nicht interpretieren, ihrem „Pipi“ Streller einen siegreichen Abschied ermöglichen. Und Trainer Sousa liess nach einigen Experimentier-Spielen die mögliche Cupfinal-Formation auflaufen.

„Gerechte“ Torverteilung bei St.Gallen
Aus diesem Blickwinkel war die Leistung der St.Galler hoch einzuschätzen, auch wenn dann das Spiel die insgesamt „normale“ Saison widerspiegelte: Nach durchzogenem Beginn ein starker Auftritt, der dann Minuten vor Schluss doch wieder mit einer Enttäuschung endete. Es war eine Saison, in der sich kaum Spieler über längere Zeit aus dem Durchschnitt hervorhoben. Eine Entdeckung war Luiz Everton, der herausragende Dynamik entwickelte. Von den weiteren Neuerwerbungen stärkten manche das Angriffspotenzial. Die drittbeste Zahl der geschossenen Tore (57) war entsprechend breit gestreut: Tafer (8), Karanovic (9), Mathys (5), Rodriguez (7), Bunjaku (5) und Cavusevic (8) trafen in der Super League mindestens fünf Mal.

In den unteren Gefilden der Eliteligen, wo keine Stars zu finden sind, gibt es scheinbar noch gerechte Verteilung. Doch selbst Weltklassefussballer bleiben vor einseitigem Schicksal nicht verschont. Weltklassefussballer Ryan Giggs zum Beispiel hat als Waliser nie an einem WM- oder EM-Turnier teilgenommen. Und Steven Gerrard ist nach lebenslanger Karriere für Liverpool verabschiedet worden, ohne je einmal englischer Meister geworden zu sein. Immerhin gewann er mit den Reds einmal die Champions League, jenen Wettbewerb, in dem die Konkurrenz für die Basler wohl für immer gross genug sein wird.

Fredi Kurth

Aufgefallen

Die in der „Ostschweiz am Sonntag“ veröffentlichte Saisonstatistik zum FC St.Gallen enthält viele interessante Daten. Nur drei Kaderleute haben in der Super League mehr als 30 Spiele bestritten. Dzengis Gavuseciv kam als einziger in allen 36 Partien zum Einsatz, just jener Akteur, der zuvor so lange verletzt gewesen war. Geoffrey Treand verzeichnete 33 Spiele, Marco Mathys 32. Der beste Skorer mit 8 Toren und 9 Assists war Yannis Tafer. Die beste Durchschnittsnote unter jenen Spielern, die mindestens zehn Partien bestritten haben, erreichte Marco Aratore mit 4,25.

Nicht in der Statistik erschienen ist Danijel Aleksic. Er hat erst vier Spiele absolviert. Das Aha-Erlebnis war bei mir ungefähr so wie einst bei Moreno Costanzo oder Dejan Janjatovic: Was ist denn das für einer, der so frech auftritt und dazu noch so gut Fussball spielen kann? Aleksics Karriere gibt Rätsel auf. Der heute 24-jährige Offensivmann debütierte bereits mit 17 in der serbischen Nationalmannschaft, doch nach seinem Abgang von Vojvodina Novi Sad kam er an diversen Stationen nur noch bei Greuther Fürth mit 17 Spielen zu mehreren Einsätzen. Sein Freistoss-Tor in Basel lag am Sonntag in der Wahl von SRF zum „Tor des Jahres“ bereits auf Platz 1 unter 14 Vorschlägen. Ich mag mich erinnern, wie vor mehr als 30 Jahren ein junger Mann namens Jakovlijev ähnlich elegant aufgetreten war. Auch Trainer Helmuth Johannsen hatte seine Freude. Doch „Vladi“, wie er von allen bezeichnet wurde, setzte sich dann nicht gross durch. Vielleicht aber haben die St. Gallen ihren Aleksic, der schon im Winter zum FC St.Gallen gestossen war, nur deshalb so lange warten lassen, damit er nun im Sommer nicht schon wieder weggelockt wird. Wir sind gespannt. (th)

Aktuelle Nachrichten