Fussball so bunt wie nie

Fussball zieht die Massen an, zumindest unter günstigen Bedingungen. Andere, vor allem ältere Leute, wenden sich enttäuscht ab. Beide Reaktionen sind im Wandel dieser Sportart begründet.

Fredi Kurth
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Jeff Saibene pflegt momentan zwei Spielweisen: eine offensive in den Heimspielen, eine vorsichtige in auswärtigen Stadien. (Bild: Urs Bucher)

Jeff Saibene pflegt momentan zwei Spielweisen: eine offensive in den Heimspielen, eine vorsichtige in auswärtigen Stadien. (Bild: Urs Bucher)

In der NZZ las ich im Bericht zum Europa-League-Match der Grasshoppers gegen Brügge, der in der AFG Arena stattgefunden hatte, folgende Zeilen: "Es dauerte 15 Minuten, bis den Fans der Grasshoppers bewusst war, dass sich die Reise gelohnt hatte. Zwar lag GC zu diesem Zeitpunkt bereits 1:2 in Rückstand. Doch zu beäugen hatte es nicht nur drei Goals gegeben, sondern auch mehrere gute Chancen, rüde Fouls und krasse Fehler. Da war alles drin, was Fussball ansehnlich, aufwühlend macht." An diesen Sätzen ist nichts falsch. Dennoch machten sie mich stutzig, weil vor vielleicht rund 20 Jahren solcher Grundtenor noch Empörung hervorgerufen hätte. Er wäre als Verherrlichung von übertriebener Härte und Missgeschick empfunden worden. Heute streuen auch Fernsehstationen in ihre Trailer munter haarsträubende Attacken auf Beine und Körper ein, um die Quote zu erhöhen.

Plötzlich bricht Ballkunst aus

Wenn einstige Fussball-Enthusiasten die "Modern Art of Football" nicht mehr goutieren, dann verweisen sie nicht zuletzt auf den fehlenden spielerischen Gehalt, dessen Anteil am Geschehen im Vergleich zu früher deutlich geringer geworden sei. Nicht dass Ballgewandtheit heutzutage gänzlich fehlt. Beileibe nicht. Inmitten von rustikalen Zweikämpfen und spielerstickendem Pressing bricht unverhofft die hohe Kunst dieses Sports hervor, präsentiert von hervorragenden Fussballern, die früheren Ballartisten wie Di Stefano, Pele oder Maradona in nichts nachstehen. Und beim Betrachten von alten TV-Bildern in Schwarz-Weiss bemängeln auch viele ältere Semester just die Absenz von Tempo und athletischer Kraft.

Auch früher oft mühsam anzusehen

Langweiligen Fussball galt es bis zum heutigen Tag immer wieder mal zu erdulden. Kürzlich bekam ich einen rund 30 Jahre alten Artikel aus dem "Tagblatt" unter die Nase gehalten. Er war überschrieben mit: "Kann Fussball so schlecht sein?". Bei näherem Hinsehen bemerkte ich, dass sich der Text auf ein Spiel des FC St. Gallen bezog (und von mir verfasst war).

Vom Rappan bis Klopp

Neben offensichtlichen Merkmalen wie Rasanz und Spannung sind es seit nicht allzu langer Zeit auch taktische Belange, die den Reiz des Fussballs ausmachen. Zwar pflegten schon früher Trainer unterschiedlicher Nationalität unterschiedliche Spielweisen. Die Deutschen sangen das hohe Lied auf den Libero und den Doppelpass. Wir Schweizer Amateure versuchten gegenüber den überlegenen Spielern aus den Profiligen mit Rappans "Riegel" zu bestehen. Die Italiener pflegten den defensiven Catenaccio und den weiten Pass auf Gigi Riva. Die Engländer spielten bereits 4-4-2 mit vier Verteidigern auf einer Linie und die Holländer pflegten mit Ajax den "Totaalvoetbal" und später konsequent das 4-3-3. Aber in den nationalen Meisterschaften gab es meistens Eintopf, bis der Elsässer Arsène Wenger bei Arsenal den englischen Fussball revolutionierte und dort den "One-touch-Football" einführte. Die Globalisierung brachte lange Zeit wenig Vielfalt. Das 4-4-2, in der Variante mit einem oder zwei Stürmern, war Standard. "Taktisch nichts Neues" zogen die Trainer von Christian Gross bis Ottmar Hitzfeld, nach den WM- und Endrunden-Turnieren jeweils Bilanz. Es bedurfte dann schon der Innovation des Tiki-Taka bei Barcelona und der extrem frühen Balleroberung (Offensiv-Pressing) durch Dortmunds Jürgen Klopp, auch wenn dieser meinte, den Fussball nicht neu erfunden zu haben.

Switchen zwischen Systemen

Seit der diesjährigen WM lässt sich feststellen, dass die Trainer sehr viele Varianten des Fussballs erproben, die mit Zahlen wie 3-5-2 oder was auch immer nur ungenügend zu erfassen sind. Viele haben angekündigt, dass sie zwei bis drei Systeme einüben und diese sogar innerhalb eines Spiels wechseln möchten. Den Gegner mit Vielfalt zu überraschen, ist die Antwort auf verkrampftes Geschehen mit wenig Spielraum und erklärt, weshalb in einem Match immer häufiger plötzlich alle Dämme brechen und Chancen zuhauf entstehen. In der Bundesliga gab es am Wochenende ein 3:3 zwischen Leverkusen und Bremen ebenso wie ein 0:0 wie zwischen Parderborn und Köln, in der Serie A ebenso ein 0:0 zwischen Fiorentina und Genoa und ein 4:5 zwischen Parma und Milan. Der Fussball ist so bunt und faszinierend wie nie zuvor.

Überläufer Robben

Eine der spannendsten Fragen dieser Saison wird sein, ob und wie der Tiki-Taka überlebt. Nach der Niederlage der Spanier gegen Holland an der WM war er bereits totgesagt. Doch die Transfers bei Bayern München (unter anderem Kroos weg – ein typischer Spielmacher und Ballverteiler alter Herkunft) lassen vermuten, dass Coach Pep Guardiola immer noch an diese im Grunde attraktive, sofern in hohem Tempo vorgetragene Spielweise glaubt. Doch inzwischen haben sich die Gegner auf sie eingestellt, ist sie einförmig und berechenbar geworden und primär auf Ballbesitz ausgerichtet. Paradox: Guardiola ist bei der Rettung diese Auslaufmodells just auf jenen Fussballer extrem angewiesen, der an der WM entscheidend am Niedergang der Tiki-Taka-Spanier beteiligt gewesen war: den Holländer Arjen Robben. Merke: Bei allem taktischen Kalkül ist immer noch die Klasse der Spieler ein wesentlicher, oft ausschlaggebender Faktor.

Saibene mit zwei Varianten

Beim FC St. Gallen pflegt Jeff Saibene momentan zwei Spielweisen, eine offensive in den Heimspielen, eine vorsichtige in auswärtigen Stadien. Die defensive Ausrichtung hat in Basel zum Erfolg geführt, nicht jedoch in Sion und Thun. Der Sturm und Drang in der Arena ist bisher gar nicht (wie gegen Zürich) oder höchstens mit Ach und Krach, meistens nach Rückständen, belohnt worden. Solcher Widerspruch hat auch damit zu tun, sich die Mannschaft oft selber im Wege steht und sich die Abwehr selbst bei flauen Freistoss-Flanken wie in Thun oder Vaduz nicht richtig zu positionieren vermag oder die Gegentore dem Gegner auf dem Serviertablett präsentiert werden wie beim 0:1 gegen Zürich oder in Sion. Nach den bisherigen Eindrücken hat St. Gallen aber die Qualität, zumindest zu Hause den mutigen Weg zu gehen. Mit zunehmender Erfahrung und verbesserter Abstimmung müssten so auch resultatmässige Fortschritte zu erzielen sein.

Eine Basis wie noch nie

Der FC St. Gallen ist für mich auch sonst ein Grund, Fussball weiter interessiert zu verfolgen. Er ist in meiner Wahrnehmung in den 1960-er-Jahren als 1.Liga-Verein (dritthöchste Liga damals) als Nobody im Schweizer Fussball. Heute ist er mit der immer noch neuen Arena und der jetzigen Führung an einem Punkt angelangt, wo er sich tatsächlich in der höchsten Liga etablieren könnte. Das hiesse hinter dem FC Basel auf jeder Position bis Rang 5, ähnlich wie es die Young Boys tun. Bei Platzierungen in der zweiten Tabellenhälfte könnte man in der kleinen Zehnerliga wohl kaum von etablieren sprechen. Dank Dölf Früh und seinen Geldgebern scheint zumindest finanzielle Stabilität gewährleistet, die auch in einem breiten Spielerkader zum Ausdruck kommt. Daraus könnte der nächste Schritt folgen: Dass der FC St. Gallen, der in der höchsten Spielklasse immer extrem auf auswärtige Spieler angewiesen war, in stärkerem Ausmass von der regionalen Nachwuchsförderung (Stichwort Fussball-Akademie an der Kunklerstrasse) profitiert. Nie waren hierfür die Voraussetzungen besser als heute.

Aufgefallen

FC St. Gallen Nummer 4. Der FC St. Gallen ist, international betrachtet, der viertbeste Verein der Schweiz. Im momentanen Uefa-Ranking (per 10. September) liegt er auf Platz 147. Dabei handelt es sich um eine Langzeit-Erhebung über fünf Jahre, inklusive die aktuelle Saison. Verblüffend: Der FC St. Gallen hat auch schon in dieser Saison 0,420 Punkte gesammelt, ebenso einige in den Jahren vor der Europa-League-Saison. Offensichtlich trägt allein schon die Zugehörigkeit zur höchsten nationalen Liga gewisse Punkte ein. 2013/14 erreichte St. Gallen den hohen Quotienten von 5,440. Insgesamt ist Basel auf Rang 18 in Europa (unter anderem vor Bayer Leverkusen, Juventus, Inter Mailand und Ajax Amsterdam) mit Abstand am besten klassiert unter den Schweizer Teams. Vor St. Gallen liegen ebenso die Young Boys (73) und der FC Zürich (135).

Vaduz besiegt Basel. Die Super League ist derart ausgeglichen, dass logische Schlüsse selbst unter Einbezug des FC Basel nicht mehr zu ziehen sind. Die neueste wohl irreale Kombination ist folgende: Vaduz siegte bei GC, das eine Runde später gegen Basel gewann. Also wird Vaduz in der nächsten Runde auch Basel bezwingen. Solche Milchbüchlein-Rechnungen sind allerdings schon früher kaum aufgegangen. Ein noch plausibleres Beispiel für die engen Verhältnisse: Der FC Luzern liefert immer gute Partien ab und weiss nicht so recht, warum er auf dem letzten Platz steht. Genauso war nicht klar, warum die Innerschweizer vergangene Saison Rang vier belegten. So viel zum Thema: Fussball ist Zufall.

Offensive entscheidet. Ein Erfolgsrezept mag dennoch der Blick auf Tabellenzahlen geben: Bei den Gegentoren hat die halbe Liga zwölf oder 13 Gegentore erhalten. Insgesamt liegt der Unterschied nur zwischen 9 Gegentoren (FC Zürich) und 13 Gegentoren (Luzern und St. Gallen). Bei den erzielten Toren zeigt sich der wahre Wert: Basel mit 19 gegenüber Vaduz mit nur 6, davon 2 allein gegen St. Gallen. (th)

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